Liebe Freunde und Verwandte,

liebe Weggefährten und Bekannte,

 

ich freue mich, allen mein neues Buch „Annis Welt“ vorstellen zu können.

Es lädt mit 52 Impulstexten und Denkanstößen ein, sich unterschiedlichen Fragen des Lebens und der Tradition zu öffnen und sich eine eigene Meinung über Gott und die Welt zu bilden.

Es macht mit Hilfe fiktiver Gespräche, die Anni und ihr Großvater führen, neugierig, sich mit bekannten, aber auch neuen Themen intensiv und kritisch auseinanderzusetzen.

Und es kann beim Lesen überraschende Entdeckungen ermöglichen, nach denen der Leser, der sich sowohl in die Rolle von Anni als auch in die des Großvaters hineinversetzen kann, vielleicht gar nicht gesucht hat.

 

Die Impulstexte sind für jeden geeignet, der nicht nur oberflächlich leben oder sich einfach treiben lassen will, sondern auch die Tiefe und Weite des Lebens sucht, der neugierig auf das dynamische und wechselseitige Verhältnis von Glauben und Leben ist und einen begründeten ethischen Kompass sucht. Auch können die Texte gezielt in der Bildungsarbeit, im Religions-, Ethik- und Politikunterricht eingesetzt werden. Oder in spannenden Gesprächen zwischen Erwachsenen und Jugendlichen bzw. zwischen Christen und Nichtchristen.

 

„Annis Welt“ kann in jeder Buchhandlung oder im Internet zum Beispiel bei Books on Demand bestellt werden.

 

Herzliche Grüße

Ihr/Euer

Burkhard Budde

 

Tipp für mutige Denker

 

Burkhard Budde

ANNIS WELT

Neugier auf das Leben

 

Immer aktuell.

Impulstexte.

Die neugierig auf das Leben machen.

Die bewegen, nach Glück und Liebe zu suchen.

Die einladen, sich mit religiösen Fragen

und christlichen Antworten zu beschäftigen.

Jeder Text ist mit dem Herzen geschrieben

und mit dem Kopf durchdacht.

Jeder Leser kann sich in „Annis Welt“ hineinversetzen

und neugierig auf sein eigenes Leben bleiben.

 

BoD-Books on Demand (Norderstedt)

148 Seiten, geb., 12X19cm, 9,99 EUR

ISBN 978-3-7347-9678-4

 

 


Berlin im Zeichen von Europa

Baustelle Demokratie?

 

Muss Europa neu gedacht werden? Als Superstaat ohne Europäer? Als Bundesstaat ohne Staatsvolk und ohne gemeinsame Sprache? Als Vereinigte Staaten von Europa? Als Staatenbund souveräner Mitglieder?

 

Oder muss Europa als Staaten-ver- bund mit einem Vertrags-, Solidar-, Werte- und Wirtschaftsrahmen weiterentwickelt und erneuert werden? Weil ein nationales Schneckenhaus im globalen Wettbewerb nicht vorankommt? Ein europäisches Kartenhaus ohne das gemeinsame Fundament der Würde, der Menschenrechte, der Rechtsstaatlichkeit und der Liberalität keine Zukunft hat? Ein europäisches Bürohaus ein Eigenleben und eine Eigendynamik entwickelt und mündige Bürger und souveräne Staaten nicht mitnimmt?

 

 

 

 

 

Wer in Europa Frieden und Sicherheit, Wohlstand und Freiheit im globalen Wettbewerb will, vor allem die nachhaltige Weiterentwicklung der Lebensmöglichkeiten aller - ohne Gleichmacherei und Bevormundung – braucht einen gemeinsamen eindeutigen und verbindlichen Aufgabenkatalog, der die nationale von der europäischen Ebene unterscheidet (Subsidiaritätsprinzip, das seit Maastricht gilt). Keine Transferunion, die ungerecht ist, wenn Staaten für unterlassene Strukturreformen anderer Staaten einstehen sollen. Keine Vogel-Strauß-Politik, die die Probleme übersieht. Keine einfache Hau-Drauf-Politik, die die europäischen Institutionen zu lähmen versucht. Keine elitäre Lehrmeister-Politik, die taub für Sorgen und Ängste der Bürger ist.

 

Wohl aber eine Politik der verstehenden Mitte, nicht der Mittelmäßigkeit; des besonnenen Ausgleichs, nicht der Selbstaufgabe – die mit gemeinsamem Profil die Freiheit und Vielfalt eint.

Darum sind die Wahlen zum europäischen Parlament so wichtig – damit kein Vakuum entsteht….

 

Burkhard Budde


Auf ein Wort

 

Europa braucht Europäer

 

Lieber (nicht) wählen gehen? Weil ein abgeschottetes nationales Schneckenhaus bequemer und sicherer erscheint? Das europäische Kartenhaus ohnehin am Zerbröseln sei und bei der nächsten Krise zusammenfalle? Die Türen der Villa der Eliten mit demokratischen Feigenblättern für Ottonormalverbraucher verschlossen blieben? Das Bürohaus der Profi- Europäer ein Eigenleben und eine Eigendynamik mit Überregulierungen am grünen Tisch entwickelt habe?

 

Das europäische Haus mit seinen (noch) 27 unterschiedlichen souveränen Räumen braucht jedoch Europäer, die überall ihre Unionsbürgerschaft (vor-)leben. Sie können durch ihr Engagement frischen Wind in die europäische Gemeinschaft bringen, um die Lebensperspektiven aller in ihren Lebensräumen zu verbessern:

 

Damit die Vertragsgemeinschaft mit (neuem) Leben gefüllt wird; z.B. im Blick auf die vier Grundfreiheiten (freier Verkehr von Waren, Personen, Dienstleistungen und Kapital), das Wettbewerbsrecht und ein gemeinsames Asylrecht.

 

Damit die Solidargemeinschaft mit (neuem) Leben gefüllt wird; z.B. die Sicherheits-, Außen-, Entwicklungs-, Klima-, Energie- und Digitalpolitik gestärkt wird. Die EU-Außengrenzen geschützt werden, um die Türen im Innern des europäischen Hauses offen zu halten. Politische Rosinenpickerei einzelner Nationalegoismen überwunden wird, um gemeinsam, produktiv und nachhaltig, ohne Schulmeisterei und von oben herab, handeln zu können.

 

Damit die Gegliederte Gemeinschaft mit (neuem) Leben gefüllt wird; z.B. die europäische Integration von grenzüberschreitenden Aufgaben nur dann stattfindet, wenn sie überzeugendere Lösungen zum Nutzen aller darstellt. Das EU-Recht, das Vorrang vor nationalem Recht beansprucht und direkt wirkt, notwendige Entscheidungen vor Ort nicht behindert, sondern das Subsidiaritätsprinzip mit Hilfe einer eindeutigen Aufgabenteilung beachtet wird.

 

Damit die Wertegemeinschaft mit (neuem) Leben gefüllt wird; z.B. die Würde und die Menschenrechte, die nicht verhandelbar sind und auch dann gelten, wenn Menschen aus anderen Kulturen nach Europa kommen. Eine falsch verstandene Toleranz mit einer Vogel-Strauß-Politik oder Selbstaufgabe kein Vakuum schafft und dadurch der Intoleranz Aufwind gibt.

 

Damit die Wirtschaftsgemeinschaft mit (neuem) Leben gefüllt wird; z.B. der Stabilitäts- und Wachstumspakt aus dem Jahr 1996 wahr- und ernstgenommen wird. Wachstum auf Pump nicht ohne Strukturreformen erkauft, auf Kosten anderer Nationen oder nachfolgender Generationen angestrebt wird.

 

 

 

 

 

Wie das europäische Haus ausgebaut oder umgebaut wird, ob angebaut oder neugebaut wird, entscheiden die Mitgliedsstaaten und die europäischen Institutionen – bei der Europawahl zum Europäischen Parlament haben jedoch die Bewohner des Hauses das Wort, um Politik zu legitimieren und zu beauftragen. Sie alle sind in Vielfalt geeint – „in pluribus unum“. Und können in der „Einheit in Vielfalt“ Frieden, Sicherheit, Wohlstand, globale Zukunft in der Region gewinnen.

 

Burkhard Budde


Auf ein Wort

 

Kampf um den Kuchen

 

Die Emotionen kochten hoch, als der Kuchen verteilt werden sollte.

Einer am Tisch hatte Angst, nur ein kleines Stück vom leckeren Kuchen abzubekommen.

Ein anderer fürchtete, nicht das größte Stück zu erhalten.

Einer war wütend, weil ihm nur Krümel vom Kuchen angeboten wurden.

Ein Teilnehmer ekelte sich bei dem Gedanken, ein „furchtbar saures“ Stück essen zu müssen und nicht die Rosinen, die andere herauspickten.

 

Einer jedoch fiel aus der Reihe.

 

Er saß traurig am Tisch, weil er den ganzen Verteilungskampf nicht verstand. Hatte er es mit eifersüchtigen Egomanen zu tun, die selbstgerecht nur an sich dachten? Mit eitlen Narzissten, die selbstverliebt den Hals nicht voll genug bekommen konnten? Oder mit engagierten Interessenvertretern, die selbstgefällig den Beifall ihrer Klientel erheischen, vor allem von ihr wiedergewählt werden wollten?

 

Je länger er darüber nachdachte, wuchs bei ihm eine neue Einsicht. Klar, den Kuchen kann keiner sowohl essen als auch behalten. Der Kuchen, der nicht automatisch größer wird und nur einmal verteilt werden kann, sollte gerecht verteilt werden.

 

Gerecht erschien es ihm, wenn jeder zunächst unabhängig vom Kuchen die Chance bekam, Verantwortung für sein eigenes Leben wahrzunehmen. Wenn jeder dann das zusätzliche Kuchenstück erhielt, das zu ihm „passte“, ihn zum Beispiel befähigte, seine Not gezielt zu wenden, um (wieder) auf eigenen Füße gehen zu können. Wenn jeder die Solidarität, den Teil des Kuchens (versprochen) bekam, den er zu einem menschenwürdigen Leben braucht, wenn er sich selbst nicht helfen kann. Und wenn starke Schultern, ihrer Leistungsfähigkeit entsprechend, nicht überfordernd und demotivierend, mehr trugen als schwache, also auch mehr bei der Herstellung des Sozialkuchens beitrugen.

 

Aber auch Fragen kamen auf: Welche Qualität hat der Kuchen und nach welchen Regeln soll er verteilt werden? Wird vor allem an die wirklich Bedürftigen gedacht? Oder sollen ohne Unterscheidungen alle offenen Münder gestopft werden? Ist eine individuelle Befähigung zur persönlichen Eigenverantwortung nicht würdiger als eine soziale Betreuung mit unwürdiger Abhängigkeit? Wie soll gehandelt werden, wenn einer seine Chance nicht nutzt oder partout nicht nutzen will? Kann im Einzelfall ein begründeter Verzicht auf Hilfe nicht auch eine nachhaltige Hilfe sein?

 

Sollten nicht auch bessere Bedingungen für alte und neue Bäckereien geschaffen werden, weil ein „Sozialkuchen“ nur verteilen kann, was vorher produziert worden ist?

 

Und ein bisschen Freude mischte sich in seine Trauer über die Bäcker und Verteiler, die mit gutem Beispiel vorangehen und zugleich leidenschaftlich und besonnen ihre Verantwortung auch für zukünftige Generationen wahrnehmen.

 

Burkhard Budde


Magie der Spenden

 

Leserbrief zum Kommentar „Über eine Milliarde“ von Andrea Seibel, der sich in DIE WELT am 3. Mai 2019 mit den Spenden für Notre-Dame beschäftigt hat:

 

Erinnert fühlte ich mich an eine Spendenaktion, die ich vor Jahren für die Restaurierung eines alten Altars gesammelt hatte. Es gab leise Stimmen hinter vorgehaltener Hand, aber auch lautere, die mahnten, das Geld für „wichtigere Zwecke“ einzusetzen.


Ich habe damals versucht, die Kritiker zu verstehen: In aktueller Not kann Geld für Soziales mehr überzeugen, weil es – gezielt und richtig eingesetzt - die Not schneller wenden hilft.

 

Aber ich habe damals auch versucht, Kritiker für meine Position zu gewinnen: Kann Geld für den Einsatz religiöser Kulturgegenstände oder gar Kirchen nicht helfen, geschichtliches Bewusstsein, ziviles Gemeinschaftsgefühl, geistige Motivation und soziale Verantwortung zu wecken, ja auch indirekt einheitsstiftend und sinnstiftend wirken?

 

Damals bin ich von vielen verstanden worden. Das Geld kam zusammen. Der restaurierte Altar steht wieder an alter Stelle. Und vor dem „Martins-Altar“ versammeln sich regelmäßig Menschen, die an Nächstenliebe, Eigenverantwortung und Solidarität als spirituelle Motoren einer Gesellschaft mit einem menschlichen und sozialen Gesicht erinnert werden.

 

Den Spendern, die freiwillig und mit dem Herzen Geld gegeben haben, kann die Stadtgesellschaft bis heute dankbar sein.

 

Burkhard Budde


Auf ein Wort

 

Mütter ehren?

 

Ist der Tag nur eine Einladung zum leeren Gerede mit goldenen Worten, zum lästigen Getue mit vorgespielten Gefühlen, zum kindischen Gebaren mit billigen Pralinen?

 

Anni denkt da ganz anders. Für sie ist der Muttertag kein Tag gehässiger Ignoranz, sondern ein Tag der frohmachenden Dankbarkeit, an dem ihr Herz besonders stark schlägt: Immer noch staunt sie über die nicht selbstverständliche Liebe ihrer Mutter, wie sie gemeinsam Ängste aushalten, wie „Mama“ sie zu verstehen versucht, tröstet und ermutigt, sie gegen unberechtigte Angriffe verteidigt, über Höhen hinweg und durch Täler hindurch begleitet und sie immer selbstständiger und unabhängiger wird.

 

Anni weiß, dass nicht alle Jugendlichen so denken. Ihr Herz friert und fröstelt, wenn sie an ihre Freundin denkt, die ihre Mutter als „ungerechte Kuh“ bezeichnet, die ihre Lieblinge habe und ihr selbst zu wenig Aufmerksamkeit schenke. Oder ein Klassenkamerad, der seine Mutter als „bevormundende Glucke“ wahrnimmt, weil sie sich um alles kümmere und ihm keine Freiräume lasse. Oder ein Mitschüler, der von einer „grauen Maus“ spricht, die kein Rückgrat bei Erziehungsfragen habe und nur nach der Pfeife des „cholerischen Erzeugers“ tanze. Annis Herz überschlägt sich, wenn sie an die „Supereltern“ denkt, die für das Kind jeden Tag durchgetaktet haben, um nur nichts falsch zu machen, um nur nichts Gutes – das Beste erscheint gerade gut genug – für das Kind zu verpassen.

 

Aber es gibt im Bekannten- und Freundeskreis von Anni nicht nur schlechte Noten für Mütter und Eltern. Ihr wird heiß ums Herz, wenn Freundinnen von ihrer Mutter und ihrem Vater sprechen, die ihre Kinder nicht als Projektionsfläche ihrer eigenen Erwartungen betrachten, nicht als Marionetten einer bestimmten Pädagogik, auch nicht als Glückskiller eigener Verwirklichung. Sondern als sinnstiftende Bereicherung und als verantwortungsvolle Aufgabe ihres Lebens - selbst im Bermudadreieck von Beruf, Haushalt und Kind.

 

Auch in diesen Familien gibt es feste Termine, die jedoch flexibel bleiben. Vor allem verbringen Eltern mit ihrem Kind gemeinsame Zeit. Und in den „einfachen Dingen“ wie Malen, Basteln und Backen, Lesen und Verfassen von Reimen, Spazierengehen im Park um die Ecke, Besuch eines Gottesdienstes steckt ein gemeinsames Erlebnispotential.

 

Und der Muttertag? Großvater hat Anni erzählt, dass die Amerikanerin und kinderlose Lehrerin Anna Jarvis 1908, am dritten Todestag ihrer Mutter, den ersten Muttertag aus der Taufe gehoben hat, um die Erziehungs- und Lebensleistungen aller Mütter zu würdigen. Damals zeichenhaft mit roten Nelken für alle lebenden und mit weißen Nelken für alle verstorbenen Mütter.

Die Mutter ehren? Für Anni keine Frage, weil sie den liebenden Blick ihrer Mutter verspürt, den sie in ihr Herz wirft, indem sie sie so annimmt wie sie ist, ihr eigenes Tempo ihrer Entwicklung akzeptiert und sie sinnvoll fördert, ihr Selbstvertrauen schenkt. Und weil sie ihr gesagt hat: „Die Tür zu mir und deinem Vater bleibt immer offen, selbst wenn du Mist gebaut hast.“ Für Anni ein ganz wichtiger Grund, ihr am Muttertag eine Rose zu schenken. Sie weiß, dass sich „Papa“ über dieses Zeichen dankbarer Liebe mitfreuen wird – und natürlich auch die Großeltern.

 

Und es soll sogar Mütter, Väter, Großeltern und Kinder geben, die den Muttertag als Einladung zum Neuanfang und zur Versöhnung verstehen. Und sich damit gegenseitig achten und ehren.

 

Burkhard Budde


Hexenmeister im Alltag

 

Gibt es Zauberer, die sich selbst verzaubern?

 

Die Rede ist nicht von Martin Luther, dem berühmtesten Kind des Harzes, der 1483 in Eisleben geboren wurde.

Auch nicht von Joseph von Eichendorff bzw. seinem „Reisetagebuch“ (1805) oder von Heinrich Heine bzw. seiner „Die Harzreise“ (1824).

Auch nicht von Thomas Müntzer, dem Anführer der aufständischen Bauern im Jahr 1525, der um 1489 im Südharz das Licht der Welt erblickte.

Oder auch nicht von Wilhelm Raabe, der 1874 in Bad Harzburg sein Werk „Frau Salome“ schrieb.

(Leider?) auch nicht von Johann Wolfgang von Goethe, dem berühmtesten Harzbesucher, der im „Faust“ (1808 erschien der erste Teil) die Walpurgisnacht auf dem Brocken weltweit bekannt machte. 

Die Rede ist vielmehr von kleinen und großen Zauberern, die um den 1. Mai 2019 herum sich selbst und andere lustvoll und spielerisch zu verzaubern versuchen. Ein modernes – natürlich immer zugleich auch ein touristisches - Spektakel im alten Outfit rund um die Walpurgisnacht und rund um den Harzer Brocken. Dort, wo früher Hexen und Teufel in der Nacht zum 1. Mai „ganz bestimmt“ zur rauschenden und ausschweifenden Orgie zusammengekommen waren - und darüber hinaus -, da finden noch heute „gruselige“ Events statt.

 

Aber Hand aufs Herz: Die aktuellen Hexenmeister sprengen im „Hexenkessel“ der Gefühle nur selten die Vernunft. Allerdings kann die Phantasie der Beobachter und Mitspieler beim Zelebrieren der Harzer Tradition angeheizt werden, so dass selbst mit ernster Miene Freude aufkommen kann. Eine Bedingung muss jedoch erfüllt sein: Der Reflexionswolf der kritischen Vernunft darf nicht zu sehr gedreht werden. Er sollte wenigstens für kurze Zeit in den eigenen vier Wänden bleiben.

 

Doch eine kleine Prise Vernunft kann ja nie schaden: Vielleicht offenbart das freie Rollenspiel während der Walpurgisnacht die Fratze des Bösen in den Masken der Zauberer. Und bändigt durch einen Blick in einen komischen sowie erkennbaren Zerrspiegel eigene und fremde Teufeleien, Nichtigkeiten und Nickeligkeiten, vor allem Bosheiten, Hass und Sündenbocksuche. Dann würde die Unvernunft sogar verzaubert – zum Guten, weil die Vernunft (später?) vernünftig bliebe.

 

Und wem das Teufelsgebrüll und Hexengekreische „eigentlich“ sinnlos erscheint, der kann sich auf seinen Alltag freuen. Nicht unbedingt auf den Alltag Luthers, Eichendorffs, Heines, Müntzers, Raabes oder Goethes, wohl aber auf den von Hexen und Teufel, die keine erkennbaren Kostüme tragen, die ihr Treiben jedoch hinter dem Rücken und hinter vorgehaltener Hand inszenieren, weil sie nicht auffallen wollen und ohnehin alles besser wissen und können.

Und mit Arroganz und Ignoranz sich immer wieder selbstgerecht, vor allem selbstverliebt anhexen und verhexen.

 

Burkhard Budde


Gerede oder Rede?

 

Ein Bewohner erzählt „schlimme Dinge“ über einen anderen Bewohner: „Ein unmöglicher Kerl. Den kann man in der Pfeife rauchen. Der zieht uns mit seiner Seilschaft über den Tisch.“ Auch Lena, die gerne diskutiert, muss sich diese heißen Sprüche anhören. Wie soll sie sich verhalten? Verstockt schweigen, um nicht missverstanden zu werden? Verlegen lächeln, um Zähne zu zeigen? Nach dem Munde reden, um Ruhe zu haben? Lena verspürt, dass die Atmosphäre im Haus vergiftet ist.

 

„Opa, was sagst du dazu?“ fragt sie ihren Großvater unter vier Augen. Der hat auch keinen Bauchladen mit Patentrezepten umgeschnallt. Der weiß, dass es kein Geheimwissen gibt, dass jeden Nebel lichtet. Dass die nächste Enttäuschung gleich um die Ecke wartet. Dass jede Situation verschieden und ihre Entwicklung unvorhersehbar ist.

 

Aber Großvater hat einen Schatz von Lebenserfahrungen, der Anni wichtig ist. Als Inhalt des Schatzes bei „Gerede“ nennt Großvater verschiedene „Prüfsteine“. Lena hört aufmerksam zu.

 

Erster Prüfstein: „Ist ein direktes Gespräch geführt worden?“.

„Wenn dir jemand etwas „Unmögliches“ über einen „unmöglichen“ Menschen berichtet, dann frage ihn, ob er mit dem Betroffenen schon selbst gesprochen hat“, meint Großvater. Denn im direkten Gespräch könnten Missverständnisse aufgeklärt werden, überraschende Erklärungen oder auch Entschuldigungen helfen, neue Wege des Umgangs miteinander zu finden. Über einen Mitmenschen hinter seinem Rücken herzuziehen und ihn auszugrenzen versuchen, sei einfach, unfair und feige und zerstöre jede Gemeinschaft.

 

Zweiter Prüfstein: „Ist die andere Seite gehört worden?“

Das sei wichtig, um unabhängig und selbstständig herauszufinden, ob die „schlimmen Dinge“ wahr seien oder ob es sich nur um Lügen- oder Lästergeschichten handele. Auch könne es sich um einen Wahrnehmungskonflikt ohne böse Absicht handeln. Und Verständnis könne nur derjenige entwickeln, der einen Blick durch die Brille des anderen wagt.

 

Dritter Prüfstein: „Ist die Verhältnismäßigkeit gewahrt?“

Übertriebenes Reden ohne Maß und Mitte sei vergeudete Lebenszeit. Denn es gebe auch Dinge im Leben, die man tolerieren könne, auch wenn man selbst einen anderen Geschmack habe. Ein toleranter Rosenliebhaber könne auch mit Tulpen im Garten leben. Und ein toleranter Tulpenfan auch mit einer Rosenecke. „Warum sollte man sich dann bis aufs Blut streiten, aus einer Mücke einen Elefant machen oder wie Elefant durch den Garten laufen. Und mit der Lupe das Haar in der Suppe suchen, das man durch sein ständiges Kopfschütteln selbst hineinbefördert hat“? fragt Großvater.

 

Vierter Prüfstein: „Wer ist Nutznießer“?

Welche Absicht könne hinter dem „Gerede“ stehen? Handele es sich um eine Intrige oder um eine Instrumentalisierung für eigene Zwecke? Um ein bewusstes Täuschungsmanöver, um von sich selbst abzulenken? Suche jemand gar keine Lösungen, sondern nur persönliche Anerkennung oder Macht? Sei er vielleicht selbst das Problem?

 

Natürlich stellt Lena viele Rückfragen. Und Großvater weiß auch nicht immer Rat. Aber sie denken beide gemeinsam nach, um Rückwege aus der Sackgasse des „Geredes“ zu finden. Um in den Häusern dem gegenseitigen Respekt sowie der Gesprächs- und Verantwortungskultur eine größere Chancen zu geben.

 

Burkhard Budde


Auf ein Wort

 

Jung- und Altbrunnen

 

Viele wollen gerne Erfahrungen sammeln – zum Beispiel beim Fahrradfahren, Autofahren oder Reisen. Sie „erfahren“ ein gestärktes Selbstwertgefühl, größere Zufriedenheit, neue Einsichten und Erkenntnisse.

Aber wie steht es eigentlich mit der Lebenserfahrung? Ist sie noch gefragt oder überflüssig geworden, weil es Wichtigeres gibt? Oder schadet sie sogar dem Fortschritt, wenn sie borniert daherkommt?

 

Großvater beschäftigt sich gerne mit seinem Enkelkind, auf das er sehr stolz ist. Beide spielen miteinander, staunen und freuen sich über die vielen kleinen Wunder, die sie entdecken. Und ärgern sich auch mal über Misserfolge bei gemeinsamen Unternehmungen. Großvater erzählt gerne aus seinem Leben. Anni versteht zwar nicht alles, was er sagt, aber dennoch hängt sie an seinen Lippen. Und für Großvater sind Annis Kommentare und Rückfragen wichtig, weil er dann selbst Altvertrautes erklären oder sogar selbstkritisch hinterfragen muss.

 

Anni ist von Opas Schatzkiste, die voller Lebenserfahrungen steckt, fasziniert. Er nennt negative Beispiele von zwischenmenschlichen Verletzungen, die tiefe Wunden hinterlassen haben, aber nicht heilen können, weil sie nicht bearbeitet werden. Positive Beispiele von Konflikten, die rechtzeitig und fair ausgetragen worden sind, und deshalb keine Rolle im Miteinander mehr spielen.

 

Ein wenig gruselig wird es jedoch für Anni, wenn sie etwas von „Nieten“ im Talar, in der Robe, im weißen Kittel, im Nadelstreifen oder im Blaumann hört. Von schwachen Chefs, die noch schwächere Mitarbeiter, vor allem Jasager fördern. Oder von Machtmenschen, die ihre Mitstreiter um des eigene Erfolgs willen opfern und wie heiße Kartoffeln fallen lassen. „Opa“, sagt Anni ein wenig irritiert, „du erzählst doch Schauermärchen?!“ Großvater gibt zu, dass er übertrieben habe und dass solche Erlebnisse natürlich nicht verallgemeinert werden dürften. Aber es würde schon zutreffen, „dass hinter glänzenden Kulissen häufig nur mit Wasser gekocht wird. Und hinter mancher freundlichen Maske eine verlogene Fratze verborgen sein kann“, versucht Großvater zu erklären. Wichtig sei es deshalb, realistisch zu bleiben, mit dem All-zu-Menschlichen, auch mit Intrigen und Schlechtmacherei zu rechnen, um nicht enttäuscht zu werden und unabhängig zu bleiben.

 

Und dabei denkt Großvater an die Aussage Jesu „Seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben“. „Aber Opa, gibt es nicht auch Menschen, denen ich vertrauen kann wie …“ „Natürlich“, beeilt sich Großvater zu ergänzen, „aber selbst bei einem notwendigen Vertrauensvorschuss sollte niemand blauäugig werden, sondern eine eigenständige und kritische Grundhaltung behalten, auch selbstbewusst Nein sagen können. Und im Zweifel findest du ja bei deinen Eltern immer ein offenes Ohr.“ Anni ahnt, dass das Leben weder ein Hexenwerk noch eine Geheimniswissenschaft ist, sondern ein spannender Schatz an Erfahrungen und Offenbarungen, der ständig vermehrt wird und sich wie von selbst erneuert, wenn man neugierig bleibt.

 

„Dann sollte man aber“, folgert Anni, „möglichst keinen Menschen mit einem Etikett versehen oder ihn in eine Schublade stecken, damit er sich und Eigenes entwickeln kann“. Großvater fühlt sich bei diesem Kommentar von Anni wie in einem geistigen Jungbrunnen und stimmt gerne zu. Und Anni will auf den „Altbrunnen“ ihres Großvaters, auf die verdichtete Lebenserfahrung, nicht verzichten, weil er ihr neue Sichtweisen sowie Gelassenheit und Besonnenheit schenkt. Und weil Anni nicht alle Fehler Großvaters wiederholen und aus eigenen Fehlern lernen will.

 

Großvater und Anni sind schon ein tolles Gespann. Sie stimmen überein, dass beide Brunnen gebraucht werden – nicht nur bei der Erziehung und Persönlichkeitsbildung, sondern auch für den Zusammenhalt einer Gesellschaft mit jungen und erfahrenen Menschen.

Burkhard Budde

   

Eine gesegnete Karwoche sowie ein frohes Osterfest

 

Drei Hasen in einem mit vier Blüten dekorierten Kreis.

Einer richtet sich auf und schaut zurück; zwei seiner Füße haben Halt auf festem Grund.

Ein anderer ruht sich aus und scheint abzuwarten; seine Vorder- und Hinterfüße finden Grund.

Ein dritter Hase setzt zum Sprung an; er löst sich vom Grund.

Alle drei Hasen sind mit ihren Ohren untereinander verbunden.

 

Die drei Hasen, wahrscheinlich 1929 von Georg und Ulrich Roediger gestaltet, erinnern an das Drei-hasenfenster am Dom in Paderborn, das im

16. Jahrhundert entstanden ist. Diese Hasen springen jedoch alle.

 

Gemeinsam ist beiden Kunstwerken, dass ihre Ohren jeweils ein Dreieck bilden.

 

Wollen die Hasen – die „Dreiecke“ – auf „Vater“ („Schöpfer“), „Sohn“ („Erlöser“) und „Heiliger Geist“ („Tröster“) hinweisen, auf ewiges Leben?

Um dem irdischen Leben durch mutige Sprünge des Glaubens und der Liebe Halt und Haltung zu geben?

 

Auf ein Wort

 

Ostern im Auge des Betrachters

 

Ihre braunen Augen funkeln wie Edelsteine, als Lena ihren Großvater anspricht: „Opa, freust du dich auch auf Ostern?“ Ein wenig überrascht blickt er in ihr fragendes Gesicht, lächelt verlegen und schaut dann zu Boden. Viele Gedanken schwirren ihm durch den Kopf. Ist Ostern mehr als ein Fest der Osterhasen? Er weiß, dass gläubige Christen an diesem Tag die Auferstehung Jesu feiern. Aber er weiß nicht, ob der Glaube an die leibhaftige Auferstehung eines Menschen nicht mehr ein Wunsch als Wirklichkeit ist, Vertröstung und vielleicht sogar ein großes Täuschungsmanöver.

 

„Aber Opa, was ist los?“ Großvater muss Farbe bekennen. „Natürlich freue ich mich auf die Festtage mit unserem Familientreffen.“ Doch mit etwas traurigem Blick fährt er fort: „Aber ich bin mir nicht sicher, ob der gekreuzigte Jesus wirklich auferstanden ist.“ Lena schmunzelt: „Ich auch nicht. Aber eine Geschichte aus dem Reli-Unterricht hat mich nachdenklich gemacht.“ Und dann erzählt sie vom „Kind im Mutterleib“ - kurz vor der Geburt. Das Kind hätte nicht glauben wollen, dass es außerhalb des Mutterleibes, in dem es sich geschützt und geborgen fühlte, noch eine andere und größere Wirklichkeit gebe. Eine Welt zum Staunen und Entdecken, zum Tanzen und Genießen. Auch mit Tränen und Lachen, mit Träumen und Enttäuschungen. Und könnte es, Opa, nicht tatsächlich eine Welt geben, in die Jesus hineingestorben - und auferstanden ist?“

 

Der Großvater, fasziniert von den Ausführungen seiner Enkeltochter, öffnet langsam seine Augen. Und blickt gleichsam in sein Inneres. Ja, es hängt immer vom Auge des Betrachters ab, wenn es um die Frage geht, was Wirklichkeit überhaupt ist, denkt er. Die biblische Überlieferung von der leibhaftigen Auferstehung Jesu müsse nicht deshalb unwahr oder Aberglaube sein, weil sie mehr als ein historischer Bericht sei und die Vernunft mit der „Leibhaftigkeit“ provoziere. Großvater denkt noch weiter: Gibt es nicht auch eine Wahrheit, die in Beziehungen entdeckt werden kann?

 

Doch jetzt fragt er nur: „Lena, warum freust du dich denn auf Ostern?“ „Ich glaube nicht, dass Jesus wiederbelebt worden ist oder als Gespenst seinen Freunden erschienen ist. Aber dass er jetzt außerhalb des Mutterleibes lebt und sich in der Welt Gottes aufhält.“ Großvater wird immer nachdenklicher. So hat er das noch nicht gesehen. Wenn Gott selbst - durch seine Neuschöpfung Jesu im Tod - ihm ewige Gemeinschaft geschenkt hat? Gibt es dann nicht einen wirklich echten Grund zu glauben, selbst eines Tages bei Gott zu sein?

 

Langsam – oder plötzlich? - fällt es dem Großvater wie Schuppen von den Augen. Auf jeden Fall wächst bei ihm die Gewissheit, dass es einen unvergänglichen Neuanfang am vergänglichen Ende gibt.

 

Und dass das Fest des Lebens mit Lena und der Familie fröhlich begangen werden kann.

Burkhard Budde


Passion Jesu:

Einladung, über das Leiden nachzudenken

 

Das Foto zeigt den Christus- Kopf

von Prof. Gerd Winner aus Liebenburg.

Der Entwurf stammt von seiner im Jahre 1989 tödlich verunglückten

Frau Ingemar Reuter.

Das Kunstwerk, das über meinem Schreibtisch in Bad Harzburg hängt, erinnert mich stets daran, dass ein Mitleiden im Glauben, in der Hoffnung und in der Liebe schöpferische Neuanfänge schenken kann. Und dass der Zweifel im Gottes- und Christusglauben zur geschenkten Gewissheit ewiger Geborgenheit werden kann.

 

Auf ein Wort

 

Warum?

 

Lena und ihr Großvater unternehmen viel und haben viel Spaß miteinander. Aber beim heutigen Ausflug in die Innenstadt wirkt Lena sehr traurig. „Welche Laus ist dir denn über die Leber gelaufen?“ fragt der Großvater. Da fängt Lena an zu weinen. „Ein Klassenkamerad von mir ist tot“, schluchzt sie und mit belegter Stimme erzählt sie, dass er bei einem Verkehrsunfall tödlich verunglückt sei.

 

Großvater hört ihr geduldig zu. Plötzlich - wie aus heiterem Himmel - schaut Lena ihn an. „Opa, warum hat Gott das zugelassen?“ Großvater atmet tief durch. Was soll er dazu sagen?! Häufig hat er sich bereits mit dieser Frage beschäftigt, auch bei großen und kleinen Katastrophen. Ist Gott ein ferner Weltenlenker, der ungerührt und tatenlos zusieht? Rächt er sich an einer gottlosen Welt, weil er an ihr leidet? Schläft er? Muss man ihn mit Anklagen wachrütteln? Ist er hellwach, aber hilflos? Oder gibt es ihn gar nicht und sind die Menschen nur einem blinden Zufall ausgeliefert?

 

Großvater ahnt, dass ihn die endlosen Grübeleien über die „Warum-Frage“ nicht weiterbringen, weil er keine Erklärungen finden kann. Im verschlungenen Irrgarten negativer Gefühle und Gedanken, so seine Erfahrung, kann sich ein Mensch nur verlaufen, sich verirren und verwirrt zu Boden gehen. Im tiefen Loch der Ahnungslosigkeit, das man selbst geschaufelt hat, macht es keinen Sinn, tiefer zu graben. Im dichten Nebel des Unbegreiflichen greift man nur ins Leere. Und Trostworte wie „Kopf hoch, es wird schon werden“ können gut gemeint sein, aber helfen nicht wirklich weiter.

 

Lena und Großvater stehen zufällig vor einer Kirche, die geöffnet ist. „Ich weiß es nicht“, murmelt Großvater ein wenig verlegen, „aber lass uns in die Kirche gehen und uns das Kruzifix ansehen“. Als sie eine Zeitlang sprachlos den schmerzverzerrten Jesus betrachtet haben, beginnt Großvater mit für Lenas Ohren „ungewöhnlichen“ Gedanken. Der Mann sei verachtet, verspottet und zu Tode gefoltert worden. Warum? Er hätte es selbst nicht gewusst. Er habe sein Leiden jedoch nicht zur Schau gestellt, auch nicht in sich hineingefressen. Sondern zu Gott geschrien: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?!“ Aber dann doch – dennoch, ohne eine Antwort bekommen zu haben - Gottvertrauen gewagt: „Vater, in deine Hände gebe ich meinen Geist“.

 

Lena versucht zu verstehen. Vielleicht ist das Gottvertrauen wie eine Quelle neuer Zuversicht?! „Aber was ist mit dem Verkehrsunfall oder mit Terroranschlägen und Kriegen?“ „Gott will weder schlimme Verkehrsunfälle noch das Böse“, meint Großvater. Der Mensch sei jedoch keine Marionette Gottes, sondern frei – auch zum unverantwortlichen Handeln oder zum abgründigen Bösen. Aber Gott sei auch keine Marionette des Menschen, fügt er noch hinzu, menschlicher Vorstellungen und Wünsche. „Aber warum lassen Menschen dann Gott so leiden?“ fragt Lena kritisch nach und schaut zum Kruzifix auf. Da läuft eine Träne über das Gesicht des Großvaters: „Vielleicht müssen wir das Unbegreifliche wie den Tod deines Mitschülers aushalten und an den mit- und selbstleidenden Gott zu glauben versuchen bis Gottes Stimme selbst in uns spricht und tröstet. Und uns bei unverantwortlichen oder menschenverachtenden Taten noch mehr für einen gewaltfreien Frieden in Würde, Freiheit und Vernunft einsetzen.“

 

Beide haben über das Gespräch noch lange nachgedacht.

 

Burkhard Budde


Begegnung im kulturellen Rahmen



Anlässlich des Geburtstages von Prof. Dr. Reza Asghari kam es zu vielen Begegnungen im kulturellen Rahmen in Salzgitter- Thiede. Über die herzliche Gastfreundschaft und die originellen Tanzeinlagen freuten sich u.a. Frank Oesterhelweg, Vizepräsident des niedersächsischen Landtages und MdL, Ortsbürgermeister Christian Striese, der Jubilar und Burkhard Budde.

 


Auf ein Wort

Die Saat der Liebe

 

Sich (neu) verlieben? Sich (ganz) öffnen? Oder sich doch lieber die Ohren zuhalten, verschließen oder verstopfen?

 

Eine echte Liebeserklärung, die keinen täuschen oder überrumpeln will, kann überwältigend sein. Wer ihr sein Ohr schenkt, begibt sich auf eine innere Entdeckungsreise. Sie ist der Schlüssel, der zu neuen Räumen gemeinsamen und sinnstiftenden Glücks führt.

 

Ähnliches geschieht im Reich Gottes. Jesus, gleichsam der Sämann dieses Reiches, sät durch die Liebeserklärung Gottes: Du bist unendlich geliebt und dadurch Träger einer unantastbaren Würde, die dir keiner nehmen kann.

 

Dabei bleibt Jesus Realist. Er weiß, dass es Menschen gibt, bei denen seine Botschaft ins

eine Ohr hinein und durchs andere gleich wieder herausgeht. Die Saat fällt bei diesen Menschen auf einen ausgetretenen Weg und die Vögel, die vielen Zufälle, fressen es auf. Die Botschaft ist gleichsam eine Stichflamme, die nur kurz aufflackert, weil der mächtige Zeitgeist keine Chance auf neue Lichterfahrungen zulässt.

 

Jesus sind auch Menschen bekannt, bei denen seine gute Nachricht nur ein Strohfeuer der Gefühle entfacht, das dann aber angesichts der Wurzellosigkeit nicht von Dauer ist. Die Saat fällt auf felsigen Grund mit wenig Erde, wenig geistigem Tiefgang und viel bequemer Oberflächlichkeit.

 

Und auch das gehört für Jesus zur Realität: Seine Liebeserklärung wird von Dornen erstickt, von neuen Gottheiten mit menschlichen Masken, von heuchlerischen Ohrabschneidern und gewieften Täuschern, die die Ohren zudröhnen. Ein geistiger Schwelbrand, der glimmt, aber nicht richtig zum Brennen kommt, weil es zu wenig Sauerstoff gibt, zu wenig Offenheit und Vertrauen.

 

Was für Jesus von seiner Botschaft auf „gutes Land“ fällt, bringt vielfältige Frucht, weil es durch das Ohr ins Herz geht und dort reift. Es entsteht gleichsam ein inneres Lagerfeuer, das die Kälte einer Seele erwärmt, die Dunkelheit des Geistes erleuchtet und die trägen Füße des sozialen Miteinanders bewegt.

 

Was nicht ausdrücklich im Gleichnis vom Sämann in der Bibel steht, kann aber trotzdem gemeint sein: Gehört nicht zu ein und demselben Menschen verschiedene Anteile eines ausgetretenen Weges, eines felsigen Grundes, einer Fülle von Dornen? Und kommt es nicht darauf an, diese verschiedenen Herausforderungen anzunehmen und mit Geduld so zu gestalten, dass sie miteinander versöhnt sind, um „gutes Land“, ein fruchtbares Land zu werden?

 

Wer Ohren hat, die Liebeserklärung zu hören, der höre. Denn er kann sich in die Liebe selbst verlieben, um dem Geheimnis des Lebens auf die Spur zu kommen.

 

Burkhard Budde   


Nashörner auch in Braunschweig?

 

Der Kampf gegen Unmenschlichkeit

 

Nashörner leben überall – auch in der Stadt Heinrichs des Löwen. Ein sichtbares Zeichen gab das Bühnenbild des Schauspiels „Die Nashörner“ von Eugene Ionesco im Braunschweiger Staatstheater am 29.März 2019: Aus der Quadriga, der Wagenlenkergruppe des Braunschweiger Residenzschlosses, wurden Nashörner.

 

Das absurde Theater, das mit Übertreibung und Verzerrung, mit versteckter Komik und ohnmächtiger Sprachlosigkeit provoziert, stellt existentielle Fragen: Gibt es nur zielloses und sinnloses Leben in einer entmenschlichten Welt?

 

Für „Die Nashörner“ das richtige Thema: Ein verzweifelter Mensch, der sich mit immer mehr Nashörnern auseinandersetzt. Persönlich herausgefordert, wenn Menschen zu Nashörnern werden. Wenn ein Nashorn im Menschen selbst Oberhand gewinnt und sein Unwesen treibt. Wenn das Gesetz des Dschungels herrscht und die Menschlichkeit zertrampelt. Wenn die Nashörner Angst verbreiten und Menschen sich anpassen, sich hinter der Masse der Nashörner verstecken und immer nashornartiger werden. Und wenn sich auch das scheinbar Menschliche als das Nashornartige entpuppt.

 

Was bleibt? Wer oder was ist am Ende stärker? Die Nashornexistenz mit ihre Mitläufern und Duckmäusern, mit ihrem Macht- und Allmachtsgehabe, manchmal auch in Gestalt der „logischen“ Besserwisserei? Oder der menschliche Wille zur Freiheit zum Widerspruch und zum Widerstand gegen das Unmenschliche und Entseelte, das Gleichgeschaltete und Totalitäre?

Auch wenn der mutige Mensch, dessen Menschlichkeit letztlich nicht zerstört werden kann, durch eigene Beulen geschwächt ist, kann er die Kämpfe gegen die Schwere und Widersprüchlichkeit des Seins, paradoxerweise durch die Leichtigkeit und Annahme des Seins, vielleicht auch durch Humor und Abstand erträglicher machen, jedoch nicht zu seinen Gunsten überwinden. Zu sehr haben sich die triebhafte Natur und die zivilisierte Kultur vermischt, sind in der Welt humane Werte auf den Kopf gestellt, weil zu viele Nashörner mit dem Kopf gegen die Wand der Menschlichkeit anrennen.

 

Kann die Liebe als Therapeutikum gegen die Furcht einen Ausweg bieten? Oder sollte man doch den Nashörnern unkritisch und blind folgen, um zu überleben?

 

„Ich kann mich nicht verändern“, sagt am Ende des Schauspiels ein Mensch unter vielen Nashörnern. Aber vielleicht ist dieser Tiefpunkt der Wendepunkt zu etwas Neuem, zu einem Neuanfang, ein Licht am Ende des dunklen Nashorntunnels – das Ende vom Ende eines unmenschlichen Lebens?

 

Burkhard Budde


Ein buntes Haus für alle


Das Quartierszentrum Hugo-Luther-Straße 60A in Braunschweig wird jeden Tag von etwa 200 Bürgern aufgesucht. Auf sie wartet ein buntes und sozial anspruchsvolles Angebot - auch die Möglichkeit aus der eigenen Einsamkeit herauszukommen und Kontakte zu knüpfen oder zu pflegen sowie andere Kulturen, Religionen, Meinungen und Erfahrungen kennenzulernen.


Der Geist dieses Hauses ist nicht von Technokratie oder Bürokratie geprägt, sondern von Menschlichkeit und Solidarität. Es geht bei allen Unterschieden um ein fröhliches und pragmatischen Miteinander sowie Füreinander. Eine soziale Drehscheibe, die anzieht und ausstrahlt, aber auch integriert und versöhnt sowie jedem einzelnen Besucher Sinn stiftet, wenn er einfach "macht", "mitmacht". Und vom Mitmenschen zum Mitbürger wird, der eine "freiwillige Verantwortung" übernimmt.


Die Braunschweiger Ebbecke Stiftung gehört zu den Unterstützern dieses beispielhaften und vorbildlichen Projektes in der Stadt und für die Stadt, das vom Mütterzentrum Braunschweig, Mehr Generationen Haus, "plan-kontor" und der Ev. Kirche im westlichen Ringgebiet seit 15 Jahren getragen wird.


Zum Jubiläum gab es am 29.3.2019 ein Fest u.a. mit Oberbürgermeister Ulrich Markurt und Sozialplaner Hartmut Dybowski. Die Vertreter der Ebbecke Stiftung Geert Grigat, Mercedes Otto und der Unterzeichner erlebten mit Heidemarie Mundlos, Antje Keller, Frank Täubert und vielen anderen Gästen auch eine musikalische Überraschung von Adama Logosu-Teko - Musik, die alle richtig in Stimmung brachte.

Burkhard Budde


Erste Liga großer Sehnsuchtsorte in Deutschland

 

Hamburg im Vergleich

 

Wo leben die Schönen und Reichen, die Mächtigen und Erfolgreichen? Die zufriedensten Menschen in Deutschland soll es in Schleswig-Holstein zwischen Nord- und Ostsee geben. Dann folgt Hamburg. Am Ende der „Zufriedenheits-Skala“ tummeln sich Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Berlin.

Doch was sagen diese Aussagen über eigene Erfahrungen aus, wo auch immer der Einzelne lebt, was auch immer er wann wie erlebt? Den „Gemütlichen“, den „Glücklichen“, aber auch den „Getriebenen“, den „Verbitterten“ sowie den „Trostlosen“, den „Hilfsbedürftigen“ trifft man überall, sogar vor der eigenen Haustür oder im eigenen Haus, wenn man ehrlich in den Spiegel schaut.

Unabhängig von individuellen und subjektiven Perspektiven können Zahlen Sehnsüchte widerspiegeln – und ermutigen, sich persönlich auf die Suche nach ersten Deutungs- oder Erklärungsmöglichkeiten von Sehnsuchtsorten zu machen. Am besten mit Hilfe eines Besuches vor Ort mit offenen Augen und einem Kopf, der nicht mit Vorurteilen, sondern mit Neugier auf Unbekanntes und Ungewohntes sowie Erkenntnisbegierde gefüllt ist. Um dann gewissenhaft und selbstkritisch zu recherchieren, um seine Erfahrungen nicht für alle Zeit als absolute Wahrheit miss zu verstehen.

 

Die Erste Liga der größten Sehnsuchtsstädte in Deutschland (Angaben ohne Gewähr).

Einwohner: Berlin 3,6 Mio., Hamburg 1,8, München 1,5, Köln 1, Frankfurt a.M. 741 000

Einkommensmillionäre: Hamburg 724, München 658, Berlin 476, Köln 330, Düsseldorf 311

Arbeitslosigkeit dieser Liga: Berlin 8,8 %, Köln 8,4, Hamburg 6.8, Frankfurt a.M. 5.9, München 4.3

 

Zahlen sind wie Bauklötze, die auf dem Boden liegen, sich vermehren oder verringern, aber an sich keinen Sinn ergeben. Sie müssen aufgehoben, genau betrachtet, einzeln beseelt, unterschiedlich bewegt und konstruktiv zusammengefügt werden, damit sie ein sinnvolles Gesamtbild ergeben, das stets offen und veränderbar bleibt.

 

Und sein Glück kann man nicht nur im Tor zur Welt, sondern auch an anderen Orten finden. Manchmal muss man es nur beim Schopfe packen.

 

Burkhard Budde


Weichenstellungen durch Heiratspolitik

Gerd Biegel aus Braunschweig in Bad Harzburg

 

Gerd Biegel, bekannter und anerkannter Historiker aus Braunschweig, hebt immer wieder Schätze. In Bad Harzburg begeisterte er die Mitglieder und Gäste der Deutsch-Dänischen Gesellschaft Harz e.V. (seit 1989) mit seinem Vortrag „Dänemark und die Welfen“ am 22. März 2019.

 

Der Schatzsucher, Forscher und Professor, der das Institut für Braunschweigische Regionalgeschichte leitet, betonte, dass die Welfen - das seit dem 11. Jahrhundert existierende und älteste Hochadelsgeschlecht Europas – nicht nur mit England verbunden war und ist, sondern auch mit Dänemark.

Gerd Biegel, im Alter von 72 Jahren selbst schon wie ein lebendiger Erfahrungs- und Kenntnisschatz, nannte Persönlichkeiten aus der historischen Schatzkiste der Dänen und Welfen. Durch die damals übliche Heiratspolitik als Bindemittel einer aus den Fugen geratenen Zeit wurden vor allem machtpolitische und wirtschaftliche Bande geschaffen oder gefestigt

 

Waldemar I der Große (1131-1182) von Dänemark beispielsweise machte 1166 seinen Sohn Knut VI zum König; dieser heiratete 1177 Gertrud von Sachsen, Tochter des Welfen und Sachsenherzogs Heinrich des Löwen (1129-1195).

 

Oder Helena von Dänemark (1180-1233), jüngste Tochter des dänischen Königs Waldemar I des Großen, gilt als Stammmutter aller späteren Welfen. Die dänische Prinzessin heiratete 1202 in Hamburg den Herzog Wilhelm von Lüneburg (1184-1213) und trug den Titel Herzogin von Lüneburg.

 

Oder die Prinzessin aus dem Haus der Welfen Sophie Amalie von Braunschweig-Calenberg, 1628 im Schloss Herzberg im Harz geboren, heiratete 1643 König Friedrich III von Dänemark und Norwegen (1609-1670). Die Welfin auf dem Thron in Dänemark, die 1685 in Kopenhagen starb, hat durch die Einführung der absolutistischen Monarchie bis heute in dem skandinavischen Land Spuren hinterlassen.

 

Auch wenn eine „politische Brautwerbung“ (Gerd Biegel) wohl ein historischer Schatz für immer bleibt, so kann doch die historische Erkenntnis wachsen, dass Personen – eine politische Führungselite - Programm sind und machen - in welcher Staatsform auch immer. Und dass gehobene Schätze die Gegenwart erhellen und demokratisch und human vermehrt werden können.

 

Burkhard Budde


Keine Liebe ohne Liebe

 

Konzert „Plunderphonia“ in der Elbphilarmonie

 

Kann man sich in eine unbekannte Musik wie in ein scheues Reh verlieben?

 

Der Konzertsaal der Elbphilarmonie, ein neues Wahrzeichen und Publikumsmagnet der Hafenstadt Hamburg, ist nicht mit einem scheuen Reh, wohl aber mit einem Weinberg zu vergleichen, der jedoch auch erobert werden muss.

Alles fängt mit dem Staunen an: Der Arena-Saal ist 30 Meter hoch und hat ein Raumvolumen von 24 000 Kubikmeter. Mit seinen aufsteigenden Terrassen und 27 Hörerebenen wird ein guter (Rundum-)Blick auf die Bühne in der Mitte möglich. Dahinter steckt auch eine „politische“ Idee: Das „Amphitheater der Tonkunst“ (Joachim Gauck) ist für alle Besucher (2000 Plätze) „demokratisch“ gestaltet – und nicht „hierarchisch“ wie ein Schuhkarton mit länglichen Rechtecken.

 

Der akustische Weinberg an der Waterfront hat zehn Jahre Bauzeit gebraucht und 789 Millionen Euro gekostet (das Zehnfache der ursprünglich geplanten Summe; manche sprechen auch von einer Milliarde Euro Gesamtkosten). Dem Besucher, der keine Verantwortung für Fehlplanungen, Missmanagement und die vielen faulen Zankäpfel trägt, sollte das die Freude auf ein Konzert nicht verderben.

Zum Beispiel die „kindliche Freude“ auf das Konzert „Plunderphonia“ des Berliner Musikproduzenten Henrik Schwarz mit dem niederländischen Alma Quartett am 23. März 2019. Aus 700 Streichquartetten der letzten 250 Jahren Musikgeschichte hat der 46 jährige disc jockey (DJ), einer der renommiertesten deutschen Elektroproduzenten, etwa 70 Motive „zitiert“, wie Puzzelsteine zerlegt und dann zu einem neuen Bild zusammengesetzt - zu einem ganz neuen Gesamtwerk, das beim Konzert etwa 90 Minuten dauerte.

 

Dieses akustische Geschehen, bei der Technik und klassische Musik verschmelzen, wirkt wie ein scheues Reh, das über emotionale Wiesen sowie durch Wälder leichter und schwerer Gedanken läuft. Wer keine Geduld aufbringt, nicht offen und neugierig bleibt, wird das musikalische Geschöpf, das sich gerne hinter der musikalischen und elektronischen Faszinationskraft versteckt und geheimnisvoll unbeobachtet bleiben möchte, nicht wirklich kennenlernen. Wer sich jedoch auf die Suche nach einem inneren Abenteuer mit dem scheuen Reh macht, kann das unbekannte Bekannte und gewohntes Unvorhersehbares, das kreative Crescendo eigener Gefühle und Assoziationen neu entdecken lernen.

 

Dann gibt es in welchem Weinberg auch immer kein Unverständnis mehr ohne Bewegung, keine Irritationen ohne Variationen, kein Hören ohne Phantasie, keine Eroberung ohne Wagnis, keine Wahrheit ohne Liebe, keine Liebe ohne Liebe.

 

Burkhard Budde 



(Be)achten?!


Warten auf den Zug…
…der Zeit, der zugleich beschleunigt und entschleunigt,
der nervt und beruhigt.
…des Zeitgeistes, der zugleich entschränkt und beschränkt,
der sich öffnet und verschließt.
…des Augenblicks, der zugleich loslässt und festhält,
der Altes verlässt und Neues verpasst.


Vielleicht auf sich selbst...
...der aus seiner Masse aussteigt,
um in seine Originalität einzusteigen,
...der seine Vergangenheit ergreift,
um seine Gegenwart zu begreifen.
...der seine Weichen stellt mit seinen Signalen.


Um im Zug nicht vergessen,
sondern beachtet und geachtet,
um mit dem Ticket der Menschlichkeit
mitgenommen zu werden.


Burkhard Budde


Auf ein Wort

 

Mutig, nicht trottelig

 

Gehen Menschen immer häufiger in Deckung? Da gerät jemand in Not und wird hilfloses Opfer. Personen, die auf öffentlicher Bühne gerne von „Sozialem Verhalten“ reden und von anderen fordern, verhalten sich ignorant und selbstgerecht.


Nur ein Mensch, der dem Notleidenden begegnet, wendet sich ihm spontan zu. Keiner hat ihn dazu gezwungen. Was er tut, geschieht freiwillig und ohne eine religiöse Begründung oder eine philosophische Erklärung. Er zeigt wie selbstverständlich bedingungsloses sowie schrankenloses Mitgefühl und persönlichen Einsatz. Und leistet erste Hilfe, ohne dafür Geld zu nehmen.


Der Mensch mit Herz kennt die Grenzen seiner Hilfsmöglichkeiten. Er hat deshalb die Weichen im Blick auf Hilfe zur Selbsthilfe gestellt. Und er nutzt die professionelle Hilfe, die notwendig erscheint, damit der Notleidende wieder auf eigene Füße kommt. Stets bleibt er solidarisch. Und er trägt so etwas wie nachhaltige Verantwortung, weil er sich später noch um den Notleidenden, der von Profis betreut wird, kümmern will.


Viele kennen diese Geschichte vom „Barmherzigen Samariter“, die von Jesus im Lukasevangelium erzählt wird. Ob sich der überfallene Mann in der biblischen Beispielerzählung in das Geschehen eingebracht hat oder als Subjekt der Hilfe einbringen konnte, wissen wir nicht. Auch nicht, ob seine Hörer oder später die Leser über notwendige strukturelle Maßnahmen nachgedacht haben, damit niemand so leicht auf dem Weg überfallen werden kann.


Wichtig erscheint jedoch bis in die heutige Zeit, das Nötige im Möglichen menschlich und zugleich vernünftig zu tun. Es reicht nicht aus, fachlich ein kompetentes Ass, menschlich jedoch ein ichbezogenes Aas zu sein. Natürlich auch nicht ein netter Kerl, fachlich jedoch eine Niete zu sein. Sich mit höflichen Floskeln zu schmücken, aber knallhart über Leichen zu gehen.

Gefragt sind keine Diener, die sich auf Kosten anderer selbst bedienen oder dienern, um Erfolg zu haben. Keine Dienstmädchen, die von ihren Herrschaften abhängig sind und ihr Selbst opfern. Keine Onkel Dagoberts, die nur am Verdienen interessiert sind, weil sie geizig und zugleich raffgierig sind. Auch keine Herrscher im Dienergewand. Wohl aber Menschen, die versuchen, in einer konkreten Situation barmherzig und zugleich vernünftig zu sein - die so handeln, wie sie selbst behandelt werden wollen. Und die darüber hinaus die Strukturen aller vorausschauend zu gestalten beabsichtigen.


Keine trotteligen oder schwärmerischen Menschen, sondern mutige und kluge Diener der Allgemeinheit und der Nächstenliebe, denen Vertrauen geschenkt werden kann, auch weil sie aus der Deckung gekommen sind.

Burkhard Budde


Auf ein Wort

 

Auf der Suche nach Perlen

 

„Ich suche kostbare Perlen“, sagte ein junger Mann. Sein Freund, der gleichzeitig mit seinem iPhone beschäftigt war, hatte ihn erstaunt gefragt: „Äh, warum liest du in einem Buch. Und dann noch in der Bibel?“ „Gehörst du jetzt zu den frommen Gutmenschen?“

 

Doch sein Kumpel ließ sich nicht provozieren. Er antwortete nur: „Hör mal, was hier steht: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde.“ Der Kommentar seines Freundes ließ nicht lange auf sich warten: „Heißer Tobak. Ist nichts für mich. Wer mir blöde kommt, dem komme ich auch blöde.“

 

Manche Aussagen der Bibel sind in der Tat für viele Zeitgenossen schwer verdaulich, besonders die der Bergpredigt im Neuen Testament. Aber das Nachdenken über solche Forderungen Jesu wie der „Feindesliebe“, aber auch generell über biblische Aussagen lohnt sich. Religiöse Texte sind jedoch kein Konsumgut, das man blauäugig betrachtet. Wer jedes Wort wörtlich versteht, fesselt sich selbst, wird geistig unbeweglich, versteckt sich hinter der Form, wird unselbstständig im Denken, macht sich zur instrumentalisierten Marionette von religiösen Eiferern. Um mit den Worten des Apostel Paulus zu sprechen: „Der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig.“(2.Kor.3,6)

 

Um den Geist im Buchstaben zu entdecken, sollte der Leser im Blick auf den jeweiligen Text den damaligen Zeitgeist mitbedenken, seinen Zusammenhang erhellen und ihn von der zentralen biblischen Botschaft her deuten: Gott selbst füllt die leeren Hände des Menschen mit seiner bedingungslosen Liebe. Der Mensch, der an diese Liebe glaubt, ist frei, sich an Gottes Gnade zu binden und zur persönlichen Verantwortung vor Gott. Der Gläubige kann vor allem im Spiegel des Glaubens an Jesus als dem Christus den selbst- und mitleidenden sowie erlösenden Gott entdecken.

 

Wem das zu „fromm“ oder zu „theologisch“ ist, dem hilft vielleicht die „Goldene Regel“ Jesu: „Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch.“ (Mt. 7,12) Sie ist konstruktiv und dient dem Leben. Sie ist initiativ und aktiv, nicht gleichgültig und reaktiv. Ihre Richtschnur sind die eigenen Wünsche, nicht Rachegelüste. Es geht dabei nicht nur um einzelne Lebenswege, sondern um eine Grundhaltung auf allen Lebenswegen.

 

Und die „Feindesliebe“? Sie gehört zum eigentlichen Inhalt der „Goldenen Regel“ und stellt das Herz des Anliegens Jesu dar: „Und wenn ihr nur eure Brüder grüßt, was tut ihr Besonderes? Tun nicht auch die Heiden dasselbe?“ (Mt.5,47) Feindschaft gibt es, leider. Aber im Hören auf das Wort Jesu als eine kritische Kraftquelle  der Unterscheidungsfähigkeit und als lebensdienlicher Kompass der

Verantwortung ist es möglich, den Hassenden von seinem Hass zu trennen. Und vielleicht gelingt es dann in der konkreten Situation mit den richtigen Mitteln, das Nötige im Möglichen zu tun, damit die Person von seiner Feindschaft ablässt.

 

Die Botschaft ist im Alltag präsent, wenn zuerst die Perle – die von Gott geschenkte und unverlierbare Würde eines Menschen – gesehen wird, gerade wenn sie in den Schmutz der Würdelosigkeit gefallen ist. Denn die Perle aller Perlen – Jesus Christus selbst – blieb bis zum Ende Perlenfischer, positiv: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ (Lk. 23, 34)

 

Burkhard Budde


„Keine Marionette der Gefühle“

Bedeutung des christlichen Kompasses

 

Der Kompass christlicher Liebe, der Freiheit und Verantwortung, der Vernunft und Weisheit, diene der Erneuerung der Gesellschaft, aber auch den Institutionen wie den Kirchen, vor allem jedem einzelnen Menschen.

Diese Meinung vertrat Dr. Burkhard Budde, Theologe und Autor aus Bad Harzburg, auf einer Veranstaltung der Kolpingfamilie am 15. März 2019 in Vechelde.


Religiöse Texte oder die Forderung Jesu, barmherzig zu sein, seien kein Konsumgut, das man blauäugig betrachten solle. Ohne den Einsatz der Vernunft, des kritischen Geistes, werde die Grundhaltung der Barmherzigkeit zur Schwärmerei.


Auch der biblische Barmherzige Samariter habe nicht nur persönliche Achtsamkeit und Mitgefühl sowie vorbehaltlose Hilfsbereitschaft gezeigt, sondern sich auch vernünftig im Sinne der Hilfe zur Selbsthilfe verhalten und „professionelle Hilfe“ organisiert.


Budde. „Der Mensch ist keine Marionette seiner Gefühle, sondern frei, den christlichen Kompass in die Hand zu nehmen, der ihm hilft, aus Notlagen den richtigen Weg in der konkreten Situation zu finden.“


Auf ein Wort

 

Der Mehrwert einer Religion

 

Einer sagte: „Wir glauben doch alle an einen Gott!“ Deshalb müssten alle gläubigen Menschen Bündnispartner sein: Alle glauben an einen unvergänglichen Schöpfer, an eine letzte Verantwortungsinstanz und an eine allumfassende Wirklichkeit.

 

Aber dennoch sollten die unterschiedlichen Vorstellungen über Gott nicht unter den Tisch fallen. Besonders der Jesus- und Christusglaube scheidet die Geister. War er „nur“ ein Rabbi oder „nur“ ein Prophet? Oder „doch“ Gottes Sohn, der auferstandene Gekreuzigte - kein Religionsstifter, sondern Inhalt der christlichen Botschaft; kein Heerführer, sondern Friedensstifter; kein Herrscher, sondern ein Diener, der die Füße anderer gewaschen hat?

 

Doch der einzelne fragt weniger nach einer Identität als nach einer Spiritualität, die ihm auf den Nägeln brennt: Kann mein Glaube – an wen auch immer - mich durch Krisen hindurchtragen, mich gewisser und froher machen, mir im Leben Orientierung und Halt sowie Kraft zur verantwortlichen Vernunft geben?

 

Dieser Glaube kann öffentlich bezeugt und gelebt, befragt und kritisiert werden. In Deutschland gibt es die Religionsfreiheit, die Gewährleistung der „ungestörten Religionsausübung“ (Artikel 4 Grundgesetz).

Allerdings ist sie keine kostenlose Eintrittskarte, um auf dem Spielfeld des säkularen Staates religiös ideologisch oder gar religiös gewalttätig zu agieren. Vorausgesetzt  sind die Achtung der allgemeinen demokratischen Spiel- und Verfahrensregeln, die Gesetze sowie die persönliche Verantwortung.

 

Die Religionsfreiheit ist auch kein Freibrief, andere Rechtsgüter zu missachten. Jeder muss seine Religion wechseln oder sich von ihr abwenden können, ohne mit  Anfeindungen rechnen zu müssen.

Keiner bekommt mit der Religionsfreiheit eine Lizenz, sich über Recht und Gesetz zu stellen – auch kein religiöser Rattenfänger, der eine schöne Vision vom Jenseits vorgaukelt; kein religiöser Sittenwächter, der mit kulturellen Verhaltensweisen andere zu bevormunden versucht; kein religiöser Sittenrichter, der die Welt in Gute und Böse, in Gläubige und Ungläubige einteilt; kein religiöser Marionettenspieler, der seine Mitgläubigen beherrscht, ohne dass sie es vielleicht  merken. 

 

Wer die Freiheit als gezinkte Karte missbraucht, um zu täuschen, weil er seine religiöse Ideologie verbreiten und schleichend zum Durchbruch bringen will, unterschätzt die wehrhafte Demokratie. Die angeborene und unantastbare Würde eines jedes Menschen lässt sich auf Dauer nicht instrumentalisieren oder unterdrücken. Die Liebe zur Freiheit ist stärker; sie ermöglicht aufgeklärte Mündigkeit, eigenes Unterscheidungs- und Urteilsvermögen.

 

Die unverlierbare Würde, auch die individuelle Selbstbestimmung in der Frage der Religion,  der Vorrang des weltlichen Gesetzes über dem religiösen Gesetz, Gleichberechtigung und Gewaltenteilung, sind unverhandelbar.

 

Und wenn die Religionsfreiheit im Dienst dieser Würde als pulsierendes Herz der Demokratie steht, werden sich immer mehr Menschen auch für eine Religion öffnen, ihren spirituellen Mehrwert entdecken und Bündnispartner der Würde in Freiheit sein.

 

Burkhard Budde

 

EU mit Augenmaß weiterentwickeln

David McAllister beim Evangelischen Arbeitskreis der CDU

 

Hat die Europäische Union eine Zukunft? Oder gerät die europäische Idee immer mehr „unter Druck“ – durch Gleichgültigkeit, Skepsis, Bürgerferne, vor allem durch Feindschaft sowie rechten und linken Populismus? Werden die Wahlen zum Europäischen Parlament am 26. Mai 2019 eine konstruktive Mehrheit ergeben? Der Ev. Arbeitskreis der CDU in Niedersachsen (EAK) suchte auf einer Tagung im Ev. Bildungszentrum in Hermannsburg am 8.bis 10. März 2019 Antworten.

 

Sein Landesvorsitzender, Pastor Dirk Heuer, zeigte sich davon überzeugt, dass zur Wertegemeinschaft der EU insbesondere die individuelle Würde, die Menschenrechte und Wehrhaftigkeit gehört: „Als eine christliche Stimme in der CDU sowie als Brückenbauer wollen wir diese Basis stärken und ausbauen.“  Harm Adam, Landesvorsitzender der überkonfessionellen und überparteilichen Europa-Union Niedersachsen ergänzte: „Wir Deutschen leben nicht auf einer Insel der Seligen. Europa braucht Offenheit und zugleich Sicherheit, Verantwortung und zugleich Solidarität der Mitgliedsstaaten.“ Die niedersächsische Justizministerin Barbara Havliza sprach von der Bedeutung des Gebotes der christlichen Nächstenliebe auch in der Europapolitik. Zum Frieden in Europa, der kein Selbstläufer sei, gehöre das christliche Verständnis vom Menschen, das helfe, fremdenfeindliches und rassistisches Gedankengut zu bekämpfen.

Als Hauptredner war David McAllister eingeladen, Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses des Europäischen Parlaments. Die Gegner Europas, so der Politiker, würden im Europawahlkampf zum Sturm blasen. Es gebe Fundamentalkritik „mit Schaum vor dem Mund“  - von ganz links bis ganz rechts. Dennoch dürfe man die Gegner nicht alle pauschal in einen Topf werfen. Wichtig seien die inhaltliche Auseinandersetzung und die eigene Positionierung.

„Wir müssen außenpolitisch handlungsfähiger und zu einem souveränen Akteur auf der Weltbühne werden sowie stärker mit einer Stimme sprechen“, forderte McAllister. Es gehe darum, „weltpolitikfähig“ (Jean-Claude Juncker) zu werden, nicht nur „global payer“ („Geldgeber“), sondern auch ein „global player“ („Akteur“) zu sein - wegen des größten Binnenmarktes der Welt und wegen der 500 Millionen Menschen als geballte Marktmacht.

 

Zu den sieben Schwerpunkten europäischer Außenpolitik zählte der Christdemokrat den „Westbalkan“ („Die sechs Länder, die sich unterschiedlich entwickeln, brauchen eine glaubwürdige EU- Beitrittsperspektive. Allerdings müssen noch Hausaufgaben wie die Bewältigung der Korruption gemacht werden.“), die „Europäische Nachbarschaftspolitik“ („Ziel ist es, die 16 Nachbarstaaten im Osten und Süden so eng wie möglich unterhalb der Schwelle der Mitgliedschaft an die EU zu binden.“), „Russland“ („Durch eine Politik der Nadelstiche und der Aggressionen, die völkerrechtswidrige Annexion der Krim im Jahr 2014, die russische Intervention in Syrien, die Unterstützung antieuropäischer Parteien und rechtsextremer Bewegungen, den Einfluss auf Wahlen in der westlichen Welt sowie umfangreiche Menschenrechtsverletzungen im eigenen Land sind Spannungsfelder zwischen der EU und Russland entstanden.“), „Marshallplan mit Afrika“ („Afrika braucht keine Almosen. Afrika braucht eine ausgewogene Partnerschaft.“), „Verteidigung“ („Ziel ist die Etablierung der Europäischen Verteidigungsunion bis 2025.“) „Internationaler Handel“ („Im Interesse unserer Wirtschaft müssen wir den freien und fairen Handel weiter stärken, weitere Handelsabkommen anschließen und die Welthandelsorganisation modernisieren.“) sowie  „Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EU“ („London muss jetzt dringend liefern.“)

Am Beispiel des „Brexit “, so McAllister, werde deutlich, dass die Saat von Populisten und Demagogen mit ihren Halbwahrheiten und dem Versprechen einfacher Lösungen „GUBU“ (englisches Akronym für grotesque, unbelievable, bizarre und unprecedented) erzeugen, „eine groteske, unglaubliche, bizarre und unerhörte Situation“. Das sollte allen Bürgern bei der Europawahl am 26. Mai eine Mahnung sein. Es gelte, die EU mit Augenmaß weiterzuentwickeln.

Burkhard Budde

 


Schöne Worte

Leserbrief in DIE WELT vom 8.3.2019

 

Fehlt dem Visionär Macron eine umfassende Vision? Schöne Appelle wie „Europa neu beginnen“ oder schillernde Worte wie  „Freiheit, Schutz und Fortschritt“ reichen nicht aus, um Menschen zu bewegen. Sie sind Containerbegriffe, die unterschiedlich verstanden werden können und in die jeder etwas anderes hineininterpretieren kann.

 

Macrons Vorschläge im Blick auf europäische Unternehmen, einen Innovationsrat mit Steuergeldern, einen gesetzlichen Mindestlohn und eine soziale Grundsicherung in seinem „neuen Europa“ ergeben noch kein sinn- und identitätsstiftendes Gesamtbild.

 

EU-Länder sollten sich nicht ins nationale Schneckenhaus zurückziehen, die EU sollte sich nicht zu einem Bundes- oder Superstaat ohne Bürger entwickeln, auch nicht zu einem Friedens- und Integrationsprojekt nur von politischen und bürokratischen Eliten für diese Eliten. Die europäischen Puzzlesteine sollten vielmehr so zusammengefügt werden, dass ein stimmiges Gesamtbild, ein Staatenverbund von Nationalstaaten, prozesshaft und zugleich zielführend entstehen kann, der die Mehrheit der Bürger mitnimmt.

 

Dazu gehört die Beachtung des Subsidiaritätsprinzips. Warum wird nicht versucht, mit einem eindeutigen Kompetenzkatalog die Eigenverantwortung auf nationaler Ebene und die Gesamtverantwortung auf europäischer Ebene zu regeln?

 

Ferner gehört zu einer gemeinsamen EU-Zukunft weiterhin die Wirtschaftsgemeinschaft (insbesondere offene Märkte, freier Handel, Wettbewerbsrecht, Stabilitätspakt), die Vertragsgemeinschaft (Unionsbürgerschaft, gemeinsames Asylrecht), die Wertegemeinschaft („Würde“, „Menschenrechte“), die Solidargemeinschaft (insbesondere gemeinsame Sicherheits- und Außenpolitik).

 

Träumt Macron von mehr französischem Protektionismus  und überzogenen Sozialstandards? Dann sind Realpolitiker gefordert, die Menschen wachzurütteln und die alte Vision von einem friedlichen Europa in freier Eigenverantwortung der Staaten mit fairem Wettbewerb zugunsten von Frieden, Freiheit, Sicherheit und Wohlstand sowie eines gemeinsamen Auftretens in der und für die Welt politisch neu zu bewegen.

 

Burkhard Budde

(Zum Kommentar „Macron fehlt Liberalität“ von Thomas Schmid (DW 6.3.2019),

der Leserbrief wurde in DW gekürzt)

 

P.S. Empfehlen kann ich den DW Leitartikel „Der Fluch, der auf Europa liegt“ von Clemens Wergin, der ebenfalls in der heutigen Ausgabe DIE WELT erschienen ist.


Religionsfreiheit ist kein Freibrief

Leserbrief in Frankfurter Allgemeine Zeitung 5.3.2019

 

Wer harte Bretter bearbeiten will, sollte klare Vorstellungen vom Sinn seiner Anstrengungen haben, damit ihm nicht die Puste ausgeht:

 

Die personelle Zusammensetzung der Deutschen Islamkonferenz ist eine ureigenste Aufgabe des Einladers, gleichsam des weltanschaulich neutralen Staates. Wenn repräsentative Vielfalt und zugleich fachliche Kompetenz wichtig sind, dann gehören selbstverständlich auch religionskritische Muslime und religionskritische Christen dazu.

 

Die inhaltliche Gestaltung der Konferenz wird erfolgreich, wenn nicht nur ein Austausch von Nettigkeiten stattfindet oder schöne Sprechblasen produziert werden, sondern über die harten Bretter wie „Religionsfreiheit in einem freien Land“ offen und öffentlich, fair und ehrlich, kritisch und konstruktiv gesprochen wird, um eine besseres gegenseitiges Verstehen, ein vertiefteres Verständnis untereinander und eine gemeinsame Verständigung auf dem Weg zur friedlichen Einheit in der religiösen und weltanschaulichen Vielfalt zu erzielen.

 

Die politische Zielsetzung einer solchen Konferenz sollte der Versuch sein, einen Konsens über die Interpretation der Religionsfreiheit in Deutschland im Sinne des Grundgesetzes zu schaffen.

Die Religionsfreiheit scheint der Schlüssel vieler Herausforderungen der sozialen, zivilen und kulturellen Integration zu sein, mit dem der Rechtsstaat als Rahmen aller, die Berufs-, Arbeits- und Freizeitwelt als Perspektive aller, die Sprache, Alltagskultur, Bildung, Geschichte und Traditionen als Bedingung aller eine gemeinsame Zukunft eröffnet.

Ein Konsens könnte zum Beispiel so lauten:

 

Die Religionsfreiheit ist keine kostenlose Eintrittskarte, um auf dem Spielfeld des weltanschaulich neutralen Staates beliebig, willkürlich, religiös ideologisch oder gar gewalttätig zu agieren. Die unabdingbaren Voraussetzungen für die Gewährleitung der ungestörten Religionsausübung (Artikel 4 Grundgesetz) sind vielmehr die Achtung der allgemeinen demokratischen Spiel- und Verfahrensregeln, das Recht und die Gesetze sowie die persönliche Verantwortung.

Sie ist auch kein Freibrief, andere Rechtsgüter zu missachten, Mitspieler oder Gegenspieler zu foulen, zu bedrohen, anzufeinden, verächtlich zu machen, wenn sie ihre Religion wechseln oder sich von ihr abwenden.

 

Keiner bekommt mit der Religionsfreiheit eine Lizenz, sich über Recht und Gesetz zu stellen – auch kein religiöser Rattenfänger, der eine schöne Vision vom Jenseits vorgaukelt; auch kein religiöser Sittenwächter, der mit kulturellen Verhaltensweisen andere zu bevormunden versucht; auch kein religiöser Sittenrichter, der die Welt in Gute und Böse, in Gläubige und Ungläubige einteilt. 

Wer die Religionsfreiheit als gezinkte Karte missbraucht, um zu täuschen, weil er seine religiöse Ideologie verbreiten und schleichend zum Durchbruch bringen will, unterschätzt die wehrhafte Demokratie. Im demokratischen Rechtsstaat lässt sich die angeborene und unantastbare Würde eines jedes Menschen auf Dauer nicht instrumentalisieren oder unterdrücken.

 

Die Würde, auch die individuelle Selbstbestimmung in der Frage der Religion, religiöse Gewaltlosigkeit, der Vorrang des weltlichen Gesetzes über dem religiösen Gesetz, Gleichberechtigung und Gewaltenteilung, sind in einer säkularen Demokratie mit der Trennung von Staat und Religion unverhandelbar.

 

Und wenn die Religionsfreiheit im Dienst dieser Würde, der Freiheit und des Friedens steht, werden sich immer Menschen auch für eine Religion öffnen.

 

Burkhard Budde

Leserbrief zum Artikel „Harte Bretter“ von Reinhard Bingener und Helene Bubrowski

(F.A.Z. vom 26.2.2019).


Auf ein Wort

 

Wenn Naseweis auf die Nase fällt

 

Naseweis winkt ab. Er weiß schon alles. Alles über Kleinigkeiten und Nichtigkeiten, über Wichtiges und Bedeutsames, über Vergangenes und Zukünftiges. Mit feiner Nase spürt er selbst im Nebel des Unbekannten und Geheimnisvollen das auf, was ihm gefällt oder missfällt. Er riskiert eine dicke Lippe, wenn er im Wald keine Bäume mehr sieht. Und überhaupt: Muss er alles wissen? Hat er nicht auch ein Recht auf Nichtwissen? Dann empört er sich lieber, als nüchtern nach- oder weiterzudenken.

 

Auch der Besser- und Alleswisser, der alt geworden ist und ein ideologisches Gewand trägt, meint  alles schon zu wissen. Er ist mächtig, weil seine Dummheit übermächtig ist und andere ohnmächtig zu machen versucht. Er merkt nicht, dass ihm ein Geländer des Wissens, ein Kompass des Gewissens und die Quelle der Menschlichkeit fehlen. Dass er getrieben wird von Ängsten, nicht anerkannt zu werden und sich nicht durchsetzen zu können. Von Vorurteilen, Hochmut und Unwissenheit. Und dass er dadurch den Halt, die Orientierung und die Gemeinschaftsfähigkeit verliert.

 

Eigentlich müsste Naseweis seinem Namen alle Ehre machen. Und „weise“ sein, nicht dumm bleiben oder „nur“ klug werden. Sondern darüber hinaus Erkenntnisse und Einsichten gewinnen, Zusammenhänge, Ursachen und Wirkungen bedenken und einen roten Sinnfaden im ganzen Geschehen entdecken. Und dann das Nötige im Möglichen tun.

 

Aus einem neunmalklugen Naseweis muss kein altkluger Grünschnabel, keine empfindliche Mimose oder  kein schüchternes Mauerblümchen werden. Vielmehr hat jeder wissende Unwissende und jeder unwissende Wissende die Chance, ein mutiger und neugieriger Entdecker zu werden, der aufgeklärt mündig zu leben wagt, sich unabhängig von anderen Meinungen eine eigene Meinung zu bilden, Wissen kritisch hinterfragen, auch selbst recherchieren und abwägen kann.

 

Wer wie ein nie erwachsen gewordener Naseweis auf dem Meer des Lebens mit seinem kleinen Kahn des Wissens  herumschippert und behauptet, dass es nur diesen einen Kahn gebe, darf sich über die Stürme des Lebens nicht wundern, die alles (Un-)Wissen und alle (Un-)Gewissheiten durcheinanderwirbeln und gefährden können. Wer jedoch auf der (Wissens-)Spur des Geheimnisses des Lebens bleibt, kann weise werden: Auch oder gerade weil alles Wissen Stückwerk bleibt, auch oder gerade weil alles Wissen auf der Erde keine Liebe und keine Neuanfänge ersetzen kann, ist weises Wissen besser als unkluges Unwissen.

 

Denn erneuertes und neues Wissen, das sich mit schöpferischer Kraft und phantasievollen Visionen verbündet,  hilft selbst einem Naseweis, nicht auf die Nase zu fallen. Vielmehr aufrecht und wissensdurstig auch die letzte Quelle neuen Vertrauens und neuer Verantwortung zu suchen und ein glückliches Leben nach bestem Wissen und Gewissen zu finden: In, vor und durch Gott, dem Anfang und das Ende aller Weisheit und Liebe.

 

Burkhard Budde


„Ein anrührendes Buch und Fundus der Inspiration“

 

Erstes Echo auf das Buch „Erkennen, anerkennen, bekennen“

 

Der Leser hat das letzte Wort – er behält die Freiheit, sich eine eigene Meinung zu bilden. So heißt es in einem Artikel über das Buch „Erkennen, anerkennen und bekennen“, der im neuen Gemeindebrief der Luthergemeinde Bad Harzburg (März bis Mai 2019) erschienen ist. Der Autor Burkhard Budde, der in Bad Harzburg lebt, habe einen „lebensnahen Ratgeber mit 45 Denkanstößen geschaffen, ohne den moralischen Zeigefinger zu heben oder ohne ethische Rezepte anzubieten“.

 

Zum bisherigen Echo auf das Buch, das im BoD-Verlag in Norderstedt erschienen ist und in jeder Buchhandlung zum Preis von 6.90 Euro bestellt werden kann gehören verschiedene Stimmen; einige Beispiele:

 

Jörg Kleine, Chefredakteur der Goslarschen Zeitung, schreibt in seiner Zeitung: „Budde hat eine Mission, ohne missionarisch zu wirken: Mitgefühl, Toleranz, Verständnis, Vernunft, Vertrauen sind seine Leitmotive, die er mitten in der Gesellschaft platziert.“

 

Ein Jurist aus Braunschweig meint in seiner Mail: „Ein anrührendes Buch. Sie haben die große Gabe, ihre Leser auf das Wichtige im Leben zu fokussieren.“

 

Ein Historiker aus Braunschweig betont in seinem Brief: „Es sind ungeheure Anregungen und sehr kluge Gedanken darin, aber auch Anstöße, über die es lohnen würde, in Ruhe zu diskutieren.“

 

Ein Professor aus Trier berichtet: „Zum Thema „Neuanfang“ habe ich Sie in meinem Aufsatz zitiert.“

 

Ein Politiker und Staatssekretär aus Berlin bedankt sich: „Das Buch gibt dem Leser Denkanstöße und bietet Hilfestellung bei Fragen des Lebens.“

 

Ein Lehrer aus Wolfsburg ermutigt zum Lesen des Buches: „Menschen, die „mit Werten führen“ wollen, ist dieses Buch ein Fundus der Inspiration. Ich habe hier viele passende Aufhänger für geistliche Ansprachen oder Gesprächsimpulse gefunden. Das Buch ist eine Quelle thematisch vielfältiger Ideen. Wer sein eigenes Leben konstruktiv in die Hand nehmen will, der sollte hier hineinlesen und sich inspirieren lassen.“

 


Auf ein Wort

 

Teufel verscheuchen

 

Den Teufel sollte man lieber verscheuchen. Er nimmt sich so schrecklich wichtig, wertet andere ab, grenzt sie aus und vergiftet das Klima. Vor allem kennt er keinen Humor, ist bierernst und bitterernst, wirkt muffelig und gelangweilt. Als Engel verkleidet öffnet er die Hölle. Doch wer will mit Höllenqualen leben?

 

Einen Engel sollte man lieber bei sich haben. Er hat Verständnis, wenn der aufgestaute Dampf  der Verletzungen ein Ventil braucht, um abgelassen zu werden. Auch dass es im Leben Masken geben muss, um eigene Schattenseiten zu verstecken oder sie selbst in der Fratze zu entdecken. Vor allem liebt ein Engel die Wahrheit, hält einem Menschen liebevoll den Spiegel vor, so dass er sein Status-, Titel-, Macht- und Erziehungsgehabe, aber auch seine unbegründeten Ängste wahrnehmen kann. Als Teufel verkleidet bleibt die Hölle verschlossen. Denn wer wollte nicht über die Abgründe der Hölle fliegen können, sich selbst leicht nehmen, den Überblick gewinnen, seine Geschaffenheit, seine Vergänglichkeit, seine Unvollkommenheit wahrnehmen, um wieder neu zu sich selbst und zum Mitmenschen zu finden, frei zu sein, sich zu entwickeln?



Auf der Bühne des Karnevals des Lebens tummeln sich neben Teufel und Engel auch Clowns.

Einer von ihnen haut ordentlich auf die Pauke, verdreht anderen das Wort im Mund, spricht aber bei Ungerechtigkeiten, wenn andere den Mund halten. Er steht Kopf und stellt die Dinge auf den Kopf. Manchmal haut er sich auf die eigenen Schenkel und lacht über sein eigenes Misslingen. Dann macht er Luftsprünge und fällt auf die Knubbelnase. Und steht wieder auf.

 

Die einzigartige Macht eines Clowns beginnt, wenn ein (Möchtegern-, Schein-) Mächtiger sich ertappt fühlt, sich die Augen reibt, weil er Bekanntes, sich selbst im Clown wiederfindet. Und dann anfängt, den Teufel in seinem Inneren zu vertreiben, um seinen Engelgefühlen eine Chance zu geben: Nicht alles wird auf die Goldwaage gelegt, wenn ein anderer ins Fettnäpfchen tritt. Er kommt nicht ständig  auf moralischen Stelzen daher und schiebt anschließend anderen die Schuld in die Schuhe, wenn er Schiffbruch erlitten hat. Er amüsiert sich nicht länger auf Kosten anderer und kann über seine eigene Wichtigtuerei  schmunzeln.

 

Wenn der allmächtige Gott den Sinn „sinnlosen Treibens“ kennt, dann können doch wohl Engel, Teufel und Clowns, Mächtige und Ohnmächtige, ohnmächtige Mächtige und mächtige Ohnmächtige, über Spaß- und Witzemacher lachen. Und ihre innere Freiheit gegenüber dem Ernst des Lebens gewinnen.

 

Burkhard Budde


Willkommen in „Matzeknopien“

„Matze“ Knop in Hannover

 

 

 

 

Du bist willkommen. Jedenfalls in „Matzeknopien“ bei „Matze“ Knop. Der 1974 in Lippstadt geborene Comedian mit „verfälschter Sprache“ kam am 22.Februar 2019 nach Hannover ins Theater am Aegi „zu dich gefliescht“. Und lud seine Fans ein, über das Land der Träume, der Wünsche und Bedürfnisse mit offenen Grenzen nachzudenken.

Im Land „Matzeknopien“, im Zerrspiegel des ironischen Humors, der sarkastischen Seitenhiebe, der trockenen Parodie, wartet das langersehnte heimliche Glück. Oder wenigstens ist es „dran an mich“, wenn vor allem die Themen Fußball, Geburt, Liebe, Religion und Politik, aber auch die Dialekte vom Sänger, Imitator und Parodisten ganz schön auf die Schippe genommen werden.

Und wen will man schon nach „Matzeknopien“, in die neue Heimat, mitnehmen, wenn es überall, zu jeder Zeit und bei jedem – besser in jedem Menschen – zu finden ist, nämlich im eigenen Herzen. Es ist immer schon da, jedenfalls wenn man Matthias Knop Glauben schenkt. Und heißt den Neubürger ohne Bedingungen, aber mit einem verschmitzten Lächeln willkommen.

 

Burkhard Budde


Auf ein Wort

 „Wehrhafte Demokratie“ ?!

 

Ist diese Vorstellung ein eitles Hirngespenst oder nur ein naiver Wunsch? Kann eine „wehrhafte Demokratie“ Kräfte mobilisieren, die das Haus der freiheitlichen Demokratie zukunftsfähig machen?

 

Eine Vision muss kein Luftschloss von Ideologen sein, die die Menschheit mit ihrer einzigen Wahrheit (zwangs-)beglücken wollen. Auch kein abgeschiedener Elfenbeinturm von Eliten, die die Menschheit (ent-)täuschen, weil sie doch nur an sich denken.

 

Ich glaube an ein Haus der „wehrhaften Demokratie“, das viele Räume hat. Um die Vielfalt dieser Räume erschließen zu können, bleiben die Verbindungstüren offen, gibt es überall Rechts- und Chancengleichheit, Wechsel- und Entwicklungsfreiheit.

 

Das Haus mit den unterschiedlichen Räumen ist auf einem gemeinsamen Fundament gebaut, „im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen“, zu dem die unantastbare Würde eines jeden Menschen, die Grund- und Menschenrechte gehören. Die „Würde“ ist unverhandelbar, kein Angebot à la carte, sondern ein universeller und zugleich individueller Anspruch eines jeden Menschen.

 

Die Hausordnung, die für alle gilt, spiegelt sich in den Gesetzen wider, die mehrheitlich verändert, gerichtlich kontrolliert und öffentlich diskutiert werden können. Sie regelt auch die demokratischen Verfahren, die Arbeit der demokratischen Institutionen sowie den Rahmen einer unabhängigen Justiz und Presse.

 

Das Klima in diesem Haus ermöglicht soziale, zivile und kulturelle Integration. Im Idealfall sind alle Bewohner bemüht, sich mit Vertrauen, Respekt, Fairness und Wahrhaftigkeit verantwortungsbewusst friedlich zu begegnen. Sie vermeiden Sonder- und Parallelwelten, vor allem kämpfen sie gegen den Geist des moralischen und religiösen Eifertums, der sich häufig mit Unwissenheit und Überheblichkeit verbündet. Aber auch gegen totalitären Extremismus, heuchlerischen Fanatismus und ängstliches Duckmäusertum.

 

Die Haustüren können geöffnet werden, um Menschen in Not zu helfen, aber auch um mit anderen Häusern zusammenzuarbeiten. Die Türen bleiben jedoch für die verschlossen,  die Hass und Intoleranz, Gewalt und Unfrieden mitbringen, die vor allem das Fundament des Hauses zerstören wollen: Die Würde und die Freiheit des Einzelnen, die Gewaltenteilung, die Trennung von Staat und Religion, Gleichberechtigung…

 

Das Haus insgesamt muss ständig erneuert werden, damit es nicht eines Tages wie ein Kartenhaus in sich zusammenfällt. Es braucht vor allem viele engagierte Menschen, die von seinen Besonderheiten sowie seiner  Entwicklungsfähigkeit überzeugt, sogar begeistert sind, aber auf dem Teppich täglicher Herausforderungen bleiben. Es braucht demokratische Kräfte – wertorientierte, soziale und wehrhafte -, einen langen Atem, immer wieder frischen Wind durch geöffnete Fenster.

Damit eine demokratische Vision, eine vorweggenommene Zukunft, in Vernunft und Würde entdeckt und gelebt werden kann.

 

Burkhard Budde


„Rote Linien“ einer wehrhaften Demokratie

Diskussion über „Toleranz“ am Ort Lessings

 

Gibt es „rote Linien“ in einer liberalen Demokratie? Frank Oesterhelweg, Vizepräsident des Niedersächsischen Landtages, tritt für eine „wehrhafte Demokratie“ ein, die Grenzen der Toleranz kennt. Auch für Christoph Bors, Landesbeauftragter der Konrad-Adenauer- Stiftung in Niedersachsen, ist „gelebte Toleranz“ im Geiste der Aufklärung in einer wehrhaften Demokratie möglich und nötig.

An der Wirkungsstätte Gotthold Ephraim Lessing, der ab 7. Mai 1770 als Bibliothekar in der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel tätig war, wurde am 13. Februar 2019 das „existentielle Thema“ aus verschiedenen Perspektiven diskutiert. Über 200 Teilnehmer waren der Einladung der Konrad-Adenauer-Stiftung gefolgt.

Diskussionsteilnehmer waren nach einer historischen Betrachtung zum Begriff „Toleranz“ von Prof. Dr. Peter Burschel, Direktor Herzog August Bibliothek, Michael Fürst, Präsident Landesverband Jüdischer Gemeinden in Niedersachsen, Dr. Yazit Shammout, Geschäftsführer DANA Senioreneinrichtungen GmbH Hannover sowie Dr. Burkhard Budde.


Zum Valentinstag

 

Liebende

 

Der bewegte Bauch sagt „Si“,

der kühle Kopf „Wie?!“

 

Der Mund haucht: „Ich liebe dich“.

Das Herz flüstert: „Nur dich“.

 

Liebende sind verzückt,

doch nicht ständig  entrückt.

 

Gefangen auf Wolke sieben

gelten nur noch Triebe.

Befreit durch Kopf und Herz

ist Leidenschaft kein Scherz.

 

Vertrautheit ist ihr Glück

und Vertrauen ihr Kick.

Die Liebe, die nicht nur schlummert,

überwindet manchen Kummer.

 

Kostbar und mächtig,

reift sie würdig und bedächtig.

 

Liebende entdecken den Sinn

im Vollzug ihrer Liebe mit Gewinn

 

und das „Bitte, was?!“

als eine schöne Last.

 

Burkhard Budde

   

P.S. Und Valentin? Er soll im dritten Jahrhundert „gute Taten“ vollbracht haben. Zum Beispiel als Mönch Liebespaaren Blumen aus dem Klostergarten geschenkt, als Bischof heimlich Paare christlich getraut, als Person dem Kaiser widersprochen haben. Und er scheint für seine „Taten der Liebe“ hingerichtet worden zu sein.

Und der Valentinstag am 14. Februar 2019? Der erinnert wohl nicht nur an einzelne Vögel, die sich anfangen zu paaren. Sondern vor allem an die „Macht der Liebe“, die Gleichgültigkeit und Ohnmacht, aber auch Hass und Neid überwinden kann. Und an den einzelnen Menschen, in dem ein schlummernder Valentin darauf wartet, geweckt zu werden.


Auf ein Wort

 

„Wasser“ statt „Wein“ ?

 

Etikette kann wichtig sein. Wer Benimmregeln beherrscht, hat auf dem gesellschaftlichen Parkett größere Erfolgsaussichten. Auch Etiketten können sich als nützlich erweisen. Bei der Suche nach einem bestimmten Produkt sind Aufkleber hilfreich.

 

Das schnelle Etikettieren eines Menschen im Meinungskampf ist jedoch problematisch. Einem Menschen - zwar unsichtbar, aber erlebbar – einfach ein beleidigendes Etikett auf die Stirn zu kleben, ist unfair, ungerecht und würdelos. Und ob der Etikettierer selbst gerne mit einem solchen Etikett auf seiner Brust herumlaufen, bewertet, festgelegt, einsortiert und ausgegrenzt würde?!

 

Wer beispielsweise alle Andersdenkenden, obwohl sie sich im Rahmen unseres Grundgesetzes bewegen, einfach als „Rassisten“ etikettiert, verweigert die inhaltliche Auseinandersetzung. Er arbeitet sogar den wirklich unbeweglichen Köpfen in die Hände, die sich über andere Menschen erheben und Gruppen auszuschließen versuchen. Weil für sie dann eine Bezeichnung fehlt, können sie weiterhin im Nebel der Begriff- Losigkeit ihr menschenverachtendes Unwesen treiben.

 

Aber auch Etikettenschwindel sollte rechtzeitig entlarvt werden, damit niemand später böse Überraschungen erlebt. Es gibt große Enttäuschungen, wenn das Etikett auf einer Flasche „Wein“ verspricht, aber sich in der Flasche „Wasser“ befindet. Oder wenn auf dem Türschild „Menschlichkeit“ steht, aber im Innern eines Hauses nur wenig Wertschätzung und Annahme erfahrbar sind. Entweder spiegelt ein Etikett die „Sache“ glaubwürdig wider oder es sollte lieber auf eine Etikettierung verzichtet werden.

 

Das Etikett „Religionsfreiheit“  auf einem schönen Pferd mit Namen Troja ist dann kritisch zu hinterfragen. Welches Verständnis von Freiheit befindet sich im Bauch des Pferdes, welches Verständnis ist gemeint? Etwa nur die Freiheit, sich öffentlich zu einer Religion zu bekennen? Aber nicht auch die Freiheit, sich von einer Religion abzuwenden, sie zu wechseln oder auch ohne Religion leben zu wollen? Dient die „Religionsfreiheit“ nur den eigenen Interessen oder vor allem der individuellen Freiheit aller, auch der Selbstbestimmung der Frau?

 

Eine zentrale Orientierung  gibt das Leuchtfeuer der „unantastbare Würde“ des Grundgesetzes: Alle Menschen sind aus einem Holz geschnitzt, sind gleichwürdig, -wertig und -berechtigt. Die offene Gesellschaft  ist offen für die Vielfalt der Religionen und Nichtreligionen im Rahmen des demokratischen Rechtsstaates, aber sie braucht, um offen zu bleiben, die Einheit und den Vorrang der Grund-, Freiheits- und Menschenrechte. In Wehrhaftigkeit, nicht in der Haltung eines Zuschauers.

 

Mutige Verbündete im Geist der Menschenwürde und der politischen Vernunft verzichten auf ständiges Etikettieren, vor allem auf Etikettenschwindel. Weil sie ihre Werte vor- leben.  

 

Burkhard Budde 


Auf ein Wort

 

„Muss ich ein Kopftuch tragen?“

 

Sophie und ihr Vater fahren zum ersten Mal mit dem Zug in eine große Stadt. Das aufgeweckte Kind ist sechs Jahre alt und immer auf Entdeckungsreise.  Schon am Bahnhof fällt Sophie das bunte, aber auch unbekannte Leben auf.

 

Ein alter Mann, der einen dicken Bart trägt, eilt mit seiner jungen Frau vorbei, deren Gesicht mit einem Tuch eingerahmt ist, so dass man kein einziges Haar nicht sehen kann. Sophie  fragt wissbegierig ihren Vater: „Papa, warum trägt die Frau ein Kopftuch?“ Der Vater, der bei dem Geschiebe und Gedrängle andere Sorgen hat,  antwortet nur kurz: „Weiß ich nicht genau. Hat etwas mit ihrer Kultur zu tun.“ Sophie gibt sich jedoch mit der Antwort nicht zufrieden. „Warum trägt denn ihr Mann kein Kopftuch?" Der Vater scheint jetzt ein wenig genervt zu sein: „Weiß ich auch nicht. Das hat wohl etwas mit der Religion zu tun.“ Sophie denkt kurz nach, dann sucht sie fast ungläubig die Augen des Vaters: „Macht denn Gott Unterschiede zwischen Mann und Frau?“  „Wir müssen jetzt den Bus erreichen“, versucht der Vater abzulenken. „Später können wir darüber sprechen“. Doch Sophie lässt nicht locker: „Muss ich später auch ein Kopftuch tragen?“ Da fällt dem Vater doch eine „gute Antwort“ ein. „Wenn du eines Tages in den Iran oder nach Saudi Arabien fährst, dann musst du ein Kopftuch tragen.“ „Sind das die Länder“, erwidert Sophie, „in die Mama auf keinen Fall reisen will?“

 

Was Sophie gefragt und beobachtet hat, beschäftigt den Vater dann doch. Er macht sich schlau.

 

Ist das Kopftuch ein Zeichen einer „tugendhaften“ Frau, die sich von anderen Frauen abgrenzt? Sind Frauen, die kein Kopftuch tragen, „ehrlos“?

 

Ist das Kopftuch ein Zeichen einer „geschützten“ Frau, die vor Männern, ja vor sich selbst geschützt werden muss, damit sie männliche Phantasien nicht provoziert? Ist eine Frau nur ein sexuelles Objekt, ein Mann nur ein triebhaftes Subjekt?

 

Ist das Kopftuch ein Zeichen einer „gehorsamen“ Frau, die keine „widerspenstigen“ Fragen stellen darf, wenn Männer den Koran wörtlich verstehen, um ihre Macht in der Ehe und Familie nicht zu verlieren oder auf Augenhöhe teilen zu müssen? Darf die Frau nicht selbst bestimmen, was sie auf dem Kopf trägt und was sie im Kopf denkt, sich nicht selbst bestimmen?

 

Oder sollte das Kopftuch ein Zeichen einer „freien“ Frau sein, die sich nicht mit den Versuchungen der modernen Welt auseinandersetzen will (und darf)?

 

Viele Fragen für den Vater. Aber er weiß, dass echte Freiwilligkeit aus Einsicht und ohne Droh- und Angstkulisse sowie bevormundenden Zwang wichtig ist. Und dass es zur unantastbaren und kulturell unverhandelbaren Würde aller Menschen sowie zur individuellen Selbstbestimmung gehört, das Kopftuch ablegen zu können oder nicht aufsetzen zu müssen – integriert in eine Kultur der Freiheit und der Gleichberechtigung. In der sowohl seine Tochter, die Christin ist, als auch muslimische Mitbürger gemeinsam und friedlich leben.

 

Burkhard Budde

 

Auf ein Wort

 

Die Sprache des Häuptlings

 

Hat „er“, „sie“, „es“ den Stein der Oberweisen gefunden? Will der Oberhäuptling damit seinen Ruhm mehren, sein Reich erhalten, festigen und ausbauen? Soll sein Volk erzogen werden? Oder will er nur von anderen Problemen, die er hat, ablenken? Weiß „man“, was man tut, der Sprache mit verordneter „Gendergerechtigkeit“ antut?

 

Stolz, vielleicht auch mit geschwollener Brust, zugekniffenen Augen und offenem Mund, spricht „einer“, „eine“, „eines“ vom „wichtigen Signal“ für das Land. Und Buschtrommeln der Eiferer verbreiten die „geschlechtergerechte Verwaltungssprache“. Die Indianer, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter (besser „Mitarbeitenden“?), sollen zum Beispiel nicht länger vom Rednerpult sprechen, sondern von „Redepult“, nicht von Lehrerinnen und Lehrer, sondern von „Lehrenden“ nicht von Stadträtinnen und Stadträten, sondern von „Ratenden“.

 

Ob die Menschen in seinem Reich die Augen verdrehen, den Kopf schütteln, vor allem die neuen, gendergleichen Steine einfach schlucken? Ob die jetzt „Ratenden“ einfach zur Tagesordnung übergehen, weil die spitzen Steine, die ideologisch und politisch Bände sprechen, im Hals steckengeblieben sind und sprachlos machen?

 

Wo liegt denn dieses Reich, das eigentlich durch eine identitätsstiftende  Sprache zusammengehalten werden soll? Im Land der Pferde. Wer hier allerdings hoch zu Ross daherkommt und den weiblichen Gast als „Gästin“ bezeichnen würde, braucht sich nicht zu wundern, dass er bei der Begegnung mit einer selbstbewussten und gleichberechtigten Frau auf die Nase fällt.

 

Und ein Oberhäuptling ohne sprachlichen Stallgeruch, aber mit erhobenem Zeigefinger, der das Sprachgefühl vieler verletzt, kann schnell bei der nächsten Wahl auf die Wiese der Bedeutungslosigkeit geschickt werden. Hier kann er sich sprachlich austoben. Denn auch er hat das Recht auf Denk-, Meinungs- und Sprechfreiheit. Und er wird dann nicht durch eine Anweisung von oben gezwungen, „sprachkorrekt“ sein zu müssen, keine Rücksicht auf Sprachklang und Sprachmelodie  nehmen zu müssen. Vielleicht lernt er jedoch auch, dass z.B. „Lehrer“ die Lehrerin mitmeinen kann,  dass  das Neutrum im Deutschen nicht sexualisierbar ist. Dass „Oberhäuptling“ sexusneutral ist, Frauen und Männer gleichermaßen bezeichnet.

 

Und dass alte sowie lebendige Steine der Erkenntnis neu gefunden werden können. Nicht nur auf einer Spielwiese, sondern mitten im Sprachalltag.

 

Burkhard Budde


Auf ein Wort

 

Sind die Gedanken frei?

 

Gibt es Gedankenfreiheit? Oder herrschen Denkverbote? Immer wieder wird versucht, das Denken  zu zensieren oder gar zu unterdrücken. 

 

„Wenn mein Chef, der ein Choleriker ist, seine Sprüche klopft und ausrastet“, verrät ein Mitarbeiter, „halte ich den Mund. Und denke mir nur meinen Teil.“ Und wie denkt der Chef über diesen Mitarbeiter? „Ein Langweiler ohne eigene Meinung“, erzählt er schmunzelnd einem Freund.

 

Die Wahrnehmung der Gedanken eines Mitmenschen ist nicht so einfach. Und zwischen Fremdwahrnehmung und Selbstwahrnehmung  liegen häufig Welten.  Aber dennoch ist die „Denke“ nicht unwichtig. Denn wie einer über einen Menschen denkt, so verhält er sich auch. Sieht ein Geschäftsführer beispielsweise seinen Angestellten vor allem als bloßen Kostenfaktor und nicht auch als kompetenten Partner im Team, das das Geschäft voranbringen soll,  hat das Konsequenzen für sein konkretes Handeln. Und natürlich auch für die Motivation und das Engagement eines Mitarbeiters.

 

Doch bleiben die Gedanken stets frei?

 

Die Gedankenwelt eines Menschen ist eine verrückte Kopfwelt. In ihr wird nicht selten Karussell gefahren, das sich manchmal langsam, mal schneller dreht. Gedanken kommen, bleiben, machen schwindelig, verschwinden, verstecken sich, kehren zurück. Sie verlassen das Karussell, gehen auf Wanderschaft, erleben Höhen und Tiefen, Abgründe und Sackgassen, können sich im Gestrüpp verfangen. Manchmal spielen sie den Staatsanwalt und zugleich den Richter, manchmal den Angeklagten und den Sündenbock. Manchmal sind sie Trittbrettfahrer oder Schwarzfahrer. Immer wieder gibt es Kopfgeburten, die unheimlich sind, weil sie von Trieb- und Ohnmachtsvorstellungen gezeugt sind, vom Verschwörungswahn und peinigenden Erinnerungen getrieben und nur noch Freunde und Feinde kennen.

 

Spätestens jetzt sollte das Denken von den entmündigenden Fesseln befreit werden. Denken kann durch Denken gestaltet und gelenkt werden: „Lass dich nicht auf falsche Gedanken bringen!“ „Denk darüber nach!“ „Denk positiv und wohlwollend.“ Denn wenn einer bewusst denkt, existiert er. Und wenn er existiert, kann er denken, nach- und durchdenken, vor- und weiterdenken, quer- und neudenken.

 

Gefühle können das Denken befeuern. Das Denken, das mehr ist als ein Sammelbecken für unterschiedliche Ideen, kann Gefühle kritisch kultivieren, sie überwachen, deuten und einordnen. Um souverän, selbstständig und frei im Denken zu bleiben. Und um eine Spur der Verantwortung, der Fairness und des Glücks zu hinterlassen.

 

Burkhard Budde


Auf ein Wort


Tratschen und klatschen

 

Alle kennen diesen Cocktail, der diskret indiskret zubereitet wird. Viele trinken ihn sehr gerne, wo er auch immer serviert wird. Und geben schnell ihren Senf dazu, um ihn noch schmackhafter zu machen.

 

Seine Mischung aus Halbwissen und Halbwahrheit, aus Intimität und Exklusivität, macht den Mund wässrig, den Kopf neugierig und beflügelt die Phantasie. Es schmeichelt der Zunge, wenn beim Sprechen über einen Abwesenden geschenktes Vertrauen und ungesicherte Beredsamkeit oszillieren. Wenn dann alle tratschen und klatschen, klatscht es in der verschworenen Gemeinschaft Beifall. Je häufiger ein Cocktail angeboten und getrunken wird, desto besser scheint er zu schmecken. Und der Cocktail wird nicht kritisch hinterfragt.

 

„Haben Sie schon gehört, dass unsere verheiratete Kollegin wieder einen neuen Freund hat?“ tuschelt einer hinter dem Rücken. „Schon wieder?!“ empört sich seine Gesprächspartnerin, die kein Sozialmuffel sein will. „Ich weiß gar nicht, was die Männer an ihr finden.“ Aber nicht nur Tugendwächter oder Sittenrichter tratschen häufig. Im privaten Kreis versuchen fast alle Menschen, mit Hilfe von Klatsch und Tratsch Dampf abzulassen und Frust abzureagieren: „Ausgerechnet der Typ, der unfähig ist, hat die Stelle erhalten. Und wagt es, mich zu beleidigen und zu demütigen. “

Klatsch und Tratsch gehören schon immer zum Leben der Menschen dazu. Sie sorgen sogar für eine gewisse soziale Kontrolle. Wer Angst vor dem Getuschel hinter vorgehaltener Hand hat, weil er seinen guten Ruf verlieren könnte, verzichtet vielleicht eher auf einen (weiteren) Seitensprung oder auf Missachtung ungeschriebener Gesetze.

 

Einen Schuss Neid, Rechthaberei oder Wichtigtuerei kann ein Cocktail noch vertragen. Wenn jedoch aus dem „normalen“ Cocktail ein ungenießbarer Giftcocktail wird, ist Schluss mit lustig. Üble Nachrede gehört beispielsweise dazu, bewusst Mitmenschen zu verunglimpfen und ihnen mit falschen Tatsachenbehauptungen zu schaden.

 

Ein Maulwurf, der nicht nur über einen abwesenden Menschen lästert, sondern ihn vielleicht auch mit Verleumdungen ruinieren will, braucht argumentativen Widerspruch: Sind seine Quellen wirklich seriös und unabhängig? Cui bono? Wem nützt der Infofetzen? Ist die andere Seite gehört worden? Und wenn es so wichtig und existentiell ist: Warum wird nicht das gemeinsame Gespräch gesucht? Oder der Rechtsweg?

 

Denn dieser unsichtbare Cocktail schadet dem Frieden und zerstört Leben. Manchmal reicht ein Schluck des Giftes aus, um das Denken und Verhalten zu vergiften. Dann lieber die Finger von einem Giftcocktail lassen.

Um im Geist der Wahrheit und der Liebe ein glückliches Leben führen zu können.

 

Burkhard Budde  


Erfahrungsschatz im Machtkampf

 

Kommentar zum Umgang mit einem älteren Politiker

 

Am „Casus Elmar Brok“, der keinen sicheren Platz auf der Europa-Liste der NRW-CDU bekommen soll, sollten alle Parteien lernen, nachdenken und vor allem umdenken.

 

Ein „Casus Belli“, ein politischer Machtkampf hinter den Kulissen um jeden Preis, zerstört immer mehr das Vertrauen der Bürger in die parlamentarische Demokratie. Ein Parteiauswahlverfahren durch eine Minderheit von oben nach unten, von „Bezirksfürsten“ über „Landesfeudalherren“ , ausschließlich nach Quoten und Proporzen bzw. Regionen oder gar nach “Vasallenschaft“, stärkt nur eine Fassadendemokratie.

 

Der Bürger bekommt den Eindruck, dass Machtfragen den Ausschlag geben, im Klartext: Wer setzt sich durch? Wer hat das Sagen? Wer wird gemocht? Wer dient der eigenen Karriere? Wer hat noch eine offene Rechnung zu begleichen?

Natürlich, kein Politiker, welcher Partei er auch immer angehört, kann ohne Macht etwas „machen“. Aber die politische Machtfrage auf Zeit sollte in einem parteipolitischen Machtkampf nicht nur an Recht und Gesetz, sondern auch an die politische Verantwortungsfrage gebunden bleiben: Wer wird bei der Wahrnehmung eines Mandates konstruktiv gebraucht? Wer hat welche Kompetenzen und Qualifikationen, um die Aufgaben, die mit dem Mandat verbunden sind,  am besten zu erfüllen?  Wer verfügt über die notwendigen Erfahrungen und persönlichen Bedingungen, um im Team die politischen Ziele am ehesten zu verwirklichen? Wer ist so frei, unabhängig und glaubwürdig, dass er stets „auf dem Teppich“ der Bürger- und Menschennähe sowie der Selbstreflexion und Selbstkritik  bleibt?

 

Ein „Casus Gravitatis“, ein gewachsener Erfahrungs- und Kenntnisschatz, wird in einer Welt immer wichtiger, die durch zunehmende Dynamik, Unberechenbarkeit und Komplexität, aber auch durch die Suche nach einfachen Lösungen, nach schnellem Klartext ohne Kontext, geprägt ist.

Warum sollte eine zuverlässige Lokomotive mit viel Erfahrung und Innovationskraft aufs Abstellgleis gestellt werden? Wenn sie dafür sorgen kann, dass der Europazug auf neuen Gleisen vorankommt und nicht auf Nebengleise gerät, die nicht zum Ziel führen?

 

Ein 72jähriger kann trotz oder gerade wegen seines Alters, vor allem wegen seiner Erfahrungen einer langen Dienstzeit jüngeren Politikern helfen, Herausforderungen besonnen, sachlich und fair zu meistern, Fehler der Vergangenheit nicht zu wiederholen und viele Türen zu öffnen sowie nationale und internationale Netzwerke mit zu knüpfen.

 

Kein machtpolitisches Abservieren, sondern Dank, Ermutigung und Vertrauen haben ältere Politiker im Team mit jüngeren verdient, die nicht nur den älteren Teil der Bevölkerung in einem Parlament repräsentieren, sondern eine gemeinsame Zukunft zum Wohle aller mit gestalten.

 

Burkhard Budde


Auf ein Wort

 

Offene Blicke statt Scheuklappen

 

Ist da jemand verzaubert, ein anderer verbittert? Über ein und dieselbe Person heißt es „Ein freundlicher und herzlicher Mensch.“ Andere Stimmen behaupten dagegen: „Die Person ist arrogant und gefühlslos.“

 

Spielt bei den unterschiedlichen Wahrnehmungen die jeweilige Sichtweise eine Rolle? Mit der rosaroten Brille sieht ein Betrachter vor allem die schönen Seiten eines Menschen und kann blind vor Liebe werden; mit der negativen Brille sieht er nur die Schwächen und kann ihm Unrecht tun.

 

Zerrbilder über ein und dieselbe Person können bezaubern, aber auch verteufeln. Sowohl ein „perfekter Engel“ als auch ein „fieses Monster“ sind häufig Geburten der eigenen Phantasie. Und hinter einer freundlichen Fassade können sich Abgründe auftun. Der Vorwurf der Arroganz kann auch etwas mit offenen Rechnungen zu tun haben, mit Unwissenheit, mit Minderwertigkeitsgefühlen oder einfach mit persönlichen Enttäuschungen.

 

Die Wirklichkeit der ganzen Person passt nie in ein schwarzweißes Schema. Es gibt bei jedem Menschen viele Grautöne, auch Widersprüche und Spannungen,  ein Auf und Ab, ein Hin und Her, Brüche und Aufbrüche.

 

Die Wahrnehmung einer Person ist stets subjektiv, ausschnittsweise und häufig auch interessengeleitet sowie kulturell geprägt. Sie ist noch lange nicht die ganze Wahrheit über die Person in einer bestimmten Situation. Denn wer kann schon in den Kopf und in das Herz eines Menschen schauen? Und manchmal mischt sich auch die Dummheit ein und behauptet zum Beispiel, in der Menschenmenge keine Menschen gesehen zu haben. Oder ein Neider und Beleidiger nimmt nicht wahr, dass er in den eigenen Spiegel schaut, wenn er eine Person beneidet und beleidigt.

 

Nichtsdestotrotz: Der Zauber kann verfliegen, die Verbitterung weichen. Denn zum Menschsein gehört es, sich vorstellen zu können, ein ganz anderer zu sein. Wenn einer in einer Schublade hockt, kann er – wenn er es denn will - die ideologische oder selbstgerechte Brille, mit der er die Wirklichkeit konstruiert, absetzen. Damit er aus seinem Kästchendenken raus kommt, Raum zu Begegnungen bekommt und sich unabhängig von anderen Stimmen eine eigene Meinung bilden kann. Am besten er spricht selbst mit der betroffenen Person und nicht über sie. Und plappert nicht nach, was er gehört hat.

 

Ohne Scheuklappen oder Augenbinden, ohne Vorurteile und Klischees, sondern mit offenen und nüchternen Blicken, die atemberaubend bezaubernd und menschlich sein können.

 

Burkhard Budde

 

Das Foto zeigt ein Werk der Braunschweiger Künstlerin Marie-Luise Schulz

Zusammenspiel statt Bespaßung


Musik begeisterte


Ein Dreiklang eroberte viele Herzen:

Empathische Ästhetik statt lautes Draufgängertum.
Authentische Inszenierung statt gewohntem Trott.
Wechselseitiges Zusammenspiel statt künstliche Bespaßung.

Das Indiepop-Quartett YOU SILENCE I BIRD (YSIB) war am 30.12.2018 im Braunschweiger "Wintertheater" an der St. Martini Kirche in seinem Element. Paul Baumann, Jonas Budde, Hendrik Garbade und Moses Köhler, die sympathischen Gesichter der Braunschweiger Band, holten "natürlich weg" und zugleich handwerklich kompetent das vor allem junge Publikum ab, nahmen es mit auf ein musikalisches Abenteuer - und verzauberten viele.


Der Singer- Songwriter SON und seine Band erfüllten die angekündigten Erwartungen an diesem bunten Abend: Handgemachte Musik aus der Region, die durch den Verzicht auf "technischen Schnickschnack" sich "entwaffnend ehrlich" eine musikalische Zukunft in der Szene erarbeitet.


Mit einer Charmeoffensive führte Moderator Markus Schultze durch den Abend und ludt mit eigenen musikalischen Beiträgen zum Nachdenken ein, zu sich selbst zu finden und bei sich selbst zu bleiben, selbst wenn der Applaus ausbleiben sollte. An diesem Abend war das jedoch im Spiegelzelt nicht der Fall.


Der Applaus ermutigte vielmehr, auch im Jahr 2019 den Schlüssel zum Herzen vieler mutig in die Hand zu nehmen: Mit dem Dreiklang anspruchsvoller und zugleich seelenöffnender Musik, die unterschiedliche Menschen zusammenführt und verbindet, vor allem bewegt.


Burkhard Budde

 

Auf ein Wort

 

Als Samenkorn leben?

 

Der Sand rieselt still und langsam, aber unaufhörlich vor sich hin. Alle Sandkörner in der Sanduhr sind miteinander verbunden. Alle sind winzig, vergänglich und endlich. Alle müssen irgendwann durch eine enge Öffnung, von einem Kolben in den anderen.

 

Ein Sandkorn scheint aus der Reihe zu tanzen. Eine hartnäckige Angst sitzt ihm im Nacken. Es wird von einer inneren Unruhe beherrscht. Es will im Strom der Zeit nichts verpassen, nichts verlieren, auch nicht vergessen werden. Eine unsichtbare Jury, die den Daumen nicht nur heben, sondern auch senken kann, bereitet ihm schlaflose Nächte. Doch welche Spuren wird es im Sand hinterlassen?

 

Ein anderes Sandkorn mischt sich manchmal gedankenlos, manchmal herzlos, vor allem verantwortungslos  ein. Es verbreitet unnötigen Ärger, ist  Sand im Getriebe und bringt ein ganzes Uhrwerk aus dem Takt. Immer häufiger setzt es selbst Staub an, ist selbstgerecht und verhindert dadurch eigene und fremde Entwicklungen. Viele sind erleichtert, als es im Unbekannten verschwindet. Können jetzt (noch) alle seine Spuren geheilt werden?

 

„Ich will nicht umsonst gelebt haben“, meint ein weiteres Sandkorn, das zu sich selbst gefunden hat. Es denkt über seine Lebenszeit nach, die es nicht krampfhaft festhalten oder einfach vermehren kann, sondern die unwiederholbar vergeht. Aber gerade deshalb einmalig, wertvoll und kostbar ist - eine geschenkte Zeit, mehr als eine messbare.

Und wenn das so ist: Sollte das Sandkorn dann nicht Zeit-Diebe meiden, die ihm seine Lebenszeit mit Nickeligkeiten stehlen?  Sich mit alten Kamellen belasten, die die Gegenwart nur vergiften? Sich treiben lassen, die Zeit einfach totschlagen? Sich als Getriebener kaputt machen, sich dem Diktat der Termine oder seiner Gier unterwerfen?

 

Wie wäre es mit der Perspektive, bewusster zu leben? - Die begrenzte Zeit sinnvoll zu gestalten statt sie nur zu verwalten. Wichtiges vom Unwichtigen zu unterscheiden. Neue Schwerpunkte und Ziele zu setzen. Das Nötige im Möglichen zuerst zu tun. - Um wieder glücklicher und froher  sein zu können?!

 

Das Sandkorn denkt noch weiter.

Alles, selbst der Widerspruch von Dauer und Vergänglichkeit, fällt eines Tages zusammen.

Aber muss das unbekannte Ende im trostlosen Nichts enden?

Während sich der obere Kolben der Sanduhr entleert, füllt sich gleichzeitig der untere Kolben.

Und wenn ein Sandkorn an den ewigen Schöpfer aller Zeit (-Uhren) glaubt, kann selbst aus einem Staubkorn ein Samenkorn werden, das neuen Sinn entdeckt.

Und es kann im Treibsand des vergänglichen Lebens Hoffnung auf Ewigkeit wecken.

 

Burkhard Budde

Auf ein Wort

 

Vorsätze als Hauptsätze?

 

Sind Vorsätze nur schöne Seifenblasen, die eine kurze Lebensdauer haben, weil sie bei der Berührung mit der harten Realität platzen und sich in Luft auflösen? Oder verzierte Appelle, die das Wissen und das Gewissen streicheln und beruhigen sollen? Oder ein geistiger Selbstbetrug, um sich das Leben für kurze Zeit leichter und erträglicher zu machen?

 

Gutgemeintes hat am Ende oder zu Beginn eines Jahres in privaten Schneckenhäusern, bei öffentlichen Feiern oder Empfängen Hochkonjunktur. Wunschlisten sind en vogue. Vorsätze werden heimlich oder offen genannt. Hoch und heilig wird alles Mögliche und Unmögliche ehrlich oder schmunzelnd versprochen.

 

Auch wenn das Gutgemeinte schnell gebrochen oder vergessen wird, der Trott des Alltags, die Macht der alten Gewohnheiten oder neue Konflikte triumphieren, können manche Vorsätze sinnvoll sein und bleiben. Besonders wenn sie aus Einsicht freiwillig und in eigener Freiheit und Verantwortung gewonnen worden sind. Und realistische Möglichkeiten des Fortschritts und der Selbstkorrektur bieten.

 

So kann sich zum Beispiel einer den Vorsatz zu Herzen nehmen, seinen Nächsten in Zukunft kritischer und differenzierter zu beurteilen und ihn nicht einseitig und pauschal zu verurteilen. Ihm begründet einen größeren Vorschuss an Vertrauen und Zutrauen zu schenken und ihn nicht in ein Schubfach oder eine Kiste zu sperren oder liegen zu lassen. Ihm konstruktivere Lösungsvorschläge zu machen und ihm nicht ständig die Vergangenheit um die Ohren zu hauen.

 

Oder vielleicht auch den Vorsatz, sich an die eigene Nase zu fassen, nicht hochnäsig auf seinen Mitmenschen herabzusehen, sondern auf Augenhöhe mit ihm zu kommunizieren. Den ersten Schritt zu wagen und nicht beleidigt in der Ecke hocken zu bleiben oder einen großen Bogen um seinen Mitmenschen zu machen. Ihm – wenn es wirklich wichtig ist - argumentativ und eindeutig in der Sache zu widersprechen und sich nicht um des Friedens will bequem anzupassen und sich vielleicht selbst sogar aufzugeben.

 

Wer mit solchen oder ähnlichen Vorsätzen heute schon anfängt, kennt die gutgemeinten Nebensätze, die das Leben nicht wirklich verändern, sondern die Hauptsätze, die das Leben erneuern und gemeinsames Glück verheißen und dabei helfen, seines eigenen Glückes Schmied zu sein. Denn er hat es häufig selbst in der Hand, das Richtige im richtigen Augenblick zu tun – ob aus Vorsätzen tragfähige Hauptsätze in der Zukunft werden.


Und wer scheitert, kann aus der Quelle göttlicher Liebe immer wieder Kräfte zu Neuanfängen schöpfen, weil die Grammatik dieser Liebe alle Neben-, Haupt- und Vorsätze beseelt.

 

Burkhard Budde


„Stille Nacht“ – bewegte bewegende Nacht

 

Heimlich sehnt sich die Kerze nach Licht. Manchmal beneidet sie das Licht, manchmal ärgert sie sich über das Licht, manchmal hat sie Angst vor dem Licht, manchmal ist ihr das Licht auch egal.

 

Aber am Heiligen Abend, wenn sie das Lied „Stille Nacht“ hört, horcht sie auf. Beim „trauten, hochheiligen Paar“ wird ihr ganz warm ums Herz. Beim „holder Knabe im lockigen Haar“ fängt sie an zu träumen. Bei „Christ, der Retter, ist da“ öffnet sie ihre Lippen. Bei „Christ, in deiner Geburt“ verspürt sie ein heilsames Gefühl unbekannter Geborgenheit und neuer Hoffnung  – und fängt an zu leuchten.

 

Begonnen hat der emotionale Siegeszug des Weihnachtshits vor 200 Jahren im Salzburger Land. In der kleinen Stadt Oberndorf erklang  „Stille Nacht“ zum ersten Mal am Heiligen Abend in der St. Nikola Kirche. Hilfspfarrer Joseph Mohr, der das Musikstück geschrieben hatte, spielte Gitarre und sang die Tenorstimme. Der Lehrer und Organist Franz Xaver Gruber, der es in D-Dur für zwei Solostimmen, Chor und Gitarre komponiert hatte, sang den Bass.

 

Bis heute kann das Lied Menschen auf der ganzen Welt unter die Haut gehen.

Sollte Gott über eine Menschheit wachen, die schläft, ihn vielleicht vergessen hat, ignoriert, bekämpft  oder meint, ohne ihn leben zu können?


„Stille Nacht“, vor allem die Botschaft von „Gottes Sohn“, kann erloschene Kerzen ohne Licht entzünden sowie brennende Kerzen menschlicher machen. Und das Lichtermeer still werden lassen, wenn sich der „göttliche Mund“ öffnet, weil die „rettende Stund“ gekommen ist.

Und Traurige können getröstet und wieder froh, bewegungslose Lichtlose zu bewegten Lichtträgern werden.

 

Burkhard Budde

Zum Weihnachtsfest

 

Auf ein Wort

 

Abenteuer Liebe

 

Ein winziges Menschlein erblickt das Licht der Welt. Vor allem die von der Geburt erschöpfte Mama und der auch auf seine Frau stolze Papa, aber auch die Großeltern, Onkel und Tanten sowie die Freunde erleben ein Fest der Sinne. Ein kleines Wesen, das sich nicht wehren, aber bemerkbar machen kann: Es guckt, quietscht, brabbelt, tastet mit seinen kleinen Fingerchen, leckt und spielt mit der klitzekleinen Zunge. Es nuckelt so gerne an der Brust der Mutter. Macht ein Bäuerchen und pupst – zur Freude aller.

 

Doch noch überwältigender ist ein direkter Augenkontakt, ein faszinierendes Geschenk. Ob dünnhäutig oder dickhäutig: Bei einem lächelnden Blick des Babys tief in die Seele eines Erwachsenen öffnet sich jedes gereifte Herz, schlägt höher und schneller – verzaubert und füllt es mit unbekannten Glücksgefühlen, die nicht einfach versickern oder abperlen.

 

Manchmal kann das Kind auch schreien. Hat es Schmerzen? Ist es (noch) hungrig oder (wieder) müde? Vielleicht auch genervt von den nassen Küssen, von dem gut gemeinten, aber übertriebenen Geknutsche einer lieben Verwandten? Die Mutter – auch der Vater?! -  kennt (wohl) den wahren Grund des Schreiens, redet zärtlich mit dem süßen Kind und wiegt es in einen wohligen Schlaf mit bestimmt vielen süßen Träumen.

 

Manche Gratulanten wollen sofort das Geschlecht und den Namen des Kindes wissen. Andere fragen zunächst nach dem Wohlbefinden von Mutter und Kind. Wieder andere blicken in das Gesicht des Babys und beginnen ein heiteres Raten: „Eindeutig, ganz der Vater.“ „Nein, eine echte…“

Aber dem Kind ist das egal. Es bleibt ein einzigartiges und unverwechselbares  Wunder, ist kein Bilderbuchbaby, auch keine (Teil-)Kopie eines anderen Menschen.

 

Denn dieses Kind hat etwas mit dem Kind in der Krippe zu tun. Wenn Gott in dem Kind in der Krippe Mensch geworden ist, dann hat auch dieses neugeborene Kind eine unverlierbare Würde, in der sich etwas unantastbar Göttliches widerspiegelt. Und die Eltern und Erwachsenen sind verantwortlich für dieses von Gott geliebte Kind.

 

Denn dieser Zauber ist keine heiße Luft, keine Nebelkerze, keine Hängematte, kein Sand im Getriebe, sondern ein offenes Abenteuer der vertrauenden Liebe und der verantwortungsvollen Leidenschaft.

 

Burkhard Budde

   

Ein praktischer literarischer Begleiter

auf vielen Wegen des Alltags


Buchempfehlung für den Gabentisch

Chefredakteur Jörg Kleine hat in der Goslarschen Zeitung (12. Dezember 2018) das Buch „Erkennen, anerkennen, bekennen“ als Tipp für ein Weihnachtsgeschenk empfohlen. Er schreibt:

 

„Erkennen, anerkennen, bekennen“ heißt der Titel eines neuen Buches von Burkhard Budde. „Büchlein“, müssten wir besser sagen, und das ist keineswegs despektierlich gemeint: Der promovierte evangelische Theologe und Publizist, wohnhaft in Bad Harzburg, liefert seine „Gedanken aus dem Leben zum Denken und Handeln“ im praktischen Taschenformat.

 

So wird die Sammlung von Gedichten und kurzen Geschichten zu einem Wegbegleiter für viele Fälle – ob als Lektüre in der Bahn, der Mittagspause oder im Sofa. Budde hat eine Mission, ohne missionarisch zu wirken: Mitgefühl, Toleranz, Verständnis, Vernunft, Vertrauen sind seine Leitmotive, die er mitten in der Gesellschaft platziert. Gerade auch in politisch und sozial bewegten Zeiten.

 

Buddes „Parabel vom Brückenbau“ ist wie Lessings „Nathan der Weise“ in Kurzform, „Bibel/Koran“ ein Appell für ein aufgeklärtes gemeinsames Leben mit Gott in einer säkularen Gesellschaft. Gleichermaßen analysiert Budde die Wege zu Freundschaft und Liebe – ewig junge Themen.“

 

Burkhard Budde, Erkennen, anerkennen, bekennen, BoD, Norderstedt, 6,90 Euro

 

Auf ein Wort

 

Lichtblick einer Kerze ohne Licht

 

Eine kleine Kerze flackerte im großen Lichtermeer. Eines Tages lebte sie an einem Strand, der schön gestaltet war, aber auch viele windige Ecken hatte. Manchmal verdunkelte sich ihr Lebensraum und es herrschte Finsternis. Dann wurde es kälter und unheimlicher. Vor allem Neid, Angst, Gier, Lüge und Zwietracht sowie Gemeinheiten trieben ihr Unwesen. Die kleine Kerze störte, weil die Finsternis nicht ins „Zwielicht“ geraten, sondern selber „Licht“, unerkannt bekannt und anerkannt und vor allem erfolgreich sein wollte.

Doch das Licht, das selbst Lichtscheue nicht blendete, aber sie auch nicht verklärte, ließ sich nicht neutralisieren oder instrumentalisieren. Es brannte still, manchmal auch laut, vor sich hin, drang in die Dunkelheit immer mehr hinein und konnte in ihr nicht übersehen werden.

 

Die dunklen Gestalten, die als Lichtgestalten auftraten, fassten einen düsteren Plan: Das Licht muss weg, entweder muss es ins helle Schaufenster gestellt oder in der bedeutungslosen Rumpelkammer versteckt werden. Und den Irrlichtern gelang es – anders als ursprünglich geplant - die kleine Kerze, die sich nicht hinters Licht führen ließ, zu löschen.

 

Traurig und einsam, ohne zu brennen, lebte sie wieder im Lichtermeer. Schuldgefühle quälten sie. Hatte sie etwas falsch gemacht? Sollte Nichts, die Finsternis, alles gewesen sein?

 

Eines Nachts hörte sie die Botschaft von einem Lichtträger, der Ohnmächtige neuen Sinn und neue Freude schenken könne. Nur eine weitere Nebelkerze, ein großes Täuschungsmanöver? Aber wenn es stimmen sollte?

 

Erst neugierig, dann immer mutiger und vertrauensvoller näherte sie sich diesem Licht. Als sie in seiner Nähe eine Geborgenheit, einen inneren Frieden, verspürte, wichen ihre Angst, auch ihre Wut und ihre Bitterkeit. Als sie ihre Würde im Lichte neuen Vertrauens wiederentdeckte, bemerkte sie, dass es in ihr und um sie herum immer wärmer und heller wurde.

Und sie begriff: Die Botschaft von Christus als dem Lichtträger Gottes war auch für sie ein göttlicher Lichtblick, der sie neu entzündet hatte, mitten im Lichtermeer mit den vielen Schatten und Grauzonen, jedoch nicht zu übersehen.

 

Burkhard Budde


Gruß vom Weihnachtsmarkt

 

Unicef-Karten grüßen

Auch in diesem Jahr beteiligen sich wieder Mitglieder des Lionsclubs Braunschweig-Dankwarderode beim Verkauf von Unicef-Karten für gute Zwecke. Auf dem Braunschweiger Weihnachtsmarkt am Platz der Deutschen Einheit vor dem Rathaus zeigt das große Kaufinteresse, dass Weihnachtskarten mit schönen und künstlerisch gestalteten Motiven immer noch - oder immer wieder oder ganz neu - für viele Bürger – für Adventsfans, aber auch für Adventsgegner oder Adventsmuffel - attraktiv sind.

Schließlich sprechen originelle, individuell und persönlich verfasste Kartenbriefe viele Herzen besonders an, weil sie Herz zeigen und Herzen bewegen können.

Denn der weihnachtliche Zauber wird auf diese Weise weitergegeben, um  Zeichen der Liebe und des Friedens  zu setzen. Brücken können zeichenhaft und authentisch über Gräben geschlagen, Hände gereicht und vielleicht auch Herzen berührt und verzaubert werden, damit Neuanfänge eine menschliche und zugleich verantwortungsvolle Chance bekommen.

 

Burkhard Budde


Das politische „C“ bei einer christlichen Adventsfeier


Senioren aus Braunschweig, Wolfenbüttel, Wolfsburg und Salzgitter


Das „C“ im Namen der CDU spielte in der politischen Arbeit der Senioren Union der Braunschweiger Christdemokraten schon immer eine große Rolle. Die Vorsitzende Ilse Nickel hatte deshalb zusammen mit ihrem Mann Siegfried Nickel zu einer Adventsfeier mit christlichen Denkanstößen am 4. Dezember 2018 in die Löwenkrone der Stadthalle in Braunschweig eingeladen. Gekommen waren auch Vertreter Senioren Unionen aus Wolfenbüttel (allen voran Monika Bötel), aus Wolfsburg (Erika Kögel) und aus Salzgitter (Hans Verstegen).

Burkhard Budde sprach über  die Sehnsucht vieler Menschen nach Frieden und Liebe, nach dem „göttlichen Kern als Keim neuen Lebens“ in der Adventszeit. Zum Menschsein gehöre sowohl „Natur und Kultur“ als auch „Vernunft und Bildung“. Beide „Füße“, insbesondere „Kultur“, „Vernunft“ und „Bildung“ würden jedoch erst durch „festes Schuhwerk“, durch die christliche Sehnsucht nach Gott, das Nachdenken über Gott und das Reden mit Gott in eine adventliche Bewegung versetzt.


Das „Christliche“, der Glaube an die Menschwerdung Gottes in Jesus, stärke die Erneuerung auch der politischen Kultur durch mehr Menschlichkeit (gewaltfreie, faire, respektvolle und offene Gespräche mit Spielregeln statt Gewalt, selbstsüchtige Ellenbogen und üble Nachrede) sowie die Erneuerung der politischen Bildung durch Herzensbildung (empathische Aufklärung durch Sachkenntnisse, Unterscheidungs-, Kompromiss- und Lernbereitschaft statt ideologische Scheuklappen, Besserwisserei und Volkserziehung).


Karl Grziwa, ehemaliger Ratsvorsitzender der Stadt Braunschweig, forderte in einem Grußwort die ältere Generation auf, sich mehr in die Kommunalpolitik einzumischen und die eigenen Interessen selbstbewusster zu vertreten.  Auch das gehört wohl zur Adventsbotschaft: Christliche Gefühle, so Burkhard Budde, seien keine moralischen Pantoffeln, auch keine schwärmerischen Stöckelschuhe, wohl aber „feste Schuhe“, die Halt, Schutz und Gewissheit böten, damit Nächstenliebe im Namen der Gottesliebe im Rahmen des Möglichen geschehen könne.


Auf ein Wort

 

Päckchen tragen

 

Ein Mensch hatte viele Päckchen zu tragen. Doch er versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. Er lächelte, auch wenn er  sich über eine andere Person geärgert hatte. Er sagte keinen Ton, wenn er sich verletzt fühlte, weil ihm ständig über den Mund gefahren wurde. Er entfernte sich schnell und möglichst unauffällig, wenn es zu rabiaten Streitereien kam. Er äußerte sich nur in dem Sinne, was wohl sein Gegenüber hören wollte. Er passte sich an, um zu überleben. Manchmal, in den eigenen vier Wänden, konnte er sogar zu einem Ekelpaket werden.

 

In einer Nacht in der Adventszeit hatte er einen Traum. Er hörte das Klingen an der Haustür. Als er die Tür öffnete, war kein Mensch zu sehen. Nur ein hübsch verpacktes Paket, das an ihn adressiert war, lag auf dem Steinboden. Neugierig trug er es ins Wohnzimmer. Schnell wurde es geöffnet. Der Mensch verdrehte die Augen. „Wer kommt denn auf so eine Idee?“ fragte er sich. Das Paket war leer.

Da klingelte es erneut. Neugierig schaute er aus der Tür. Wieder war keine Menschenseele zu sehen. Aber ein weiteres Paket lag da, wieder originell verpackt. Der Mensch rieb sich die Augen. „Wieder ein leeres Paket eines Dummenjungenstreiches?!“ Es sollte noch schlimmer kommen. Vorsichtig entfernte er die Verpackung. Und traute seinen Augen nicht. In dem Paket lagen eine Maske, ein Kaktus und eine Schere.

Verärgert und entrüstet wollte er gerade auf Gott und die Welt schimpfen, als es erneut an der Haustür klingelte. Sollte er überhaupt noch zur Tür gehen, sie öffnen?  „Jetzt reicht es!“ Mit zusammengekniffenen Augen und zusammengepressten Lippen öffnete er die Haustür. Ein kleiner Junge mit einem großen Paket stand da, strahlte ihn an und fragte: “Wie geht es Ihnen heute? Ich habe ein Weihnachtspaket für Sie!“ Der Mensch, erstaunt und überrascht, brummte: „Wenn es kein Monsterpaket  oder ein leeres Paket ist.“ Der Junge antwortete geheimnisvoll. „In diesem Paket sind kleine Päckchen. Und ich kann  helfen, sie zu tragen.“

 

Da wurde der Mensch wach und dachte nach. War er etwa ein leeres Paket voller diffuser Ängste? Oder ein Paket mit provozierenden Inhalten? Wie kann er sein Gesicht ohne Maske zeigen? Wie sich auf Augenhöhe mit schwierigen Menschen begegnen? Wie ein offenes  Gespräch ohne Schere im Kopf führen?

Und gibt es Menschen, die seine Päckchen mittragen? Die helfen, Knoten zu lösen, um neue Inhalte, neues Glück im leeren Paket und neue Liebe im Paket mit Preisschildern, zu entdecken?

Reden Christen nicht von einem Gott, der als Mensch sein Paket selbst zu tragen hatte? Der die Päckchen der Menschen heute im Glauben an Jesus Christus mitträgt, damit sie neue Kraft zum Tragen oder Ertragen erhalten oder ihre Pakete sogar loswerden – in unverlierbarer Würde und liebender Vernunft?!

 

Und der Mensch fing an, selbst zum Päckchenträger für andere zu werden. Er füllte ein Pakt mit Liebe, Vertrauen, Verantwortung und Leidenschaft. Und klingelte an der Tür seines Mitmenschen, der zu seinem Nächsten geworden war.

 

Burkhard Budde  


Begegnung mit dem Bundespräsidenten a.D.

Zu einem Treffen und einem Gedankenaustausch mit dem Bundespräsidenten a.D. Christian Wulff kam es am Rande einer Tagung der Konrad-Adenauer-Stiftung in Sankt Augustin am 1. Dezember 2018. Mit von der Partie bei der Auswahltagung der Studienförderung war auch Prof.Dr. Dimitris K. Maretis aus Osnabrück.


Die Zeit ist reif

 

Leserbrief zum Thema „Reformen in der Kirche“ in der F.A.Z. (28.11.2018)

 

Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken Thomas Sternberg hat in anzuerkennender und mutiger Offenheit in der Rubrik „Fremde Federn“echte Reformen“ in der Kirche gefordert. Die katholische Kirche als Teil der Welt braucht offensichtlich zur Aufarbeitung der sexuellen Gewalt in ihren Räumen eine kompetente Kommission und eine kirchliche Verwaltungsgerichtsbarkeit, die unabhängig sind, eine enge Zusammenarbeit mit der öffentlichen Gerichtsbarkeit insbesondere bei Straftaten, aber auch einen Kampf mit langem Atem mündiger Gläubiger gegen einen gewachsenen Klerikalismus der Geweihten, ein neues Verständnis von Liebe und Sexualität, Verbesserungen ganzheitlicher Hilfen für die Opfer und der Präventionsmaßnahmen für alle Diözesen.

 

Für alle christlichen Kirchen gilt jedoch darüber hinaus, aus den Quellen der reformatorischen Vergangenheit neu zu schöpfen, um die Ecclesia Restauranda nachhaltig zu überwinden und als Ecclesia Reformanda ohne überhebliches Festungsdenken und ängstliches Besitzstandsdenken Zukunft zu gewinnen. Die biblische Quelle, die kein moralisches, religiöses oder politisches Rezeptbuch darstellt, zeigt jedoch als ethischer Kompass die Richtung an: Zum Beispiel Warnung vor falschen Propheten (Mt 7,15ff), kein Zölibat als Zwangsvorschrift (1.Tim 3,1ff), aber auch die „Goldene Regel“ als Ruf in die persönliche Verantwortung (Mt 7,12) und das Doppelgebot der Liebe (Mt 22,37-40).

 

Wollen christliche Kirchen religiöse Bäume ohne geistig-geistliche Wurzeln sein, ohne Gott- und Christusvertrauen und zugleich ohne Welt- und Menschenverantwortung? Zu reinen Wertelieferanten der Gesellschaft werden, die z.B. den eigenen Wert der liebenden Verantwortung diskreditieren, indem er sich in der kirchlichen Praxis allzu oft auflöst wie Zucker im Tee oder aus Tee sogar ein Giftgebräu macht? Zu reinen religiösen Dienstleitern, die nur in bestimmten Situationen und Krisen als Zeremonienmeister oder Seelenmanager gefordert sind? Zu reinen Freizeitanbietern, die im Wettbewerb mit anderen Freizeitanbietern stehen, aber letztlich immer schlechtere Karten als diese haben? Zu reinen Behörden mit christlichem Anstrich, die fast nur mit sich selbst beschäftigt sind und für die das Formular wichtiger ist als der Mensch? Zu reinen Sozialkonzernen, die Nächstenliebe nur auf dem Türschild stehen haben oder den „Glauben“ nur noch ins Schaufenster stellen?

 

Die Zeit ist reif, durch eine geistig-geistliche Rundumerneuerung der Kirchen, durch die Rückbesinnung auf die Quellen, einen Kultur-, Struktur- und Personenwandel einzuleiten. Um dem Evangelium von Jesus Christus und dem Menschen wieder dienen zu können. Nicht im frommen Getto, auch nicht als Zuschauer des Zeitgeschehens, auch nicht als Instrument der Mächtigen, wohl aber als verantwortungsvolle Pioniere in der Welt und für die Welt mit einer unverwechselbaren und einzigartigen Botschaft von Jesus Christus, die dann nicht überhört werden kann, wenn christliche Kirchen glaubwürdiger geworden sind und neues Vertrauen verdienen.

 

Burkhard Budde

 

Leserbrief zur „Fremden Feder“ von Thomas Sternberg „Es ist Zeit für echte Reformen in der Kirche“ (F.A.Z. vom 19.November 2018)

 

Auf ein Wort

 

Kern als Keim neuen Lebens

 

Die Schale einer Nuss scheint eine besondere Bedeutung zu haben. Vielleicht schützt sie etwas Wichtiges vor Hektik und Stress, zum Beispiel im Advent. Oder vor gedankenlosem Konsum und oberflächlichem Kommerz, vor falschen Erwartungen und neuen Konflikten. Vielleicht verbirgt sie auch ein Geheimnis, das neugierig machen und sich offenbaren will.

Ein äußerer Schein kann täuschen und enttäuschen, aber auch ein sinnstiftendes und lebensdienliches Sein widerspiegeln. Können nicht glänzende Oberflächen der Adventsgewohnheiten und Adventstraditionen auch zu einem Tiefenverständnis der Adventszeit einladen?

 

Doch stets bleiben Spannung und Risiko.

Denn es gibt keine Garantie, dass die Nuss nicht taub ist oder nicht taub bleibt, keinen Inhalt hat. Denn es ist auch möglich, dass sich unter der Schale nur gähnende Leere und langweilige Lehre befinden. Und kein erfüllender Sinn, keine treibende Sehnsucht, keine unvorhersehbare Überraschung, kein Kern, der Freude im Leben und auf das Leben trotz der vielen zersplitterten Schalen macht.

 

Doch stets ist eine Anstrengung notwendig.

Denn die harte Schale muss geknackt, die engen und festen Grenzen müssen überwunden werden. Und ein möglicher Inhalt darf möglichst nicht verletzt, gequetscht oder gar zerstört werden. - Dann doch lieber die Decke über den Kopf ziehen und die Nuss ignorieren?! Die eigene Bequemlichkeit mit dem Hinweis entschuldigen, dass das Leben von Boten der Adventsbotschaft so laut spricht, dass man die Botschaft nicht mehr hören kann?

 

Doch der Advent kann die Sehnsucht nach seinem Kern wecken.

Wenn Gott zur Sprache kommt, weil der Vertrauende nach dem Eigentlichen der Adventszeit fragt. Vielleicht beim Gespräch in einer Gemeinschaft. Vielleicht beim Lesen eines Textes. Vielleicht bei dem Besuch eines Konzertes. Vielleicht bei einer Feier.

Wenn vor allem die Vernunft vernünftig bleibt, das Äußere nicht ignoriert, verdächtigt, instrumentalisiert oder maßlos, gefühlslos und ziellos zerstört. Wenn durch das Äußere, das das Innere zum Ausdruck bringt, ein Weg zum Inneren, zum fruchtigen Kern gesucht und gefunden wird. Keiner hat den Kern, die frohmachende Gewissheit der bedingungslosen sowie schöpferischen Liebe Gottes durch den Glauben an Jesus Christus, gemacht. Er bleibt ein Geschenk.

 

Doch dieser Kern kann entdeckt und persönlich angenommen werden.

Und dann kommen das glühende Herz und der kühle Kopf  auf den Geschmack, sich der letzten Geborgenheit in Gott immer wieder gewiss zu sein, im Geiste Jesu Christi barmherziger und gerechter, aber auch mit verantwortungsvollerem Genuss zu leben.

Als Keim neuen Lebens.

 

Burkhard Budde

 

Auf ein Wort

 

„Wir haben dich so lieb.“

 

Mutter und Sohn verstehen sich prächtig. Sie, erfolgreiche Anwältin mit klarem Kopf, unreligiös und das Leben liebend. Er, selbstbewusster Theologiestudent mit kritischem Geist, häufig auf der Suche nach Sinn. Fast an jedem Wochenende plaudern beide über Gott und die Welt.

 

Heute erzählt der Sohn etwas über das Seminar „Christliche Bestattungskultur“, das er in der letzten Zeit besucht hat. „Ich muss dabei häufig an Papas Beerdigung denken“. Der war vor drei Jahren verstorben. Die Mutter, forsch und zugleich ein wenig bissig: „Haben wir viel falsch gemacht?!“ Der Sohn verdreht die Augen, bleibt aber ruhig: „Alles Ok, Mama“.

 

Und dann berichtet er, was er gelernt hat. Der Umgang mit einem Verstorbenen, der sich ja nicht mehr wehren könne, sage viel über die humane Kultur einer Gesellschaft aus. Die Mutter versteht nicht so recht. Der Sohn erläutert. Wenn ich einen Toten nur technisch entsorge, lieblos und ortlos, klammheimlich, könne das das Verhalten gegenüber Lebenden widerspiegeln. Umgekehrt sei beispielsweise die Gestaltung des Grabes ein möglicher Spiegel humaner Kultur. Menschen hätten an einer individuell identifizierbaren Grabstätte die Möglichkeit, sich an den Verstorbenen zu erinnern, zu trauern, nicht nur von ihm Abschied zu nehmen, sondern ihm auch Abschied zu geben.

Ein Grab sei sowohl ein Ort der Trennung vom Verstorbenen als auch ein Ort der Verbundenheit mit dem Verstorbenen. Und das habe Auswirkung auf die Kultur der Lebenden.

 

Christliche Bestattungskultur sei beides zugleich, Abschieds- und Erinnerungskultur. Und dann leuchten die Augen des Jungen. Sie sei auch ein Übergangsritual, „sowohl vom Leben in den Tod als auch vom Leben ins neue Leben.“ Und er fügt noch hinzu, dass trotz gut gemeinter Anonymisierungen wegen der Kostenersparnis oder der Arbeitserleichterung, was die Pflege eines Grabes anbelange, der Name eines Menschen aus dem göttlichen Buch des Lebens nicht gelöscht werden könne.

 

Und ein Friedhof, auch das muss er der Mutter noch sagen, ohne sie belehren zu wollen,  sei für ihn nicht nur ein Ort der Ruhe und des Innehaltens, des Gedenkens und Erinnerns, sondern auch ein „heiliger Ort“. Wie das?! Weil die besondere Gelegenheit bestehe, über die eigene Endlichkeit und Vergänglichkeit nachzudenken, aber auch über seine Ratlosigkeit, seine Wut auf Gott und die Welt. Und durch den Protest gegen den Tod, der zum Beispiel durch Blumen, die Sinnbild der Lebendigkeit sind, zum Ausdruck kommt. Oder durch die Hoffnung auf ewigen Frieden durch die schöpferische, wenn auch häufig unbegreifliche Liebe Gottes.

 

Am Totensonntag, dem dunklen Fels in der vorweihnachtlichen Brandung mit Adventsausstellungen und Basaren, beschließen beide, den Friedhof aufzusuchen. Am Grabe stehend, beide wissend, dass ihr Verstorbener nicht einfach verschwunden ist, sprechen Mutter und Sohn zum ersten Mal gemeinsam ein Gebet: „Wir danken dir für all die Zeit…Wir haben dich so lieb.“ Und sie beschließen, dass er endlich den Grabstein in Form eines Kreuzes mit dem Hinweis auf Johannes 11,25 bekommen soll, den er sich gewünscht hat.

 

Burkhard Budde


Auf ein Wort

Trost für Trostlose?

 

Ein Mensch weint. Keine Maschine. Kein Gegenstand. Tränen eines Menschen laufen über seine Wangen. Hat er Liebeskummer, eine Enttäuschung erlebt, Ärger in der Familie, in der Schule oder im Beruf? Ist er krank, verletzt, ungerecht behandelt worden, einsam und verlassen?

 

Manche Trauertränen trocknen schnell. Andere kommen immer wieder. Manchmal werden sie unterdrückt, selten vorgetäuscht. Häufig fließen sie im Verborgenen. Eine einzige Träne, die in das Licht der Öffentlichkeit gerät, kann Bände sprechen.

 

Gibt es Trost in der Trostlosigkeit? Vielleicht eine Beruhigungspille, die jedoch den Schmerz nur dämpft oder betäubt? Schöne Sprüche, die auf einem silbernen Tablett serviert werden, aber in Wahrheit nur vertrösten? Heilende Rezepte, die auf dem Markt der Sinnangebote gekauft werden können, aber nicht immer und für jede Situation passen?

Muss der Weinende etwa seine eigene Seele an Rattenfänger verkaufen und in falsche Abhängigkeiten geraten, um getröstet zu werden?

 

Einer, der selbst von einem anderen Menschen getröstet worden ist, empfiehlt die Kunst des Herzens, die Tränen zulässt und bejaht: Hör dem Trauernden einfach zu, wenn er mag. Versuch ihn zu verstehen, Verständnis zu entwickeln. Und mit ihm über seinen Kummer zu sprechen. Oder halte mit ihm eine Weile die Sprachlosigkeit und Ohnmacht aus, bis die Zeit zu einem erhellenden Wort gekommen ist.

 

Ein anderer betont die neue Lebenskraft, die er in seiner Trauer geschenkt bekommen hat. Aus der Quelle der biblischen Botschaft habe er dabei geschöpft: „Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch“. (1. Petrus 5,7) Sorgengespenster hätten seine Seele in Angst und Schrecken versetzt. Aber es sei befreiend gewesen, die Sorgen loszulassen und sie Gottes unsichtbarer Hand anzuvertrauen. Er habe verspürt, dass Gottes Hand selbst leidet, mitleidet, weil sie nass geworden ist, um seine Tränen trocknen zu können.  Jetzt könne er seine eigenen Hände wieder besser gebrauchen. Es sei ihm möglich, zu sorgen als sorgte er nicht, die Verantwortung für sein Leben erneut zu übernehmen. Er sei sich gewiss, dass seine Hand, sein ganzes Leben in Gottes Hand liege.

 

Der Glaube an diese Hand ist für viele Christen kein Trostpflaster, sondern ein Angebot zum neuen Leben. Und Tränen können dazu beigetragen, die Seele zu befreien, zu reinigen, zu bewegen. Und einen Menschen wieder froh zu machen.

Burkhard Budde

   

Eisenbahngeschichte in Bad Harzburg

Historische Fahrt nach Braunschweig


Kaum jemand kennt die Geburtsstunde und den Geburtsort der ersten deutschen Staatseisenbahn. Doch ihr Geburtshelfer, der Braunschweigische Geheime Legationsrat August Philipp von Amsberg (1788 bis 1871), wird immer bekannter.

Die Stadt Bad Harzburg erinnerte mit einer historischen Sonderfahrt zwischen Bad Harzburg am 10. November 2018 an von Amsberg, der Eisenbahngeschichte geschrieben hat und dem auch die erste durchgehende Zugfahrt von Braunschweig nach Harzburg vor 175 Jahren – am 8. November 1843 -  zu verdanken ist. Zwei Dampfloks hatten es möglich gemacht, die eine zog, die andere schob.


Der Bad Harzburger Bürgermeister Ralf Abrahms hatte bei der Jubiläumsfahrt Philipp von Amsberg (den Historiker Manfred Gruner) und Marie von Amsberg (Hella Gruner) mit im Gefolge, aber auch viele Kommunalpolitiker wie Hans-Peter Dreß und Alexander Waldorf sowie Neubürger, ehemalige Braunschweiger.

 

Am Braunschweiger Bahnhof lobte Oberbürgermeister Ulrich Markurt die Harzburger und dankte für die historische, aber auch regionale Verbundenheit.

Für viele Braunschweiger ist Bad Harzburg mit seinen Angeboten und Möglichkeiten im Blick auf Erholung und Gesundheit, Natur und Kultur zu einem Magnet geworden. Und für viele Harzburger bleibt die Löwenstadt ein vielfältiger pulsierender Ort der Wissenschaft und Forschung, der Bildung und der Kultur, aber auch Einkaufsort und Ort der Arbeit.  


Der Braunschweiger Architekt Carl Theodor Ottmer (1800 bis 1843), in Braunschweig u.a. im Blick auf das Schloss und die Bahnhöfe der Ersten Deutschen Staatsbahn im Herzogtum Braunschweig kein Unbekannter, hat seine Spuren auch in Bad Harzburg hinterlassen: 1840 baute er für von Amsberg in Neustadt (später Bad Harzburg) in der Nähe des Bad Harzburger Bahnhofes ein Haus mit einem Garten, der der erste öffentliche Kurpark werden sollte.

Vielleicht für die Harzburger ein weiteres Projekt, um an ihre besondere Geschichte  zu erinnern. Und so könnte die Besinnung auf die Geschichte selbst zur Geburt neuer Entwicklungen werden.

Burkhard Budde



Dumm gelaufen

 

Sie schnattert,

ist vorlaut, auch dumm?

 

Im Gänsestall mit Dreck

bleibt sie häufig keck.

 

Mal bissig und  toll,

im Schwarm lebt sie ohne Groll.

 

Das Schnattern lohnt sich immer,

doch ist sie am Ende auch Gewinner?

 

Eines Tages, ach, oh Wunder,

erlebt sie ihr Wunder.

 

Als Gänsebraten geht sie hin,

bleibt nur für andere ein Sinn.

 

Hat sie nichts gewusst?

 

Burkhard Budde

 


Auf ein Wort

 

Wenn ein Mächtiger dicht macht

 

Ist Andreas Klein kein Mensch? Hat er nicht auch wie alle anderen Menschen eine unantastbare Würde? Selbst wenn er sich würdelos verhalten haben sollte?

 

Dennoch macht der Mächtige dicht, verschließt die Tür, verweigert ein Gespräch, hört kein Klopfen und kein Klingeln, antwortet auf keine E-Mails und keine Briefe.

 

Ob Andreas Klein – der Name ist ausgedacht – ihm auf den Fuß getreten ist, bewusst oder unbewusst? Ob er ihn für zu unbedeutend hält, dass er ein Gespräch mit ihm als Zeitverschwendung ansieht? Ob er nicht in sein Beuteschema passt, da er ihm nicht (mehr) nutzt, sondern (noch) mehr schadet?

 

Viele Fragen schwirren durch den Kopf von Andreas Klein. Was hat er dem Mächtigen getan? Macht er ihm Angst? Oder ist er ihm einfach zu unbequem, weil er ein unabhängiger und kritischer Geist ist?

Der Mächtige, der es in der Hand hat, Türen zu neuen Räumen zu öffnen oder zu verschließen, kann selbst in die Situation kommen, kein Gehör zu finden. Dann hilft - wie bei Andreas Klein - kein Jammern oder kein Kritisieren, weil keiner die Stimme hört oder hören will. Es hilft auch keine Flucht und keine Abkehr, weil die Stimme dann überhaupt nicht mehr gehört wird und verstummt. Ob jedoch genau das die Noch-Mächtigeren bezwecken?

 

Andreas Klein versteht die Welt nicht mehr; er schwankt hin und her: Der eiskalte Türverriegeler propagiert die offene Tür. Der eitle Zugeknöpfte kann anderen gegenüber freundlich und höflich sein. Der abgehobene Oberlehrer klärt andere über Giftpilze der Polarisierung  auf.  Der arrogante Richter spielt gleichzeitig den Anwalt des guten Geschmacks und der Fairness.

 


Der kleine Klein bekommt eine große Gänsehaut: Die praktische Unkultur der Scheinheiligkeit scheint in der theoretischen Kultur der Liebe zu gedeihen. Viele Feigenblätter des äußeren Scheins sollen die Unkultur der Machtkämpfe schützen, schöne Seifenblasen in Form menschlicher Worte als Beruhigungsmittel dienen. Denn muss nicht die Kasse stimmen? Und wollen Käufer und Anhänger nicht betrogen werden?!

 

Warum bleibt der Mächtige verschlossen? fragt sich Andreas Klein. Ob er noch nicht die Ketten seiner Selbstgerechtigkeit zerrissen hat? Oder hat er als Sklave seiner Selbstverliebtheit die Ketten zerrissen und ist nun auf der Flucht vor sich selbst?

 

Vielleicht ist er auch nur ein Mensch. Und doch hängt seine Würde an einem goldenen Faden.

Wenn nicht da das Angebot der bedingungslosen Liebe Gottes wäre, das auch für Kritiker gilt, die keine Kritik vertragen können.

 

Burkhard Budde


Wohlstand aller durch innovative Köpfe sichern


Gespräch zwischen Politik, Wissenschaft und Wirtschaft


Eine Hochschule soll nach Meinung vieler Bürger lehren und forschen. „Das reicht jedoch nicht, um wettbewerbs- und zukunftsfähig zu sein“, meinte der Vizepräsident des niedersächsischen Landtages Frank Oesterhelweg MdL auf einer Veranstaltung der Konrad Adenauer Stiftung am 1. November 2018 im Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig. Eine dritte Aufgabe müsse öffentlich gefördert werden, die „Third Mission“. Gemeint ist damit der systematische Transfer wissenschaftlicher Erkenntnisse in die Wirtschaft und Gesellschaft durch die Hochschulen und Forschungseinrichtungen. Das sei für auch für die Entwicklung der Gesellschaft wichtig, betonte Oesterhelweg.

 

Björn Thümler MdL, Minister für Wissenschaft und Kultur, sagte, dass Wissenschaft und Forschung keine Selbstzwecke seien, „Third Mission“ versuche, eine möglichst breite gesellschaftliche Basis im Blick auf die Akzeptanz der Wissenschaft und Forschung zu schaffen. Es werde deshalb eine Landestransferstrategie entwickelt, zum Beispiel Zielvereinbarungen mit den Hochschulen, Förderung von Unterstützungsstrukturen der Hochschulen, von Kooperationsprojekten von Wirtschaft und Wissenschaft sowie von Wissenschaftskommunikation.


Dass die vielen Millionen Euro Steuergelder gut investiert sind, verdeutlichte Prof. Dr. Reza Asghari. In der Wissensgesellschaft mit der Digitalisierung gehe es angesichts der Globalisierung auch um Wettbewerbsfähigkeit. Beim Fahrzeug, dem „rollenden Rechner“, sei die Software wichtiger als die Hardware geworden. Und nicht die großen Autobauer würden nur die Kleinen „aufessen“, sondern in Zukunft die Schnellen die Langsamen. Auch mache die Verschmelzung von Hardware und Software neue Geschäftsmodelle notwendig. Die Hochschule, die eine Art Schanier zwischen Lehrenden und Lernenden und der Wirtschaft sei, müsse lehren und forschen, aber auch selbst die Aufgabe des Unternehmertums durch Wissens- und Technologietransfer wahrnehmen. „Wir brauchen dabei ein Wissen, das dem Menschen dient“, fordert der Professor für Entrepreneurship, der Start-ups als Bindeglied zwischen Wissenschafts- und Wirtschaftssystem wissenschaftlich begleitet.

 

Wie die Förderung der Gründerszene praktisch aussehen kann, berichtete u.a. der Braunschweiger Unternehmer Richard Borek in der anschließenden Podiumsdiskussion, die von Christoph Plett MdL geleitet wurde. Visionen, Ideen und kleine Schritte gehörten dazu, Verantwortungs- und Risikobereitschaft sowie ein Lernen angesichts eines „Scheiterns im gesetzten Zeitrahmen“.


Über ihre Erfahrungen bei der praktischen Umsetzung der Forschungsergebnisse sprachen auch Prof.Dr. Rolf Ernst, Prof. Dr. Gert Bikker und Professor Dr. Bohumil Kasal: „Wem gehören die Patente bei Ausgründungen? Woher kommt das Geld? Wie gelingt die Lizenzübertragung?“ „Gibt es ausreichende Ressourcen?“ „Gefährden teure Rahmenbedingungen wie Arbeitskosten und Steuern sowie die Bürokratie die Qualität der Innovationen, vor allem die Konkurrenzfähigkeit?“ „Wer entscheidet was und wie?“

Es gibt offensichtlich keine Alternative zum Innovationsland Deutschland. Umso wichtiger sind innovative und kreative sowie mutige Köpfe. Und das öffentliche Gespräch zwischen Politik, Wissenschaft und Wirtschaft. Da alle in dem Boot des Wohlstands auch in Zukunft leben wollen.
Burkhard Budde


Erneuerung durch Rückbesinnung


Burkhard Budde sprach zur Reformation am Reformationstag


Ohne Erneuerung durch Rückbesinnung gebe es auf Dauer keine Zukunft. Diese Meinung vertrat Dr. Burkhard Budde am Reformationstag  auf einer Veranstaltung der Senioren Union der  CDU Braunschweig. Das Thema seines Vortrages, den der Theologe und ehemalige Leiter des Braunschweiger Marienstiftes  in der Löwenkrone der Stadthalle hielt, lautete „Inspiration oder Provokation zum Reformationstag“.


Eine lebendige Kirche Jesu Christi müsse sich ständig erneuern und reformieren, wenn sie nicht wie ein Baum ohne Wurzeln, eine Behörde ohne Fußvolk, ein Sozialkonzern ohne Glaubwürdigkeit oder eine Nischenkirche ohne Weltverantwortung sein wolle.


Aus dem Brunnen der reformatorischen Geschichte zu schöpfen bedeute, die Bibel nicht als moralisches oder politisches Rezeptbuch, sondern als geistliche Kraft-, Vertrauens- und Sinn-Quelle sowie als ethischen Kompass des Doppelgebotes der Liebe zu verstehen.

Der christliche Glaube habe nichts mit Moral, Schwärmerei oder Gesetzlichkeit zu tun, wohl aber könne er als Gott- und Christusvertrauen den ganzen Menschen von Selbstgerechtigkeit befreien und zur Selbstverantwortung beflügeln.

Jesus Christus, so Burkhard Budde, sei mehr als ein Prophet oder Lehrer, sondern der „menschliche und zugleich göttliche Spiegel des mitleidenden und selbstleidenden Gottes der universellen und schöpferischen Liebe“. Jesus habe Jünger in die Welt gesandt und keine Krieger oder selbstverliebte und selbstgerechte Kirchenvertreter.


Zur umfassenden Erneuerung der Kirchen gehörten ein Kulturwandel („Wertschätzung, Respekt, Kommunikation, Transparenz, Vertrauen, Verantwortung und Einsatz statt Angst, Eitelkeiten, Scheinheiligkeit, Rechthaberei oder Mittelmäßigkeit“), ein Strukturwandel („verliehene Macht auf Zeit als Dienst und Verantwortung gebunden an den Auftrag des Evangeliums sowie an Gesetz und Recht statt Herrschaft im hierarchisch-autoritären System“) sowie ein Personenwandel („Nur Menschen, die selbst vom Geist der Liebe Christi erfüllt sind, können begeistern, überzeugen und glaubwürdig leben oder führen.“)

In der Diskussion, die die Vorsitzende der Senioren Union Ilse Nickel leitete, nahm der Referent auch Stellung zum Thema „sexuelle Gewalt im Raum der Kirche“. Der sexuelle Missbrauch sei ein Missbrauch von Macht. Unterdrückte Sexualität könne jedoch auch ein Nährboden sexueller Gewalt sein. Deshalb müsse offen und angstfrei über die Themen „Sexualität“, „persönliche Verantwortung“, „Umgang mit Opfern“, „Doppelmoral“, „Vertuschung“ sowie über „Klerikalismus“ gesprochen werden. Alle Teilnehmer waren sich einig, dass der Zölibat als Zwangsvorschrift abgeschafft gehöre.


Wenn die Kirche ein unabhängiger „Brückenbauer“ in der Gesellschaft und für die Gesellschaft bleiben wolle, so Burkhard Budde, müsse sie sich an der „Feindesliebe Jesu“ orientieren und nicht einfach die Feinde ausgrenzen, weil die ausgrenzen. „Vielmehr muss versucht werden, die Personen zu gewinnen, die Hass predigen, damit sie ihren Hass loswerden, indem Wege neuen Denkens und Verhaltens aufgezeigt werden, auf denen eine inhaltliche Auseinandersetzung stattfinden kann.“ Kirchenvertreter, die im Wettbewerb der lautesten Populismus-Schelte ständen und nicht mit gutem Beispiel der Erneuerungsbereitschaft vorangingen, trügen zur Polarisierung bei. 


Auf ein Wort

 

Buch wie ein Schloss?!

 

Lust auf Unbekanntes? Neugierig auf Neues? Kann das Lesen eines Buches eine neue und faszinierende  Welt in der alten Welt erschließen?

 

Manche versuchen, in ein Buch hineinzukriechen wie in eine Höhle. Dort hocken sie ganz allein, sind aber nicht einsam. Wie gebannt, aber nicht gefesselt; verzaubert, aber nicht verführt, verfolgen sie das Geschehen. Der Zufluchtsort dient ihnen, nicht sie dienen diesem Ort. Weil er ihnen Raum für ihre eigene Phantasie bietet, die unzerstörbar erscheint und keine Grenzen kennt.

 

Andere winken ab. Für sie ist das Buch nur wie eine alte Hütte auf einem unzugänglichen Felsen, die nicht mehr bewirtschaftet wird und langsam zerfällt. Videospielen, YouTube-Videos oder Fernsehserien geben sie generell den Vorzug. Die Hütte sei langweilig, nervig, zu weit weg von ihrem Leben, eigentlich überflüssig. 

 

Aber woher kommt dieses Urteil - oder könnte es ein Vorurteil sein? Muss man nicht erst die Welt eines Buches kennenlernen, um zu entdecken, dass alles vom Leser – von einem selbst - abhängt, ob ein Haifisch im Aquarium leben, ein verfaulter Apfel schön, das Unvollkommenheit attraktiv sein kann, das Unmögliche möglich erscheint?

 

Ein Buch kann wie ein Schloss mit vielen Zimmern sein. Es bleibt verschlossen, wenn man es flüchtig und rastlos, oberflächlich und selbstgefällig links liegen lässt. Es öffnet sich, wenn man sich Zeit und Ruhe für eine Begegnung nimmt. Weil man frei und unabhängig von fremden Urteilen sowie der Aufdringlichkeit des Unmittelbaren und den Bevormundungsversuchen anderer sein will. 

 

In manchen Räumen des Schlosses mag billiges Parfüm in der Luft hängen. Und man fragt sich, für wen und wozu der Autor diesen Text geschrieben hat. In anderen Räumen mag man sich über die stickige Luft spießiger Moral  ärgern. Oder über den knarrenden Fußboden unbelehrbarer  Charaktere.

 

Aber ein Schloss kann auch Zimmer mit frischem Wind der Freiheit zum vertieften und kreativen Nachdenken beherbergen. Bekanntes und zugleich Geheimnisvolles können den Leser so berühren, dass Personen zum Leben erweckt werden, mit denen gelebt, gezittert und gelacht wird. Und Energien können freigesetzt werden, die die eigenen Gedanken bewegen, an die man sich später gerne erinnert.

 

Wer vor einem Schloss steht, sollte einfach mal eintreten, um seine eigenen Erfahrungen mit dem Vorstellbaren, Wünschenswerten und Möglichen zu sammeln. Man kann auch eine unbequeme Höhle aufsuchen, um die eigene Wirklichkeit zu öffnen und offen zu lassen. Der Einsatz und der lange Atem, die Offenheit und Neugier, Sensibilität und Reflexion werden belohnt: Schloss oder Höhle wecken befreites und befreiendes Leben für den Alltag. Und können selbst im Unglück Glück schenken.

 

Burkhard Budde  


Macht und Würde

 

Leserbrief in der Tageszeitung DIE WELT

 

Über die Veröffentlichung meines Leserbriefes in DW habe ich mich sehr gefreut:

 

Der Leitartikel von Clemens Wergin beschreibt überzeugend und konkret die Spannung zwischen einer Machtpolitik, die Werte wie die Würde des einzelnen Menschen ignoriert, und einer Wertepolitik, die ohne politische Macht nichts „machen“, d.h. verändern kann.

 

Das politische System Saudi-Arabiens hat sich in Menschenrechtsfragen trotz diplomatischer Kuschel-Politik nicht bewegt. Realpolitiker und Wirtschaftsführer des Westens haben sich mit dem Argument, Saudi-Arabien sei ein Stabilitätsanker in der Region, selbst Sand in die Augen gestreut, um sich zu beruhigen und z.B. die aggressiven Gräueltaten im Jemen übersehen zu können.

 

Wenn Verantwortliche ihre Augen jedoch öffnen und sich die autokratische Monarchie in Saudi-Arabien genauer ansehen, wird es ihnen schwerfallen, die Feudalherren als Partner wahrzunehmen. Sie sind vielmehr ein ernstzunehmendes Gegenüber, mit denen man eine Partnerschaft auf Augenhöhe zum gegenseitigen Nutzen nur anstreben kann, wenn die Würde nicht mit Füßen getreten wird.

 

Denn sonst würde man zwar erfolgreiche (Rüstungs-) Geschäfte machen, aber seine eigene Seele – auch den Würdeanspruch aller Menschen – verlieren. Und damit die Glaubwürdigkeit, die notwendig ist, damit aus einem stabilen Fundament christlicher und humaner Werte kein zynischer Sandhaufen des schönen Scheins und der Beliebigkeit wird.

 

Ethische Spiegelfechterei führt nicht zur Bändigung und Eindämmung brutaler Macht und eiskalter Ideologien, auch keine politische Heuchelei und Selbsttäuschung, um Glaubwürdigkeit und zugleich eigene Interessen wahren zu können. Wohl aber im Zweifel der Vorrang der Würde vor der Macht. Und dann erhält die Würde die Macht, die sie braucht, um die Macht der Despoten zu bändigen. Und der Politiker kann morgens noch in den Spiegel schauen.

 

Burkhard Budde

(DW 27.10.2018)

 


Auf ein Wort

Frisches Wasser für alle Aquarien

 

In einem Aquarium leben viele Fische. Einer von ihnen behauptet, dass es nur dieses eine Aquarium gebe. Aber woher weiß er das? Befinden sich nicht auch Aquarien in Privathäusern oder in chinesischen Restaurants?

 

Ein anderer Fisch vertritt die Meinung, dass Wasser nur eine Einbildung sei, weil er es nicht sehen könne. Aber lebt er nicht im Wasser und vom Wasser, aus dem er stammt und zu dem er auch eines Tages wieder zurückkehrt?

 

Ein ganz fieser Fisch vergiftet das Wasser bewusst; ein ganz dummer unbewusst. Aber müssen beide nicht eines Tages das mit Neid, Hass und Gier verseuchte Wasser selbst trinken?

Viele Fische schwimmen einfach hin und her, ohne groß nachzudenken. Andere sind nur mit sich selbst beschäftigt. Aber haben diese Fische, hat ein Aquarium selbst, ohne (frisches) Wasser eine Zukunft?

 

Immer schon gab es im großen Aquarium des Lebens viele kleine Aquarien, die Einfluss auf das große hatten. Im 16. Jahrhundert war das kirchliche Aquarium durch heuchlerisches Getue, Verdummungsversuche und Geschäftsgebaren besonders großer Fische getrübt. Ein kleiner Fisch - der Mönch Martin Luther - lief deshalb gegen den Verkauf von Ablassbriefen und der Käuflichkeit kirchlicher Ämter Sturm. Gott als das Wasser allen Lebens lasse sich nicht kaufen. Mit Gott und menschlichen Ängsten Geschäfte zu machen, sei Gotteslästerung.

 

Intelligente Bojen, die auf das Wasser selbst hinwiesen und die Erneuerung des Lebens im kirchlichen Aquarium forderten, sollten helfen:

 

Die christliche Bibel zum Beispiel sollte nicht länger ein Buch mit sieben Siegeln bleiben oder ein moralisches Kochbuch der Obrigkeit zur Unterdrückung der Fischschwärme, sondern eine geistliche Quelle sowie ein ethischer Kompass für jeden einzelnen.

 

Die Gnade Gottes sollte nicht länger durch Gängelei oder durch Gewalt machthungriger Würdenträger verwässert werden. Vielmehr sei die geschenkte Gnade als offene Hand Gottes zu verstehen, die die leere oder entleerte Hand eines Menschen bedingungslos – und kostenlos!  - ergreift, damit der sich angenommen weiß und erneuern kann.

 

Der Glaube sollte nicht länger die (Aber-) Gläubigen durch Moralin oder Selbstgerechtigkeit benebeln oder verängstigen, sondern als persönlicher Generalschlüssel zum Verstehen und Erleben des frohmachenden Evangeliums den ganzen Menschen befreien und beflügeln.

 

Und vor allem Jesus Christus sei kein normaler Prophet oder Lehrer gewesen, sondern menschlicher und zugleich göttlicher Spiegel des mitleidenden und selbstleidenden Gottes. Durch den Gekreuzigten und Auferstandenen habe das anonyme Wasser des Lebens einen einzigartigen und konkreten Namen bekommen. 

 

Und was taucht heute im kirchlichen Aquarium  auf oder unter? Gefährliche Haifische, die ihr Unwesen treiben und nur an ihre Macht denken? Auch Goldfische, die in Wahrheit selbstverliebte und reißende Haifische sind; die kleine Fische verführen und zerstören?

 

Doch das Erbe der Reformation bleibt eine erfrischende Provokation: Viele mündige und mutige Fische, die die Bojen der Reformation beachten, können zur Rundumerneuerung beitragen, bei sich selbst und anderen, sowie strukturell. Und ein vielfältiges und friedliches Leben mit einer unantastbaren Würde im Wasser des Lebens möglich machen.

Weil der Ewige durch seine Geschöpfe wirkt, die im Geiste Jesu Christi leben. Und selbst für frisches Wasser in allen Aquarien durch die Quelle seiner unbedingten Liebe sorgt.

 

Burkhard Budde 


Neuer Ratgeber mit 45 Denkanstößen -

jetzt auch als E-Book

 

Das Buch „Erkennen, anerkennen, bekennen“ von Burkhard Budde ist jetzt auch als E-Book in den E-Book-Shops wie dem Amazon Kindle Shop, den Tolino Shops, Apple iBooks oder Google Play erhältlich sowie in vielen anderen Online-Shops und bei über 2.000 Online-Buchhändlern. Der Bod-Verlag aus Norderstedt vertreibt sein Programm über zahlreiche Händler in 30 europäische Länder und über Apple iBooks und Kobo in die USA und nach Kanada.

Das E-Book erscheint mit der ISBN 9783748185840. Es wird für 56 Tage zum Promotionspreis von 1.99 EUR und danach zum Verkaufspreis von 3.49 EUR angeboten.

 

Der lebensnahen Ratgeber mit 45 Denkanstößen will Brücken bauen und Mut zum humanen Miteinander machen, ohne den moralischen  Zeigefinger zu heben oder ohne ethische Rezepte anzubieten. Der Kompass des Autors ist die christliche Freiheit und die soziale Verantwortung. Die Quelle des Autors, aus der der Leser schöpfen kann, nicht muss, ist der christliche Glaube. Der Theologe und Publizist unterscheidet kritisch, führt jedoch zusammen, was seiner Meinung nach zusammengehört: Glaube und Wissen, Liebe und Verantwortung, Vernunft und Menschlichkeit.

 

Von besonderer Brisanz und Originalität sowie bleibender Aktualität sind Themen wie Toleranz (Parabel vom Brückenbau), Nächstenliebe (Martin aktuell), Hass (Gefährlicher Sumpf), Macht (Größe im Kampf), Ökonomie (Prahlen mit Zahlen), Bibel/Koran (Würde bleibt unzerstörbar), Kirche (Geistliche Heimat?). Stets hat der Leser das letzte Wort – er behält die Freiheit, sich eine eigene Meinung zu bilden.

 

Das Buch als Printausgabe kostet 6,90 Euro und kann in jeder Buchhandlung oder im Internet bestellt werden ISBN 978-3-744-8853-79.

 

Auf ein Wort

 

Kniefreiheit als Kampfesansage?!

 

Kim ist von prickelnder Schönheit. Mit ihren grünblauen Augen, die verführerisch wirken, strahlt sie einen Kunden an. Charmant lächelnd fragt sie ihn: „Was kann ich für sie tun?“ Der Blick des gestressten Anzugträgers wird auf ihre Jeans gelenkt. „Warum trägt sie Jeans mit Knieschlitzen?“ schießt es ihm durch den Kopf. Dann konzentriert er sich auf sein Anliegen.

 

Später beschäftigen ihn wieder die Knieschlitze. Welche Bedeutung könnten sie haben?  Klar, wichtiger als scheinbar unfertige Klamotten sind innere Werte. Einen eigenen, wenn auch ausgefallenen Stil zu haben, ist besser, als sich einem Modediktat einfach zu unterwerfen. Vor allem kann eine Kleidung doch nicht die Persönlichkeit und Kompetenz eines Menschen ersetzen! Und ein jugendliches Outfit mit verspielter Unangepasstheit  ist sicherlich einem finsteren Outfit, das Angst macht, vorzuziehen. Und hat sich nicht die emanzipierte Frau des 19. Jahrhunderts vom Korsett befreit, damit ihr befreiter Körper frei atmen kann und einengende Bekleidungsvorschriften aus der Mode kommen?

 

Könnte die heutige Kniefreiheit eine neue Kampfesansage sein  - mit dem Kampfesruf „Ich bin so frei, beliebig und  unangepasst zu sein.“ Aber andererseits: Kann das Unfertige nicht auch zum bevormundenden Gesetz und die Trägerin zur Sklavin eines lockeren Trends werden?

 

Schließlich: Ist es wirklich klug, auf öffentlicher Bühne immer die Kleidung zu tragen, die einem  selbst gefällt – unabhängig vom Anlass und einer Zielgruppe?

 

Kleidung kann eine Augenweide, aber auch eine Beleidigung für die Augen sein. Sie redet ohne Worte. Manchmal verkündet sie die Botschaft, zu einer Gruppe dazuzugehören oder sich von anderen unterscheiden und abgrenzen zu wollen.

 

Und Kims Jeans? Vielleicht legt sie unbewusst die Finger in eine unsichtbare Wunde (der Seele), indem sie eine sichtbare, vorgetäuschte Wunde (der Kleidung) zeigt. Denn bleibt ein Mensch angesichts von Optimierungs-, Perfektions- und Selbstdarstellungssucht nicht dennoch oder gerade deshalb voller Risse, unfertig und unvollkommen?

 

Und so könnte die liebenswürdige Kim auf Risse hinweisen, die durch jeden Menschen gehen; jedoch durch Vernunft sowie Barmherzigkeit geheilt werden können.

 

Burkhard Budde


„Erkennen, anerkennen und bekennen.“

Neues Buch von Burkhard Budde

Vielfältige und spannende Themen aus dem bunten Leben verspricht das neue Buch „Erkennen, anerkennen, bekennen“ von Burkhard Budde. Der Autor hat einen lebensnahen Ratgeber mit 45 Denkanstößen geschaffen, ohne den moralischen  Zeigefinger zu heben oder ohne ethische Rezepte anzubieten.

 

Der promovierte Theologe und Publizist will nicht spalten, sondern Brücken bauen und Mut zum humanen Miteinander machen. Sein Kompass ist die christliche Freiheit und die soziale Verantwortung. Seine Quelle, aus der der Leser schöpfen kann, nicht muss, ist der christliche Glaube. Der Autor unterscheidet kritisch, führt jedoch zusammen, was seiner Meinung nach zusammengehört: Glaube und Wissen, Liebe und Verantwortung, Vernunft und Menschlichkeit.

 

Von besonderer Brisanz und Originalität sowie bleibender Aktualität sind Themen wie Toleranz (Parabel vom Brückenbau), Nächstenliebe (Martin aktuell), Hass (Gefährlicher Sumpf), Macht (Größe im Kampf), Ökonomie (Prahlen mit Zahlen), Bibel/Koran (Würde bleibt unzerstörbar), Kirche (Geistliche Heimat?). Stets hat der Leser das letzte Wort – er behält die Freiheit, sich eine eigene Meinung zu bilden.

 

Das Buch, das im BoD Verlag Norderstedt erschienen ist und 6,90 Euro kostet, kann in jeder Buchhandlung oder im Internet im BoD Buchshop bestellt werden (ISBN: 978-3-744-8853-79).


Auf ein Wort

 

Gier macht unfrei

 

Die Maus mit ihrem neugierigen Schnuppernäschen blickte in einen Spiegel. Sie sah ihr glänzendes Fell, ihre braunen Knopfaugen, ihre kurzen Beine und ihren langen Schwanz. War sie nicht schön?

Aber hatte sie in ihrem Leben wirklich das große Los gezogen? In ihrem Herzen sehnte sie sich danach, wahr- und ernstgenommen, vor allem anerkannt, vielleicht sogar aufgewertet zu werden.

 

Immer häufiger schielte die Maus, deren Selbstwertgefühl ständig auf die Probe gestellt wurde, nach anderen Mäusen und Mäuschen, großen und kleinen Tieren, die ihrer Meinung nach ungerecht bevorzugt wurden. Und weil sie ihr Einfühlungsvermögen aufs Eis gelegt hatte, verhinderte sie, wenn sie es gerade konnte, deren Entwicklungen und Anerkennung ihrer Leistungen. Denn ihr Neid mischte sich mit der Angst, zu kurz zu kommen. Am Ende will doch keiner die Dumme sein?!

 

Langsam wurde sie auch noch geizig. Sie wollte unbedingt das besitzen, was sie nicht hatte. Und was sie hatte, wollte sie unbedingt vermehren. Sie dachte nur noch an sich, wurde gefühls- und lieblos, vor allem sehr einsam. Denn wer wollte schon mit einem Geizhals, selbst wenn er gezuckert nett und niedlich, schnuppernd daherkam, das bunte Leben, die kostbare Lebenszeit teilen?

 

Das Unangenehmste  für ihre Weggefährten war jedoch das Rad ihrer versteckten Gier, das durch Neid, Angst und Geiz ständig und immer schneller gedreht wurde. Zwanghaft hielt sich die Maus an diesem Rad fest und wollte zugleich noch mehr ergreifen, was vorhanden war, aber existenziellen Schwindel verursachte. Sie konnte um keinen Preis auf ihre Wünsche verzichten, auch nicht das Rad loslassen, um nach Alternativen zu ihren Wünschen zu suchen. Sie war unfrei geworden, raffgierig und zugleich machtgeil, geldgierig und zugleich ruhmsüchtig.

 

Eines Tages schaute die Maus wieder in einen Spiegel. Sie erschrak. Ihr Bild hatte sich extrem verändert. Aus einer schönen und attraktiven Maus war eine verhärmte und verbitterte graue Maus geworden. Langsam begriff sie, dass selbstsüchtige Gier die Schönheit des Lebens zerstört. Auch die eigene Freiheit und Mündigkeit, vor allem die selbstkritische Selbstannahme, die notwendig ist, um konstruktive Annahme, ja die unbezahlbare und unverdienbare Liebe anderer erfahren zu können.

 

Burkhard Budde



Neues Buch

Burkhard Budde

Erkennen, anerkennen

und bekennen.

Gedanken aus dem Leben

zum Denken und Handeln

 

Ein moderner und lebensnaher Ratgeber mit 45 Denkanstößen zu Themen wie „Liebe“ und „Macht“, „Toleranz“ und „Hass“, „Wahrheit“ und „Neid“, „Trost“ und „Kritik“.

Kein Buch mit erhobenem Zeigefinger oder ethischen Rezepten, wohl aber ein Buch für Neugierige, die mit einem Kompass christlicher Freiheit und sozialer Verantwortung durchs spannungsvolle und vielfältige Leben gehen wollen.

Die Denkanstöße aus dem Leben laden zudem ein, aus der Quelle des christlichen Glaubens Kraft für das Leben zu schöpfen.

Der promovierte Theologe und Publizist will nicht spalten, sondern Brücken schlagen und Mut zu einem humanen Miteinander machen. Er unterscheidet kritisch, führt jedoch zusammen, was zusammengehört: Glaube und Wissen, Liebe und Verantwortung, Vernunft und Menschlich-keit. Und lässt dem Leser die Freiheit, sich ein eigenes Urteil zu bilden.

 

108 Seiten, gekl., 12 X 19 cm

BoD Norderstedt 2018

6,90 Euro

Bestellungen in jeder Buchhandlung

ISBN: 978-3-744-8853-79

Auf ein Wort

 

Der Dankbare denkt

 

Ist der Dankbare noch unterwegs? Oder hat er sich versteckt? Stampft er heimlich trotzig auf der Stelle? Weil immer weniger Mitmenschen das alte Zauberwort „danke“ kennen? Und sagt lieber „gerne“?

 

Wer will schon wie ein dummer Kammerdiener erscheinen, der seine Ansprüche nicht kennt und sie nicht einfordert? Und überhaupt: Ist es nicht klug, das zweischneidige Schwert der Dankbarkeit in der Scheide stecken zu lassen? Weil es zwar ein möglicher Türöffner zur Seele eines Mitmenschen ist, aber zugleich auch als Schwäche missverstanden werden kann?

 

Einem unbeweglichen Betonkopf kommt „Merci“ (französisch), „Grazie“ (italienisch), „Obrigado“ (portugiesisch) nur selten über die Lippen, auch wenn er unverdiente Barmherzigkeit, eine schöne Tat erlebt oder eigentlich eine Verpflichtung zum Danken hat. Selbstgerecht und überheblich dreht er gerne jeden Stein um, der auf seinem Weg liegt, und wirft mit spitzen Steinen um sich, um unkritische Zustimmung zu erzwingen. Weil die Mitwelt von seinen maßlosen Maßstäben genervt ist und ihre Ruhe haben will, gibt es keinen Austausch der Ideen und Argumente - nur oberflächliche Begegnungen und für den Undankbaren selbstverschuldete und langweilige Einsamkeit.

 

Der ehrlich Dankbare jedoch, der den Dank nicht inszeniert oder instrumentalisiert,  betritt den Raum des Denkens. Er erkennt und anerkennt im Spiegel des Lebens, den er denkend blankreibt, sich selbst, seine Vergänglichkeit und Unvollkommenheit. Er entdeckt, dass seine unverlierbare Würde und seine Lebenszeit Geschenke sind, seit seiner Geburt, die ohne sein Verdienst geschehen ist. Ihm wird klar, dass alle seine Leistungen und Erfolge nicht ohne „glückliche Zufälle“ – nicht ohne Gott – möglich gewesen sind. Er kann dankbar zurückgeben, was er empfangen hat. Und empfängt in Demut Möglichkeiten neuen Lebens.

 

Der Dankbare, der weit genug denkt, hat die Münze des Lebens gefunden, die zum Vertrauen auf das Leben und zum Dank für das Leben einlädt. Er hat zum Leben selbst, zu Gott, zu sich selbst und zum Nächsten gefunden.

 

Mit dem Wort „danke“ streichelt und befreit er die eigene und fremde Seele. Und zaubert auch unterwegs ein Lächeln in zwei Gesichter. 

 

Burkhard Budde


Auf ein Wort

Das Geheimnis der Liebe

 

Geheimnisse lüften?

Die Zwiebel gibt eine klare Antwort. „Selbstverständlich. Ohnehin bleibt nichts verborgen. Und das ist auch gut so.“ Hinter der Maske der Höflichkeit und Freundlichkeit die Fratze der Verlogenheit und Heuchelei zu entlarven. Und im Paradies der Menschlichkeit und Liebenswürdigkeit die Schlange mit ihren giftigen Bemerkungen und Boshaftigkeiten zu entdecken – das mache Sinn. Doch die Zwiebel, die sich von einer Schale nach der anderen trennt, um selbst alles zu offenbaren, steht plötzlich vor dem Nichts. Ist jetzt alles aus, sinnlos? Oder ist ihr Ende der Anfang von etwas Neuem?

 

Die Nuss, die die Entblätterung der Zwiebel erlebt, fängt an zu weinen und sagt: „ Bei mir gibt es eine glatte, aber auch harte Schale. Ich bin glatt, weil ich durch geschickte Anpassungen Glück erfahren habe. Ich bin zugleich hart, weil ich  auch schmerzhafte Brüche und bittere Enttäuschungen durchleiden musste.“ Doch die Nuss denkt weiter: „Was befindet sich hinter meiner Schale?“ Leere, Fülle? Flüssiges, Überflüssiges? Wertloses, Kostbares? Ungenießbares, Schmackhaftes? Sie erkennt, dass nicht die sichtbare Schale das Entscheidende in ihrem Leben ist, sondern das Innere hinter der Schale. Dass sich hinter einer harten Schale etwas Weiches befinden kann. Vor allem erlebt sie, dass eine Anstrengung von außen notwendig ist, um ihre Schale knacken zu können und dem Geheimnis, dem Kern ihres Lebens, auf die Spur zu kommen. Und das tröstet sie.

 

Darüber freut sich die Rose, die selbst durch ihre Farben und ihren Duft Freude bereitet. „Mein Geheimnis“, so erläutert sie selbstbewusst, „kann keiner einfach analysieren. Aber in der Begegnung mit mir werde ich zu einem offenen Geheimnis.“

Und als der Liebende der Geliebten eine Rose  überreicht, verspüren beide mit allen Sinnen ihren keine geheime Unheimlichkeit, sondern wahre Liebe. Die frei ist, sich in das Geheimnis einzufühlen und sich auf das Geheimnis einzulassen, aber auch das Geheimnis ein Geheimnis sein zu lassen, damit Würde erblüht. Nicht immer ohne Geräusche, ohne Kraft, ohne Hoffnung, aber immer zugleich mit eigenem Kopf und leidenschaftlichem Herz. Und nie ohne Sinn.

 

Burkhard Budde


Sehnsucht der Seele

Vortrag über Joseph Freiherr von Eichendorff

 

Was bleibt? Gibt es etwas, was in jedem Menschen lebt, wenn auch häufig schlummert - selbst in einem Macht- und Maskenmenschen oder einem ungehobeltem Rabauken?  


Am Beispiel von Joseph Freiherr von Eichendorff (1788 bis 1857) gab Margret Budde, Oberstudienrätin an der Gaußschule in Braunschweig, Einblicke in die menschliche Seele eines Dichters sowie seines Werkes der deutschen Spätromantik, die für alle Menschen bleibende Entdeckungen bedeuten können.

In ihrem Vortrag am 19. September 2018 vor der Goethe-Gesellschaft Bad Harzburg, die von Wilfried Eberts und Marliese Raschick geleitet wird, würdigte sie vor etwa 50 Harzfreunden zunächst das besonders entwickelte Landschaftsgefühl des 17jährigen Dichters im Blick auf seine Schilderung der Rosstrappe im Harz: „Um das Ganze zu genießen, möchte man einen Januskopf mitbringen. Denn die Gegend selber ist janisch. Vorn starren uralte Häupter ewiger Felsen, indes im Rücken die liebliche Jugend bunter unendlicher Täler herauflacht. Gegenüber die ungeheure Felsenmauer…“


Verlebendigt wurden die Ausführungen der Referentin u.a. zur  Novelle „Aus dem Leben eines Taugenichts“ (1826) und zum Gedicht „Wünschelrute“ (1835)  von Musikstücken wie „Wem Gott will rechte Gunst erweisen“, die von den Anwesenden gesungen und von Superintendent a.D. Johannes Küllig am Klavier begleitet wurden, die Eichendorffs Naturverbundenheit und religiöse Bindungen verdeutlichen.


Die Referentin machte deutlich, dass der Spätromantiker die dichterische Welt als Gegenwelt zur realen Welt versteht und sie gleichzeitig in Beziehung setzt und erlebbar macht  - wohl auch erträglicher, zum Beispiel durch Aussagen seines Gedichtes „Mondnacht“ (1837), die auf manchen Todesanzeigen zu finden sind: „Und meine Seele spannte/Weit ihre Flügel aus,/Flog durch die stillen Lande,/Als Flöge sie nach Haus.“


Denn nicht die rauhe Wirklichkeit mit verlorener Heimat oder Kindheit, mit Ängsten und Kämpfen kann trösten, wohl aber die existenzielle Möglichkeit in der Wirklichkeit. Es ist die Sehnsucht der Seele nach Heimkehr zum Ursprung und Urziel allen Lebens, nach letzter Geborgenheit, die Gott gegenwärtig und bleibend schenkt - die „beflügelt“.  


Würde und Freiheit

Leserbrief in DIE WELT am 19.9.2018

zum DW-Interview

„Dieses muslimische Frustrationskarussell“ vom 17. 9.2018


Das Interview gibt wichtige Einblicke in die muslimische Welt. Ein Karussell, das immer schneller und ohne kritische Auseinandersetzung gedreht wird, kann Frust verbreiten. Veränderung ist möglich, wenn der Einzelne das Karussell verlässt. Die Möglichkeiten dazu sollte der liberale Rechtsstaat ermöglichen und stärken.

Einer jungen muslimischen Frau in Deutschland wurde bewusst, dass es um ihr eigenes Leben geht. Ihre Eltern wollten sie verheiraten, sie sollte das Kopftuch tragen, von ihrem Bruder wurde sie ständig kontrolliert. Nicht ihr Wille, ihre Wünsche und ihre Bedürfnisse zählten, sondern der Wille der Familientradition, der sich untrennbar und unkritisch mit der Familienreligion vermischt hatte. Der Sprung vom Karussell war schmerzlich, aber zugleich befreiend. Sie kann jetzt – auch durch räumliche Trennung – ein selbstbestimmtes und eigenverantwortliches Leben in Würde und Freiheit führen.

Und vielleicht eines Tages auch ihrer Familie auf Augenhöhe und angstfrei, gleichberechtigt und gleichwertig begegnen.

                                                                              Burkhard Budde


Auf ein Wort

Aus dem Brunnen schöpfen

 

In einen Brunnen blicken? Ist es nicht attraktiver, auf sein Smartphone zu schauen oder vor dem Fernseher zu sitzen?  Ein Buch, eine Zeitung zu lesen? Seine Blicke in einem Konsumtempel oder in der Natur schweifen zu lassen? Seine Mitmenschen lieber von unten nach oben anhimmeln, auf sie von oben nach unten herabschauen oder ihnen freundlich ins Gesicht sehen?

 

Ein persönlicher Blick in den Brunnen der Geschichte und Geschichten: Um 1968 herum erlebte ich als 15jähriger wie „Heiligtümer“ immer mehr ins Blickfeld geraten. Viele sind stolz auf ihr Auto, das regelmäßig ziemlich pedantisch poliert wird. Ein Urlaub in den Süden gehört zum Pflichtprogramm eines Jahres, zum guten Essen nicht länger nur eine Bratwurst. Der moderne Massenkonsum mit steigendem Wohlstand macht den Kühlschrank, den Staubsauger und den Farbfernseher erschwinglicher. Das Dreigestirn von Sex, Drogen und Beatmusik geistert durch die Kulturlandschaft und weckt Entdeckerlust, aber auch Enttäuschungen. Der Wertewandel ist im vollen Gange. Die einseitige Präge- und Gestaltungskraft der Kirchen sowie autoritärer Strukturen und Personen fängt an zu verdunsten. Die Türen öffnen sich für mehr Demokratie, mehr Gleichberechtigung und mehr Bildungschancen für alle.

 

Beim Deutschen Turnfest in Berlin erlebte ich 1968 eine Großdemonstration gegen den Vietnamkrieg und die USA auf dem Kurfürstendamm.  Den Ruf der Demonstranten mit ihren roten Fahnen „Ho-, Ho-, Ho-, Chi-Minh“, aber auch die geballten Fäuste und die fliegenden Steine können nicht aus meiner Erinnerung gelöscht werden. Es war für mich die Geburtsstunde, den Kompass eines persönlichen Leitbildes zu suchen.

 

Straßendemokratie mit Freund-Feind-Bildern und Intoleranz? Nein danke! Eine autoritäre Demokratie mit Kommandosprache, nervigem Drill und ständiger Kontrolle war auch nicht mein Ding. Eine politisierte Demokratie mit totalitärem Gehabe, humorloser Aufgeblasenheit, egalitären Sprüchen („Freiheit und Vielfalt für alle“!), aber elitärem Verhalten („Wehe, einer widerspricht“) , kam für mich nicht in Frage, weil ich ein Leben jenseits der (Partei-)Politik schätzte und ich mir meine Freunde ohne politische Schubfächer und Etiketten aussuchen wollte.

 

Meine Grundüberzeugung verdichtete sich: Eine offene Gesellschaft mit menschlichem Gesicht und einem Kompass christlicher Werte, die auch Nichtchristen bejahen konnten, wie Würde und Freiheit, Vertrauen und Verantwortung wurde zu meinem Zukunftsmodell auf der Grundlage des liberalen Rechtsstaates und der sozialen Marktwirtschaft.

 

Manchmal hilft ein Blick in den Brunnen der eigenen Geschichte, um sich zu vergewissern, aus der Vergangenheit zu lernen und die Gegenwart besser zu verstehen. Wer darüber hinaus  aus dem Brunnen seiner oder der Geschichte allgemein schöpft, erhält nicht nur neue Orientierung, sondern auch Kraft. Und kann besser die Gegenwart für die Zukunft gestalten.

 

Burkhard Budde


Für ein Mit- und Füreinander

Bremer Bürgermeister a.D. im Harz

Ein leidenschaftliches Plädoyer für ein lebendiges Mit- und Füreinander der Generationen hielt der 80jährige Henning Scherf auf einer Veranstaltung des Lionsclubs Bad Harzburg Walburga am 14. September 2018 im Kloster Wöltingerode. Der promovierte Jurist aus Bremen, der von 1995 bis 2005 Bürgermeister in Bremen war, gründete vor 30 Jahren in dem Stadtstaat das erste Mehrgenerationenhaus als Alten-WG. Hier lebt er seit Gründung mit seiner Ehefrau Luise Scherf.

 

Im Alter, so berichtete der rüstige Festredner, habe er den Sport, das Singen, vor allem das gemeinsame Wohnen neu entdeckt. Die Erfahrungen mit Kindern und Jugendlichen wurden ihm immer wichtiger.

 

Der Politik empfahl er, alles zu tun, Altenghettos zu vermeiden. „Wir brauchen eine gemischte und bunte Gesellschaft, die durch gemeinsame Alltagserfahrungen zusammenhält“, fasste Henning Scherf seine Ausführungen zusammen, ohne die Chancen des Harzes zu vergessen, der für junge und alte Menschen attraktiv, ein Hoffnungsprojekt sei.

Der Erlös des Abends, so die Präsidentin des Lionsclubs Renate Heinemann, ist für die Arbeit des Mehrgenerationenhauses in Bad Harzburg bestimmt, über dessen Arbeit Beate Theermann und Jasmin Sterzl berichteten.


Auf ein Wort

 

Gesicht zeigen

 

Immer, wenn er auf einen Zug warten muss, spielt er Detektiv. Dann sitzt der Mann auf einer Bank und beobachtet fremde Menschen, besonders deren Gesichter.

 

Manche sind jedoch schwer zu erkennen. Ein Jugendlicher in gebückter Haltung starrt wie gefesselt auf sein Smartphone und schenkt ihm keinen Blick. Ob der Smartphon-Besitzer Angst hat, etwas zu verpassen? Ob ein magischer Zauber ihn anzieht und aus der Realität in eine Scheinwelt entführt?

 

Oder die Frau, die sich mit einer Burka verhüllt hat. Ist sie so schön wie ein funkelnder Stern? Warum versteckt sie ihr Gesicht? Will sie sich abgrenzen und verdeutlichen „Ich gehorche Allah!“?  Fühlt sie sich als Opfer der modernen Welt? Hat sie Integration bisher nicht geschafft, weil das ihre Sonder- und Parallelwelt verhindert?

 

Doch viele Passanten zeigen ihr Gesicht. Ein Kind mit einem Eis in der Hand strahlt über das ganze Gesicht. Heimlich bewundert der Detektiv - kein Wegelager, der andere belästigen will -  das schöne Gesicht einer Frau. Verspricht es mehr? Wird es mehr beneidet als verehrt? Als ein finsteres Gesicht mit hängenden Mundwinkeln und zugekniffenen Augen auftaucht, läuft es dem Beobachter kalt den Rücken herunter. Welche Laus ist denn über dessen Leber gelaufen? Ein weiterer Passant zeigt ein unbewegliches Gesicht mit leerem Blick. Kann oder will er keine Gefühle zeigen? Ist er geistig ausgepumpt, seelisch leer?

 

Ein Gesicht, das weiß der Detektiv, kann ein Dolmetscher der inneren Gefühlswelt sein, der das Unsichtbare ins Sichtbare übersetzt und die Gemütslage eines Menschen verrät. Und natürlich spiegelt das Gesicht auch Lebensspuren wider.

 

Aber ein Detektiv findet nur Hinweise, keine Beweise. Er muss deuten und kann sich irren. Denn gibt es nicht auch ein Pokerface, um sich nichts anmerken zu lassen? Ein offenes Gesicht mit Münzautomatenlächeln, das täuscht und hinters Licht führt? Und kann nicht eine Person mehrere Gesichter haben, die wechseln?

 

Dennoch: „Gesicht zeigen und ins Gesicht sehen“ ist eine wichtige Quelle des Vertrauens. Jeder hat ein einziges sowie einzigartiges Gesicht, das mit dem Gesicht der stillenden Mutter eine erste sowie grundlegende Erfahrung gesammelt hat. Liebende Blicke und ein lächelndes Gesicht der Mutter haben Vertrauen ermöglicht. Böse Blicke hätten geängstigt.

 

Und wer in das Angesicht seines Schöpfers blickt, kann - ob nun als Detektiv oder Passant -stets und unabhängig von seinem Gesichtsausdruck seine Einmaligkeit, Würde und Verantwortung entdecken. Und wer gleichgültig oder abweisend wegschaut, wird dennoch mit liebenden Augen angesehen.

 

Burkhard Budde


Wem gehören Organe?

Leserbrief in DIE WELT vom 6. September 2018

Liebe und Vernunft in existentiell persönlichen Fragen wie die einer Organspende sind von der Politik gesetzlich nicht einfach zu lösen oder zu verordnen. Auch nicht durch die große Not potenzieller Empfänger. Oder durch die Hintertür einer Widerspruchslösung, die von einer inhaltlichen Auseinandersetzung in der konkreten Situation schnell entlastet und mit der Selbstbestimmung des Einzelnen nicht gerade fair umgeht.

 

Denn wer schützt den nicht mehr ansprechbaren Patienten, der nicht weiter medizinisch behandelt werden will, dies in einer Patientenverfügung festgehalten hat, aber dessen Organe dann doch um eines Organes willen zunächst künstlich am Leben erhalten bleiben?

 

Wer tritt an die Seite eines schwer verunglückten Patienten, dessen Wille – sein „Nein“ - (noch) nicht bekannt ist, dessen Organ aber dringend gebraucht wird?

 

Wer kämpft um das Leben eines schwerstkranken alten Patienten, wenn ein anderer jüngerer Patient durch sein Organ gerettet werden kann?

 

Leben darf nicht gegen Leben aufgerechnet oder gar gegeneinander ausgespielt werden. Für alle Menschen gilt der gleiche Lebensschutz sowie die gleiche Fürsorge.

 

Die unantastbare Würde, die für jeden Menschen an allen Orten und zu allen Zeiten ohne Ausnahme gilt, ermöglicht jedoch die individuelle Entscheidung der liebenden Vernunft zur Organspende – allerdings freiwillig, aus Einsicht und aus Mitgefühl.

 

Wer auf die Widerspruchslösung setzt, kann das Gegenteil von dem erreichen, was er bezweckt.

Wer jedoch auf Überzeugungsarbeit mit einem langen Atem setzt und Ängste vor Missbrauch und Manipulation überwindet, kann Erfolg haben. Und aus Liebe zu Menschen, die ein Organ brauchen, wird persönliche Verantwortung.

 

Burkhard Budde

 

(in: Die WELT vom 6.9.2018;

zum Thema “Wem gehört Ihr Herz?” vom 4.9. 2018)


Heimat auch für Heimatlose?

Ebbecke-Stiftung unterstützt Mütterzentrum

 

In der Stadt Heinrichs des Löwen gibt es seit 2004 ein „Dorf in der Stadt“. So jedenfalls bezeichnet Monika Döhrmann das gemeinsame Dach des Braunschweiger Mütterzentrums und des MehrGenerationenHaus in der Hugo-Lutherstraße 60 A.

 

Jeden Tag, berichtet die Geschäftsführerin, besuchen mehr als 200 Personen den „Knotenpunkt für Begegnungen“, die die vielfältigen Angebote wie Frühstück, Mittagessen, Kaffee und Kuchen, Secondhandladen für Frauen und Kinder, Babygruppen, Offene Kinderbetreuung, Schuldnerberatung, Sozialberatung und Hausaufgabenhilfe nutzen.

Die Vorstandsmitglieder der Ebbecke-Stiftung, Dr. Burkhard Budde und Heike Otto, freuten sich über die vielfältigen Aktivitäten, die nicht nur Begegnungen zwischen jungen und alten Menschen, Menschen unterschiedlicher Herkunft und unterschiedliche Religionen ermöglichen, sondern auch die Lebens- und Wohnqualität in einem Stadtbezirk durch Menschlichkeit und gegenseitige Wertschätzung, vor allem durch gemeinsame Projekte stärken.

Die Ebbecke-Stiftung hat deshalb dieses Projekt gerne unterstützt.  


Auf ein Wort

 

Träume können „fit“ machen

 

War es nur ein wohliges Gefühl? Mit neuem Glanz in den Augen? Oder ein gruseliges? Mit starken Schweißausbrüchen? Gab es ein rasches Wechselbad von traurigen und fröhlichen Gefühlen? Mit versteckten Botschaften, verpackt in bunten Zerrbildern und Fetzen von Erinnerungen, scheinbar ungeordnet und ohne Zeitgefühl?

Das nächtliche Kino im eigenen Kopf kennt nervige Wiederholungen, aber es ist auch für Überraschungen gut.

 

Einer träumte von Freiheit. Er musste nicht strammstehen und  im Gleichschritt marschieren. Er wurde nicht ständig kontrolliert und zur Ordnung verdonnert. Es wurde nicht versucht, seinen Willen zu brechen. Manchmal  fühlte er sich wie ein freier Vogel, der seinen großen und großzügigen Käfig verlassen, aber auch in ihn zurückkehren konnte, wann immer er wollte.

 

Einer träumte vom Wohlstand. Ihm flogen keine gebratenen Tauben in den Mund, aber er konnte sich ein großes Auto, einen schönen Urlaub und ein Luxusessen leisten. Er freute sich über seinen beruflichen Erfolg und sein eigenes Heim. Manchmal fühlte er sich wie eine fleißige Arbeitsbiene, die funktionierte, indem sie ihre Pflicht tat. Manchmal wie ein gefährliches Raubtier, das aus seinem Käfig ausgebrochen war, um Beute zu machen, immer dreister und rücksichtsloser.

 

Einer träumte von Liebe. Erst versuchte er, den Himmel auf Erden zu schaffen, erntete aber nur die Hölle der Heuchelei. Dann gab er sich der Hölle des Hasses hin und brüllte wie ein Löwe, klagte andere ohne Gründe an, urteilte ohne Unterscheidung und biss ohne Mitgefühl zu, bis er sich in seiner Bosheit verbissen hatte.

 

Doch schließlich erlebte er, wie ein Mensch ihn barmherzig annahm, ohne ihn zu bevormunden; ihm begründet vertraute, ohne naiv zu sein; ihm seine Meinung vernünftig sagte, ohne ihn zu verletzen; ihn um Verzeihung bat, ohne ihn zu erpressen; Verantwortung für ihn und mit ihm für die gemeinsame Entwicklung trug, ohne dass sich einer selbst aufgeben musste. Keiner lief im Büßerhemd freudlos herum, beide konnten vielmehr loslassen, wurden lustvoll eins.

 

Sind Träume nur süße Schäume oder seelische Müllentsorger? Ventile für aufgestaute Sehnsüchte und Ängste? Relaisstationen für unbewusste Vorgänge?

 

Vielleicht sollte man am anderen Morgen die Augen reiben, nachdenken. Und öffnen, neu sehen lernen. Wurde der Film gedreht, um mich, den Träumer,  „fit“ für den Alltag zu machen? Um als Regisseur und Akteur im Film meines eigenen Lebens gestärkt zu sein?  Das Geflimmer der Augenlider wäre dann nicht sinnlos. Und der Traum der Nacht könnte zur erfahrbaren Botschaft des Tages werden.

 

Burkhard Budde   


Auf ein Wort

In eine Grube springen?!

 

Wieder einmal nörgelte der Junge: „Warum darf ich nicht das, was andere in meinem Alter dürfen?“ Der pubertierende Teenager wollte die Nacht zum Tage machen und sein Taschengeld auf den Kopf hauen. Der genervte Vater wehrte ab: „Wenn andere in die Grube springen, musst du nicht hinterherspringen.“

 

Hoppla. Gilt das auch für den Vater, für einen Erwachsenen? Kann nicht eine Grube so faszinieren, hinein- oder hinterherzuspringen, wenn Geld, Erfolg, Macht und Ruhm locken? Auch wenn der Preis hoch ist, charakterlose Anpassung oder rücksichtsloses Verhalten, Dunkelheit und Enge?

 

Ganz schlaue Lebenskünstler fallen zudem in eine Grube, die sie selbst geschaufelt haben. Ihre schamlosen Lügen, an der Grube unschuldig zu sein, verhindern nicht auf Dauer, dass sie entlarvt werden. Heuchlerisches Intrigenspiel rächt sich mächtig, hinterlässt auf jeden Fall Spuren in der eigenen Seele des Intriganten. Wer anderen – auch naiven oder gutmütigen Gemütern - eine Goldgrube des schönen Scheins, aber mit Fesseln gräbt, fällt – eines Tages – selbst hinein.

 

Doch – ob nun unschuldig schuldig, schuldig unschuldig, aus Versehen, aus Dummheit, aus Leichtfertigkeit, aus Berechnung oder aus Angst – welche Möglichkeiten gibt es, in einer Grube zu überleben oder aus ihr wieder herauszukommen?

 

Der eine gräbt in der Grube, findet jedoch nur Dreck, Bosheiten und Gehässigkeiten. Der andere bleibt in der Grube liegen, schimpft auf anonyme Mächte oder auf heuchlerische Fieslinge. Wieder einer redet weltklug daher und behauptet, im Leben außerhalb der Grube zählten nur Titel, Kittel und Mittel. Ein einsamer Rufer schreit um Hilfe und findet doch kein Echo.

 

Dennoch kann ein Tiefpunkt zum Wendepunkt werden. Für Menschen in der Grube des Lebens, die aufstehen, Zutrauen zu sich selbst entwickeln, Altes loslassen und akzeptieren lernen, empfangen und neue Prioritäten setzen. Die vielleicht auch einen Menschen finden, der sie herauszieht, versteht und liebt. Vor allem – und das wollte wohl auch der Vater seinem Sohn vermitteln – die Verantwortung für das eigene Leben wahrnehmen.

 

Und warum sollte man dann im Gleichschritt in eine (neue) Grube, in sein Unglück springen?!

 

Burkhard Budde


„Fit“ für die Zukunft

Salz- und Lichterfest in Bad Harzburg 2018

 

Auch in diesem Jahr gibt es Feierlichkeiten in Bad Harzburg, die mit dem 24. August 1575 begonnen haben. Damals stellte der Herzog Julius zu Braunschweig und Lüneburg mit dem ersten Salzfest die Weichen. Die Solequelle, die schon 1338 urkundlich erwähnt wird, wurde 1575 wieder zugänglich gemacht. Und Herzog Julius wollte, dass am Bartholomäustag immer an dieses Ereignis mit seinem Symbol, der Kerze, erinnert wird.    

Und dieser Tradition bleibt Bad Harzburg bis heute treu. Und gewinnt dadurch Zukunft. Bürgermeister Ralf Abrahms, seit 2002 im Amt, weiß um die Bedeutung der Sole zur Salzgewinnung für die Entwicklung der Stadt. Aber auch um die von König Heinrich IV., der vor 500 Jahren die Harzburg errichten ließ, die 1048 fertiggestellt wurde.

 

Viele Gründe für viele Menschen auch wegen der vielen Attraktivitäten nach Bad Harzburg zu kommen. Geschichtsort, Badeort, Pferdeort, Naturort, aber auch Kultur- und Feierort, lebendige und tragfähige Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart, auf der man sich kulturell und gesellig „fit“ machen kann für die Zukunft.

Burkhard Budde


Liebe Grüße an wahre Freunde



Geburtstagsblicke

 

Ein Rückblick am Geburtstag

schenkt der Seele Ruhe.

Ist Anlass zum Danken und Denken.

 

Ein Ausblick

der Seele Flügel.

Ist Anlass zum Hoffen und Wünschen.

 

Ein Einblick

der Seele Kraft.

Ist Anlass zur Freude und Entwicklung.

 

Ein Durchblick

der Seele Mut.

Ist Anlass zum Gestalten und Machen.

 

Ein Weitblick

der Seele neue Perspektiven.

Ist Anlass zum Verstehen und Vergeben.

 

Ein Rundumblick

der Seele neue Orientierung.

Ist Anlass zur Demut und Bescheidenheit.

 

Ein Augenblick

der Seele neue Geborgenheit.

Ist Anlass zum Vertrauen durch das Vertraute.

 

Ein liebender Blick Gottes

der Seele eine unsterbliche Würde.

Ist Anlass für viele Blicke liebender Vernunft.

 

Ein Anblick eines Menschen

der Seele Freiheit zur Verantwortung.

Ist Anlass mit Gott zu rechnen.

 

Burkhard Budde   


Die Kuh melken

DIE WELT vom 20. August 2018

Bei der Steuerpolitik verhält es sich ähnlich wie bei einer Kuh, die nachhaltig reichlich und gesunde Milch geben soll. Der Bauer schlachtet sie nicht (Planwirtschaft). Er legt ihr auch keine Steine auf die Weide (Überbürokratie). Auch fesselt er sie nicht dauerhaft (Goldene Zügel).


Ein kluger Bauer (Politiker) führt sie vielmehr auf Wiesen (Rahmenbedingungen), wo sie sich planungssicher und durch steuerliche Anreize zur Leistungsbereitschaft, Leistungsfähigkeit und Leistungsmöglichkeit gerecht behandelt fühlt. Und damit auch Sinn sowie Identifikationsmöglichkeiten entdeckt, mit ihren Steuern im Blick auf ihre konkrete und individuelle Situation dem Allgemeinwesen aus Einsicht und freien Stücken – vielleicht sogar gerne – zu dienen.

Wer die Kuh jedoch zu sehr belastet, darf sich über schleichende Entfremdung und eine Abwehrhaltung nicht wundern.

 Burkhard Budde

(Leserbrief  zu: „Kirchhof und die Steuern“, Kommentar von Andrea Seibel vom 17. August)


Auf ein Wort

Parabel vom Brückenbau

 

Auf seinem Weg trifft ein Mensch drei fromme Personen. Die eine sagt: „Jahwe ist der wahre Gott. Er ist mein Wegbegleiter, der mich mit Hilfe der Thora über Höhen und Täler meines Lebens führt.“ Die zweite: „Allah ist der wahre Gott. Er ist mein Wegbereiter, der mir mit Hilfe des Korans den Weg zur Quelle des Lebens zeigt.“ Die dritte: „Jesus Christus ist der wahre Gott. Er selbst ist der Weg, der mir mit Hilfe der Aussagen der Bibel neues Leben schenkt.“ Um die Streithähne herum stehen Zuschauer. Einer zeigt seine Zähne und lacht über die Zwistigkeit; ein anderer beißt sich auf die Zunge, um keinen bissigen Kommentar abzugeben; wieder einer verdreht die Augen, weil er den Streit nicht versteht. Die meisten jedoch schütteln kurz den Kopf und gehen dann gleichgültig weiter ihres Weges.

 

Nur der eine Mensch erhebt seine Stimme und fragt die Frommen: „Wie finde ich den Weg über den reißenden Strom?“ Auf die Rückfrage, welchen Strom er denn meine, erzählt er vom Strom des Lebens, der plötzlich und unerwartet alle Bekenntnisse und Formeln, den Glauben und die Vernunft wegreißen kann, um neue Gewissheiten und Einsichten zu schaffen. Doch wer nicht untergehen wolle, müsse eine Brücke über den Fluss bauen, bevor eine reißende Strömung ihr Unwesen treiben könne.

 

Die Frommen verstehen nicht, was er damit sagen will. Der eine erwidert, er hätte jetzt keine Zeit zum Philosophieren. Der andere weist darauf hin, dass er keine Infos über den Brückenbau habe. Der dritte im Bunde reagiert sehr höflich „Wir können in Ruhe darüber sprechen.“ Doch in Wahrheit will er sich nur mit sich selbst beschäftigen.

 

Der Mensch lässt jedoch nicht locker: „Im schnellen Strom des Lebens ist ein Brückenbau möglich.“ Und er spricht von vorbehaltlosem  Erkennen der Gemeinsamkeiten, gleichberechtigtem Anerkennen der Unterschiede und von gemeinsamem Bekennen gegenüber Andersdenkenden.

 

Die Vertreter der Religionen fragen neugierig: „Wie kann das gelingen?“ „Schaut nur mich an!“ lädt der Mensch sie ein. Jeder einzelne - der Rabbiner, der Iman und der Bischof - blickt den Menschen an. Und entdeckt in seinem Gesicht sich selbst, seine Geschaffenheit und Einmaligkeit, aber auch seine Begrenztheit, seine Unvollkommenheit sowie seine Liebesbedürftigkeit – die Brücke der Menschlichkeit, die durch gegenseitige Toleranz für alle begehbar ist, um in den Horizont der Freiheit und des Rechts sowie der Wahrheitssuche zu gelangen.

 

Burkhard Budde


Kultur als Kult

You Silence I Bird bei der Kultviertelnacht in Braunschweig

Auf dem Friedrich-Wilhelm-Platz in der Stadt Heinrichs des Löwen gab es Kultur zum Anfassen, zum Sehen und zum Hören. Das Open-Air in Braunschweigs Kiez am 18. August 2018 bewegte zudem viele Gemüter bei den rhythmischen Klängen der Indie-Popgruppe You Silence I Bird.

Die bunte Mischung des Programms lockte selbst Passanten, in die vielfältige Kultur mit Livemusik, Gastronomie, DJ-Sets und Projektion Mapping einzutauchen. Und sie konnten eine gemischte Kultur des Viertels als identitätsstiftenden Kult staunend erleben und – sei es auch nur für kurze Zeit – als neue Horizont- und Gefühlserweiterung ganz persönlich wahrnehmen.

Wenn Menschen, die alle Erfahrungsmenschen sind, so miteinander feiern, werden sie sich auch eher gegenseitig tolerieren und füreinander da sein.

Burkhard Budde


Große Demo in kleiner Stadt

Für Freiheit auch in Prag 1968

 

Wie ein Lauffeuer hatte es sich in der westfälischen Stadt Bünde herumgesprochen: In der Nacht zum 21. August 1968 waren Truppen der Sowjetunion, Ungarns, Polens und Bulgariens gewaltsam in die Tschechoslowakei   eingedrungen. Viele Schüler der beiden Bünder Gymnasien wirkten wie geschockt und erschüttert, auch meine beiden Brüder und ich, die wir damals zum Freiherr-vom-Stein-Gymnasium gingen. Wir  bekamen über die Medien mit, wie Prager Bürger versuchten, Sowjetische Panzer aufzuhalten, indem sie sich ihnen in den Weg stellten. Auch Diskussionen von jungen Leuten mit den Soldaten des Warschauer Paktes waren offenbar zwecklos. Alles schien vergeblich. Gewalt und Ohnmachtserfahrungen triumphierten. Das kleine Pflänzchen „Freiheit“ des „Prager Frühlings“, des „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“, wurde brutal zerstört.

 Doch in unseren Schulen der Kleinstadt – damals hatte die Stadt nur 12 000 Einwohner - gab es nicht nur Wut und Empörung, sondern  auch Mitgefühl, politische Widerstands- und Freiheitskräfte. Ein Schüler sagte: „Wir können ja demonstrieren!“ Und der damalige Schülersprecher Rainer Gabriel  griff diesen Vorschlag auf. Kurze Zeit später berichtete er in der Schülerzeitung rückblickend: „Überall fanden wir eine seltene Entschlossenheit vor, fast jeder Schüler war bereit zu demonstrieren.“

 

Und so geschah es denn auch. Die „Stärksten“ der etwa 300 Demonstranten - zu den „Stärksten“ gehörte ich als 15jähriger nicht - trugen Transparente zum Beispiel mit den Aufschriften „Freiheit für die CSSR“ und die „Russen verhandeln mit Panzern“. Vom Marktplatz der westfälischen Zigarrenstadt ging es durch die Innenstadt mit Sprechchören wie „Russen raus aus Prag“ zum „Kleinen Kreml in Bünde“. Ich selbst hatte bislang um dieses Gebiet am Rande der Stadt mit meinem Fahrrad lieber einen Bogen gemacht. Zu unheimlich wirkte auf mich die „Sowjetische Militärmission“ mit ihrer roten Fahne, die durch etwa drei Meter hohe Maschendraht-Zäune hermetisch abgeriegelt war und mehrere Doppelhäuser mit 20 Wohnungen, einem Casino, einer Gemeinschaftsküche und Büroräume  umfasste. Doch dieser für mich „gruselige“ Ort trotz der britischen Offizierssiedlung als Nachbarn, den es seit 1957 bis zur Schließung 1991 als „Aufklärungsort“ im Blick auf militärische Einrichtungen auf Grund der Potsdamer Abkommen 1944  gab, war zugleich ein lebendiger Symbolort. Hier fokussierten sich für uns Schüler  die politischen Kräfte „Freiheit und Menschenrechte“ oder „Unfreiheit und Unrecht“. Wir wollten deshalb den Vertretern der Sowjetunion eine Petition übergeben. Aber in der Militärmission rührte sich nichts. Das Maschendrahttor blieb verschlossen, die Gardinen der Fenster zugezogen. Auch ein „sit-in“ vor dem „Relikt“ des Zweiten Weltkrieges, das es auch in Baden-Baden und in Frankfurt am Main gab – und ähnliche „Stützpunkte“ der USA, Englands und Frankreichs in der damaligen DDR – wurde ignoriert. Ob wir heimlich fotografiert wurden?!

 

 

 

 

 Wie es auch immer war. Politisches Bewusstsein für die unteilbaren Menschenrechte, die Ausdruck einer unantastbaren Würde aller Menschen sind, hatten wir in der Bevölkerung, die unsere demonstrative Solidarität begrüßte, geweckt. Mir selbst wurde es immer wichtiger, politische Verantwortung zu übernehmen. Von den Schülersprechern Rainer Gabriel (1968/ 69) und anschließend Jochen Liedtke (1969/70) konnte ich ganz im Geiste der Erziehung meiner Eltern viel dazulernen, zum Beispiel Mut zum Widerspruch und zur eigenen Meinung, auch Offenheit und Ehrlichkeit, Unterscheidungs- und Urteilsvermögen. 1970/71 schenkten mir meine Mitschüler ihr Vertrauen und ich wurde selbst Schülersprecher in einer bewegten und bewegenden Zeit.

   

Burkhard Budde 


Abenteuer Natur

Die Rabenklippe von Bad Harzburg

Ein faszinierender Fels in felsiger Landschaft inspiriert die Phantasie. Wenn die versteckte Rabenklippe, die in 555 Meter Höhe östlich von Bad Harzburg zu finden ist, spricht, wird sie gleichsam lebendig. Die Gedanken wandern aus der rauhen Wirklichkeit hinaus in die Weite der bewegten Gefühle.

Der „Rawenstein“ (Ausdruck 1587) mit dem Gasthaus (seit 1847), dem Luchsgehege (seit 2000) und vor allem dem einzigartigen Brockenblick (1142 Meter höchster Berg des Harzes) ist eine Oase für die menschliche Seele, die zur schöpferischen oder zweckfreien Ruhe kommen kann. Auch Gespräche werden hier möglich, die abseits vom Trubel, von der Hektik und dem Stress, aber auch jenseits gähnender Langeweile und oberflächlicher Gleichgültigkeit eine besondere nachhaltige Wirkung entwickeln.

Der Fels besteht eben nicht nur aus Granitblöcken, sondern er spiegelt die Urkräfte der Natur wieder, die dem Menschen neue Energien und blühende Visionen schenken.

Burkhard Budde


Auf ein Wort

 

Stimmen Stimmen?

 

Auf welche Stimme hören wir? Eine haucht ins Ohr „Ich liebe dich.“ Und will doch nur verführen. Eine andere verschafft sich immer häufiger Gehör „Ich liebe nur mich.“ Und vergisst seine eigene Hilfsbedürftigkeit. Eine flüstert immer lauter „Keiner liebt mich.“ Und weckt Unzufriedenheit. Eine versucht einzureden „Es ist alles erlaubt.“ Und führt dabei aufs Glatteis. Wieder eine brüllt „Du hast zu gehorchen“. Und verbreitet Angst. Eine schmeichelt „Dein Erfolg!“ Und trieft vor Neid. Eine keift „Dein Fehler!“. Und pocht auf ihr Recht. Eine mächtige Stimme ruft zunächst „Hurra!“, viele applaudieren. Und dann senkt die gleiche Stimme den Daumen „Weg mit ihm!“ Und viele tuten ins gleiche Horn. Eine hinterhältige Stimme behauptet „Den du anhimmelst und verteidigst, der hält nichts von dir.“, sät damit Zweifel „Sollte die Person das wirklich gesagt haben?“ Und schließlich keimt Misstrauen und Abneigung auf.

 

Versagt in diesem Stimmengewirr die eigene Stimme? Weil sie die Ohren auf Durchzug stellt oder zuhält? Den Schnabel hält, weil sie ohnehin nicht gleichzeitig auf mehrere Stimmen hören kann?

Hilft vielleicht eine mutige Stimme, die klug handelt?

 

Der griechische Held Odysseus widerstand den verführerischen Stimmen der Sirenen, Fabelwesen, die vorbeifahrende Seeleute mit Lockrufen betören wollten, um sie zu vernichten. Er verstopfte die Ohren seiner Männer mit Wachs und ließ sich selbst am Schiffsmast mit Seilen binden. Keiner sollte schwach werden, ins Wasser und damit in sein Unglück springen.

 

Aber reicht das aus, wenn man vor spaltendem und zerstörerischem Süßholz die Ohren verschließt? Oder sich nur an den Mast von Grundsätzen der Solidarität zu fesseln?

 

Jesus, der die Stimme Gottes zu sein beanspruchte, ging einen neuen Weg. Er wollte befreien, nicht fesseln; aufklären, nicht weghören; lieben, nicht heucheln. Sein Maßstab war nicht die Attraktivität und Überzeugungskraft  oder Boshaftigkeit und Verlogenheit einer Stimme, sondern die eigene Verantwortung, die der Mensch vor Gott, in der Bindung vor seinem Schöpfer trägt sowie vor dem Nächsten, der durch die Befreiung von Fesseln eine mündige Stimme bekommen sollte.

 

Die Stimme Jesu ist nicht verstummt. Sie kann auch heute noch das Zweideutige eindeutig entlarven und eine glaubwürde Stimme hörbar machen. Und selbst eine ohnmächtige Stimme durch liebende Vernunft zum Sprechen bringen.

 

Burkhard Budde


Hoch zu Ross und doch sozial

Vielseitigkeitsreiten in Bad Harzburg


Wer selbst begeistert ist, kann andere leichter begeistern. Der Pferdeliebhaber Georg Hohmann vom Verein für Vielseitigkeitsreiten Bad Harzburg e.V., der eine besondere Liebe zum Pferdesport hat, kann bei seinen Mitmenschen Begeisterung für Dressur, Geländeritt und Springen wecken.


Bei seiner Führung während der laufenden Prüfungen sprang bei vielen Teilnehmern der Funke über. Auch für Menschen, die nicht reiten, wurde das Sprichwort lebendig(er) „Alles Glück dieser Erde liegt auf dem Rücken der Pferde.“    

Die Rede ist vom 20. Internationalen Vielseitigkeitsmeeting, das vom 10. bis 12. August 2018 in der Kur- und Pferdestadt Bad Harzburg stattfindet. Georg Hohmann führte am 11. August etwa 30 Personen über die Wiesen des Klosterguts Bündheim und über das Gelände der Rennbahn. Der Pressesprecher des Vereins, der den Wettkampf organisiert, an dem in diesem Jahr 120 Personen aus sechs Nationen teilnehmen, erläuterte mit Kopf und Herz den Geländeritt der Reiter.


Vor einer malerischen und einmaligen Kulisse des Harzes konnte hautnah und nachvollziehbar beobachtet werden wie Pferde mit ihren Reitern die  handwerklich gestalteten Hindernisse in Form von Schwein, Schwänen, Igel und Traktor mit Konzentration und Geschick überwinden konnten. Immer war jedoch Voraussetzung, dass Tier und Mensch eine „soziale Einheit“ bildeten, gemeinsam zueinander und miteinander Vertrauen hatten. Und der Reiter dabei eine besondere Gesamtverantwortung im Wettkampf wahrnahm.


Das Herz der Zuschauer schlug stets mit: Werden beide es schaffen? Sind das Vertrauen und das Können beider stärker als die Furcht vor Herausforderungen? Gibt es plötzlich Unvorhergesehenes, Überraschungen?


Begeisterte und Ergriffene können zudem ihre Erlebnisse und Einsichten in andere Welten rational und emotional übertragen: Auch hoch zu Ross muss kein Mensch auf die Nase fallen. Wenn er sozial bleibt. Und dadurch sein Glück zu zweit im gegenseitigen Vertrauen und auf Augenhöhe entdeckt.

Burkhard Budde


Auf ein Wort


 

Ich habe einen Freund

 

Einer machte aus seinem Herzen keine Mördergrube: „Ich bin dankbar und froh, dass ich Freunde habe.“ Doch etwas Wasser gehört schon in diesen Wein. Freunde purzeln nicht einfach vom Himmel. Oder können im geschlossenen Kreis, in dem man ähnlich denkt, schimpft und sich oberflächlich zerstreut, nicht einfach gewonnen werden.

 

In der Diskussionsrunde zum Thema „Freundschaft“ berichtete eine junge Frau, dass sie sich an den Schultern ihres Freundes ausweinen könne, „wenn ich die Ellenbogen anderer nicht länger ertragen kann.“ Ein Mann erwiderte: „Meine Freundin hat auch starke Schultern.“ Sie schweige wie ein Grab, wenn er sie darum bitte. Ein weiterer Teilnehmer schilderte, dass sein Freund ihm seine Meinung ungeschminkt sage. Er wisse, woran er sei, vor allem dass er es gut mit ihm meine. Da meldete sich einer zu Wort mit einer weiteren Erfahrung, die eine Prise Weisheit enthielt: „Mir ist wichtig, dass mein Freund mich argumentativ verteidigt, wenn ich schlechtgemacht werde und nicht anwesend bin.“ Und vor allem nicht flüchte oder den Kopf in den Sand stecke, „wenn ich mich in einer Notsituation befinde.“

 

Wohl dem, so kann man tief durchatmen, der einen wahren Freund oder eine wahre Freundin hat! Solche Wegbegleiter durch dick und dünn können auch, müssen jedoch nicht Verwandte oder (Ehe-) Partner sein. Und freundliche sowie höfliche Menschen, die berechnend oder nur an einer nützlichen Beziehung interessiert sind, gehören nicht automatisch zum wahren Freundeskreis. Schon gar nicht korrumpierbare und kaltherzige Menschen, die Freundschaft instrumentalisieren, weil sie nur an ihre eigenen Vorteile denken und von Neid- und Angstgefühlen getrieben sind.

 

Zusammenfassend kann man vielleicht sagen: Zur wahren Freundschaft gehört ein Wir-Gefühl, das Teilen gemeinsamer Grundwerte und Grundüberzeugungen; ein Kopf-Gefühl, das Erleben von Verschwiegenheit und Offenheit, Verstehen und Verständnis, Zuverlässigkeit und Aufrichtigkeit, Hilfsbereitschaft und Solidarität; aber auch ein Bauch-Gefühl, das gemeinsame Feiern, ein zweckfreier Umgang ohne Hintergedanken.

 

Menschliche und wahre Freundschaft kann mit einer flüchtigen Bekanntschaft oder beruflichen Kollegialität beginnen sowie in einer zweckgebundenen Kameradschaft wachsen. Freiwillig, ohne Knopfdruck und ohne Zwang.

 

Doch vor allem die Freundschaft zum Liebhaber des Lebens, zu Gott, mit der Gewissheit einer grenzenlosen und bedingungslosen Liebe, bleibt mitten auf Erden ein Geschenk des Himmels. Und befähigt immer wieder zum Vertrauen sowie zur neuen und erneuerten Freundschaft zwischen Menschen.

 

Burkhard Budde


Das Einheitsband der Würde

 

DIE WELT vom 2. August 2018

 

Integration ist ein ständiger Prozess, der alle Menschen immer wieder neu betrifft. Kinder zum Beispiel müssen lernen, sich in die Alltagskultur der Familie zu integrieren, Jugendliche in die Kultur der Gleichaltrigen, Erwachsene in die Unternehmens- oder Berufskultur. Alle Kulturen sind in Deutschland durch das Einheitsband der individuellen Würde, der identitätsstiftenden Grundkultur der Gleichheit aller Menschen sowie der Gleichberechtigung von Mann und Frau miteinander verbunden.

 

Migranten, die häufig eine andere Grundkultur sowie Prägung mitbringen oder sich in Deutschland in der Sonderkultur der Abschottung gegenüber dem westlichen Lebensstils aufhalten, darf man aus ihrer Verantwortung diesem Einheitsband gegenüber nicht entlassen. Ein muslimischer Freund von mir, der sich als liberal versteht und sehr gerne in der offenen Gesellschaft lebt und schon viele soziale und ökonomische Beiträge für die Gesellschaft eingebracht hat, spricht von einer falschen verstandenen deutschen Toleranz, wenn eine Kultur der Würde und der Menschenrechte nicht von allen eindeutig eingefordert und eingeübt wird.

 

Wer meint mit seiner Kultur, seiner Religion, seiner Ideologie oder seiner Politik das alleinige Sagen in der Gesellschaft und im Staat zu haben und Andersdenklende menschenverachtend zu behandeln, zerschneidet dieses grundlegende Einheitsband. Und sät den Geist der Zwietracht, der die Blüten des Hasses, des Fanatismus und der Ausgrenzung schafft. Wer jedoch - wie Andrea Seibel schildert – sich nicht nur einfach als Opfer eines heimlichen oder offenen Rassismus meldet, sondern zur Aufklärung beiträgt, stärkt das zarte Pflänzchen der Integration und Verantwortung. Ob die dauerhafte Integration schon oder noch nicht gelungen ist oder nur eine politische Wunschprojektion bleiben wird, hängt sowohl vom Einsatz des Einzelnen als auch von den Bedingungen vor Ort und der konkreten Situation ab. Wer allerdings darauf verzichtet und das Wachsen der unterschiedlichen Identitäten und (Un-)Kulturen sich selbst überlässt, darf sich über mehr Giftblüten sowie Verwüstungen des Gartens nicht wundern. Wer sich jedoch der realistischen und vernünftigen Auseinandersetzung stellt, schafft einen gemeinsamen Garten vielfältigen und blühenden Lebens. Diese Gärtnerarbeit aller bleibt stets eine Daueraufgabe aller.

 

Burkhard Budde

 

(DW-Leserbrief vom 2.8.2018; ungekürzt)


Auf ein Wort

 

Leben wie eine Katze?

 

Ein Fisch kann nicht gleichzeitig ein Vogel sein. Und umgekehrt. Ein Vogel kann zwar versuchen, die Rolle des Fisches zu spielen. Und ein Fisch die des Vogels. Aber das frische Wasser bleibt das entscheidende Lebenselement des Fisches und die saubere Luft das des Vogels.

Selbst wenn Vogel und Fisch ein faszinierendes Theater jenseits und diesseits der Wasseroberfläche spielen, bleibt es den wachen Augen von Katzen nicht verborgen, dass der Fisch ein Fisch und der Vogel ein Vogel ist.

 

Manche Katzen können sich tierisch amüsieren, wenn Fisch und Vogel auf der Bühne des Lebens beides gleichzeitig oder ein ganz anderer sein und ihre wahre Identität verstecken wollen. Vielleicht weil es ihnen um mächtiges Futter oder um schmeichelnden Applaus geht. Aber manche gestiefelten Zuschauer, die die Nase vom grotesken Rollenspiel voll haben, setzen zum Sprung an, weil sie Fische als Vögel und Vögel als Fische zum Fressen gern haben.

 

Doch warum überhaupt ein absurdes Theater mit (Ent-)Täuschungen spielen? „Ich bin nun einmal so, wie ich bin“, sagte ein junger Mensch ganz bescheiden; fügte dann jedoch noch selbstbewusst hinzu: „Ich kann zwar nicht wie die Fische schwimmen oder wie die Vögel fliegen, aber ich kann ein freies Leben führen, mich im Rahmen meiner Möglichkeiten entwickeln.“ Warum sollte er, der mit sich selbst und seiner Mitwelt im Einklang zu leben versucht, gleichzeitig oder überhaupt ein anderer sein wollen?

 

Wie eine Katze kann ein Mensch kratzen und beißen, die Seele in Unruhe versetzen und Ärger verursachen. Lecken und beknabbern, sein Ego säubern und polieren. Miauen, die Aufmerksamkeit auf sich lenken, gegen etwas protestieren, wehklagen oder Betroffenheit zeigen. Und Geheimnisse verbergen.

 

Doch er kann auch - wie eine Katze? – neugierig versuchen, bei allen Abhängigkeiten und Widrigkeiten sowie bei aller Unvollkommenheit und Hilfsbedürftigkeit ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Nicht mit Fäusten und Ellenbogen, sondern mit einfühlsamen Samtpfoten. Indem die Würde aller, die Einmaligkeit und Unverwechselbarkeit, die vielen Identitäten, jeder einzelne Fingerabdruck, auch der eigene, geachtet wird, eröffnet sich die Möglichkeit gemeinsamen Lebens. Ob nun als Fisch, Vogel oder Katze – oder als Mensch, der allerdings mit einer besonderen Verantwortung.

 

Burkhard Budde


Auf ein Wort

 

Dankbares Erinnern

 

Soll der Ehrentag abgesagt oder gar abgeschafft werden? Weil die Geburtstagsfeier zu teuer ist oder zu viel Arbeit macht? Weil die Gesundheit des Geburtstagskindes nicht mitspielt? Oder einfach die Gäste fehlen, keine oder kaum mehr Verwandte oder Freunde da sind?


„Ich feiere meinen Geburtstag schon lange nicht mehr“, sagte eine lebenslustige Powerfrau im Blick auf ihren 70.Geburtstag. Sie wolle nicht jedes Jahr an ihr Älterwerden erinnert werden. Doch hilft es ihr, den Kopf einfach in den Sand zu stecken und die Augen vor dem Alter zu verschließen?

Und muss man sich stets wie ein „junger Gott“ verhalten, es übertreiben und sich überfordern – wie Platon noch im 94.Lebensjahr diskutieren bis man plötzlich tot umfällt? Muss man immer wie ein „junger Spund“ aussehen und seine Torschlusspanik mit Aktivismus überspielen – wie ein Teenager auf der Tanzfläche herumhopsen und sich peinlich lächerlich machen?

Älterwerden muss jedoch nicht bedeuten, in Angst und Schrecken vor Falten, Krampfadern, Haarverlust und Alterskrankheiten zu leben. Oder in ständiger Angst, den Anschluss zu verpassen und auf das Abstellgleis gestellt zu werden. Es ist vielmehr ein Zeichen von persönlicher Freiheit und individueller Würde, sein Lebensalter bewusst und dankbar anzunehmen, Verblühtes und Verwelktes, Dorniges und Giftiges loszulassen, um neuen Blüten Chancen zu geben. Mit liebenden Augen betrachtet können diese zweiten oder dritten Blüten einzigartige Schönheiten sein, die anderen wahre Freude bereiten, tragende Hoffnung vermitteln und heilende Kräfte schenken. Und für den Betroffenen selbst neue Möglichkeiten und befreiende Entdeckungen sinnstiftenden Lebens eröffnen.


„Ich habe in meinem Leben viel Glück gehabt“, bekannte ein 64jähriger Mann, der sich auf seinen „runden Geburtstag“ in stabiler Gesundheit freute. Was er unverdient geschenkt bekommen habe, möchte er wenigstens zeichenhaft mit einer Feier zurückgeben. Er sei dankbar, dass auf seine Familie immer Verlass gewesen sei, seine Freunde zu ihm gehalten hätten, dass Vertrauen und Vertrautes gewachsen sei, dass Täler mit Krisen gemeinsam durchschritten worden wären. All das sei ja nicht selbstverständlich. Und warum solle man dann nicht ein Fest des Dankes und der Freude feiern, das zudem die bunte Gemeinschaft noch stärke und erneuere?!


Es ist wohl wahr: Eine solche Feier, die gleichsam die älter werdende, aber blühende Pflanze mit erfrischendem Wasser der Gemeinschaft begießt, befähigt und ermutigt einen Jubilar, weiter im Möglichen und Notwendigen zu wachsen, immer wieder zu säen und nicht nur zu ernten, neugierig auf das vielfältige Leben zu bleiben.


Ein unsichtbarer Boden jedoch, auf dem alle Pflanzen im Garten des Lebens wachsen, ist der eigentliche Grund aller Existenz. Denn keine Pflanze – ob groß oder klein, alt oder jung, mit vielen oder wenigen Blüten – hat sich auf dem Globus seinen Geburtsort selbst gewählt, im Supermarkt seine Erbanlagen gekauft, im Internet seine Eltern ausgesucht, im Katalog seinen Erfolg ausgesucht. Natürlich gehören zu einem erfüllten und gelingenden Leben auch der persönliche Wille, die Anstrengung, der lange Atem, der Mut, die Eigenverantwortung. Aber der Wurzelgrund sowie die Grundbedingungen sind vorgegeben. Und manche haben zudem Förderer, andere - ohne es zu wissen – allzu viele Neider, die Türen verschließen; manche haben stille Beter, andere feige Heckenschützen, die das Gift der Unwahrheiten oder Halbwahrheiten verbreiten und Entwicklungen verhindern.


Immer jedoch hat das ganze Sein im Schein der Welt das letzte Wort. Deshalb verwelkt keiner einfach, der älter wird, sondern jedem blüht das ewige Sein. Und für Christen, die seit Jesus Christus an die Auferstehung glauben, ist das der eigentliche Grund einer Geburtstagsfeier. Wegbereiter und Wegbegleiter sind dann zur Geburtstagsfeier eingeladen, um in heiterer Leichtigkeit und letztlich in Demut den schöpferischen Grund allen Lebens, den lebendigen Gott, immer mit zu feiern.

 

Burkhard Budde


Kluge Köpfe klug fördern

Dr. Reza Asghari Leiter des neuen „Entrepreneurship Hub“


Der Fluch des Stillstandes, alles beim Alten zu belassen, bedeutet Rückschritt. Erneuerung, das Alte erneuern oder ganz Neues schaffen, kann jedoch zum Segen für alle werden. Deshalb werden, so ein Slogan des neu gegründeten „Entrepreneurship Hub“, kluge Köpfe mit Ideen und Tatendrang gesucht. Und sie werden begleitet, befähigt und unterstützt, wenn die Studierenden und wissenschaftliche Mitarbeiter ein Unternehmen gründen wollen.


Der neue Knotenpunkt („Hub“) für Entrepreneurship, eine Einrichtung der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften und der Technischen Universität Braunschweig, will die Gründungskultur in der Region verbessern. Es gehe, so der Leiter von „Entrepreneurship Hub“ Prof. Dr. Reza Asghari während der Einweihungsfeier am 20. Juli 2018 im Haus der Wissenschaft in Braunschweig, nicht nur um die Vermittlung einer Karriereoption, sondern auch um eine Lebenseinstellung.

Die aktive Teilnahme am Wandel sei grundsätzlich wichtig, um nicht von der Substanz der Vergangenheit zu zehren, und die Voraussetzung für eine erfolgreiche Zukunft des Landes und der Region zu schaffen. Lehre, Forschung und Coaching, Netzwerkarbeit, Kooperationen würden innovative Werte schaffen, die die Rahmenbedingungen verbesserten, so das Unternehmer – „Entrepreneure und Intrapreneure“ – eine reale Chance mit ihren innovativen Produkten oder Dienstleistungen am Markt bekämen.


Reza Asghari sprach sich für ein Entrepreneurship mit einem menschlichen Gesicht aus sowie für eine soziale Marktwirtschaft, die Lebendigkeit und Zuverlässigkeit verbinde, die jedoch nicht ohne Unternehmer funktioniere – denn „am Ende lebt die Innovation von Personen. Eine Erneuerung lässt sich nicht anordnen.“

 

 

 

 


Unterstützung erhielt das neue Projekt, dessen Pionier und Motor Reza Asghari ist, u.a. vom Präsidenten der IHK Braunschweig Helmut Streiff („Die IHK hat eine Scharnierfunktion zwischen Wissenschaft und Wirtschaft“), von der Präsidentin der TU Braunschweig Prof. Anke Kaysser-Pyzalla (bei der „Sichtbarmachung und der Profilstärkung der Aktivitäten“), von der Präsidentin der Ostfalia Hochschule Prof.Rosemarie Karger (bei der „Zusammenarbeit zwischen Hochschulen, Gründern und Unternehmen der Region“), von der Staatssekretärin im Ministerium für Wissenschaft und Kultur Dr. Sabine Johannsen („bei der „Grundlagenforschung und bei allen Transferaktivitäten“), von Prof. Christoph Herrmann („bei nicht so einfachen Rahmenbedingungen“), von Prof. Matthias Pierson (beim Ausbau der Infrastruktur sowie der „kollegialen Kontaktpflege“).



Auch diese leidenschaftlichen Versprechen und Bekenntnisse gehören zur innovativen Kultur, die sich dann bewährt, wenn sie vorgelebt wird. Reza Asghari: „Ein Unternehmertum ohne Begeisterung ist schwierig, weil es Rückschläge gibt.“


Doch dieser neue institutionalisierte Knotenpunkt kann zum Dreh- und Angelpunkt eines neuen Denkens mit erfolgreichem Handeln werden. Weil kluge Köpfe an ihre Ideen glauben, aber auch um die Bedeutung der sozialen Kultur der Menschlichkeit als Voraussetzung ökonomischen sowie nachhaltigen Erfolges wissen. Und kleine Unternehmen von großem Wert sind – für große Unternehmen, aber auch für die Entwicklung der Gesellschaft.


Burkhard Budde


Auf ein Wort

 

Großes im Kleinen

 

Ein kleines Kerlchen – ganz groß?! Es denkt zunächst an sich. Und verschließt häufig sein Herz. Es hält sich für schlauer als andere. Und blickt auf andere herab. Es verachtet den Verlierer. Und überhört den Ruf nach einem Neuanfang. Es ist neidisch auf den Gewinner. Und übersieht seine Knochenarbeit. Es führt sich gerne auf wie ein Zampano. Und täuscht  andere, Unmögliches möglich machen zu können. Mit strahlenden Augen ignoriert es die Begrenztheit und Unvollkommenheit allen Lebens. Und vergisst allzu schnell, dass es selbst auf Hilfe und Gemeinschaft angewiesen ist.

 

Versteckt sich nicht in jedem Menschen so ein kleines Kerlchen?

Zum Beispiel im Wohnzimmer-Samariter, der egalitär redet, aber elitär lebt. Der Wein trinkt, aber Wasser predigt. Im Schlangen-Typ, der sich windet und anpasst. Der jedoch plötzlich Gift versprühen kann, über Abwesende lästert und sie in Misskredit bringt. Im Flüsterer im Engelsgewand, der den Himmel der Gemeinschaft in schönsten Farben preist. Der aber selbst kein Verständnis für Andersdenkende hat und über Leichen geht. Im Macho-Helden, der Frauen als unmündige Objekte ansieht, die man beliebig behandeln kann. Der in seiner Parallel- und Sonderwelt die Spielregeln der Gleichberechtigung, der Toleranz und Partnerschaft nicht gelten lässt. Aber auch im Otto-Normal-Verbraucher, der als Getriebener sein Gesicht in der Masse verliert. Der seine Kopfschmerzen wegen Verletzungen und Kränkungen durch Selbstgefälligkeit, Selbstgerechtigkeit und Selbstmitleid bekämpft.

 

Doch ein kleines Kerlchen - in welchem Menschen auch immer - kann ein kluges Köpfchen entwickeln. Es muss sich nicht von seinen Gefühlen und Gedanken, Prägungen und Vorstellungen ständig und auf Dauer über den Tisch ziehen lassen. Ein kleines Kerlchen, das anfängt erwachsen zu werden, die wirkliche Welt zu entdecken sowie selbst zu reifen, muss nicht nach Perfektion streben, aber es kann immer besser werden. Es muss sich nicht zu einer Gesinnung nötigen lassen, aber es kann einsichtiger werden. Es muss nicht Strammstehen, aber es kann couragierter werden. Es kann eine Grundhaltung entwickeln, die den Geist für neue Sichtweisen offen lässt, das Herz für neue Mitgefühle, die Hand für neue Hilfsbereitschaft, den Kopf für neue Beweglichkeit, die Füße für neue Erfahrungen.

 

Ein lebendiger Mensch - ein kleiner Großer oder ein großer Kleiner - hat jenseits aller Schubfächer zwar für die Dunkelheit seiner Seele keinen Scheinwerfer zur Verfügung, der ohnehin stark blendet. Auch keine Kerze, die nur einen Teil ausleuchtet. Kein Streichholz, das nur vorübergehend brennt. Doch hält er mit einer neuen Grundhaltung so etwas wie ein Nachtsichtgerät in der Hand, mit dem er die Dunkelheit zwar nicht einfach vertreiben, aber bejahen, ergründen und vor allem gestalten kann: Er lernt immer wieder neu, Wichtiges vom Unwichtigen zu unterscheiden, dass die Person im Zweifel wichtiger ist als die „Sache“. Und dass das Richtige im richtigen Augenblick geschehen soll.

 

Es ist mutig, auf eigene Kappe gelassen und besonnen, kritisch und urteilsfähig zu leben. Demütig, sich vom Leben selbst, auch vom liebenden Schöpfer allen Lebens, mit neuem Vertrauen, neuer Kraft und neuem Sinn beschenken zu lassen. Vor allem belebend, die wahre Größe eines kleinen Kerlchens zu entdecken, seine unverlierbare Würde und seine eigene Mündigkeit. Damit auch ein kleines Kerlchen durch Menschlichkeit größer wird.

 

Burkhard Budde


Auf ein Wort

 

Händchenhalten?!

 

Können Hände sprechen? Eine Frau und ein Mann sitzen schweigend und mit geschlossenen Augen auf einer Bank. Sie genießen die Sonnenstrahlen. Die rechte Hand des Herrn sucht die linke Hand der Dame. Die Finger verhaken sich zärtlich ineinander. Nur ein unschuldiges Händchenhalten? Beide atmen tief durch, scheinen Nähe und Wohlgefühl, Wertschätzung und Geborgenheit zu spüren. Ein zauberhaftes Lächeln huscht über ihre Gesichter.

 

Aus einer zärtlichen Hand kann jedoch auch eine geballte Faust werden. Wütend schlägt ein Vater mit ihr auf den Tisch und schreit seinen Sohn an: „Solange du deine Füße unter meinem Tisch hältst, bestimme ich, wo es lang geht.“ Oder ein Sohn droht seinem Vater mit seiner aggressiven Faust, um ihn einzuschüchtern, damit er sich aus seinem Leben heraushält.

 

Hände sprechen viele Bände, auch wenn sie vielsagend und mehrdeutig sind sowie nicht alles verraten. Ein herzlicher Händedruck kann wie eine Visitenkarte sein, Friedfertigkeit, Offenheit und Gastfreundschaft signalisieren, aber auch täuschen und enttäuschen. Hände können pflegen, aber auch quälen; helfen, aber auch zerstören; trösten, aber auch Salz in die Wunde streuen; applaudieren, aber auch auspfeifen.

 

Zudem geht der erhobene Zeigefinger, der von oben herab belehrt und bevormundet, auf die Nerven. Hinter vorgehaltener Hand üble Nachrede oder Halbwahrheiten zu verbreiten, ist auch nicht gerade fair. Sich die Hände vor Schadenfreude zu reiben, spricht nicht für eine Person. Und wenn Hände nur in den Schoß gelegt werden, weil es bequem ist oder man keinen Ärger haben will, ist auf Dauer auch keine Lösung.

 

Aber was passiert, wenn eine Hand ins Leere zu greifen scheint?

Ein Schiffbrüchiger, der in eine existentielle Krise geraten ist, erlebt Wechselbäder der Gefühle: Den Sog kraftloser Bitterkeit, Windstille einsamer Sinnlosigkeit, aber vor allem die zerstörerischen Wellen der Angst und der Hilflosigkeit. Er klammert sich verzweifelt an Wrackteile seiner bisherigen Erfahrungen und Deutungen. Er fragt, klagt und ruft. Aber er bekommt keine Antworten, keine Erklärungen, vor allem keine Lösung seiner Probleme.

 

Christen behaupten, dass mit dem kleinen Finger des Gottvertrauens die unsichtbare Hand Gottes ergreifbar sei, um zu begreifen: Ein Schiffbrüchiger mit durchbohrten Händen kann einem Schiffbrüchigen mit ohnmächtigen Händen helfen. Weil Jesus Christus selbst einen schöpferischen Neuanfang am Ende seines Lebens erfahren hat, sei er die ausgestreckte Hand Gottes aller Schiffbrüchigen.

 

Aber man muss wohl erst seine Hände leeren und seine Vorstellungen von Gott loslassen, um sie von Gott selbst neu füllen zu lassen. Um dann in einer neuen Gewissheit zu leben: Wir haben vieles in der sichtbaren Hand, das Machen und Verantworten, aber wir selbst sind geborgen in seiner unsichtbaren Hand, durch sein unvergängliches Wirken und seine Handschrift bedingungsloser, schöpferischer Liebe.

 

Und die Sprache der Liebe flüstert selbst beim Händchenhalten, wenn man mit dem Herzen und Kopf dabei ist.

Burkhard Budde


Auf ein Wort

 

Vor der eigenen Tür kehren

 

Zerstrittene Menschen verbreiten nicht selten Schauermärchen. Aber auch neidische Sonntagsredner, kleingeistige Leichtfüßler, verlogene Maskenträger und machtsüchtige Marionettenspieler setzen „Fake News“ gezielt ein: Falschmeldungen und Unterstellungen, Zuspitzungen und Verallgemeinerungen sowie Verschwörungstheorien machen dann die Runde. Wahrheiten werden verdreht oder verbogen, verdrängt oder versteckt, verkürzt oder verlängert, vergessen oder verzaubert, vergöttlicht oder verteufelt – je nach Person und Situation, nach Interesse und Absicht. Hauptsache man gerät selbst nicht ins Schussfeld, vermehrt sein Ansehen, seine Vorteile und seinen Erfolg. Und kann sich noch lange in seinem Wohlergehen sonnen, denken diese Meinungsmacher, die stolz und selbstgerecht in der ersten Reihe sitzen, den Daumen heben und senken und sich über andere erheben.

 

Ist das alles nur heiße Luft, die sich auf Dauer abkühlt? Kalter Nebel, der sich von selbst auflöst? Lähmendes Gift, das seine Kraft irgendwann doch verliert?

 

Freie Bürger können ihre Köpfe einziehen und schweigen, wenn gehässige Querköpfe und sture Hitzköpfe in die Sahne hauen. Sie können auch nachplappern, was der Nachbar oder Doktor dazu gesagt hat, der Freund oder Partner meint, die Heimatzeitung verbreitet. Oder für bare Münze halten, was sie in den eigenen vier Wänden, in Filter-Blasen oder Echo-Kammern erleben.

Aber bei Fake News, die auf Ehrverletzungen, Verleumdungen und üble Nachrede zielen, steht man am Abgrund der Verlogenheit und Ichsucht, da Menschen verachtet, gedemütigt und entwürdigt werden. Und friedfertige Unwissende oder naive Allesversteher können schnell von Rattenfängern in den Sog von Täuschungen und Lügen gezogen werden.

 

Der eigene Kopf wird jedoch frei, wenn er aus der Schlinge der Manipulationen und Vereinnahmungen gezogen wird, indem er versucht, sich bei „Neuigkeiten“ eine eigene Meinung zu bilden. Kritische Rückfragen müssen dann erlaubt sein, zum Beispiel: Gibt es nur eine oder mehrere Quellen, unabhängige oder interessengeleitete, glaubwürdige oder unzuverlässige, nachprüfbare oder zweifelhafte? Sind die Quellen frei verfügbar; kann jeder grundsätzlich daraus schöpfen? Hat es überhaupt einen Dialog über die Ursachen des Konfliktes gegeben? Ist die andere Seite gehört worden? Kann zwischen Person und Sache unterschieden werden? Ist die Verhältnismäßigkeit gewahrt? Sind unterschiedliche Perspektiven und Wahrnehmungen bedacht worden?

 

Auch die Frage ist wichtig, ob vor der eigenen Tür gekehrt worden ist. Denn zur Meinungsbildung gehören immer zwei: Einer der klingelt, um etwas mitteilen zu wollen. Und einer, der den Türöffner drückt, um sich auf die „Sache“ einzulassen. Sind alle zur Selbstkritik in der Lage?

 

Bei Meinungsbildungsprozessen werden jedenfalls keine Türwächter gebraucht, die zensieren, eine Schere im Kopf haben, Scheuklappen tragen und anderen einen Maulkorb verpassen wollen. Vielmehr sind mehr Türöffner gefragt, die sich gegen fanatische und gehässige Tugendwächter wehren. Die auch Widerstand leisten können, weil sie frei und unabhängig sind, indem sie nach dem Wahrheitsgehalt sowie nach den Gründen einer Mitteilung, die hinter vorgehaltener Hand, mit Gebrüll oder mit Engelsgesang vermittelt wird, fragen.

 

Natürlich, nicht alles Kommunikative und alle Kommunikatoren sind über einen Kamm zu scheren. Aber es darf auch nicht alles Mögliche und Unmögliche einfach unter den Teppich gekehrt werden. Damit ein Märchen ein Märchen bleibt sowie zwei plus zwei gleich vier. Und ein Streit auch über Zahlen sachlich, fair und wahrheitsgemäß geschlichtet werden kann.

 

Burkhard Budde


Auf ein Wort

 

Beleidigungen parieren

 

Bis aufs Blut wurde gekämpft. Hühner und Hähne schonten sich nicht. Sie gifteten sich an und sprachen Klartext bis kurz oberhalb der Gürtellinie: „Du redest dummes Zeug“, behauptete der eine. Und der andere erwiderte: „Und du hast keine Ahnung“.

Auch Killersätze wie „Du bist zu alt, um das zu verstehen“ oder „Du bist zu jung, um das beurteilen zu können“ helfen im Eifer eines Gefechtes nicht weiter.


Ob Ratschläge Streithähne überhaupt erreichen? „Du hast folgende Möglichkeiten, auf Beleidigungen wie „Du redest Unsinn“ zu reagieren“, erläutert eine kluge Katze.

Erstens könne der Beleidigte die „Sache“ noch schlimmer machen, als sie in Wirklichkeit sei: „Du wirst erst richtig neugierig, wenn ich noch mehr Unsinn erzähle.“

Zweitens könne die „Sache“ geschickt lächerlich gemacht werden: „Wenn du davon überzeugt bist, wird es bestimmt stimmen.“

Drittens könne die „Sache“ schlagfertig zurückgewiesen werden: „Dann sitzen wir ja in einem Boot und ziehen an einem Strang.“

Viertens könne die „Sache“ verwirrt werden: „Passt dein Einwand zum Thema?“

Fünftens könne der Beleidigte den Beleidiger in der „Sache“ ins Leere laufen lassen: „Dann machen ja die Klugen einen Bogen um mich und reden nicht mehr mit mir“.

Klingt zunächst einmal gut, aber niemand kann stets seine „Contenance“, seine Selbstdisziplin und Selbstbeherrschung wahren. Auch ein Gemütsmensch kann durch billige Provokationen und falsche Vorwürfe aus der Reserve gelockt werden und über das Ziel eines rationalen Dialoges hinausschießen, d.h. ausfallend werden.


Doch auch sich wie ein beleidigter Pudel in die Ecke zu verkriechen, überlässt dem Beleidiger das schwammige Terrain. Wer nicht Gleiches mit Gleichem vergelten, mit gleicher Münze heimzahlen oder nur einfach schweigend leiden will, kann auch versuchen, mit Rückfragen zu reagieren: „Was sind deine Gründe für deine Aussage? Ich möchte dich besser verstehen?“


Die Erwartungen sollten allerdings nicht zu hoch geschraubt werden. Streitsüchtige Menschen werden nicht plötzlich goldene Eier legen. Doch die Kunst, nicht Opfer eigener Emotionen wie Angst, Gier, Geltungssucht zu werden, sondern gelassen und besonnen zu reagieren und seine Gefühle in den Griff zu bekommen, ist erlernbar und trainierbar.


Zwar kann keiner gezwungen werden, eine unterdurchschnittliche Haltung zu überwinden: „Nur das ist gut, was ich denke und sage“. Auch nicht eine mittelmäßige Haltung: „Nur das ist gut, was ich verstehe. Und schlecht, was ich nicht verstehe.“ Aber jeder hat die Chance, eine überdurchschnittliche Haltung zu entwickeln: „Auch das kann gut sein, was ich nicht verstehe. Doch ich bemühe mich, es zu verstehen. Damit ich eine Meinung bewusst und begründet bejahen oder verneinen, vor allem sachlich vertreten kann“.


Am besten man versucht, schon beim nächsten Mal in einer Haltung der Gelassenheit und Besonnenheit zu streiten. Damit kein böses Blut fließt, sondern sachliche Übereinstimmungen, Unterschiede oder gemeinsame Lösungen gesucht werden können. Und ein glücklicheres Leben wächst.

Das gilt auch für Katzen und Löwen, nicht nur für Hühner und Hähne. Für Neidhammel, Angsthasen, Pfauen und Schlangen.


Und sind Menschen nicht viel mehr, da sie eine von Gott geschenkte unverlierbare Würde haben?! Sowie eine besondere Verantwortung?!

Burkhard Budde 


Bürger im Bürgerparlament

Begegnung mit Christoph Plett (l.) und Oliver Schatta (2.v.r.)

 

Bürgernähe und Bürgerfreundlichkeit, vor allem einen offenen politischen Gedankenaustausch erlebten die Teilnehmer einer Fahrt in den Niedersächsischen Landtag. Der neue Landtagsabgeordnete Christoph Plett aus Peine hatte erstmals zu der Veranstaltung in die Landeshauptstadt Hannover am 20. Juni 2018 eingeladen, die von seiner Mitarbeiterin Kirsten Geske organisiert worden war.

 

Stolz berichtete Plett von der Elternbeitragsfreiheit in Kindergärten und der Tagespflege, die gerade im Landtag mit den Stimmen von CDU und SPD beschlossen worden war. Das Land, beruhigte Plett besorgte Kommunalpolitiker wegen der zusätzlichen Kosten für die Kreise, Städte und Gemeinden, werde mit einem Härtefallfonds die notwendigen Gelder zur Verfügung stellen. Politisch wichtig sei vor allem, dass junge Familien entlastet würden. Aber auch die Betreuungsqualität in den Einrichtungen müsse gesichert und ausgebaut werden. Deshalb solle eine „dualisierte Erzieherausbildung“ sowie ein „besserer Betreuungsschlüssel“ angestrebt werden.

 

An dem Gespräch, an dem auch der Braunschweiger Landtagsabgeordnete Oliver Schatta und der CDU-Fraktionsvorsitzende im Peiner Kreistag Hans-Werner Fechner teilnahmen, wurde zudem über FFH-Gebiete, spezielle europäische Schutzgebiete in Natur und Landschaftsschutz, gesprochen. Einig waren sich alle, dass Umweltschutz und wirtschaftliche Verwertung keine Gegensätze sein müssen. Eigentum verpflichte zwar, so Oliver Schatta, aber der Erwerber oder Besitzer eines Waldes dürfe auch nicht gegängelt oder einfach enteignet werden.

Während der Landtagssitzung konnten die Bürger u.a. den Vizepräsidenten des Landtages Frank Oesterhelweg erleben, der die Sitzung souverän leitete und sich für eine Kultur des gegenseitigen Respektes einsetzte, sowie den stv. Ministerpräsidenten Bernd Althusmann hören, der engagiert über den Masterplan zur digitalen Zukunft und den Rechtsanspruch auf schnelles Internet sprach. Lebendige Demokratie wurde als kritisches Frage-Antwort-Spiel sichtbar und hörbar verlebendigt.

 

Beeindruckend war ferner für viele Teilnehmer das Ergebnis des Umbaus des Plenarsaalbereiches – ein Bauprojekt, das 58 Millionen Euro gekostet hat, jedoch den Kostenrahmen von 60 Millionen nicht sprengte. Entstanden ist ein einladender Ort repräsentativer Demokratie, an dem gegenwärtig die Parlamentarier (55 von der SPD, 50 von der CDU, 12 von den Grünen, 11 von der FDP und 9 von der AfD) um die Verbesserung der Gestaltung des Gemeinwohls und der Rahmenbedingungen leidenschaftlich und zugleich (in der Regel?) sachlich ringen, damit Niedersachsen im Wettbewerb mit anderen Ländern und Regionen eine nachhaltige Zukunft behält.

Und um dem Bürger Wohn- und Lebensqualität sowie die Identifikation mit der Demokratie und dem Land Niedersachsen als seine Heimat zu ermöglichen. „Denn“, so drückte es ein Teilnehmer aus, „unsere Kinder sollen sich im Land der vielfältigen Reize so wohlfühlen, dass man sich um Enkelkinder keine Sorgen mehr machen muss“. Und sollte es letztlich und eigentlich nicht immer um dieses Thema im Bürgerparlament der Bürger für Bürger gehen?! Auf jeden Fall können Gespräche mit Bürgern, die als politische Arbeitgeber von Mandatsträgern ernst- und mitgenommen werden und ihre politische Verantwortung auf Zeit nach bestem Wissen und Gewissen wahrnehmen, diesem Ziel dienen.

 

Burkhard Budde


Auf ein Wort

 

Platzkarten nur für Fromme?

 

Die Augen öffnen? Oder schließen? Weil man mit dem inneren Auge besser sehen kann? Da sind zwei Kerzen. Die eine leuchtet still, jedoch froh und frei vor sich hin. Indem sie sich verzehrt, entdeckt sie ihren Sinn, schenkt sie Licht und Wärme. Die andere wirkt erhaben, zugleich selbstsicher und selbstbewusst. Sie ist wunderschön verziert, eine Augenweide. Aber sie brennt nicht, bleibt unbeweglich und stolz.

 

In der Kirche sitzen junge Menschen, die festlich gekleidet sind, wie schöne Kerzen. Sie sollen konfirmiert werden, Ja sagen zu einem Leben mit Gott, dass in ihrer Taufe sichtbar angefangen hat. Es ist ihr großer Tag. Viele wirken ein wenig unsicher, da sie - „so richtig peinlich“ - im Mittelpunkt des Geschehens stehen und viele Augen sie beobachten und mustern. Und sie werden zum ersten Mal Abendmahl feiern.

 

Die Pfarrerin erzählt vom letzten Mahl Jesu mit seinen Freunden vor seiner Kreuzigung. Sie verrät, dass ganz unterschiedliche Typen zu seinem engsten Kreis gehörten. Keine Lichtgestalten, keine Stars oder Superhelden. Wohl aber ein widersprüchlicher „Fels“ mit „großer Klappe, aber nichts dahinter“; ein nerviger „Bedenkenträger“, der nur an das glaubt, was er sieht; zwei eitle „Pfauen“, die um einen Ehrenplatz im Umfeld von Jesus ringen.

 

Jesus umgibt sich ausgerechnet mit solchen Gestalten?! Solche Gestalten braucht er für seine Sache?! Und „schräge Vögel“ sollen ihn gebrauchen?!

 

Auch heute noch? Die Frau in Schwarz hämmert den Konfirmanden und der anwesenden Gemeinde ein: „Keiner wird vom Platz verwiesen. Keiner von Jesus ausgestoßen oder ausgeschlossen.“ Es gebe viel Platz am „Tisch des Herrn“ und vor allem keine Platzkarten nur für Fromme, die „korrekt“ glauben und leben. Jeder könne seine Schuld beim Abendmahl loswerden und Freiheit durch Liebe, d.h. wohl einen persönlichen Neuanfang sowie geistliche Wegzehrung erfahren.

 

Schöne Botschaft für Menschen, die nach göttlichem Licht in ihrer Finsternis suchen! Oder?!

Einer aus der Gemeinde reibt sich die Augen. Gilt die Botschaft der bedingungslosen Liebe auch für Christen in konfessionsverschiedenen Ehen? Vor allem - werden Kerzen, die leuchten, nicht gelöscht und können Kerzen, die nicht brennen, entflammt werden, wenn sie zuvor Bedingungen für die Teilnahme an einer Eucharistiefeier erfüllen müssen – zum Beispiel eine „reifliche Prüfung in einem geistlichen Gespräch“, die „Bejahung des Glaubens der katholischen Kirche“ oder eine „schwere geistliche Notlage“ vorliegen muss?

 

Und können schöne alte Kerzen ein glaubwürdiges Licht in die Dunkelheit von Fragen und Zweifeln bringen, wenn sie selbst nicht zu brennen scheinen? Weil sie päpstlicher als Jesus sein wollen? Weil sie sich hinter dem Kirchenrecht, einer Weltkirche und ihrer eigenen Macht verstecken? Aber wem dient eigentlich das Kirchenrecht? Einer Institution, die mächtig bleiben will? Kirchenleuten, die selbstverliebt sind? Oder der menschenfreundlichen Botschaft Jesu, der selbst beim Austeilen von Brot und Wein nicht zwischen evangelisch oder katholisch unterschieden hat?

 

Da sitzen junge Christen in einer Kirche. Sie sind auf dem Weg, mündig und selbstständig zu werden. Sie versprechen, im Glauben an den liebenden Gott der Freiheit und Verantwortung zu wachsen. Sie hoffen, in der Kirche Jesu Christi einen lebendigen Raum zu finden, in dem sie mit ihrem Herzen die erneuernde und versöhnende Kraft des Evangeliums entdecken. Sie können in ihrem Leben menschliche Lichtträger sein, um göttliches Licht weiterzugeben.

 

Zündet der Lichtfunke des Geistes Jesu Christi, dass selbst eine kleine brennende Kerze eine große Kerze, die noch nicht brennt, entzünden kann, damit es heller und wärmer wird? Und alle ohne Sand in den Augen, dafür aber mit Liebe im Herzen besser und weiter sehen können.

 

Burkhard Budde


Faszinierende Klangwelten

You Silence I Bird bei TUNIGHT

 

Die Technische Universität Braunschweig mit ihren 20 000 Studenten zeigte auch offene Horizonte für Wissenschaftsinteressierte und für Gäste: Die TUNIGHT am 16. Juni 2018 öffnete kulturelle Türen jenseits der 71 Studiengänge, zum Beispiel mit den Auftritten der Hannoveraner Indie-Akustik-Band „You Silence I Bird“ mit Braunschweiger Wurzeln und dem Stuttgarter Trio „Die Nerven“.

 

Zum Abschluss des Musikfestivals lud die Ghetto Bass Band „Symbiz“ das Publikum mit ihrer Musik zum Tanzen ein. Auch auf der Bühne am Okerufer sorgten fünf Bands aus der Region für eine Festivalstimmung.

 

Wie in der Einladung angekündigt entführte You Silence I Bird die Zuhörer mit ihrem sphärischen Sound in ganz besondere Klangwelten. „Hier verschmilzt Retro-Sehnsucht mit Neo-Romantik, Indie mit Pop“, erläutern die jungen Bandmitglieder ihre Musik. Ganz im Geist ihres Debütalbum „Tilia“ wurden die Teilnehmer auf eine Reise durch sattgrüne Wälder und glitzernde Flüsse eingeladen.


Bergsteigerin Merkel

Leserbrief in DIE WELT vom 16. Juni 2018

 

Eine Bergsteigerin, die sich bei einer Bergtour verstiegen hat oder angesichts von Unwettern den Gipfel nicht so schnell erreichen kann, ist gut beraten, kleine und bedachte Schritte zu wagen, um nicht abzustürzen. Große Sprünge können für sie gefährlich sein oder werden - auch für ihre Wegbegleiter und Wegbereiter.

 

Ähnliches gilt auch im Flüchtlingsstreit. Große Sprünge wie europäische Lösungen, bei denen man einen längeren Anlauf braucht, um viele zu überzeugen und mitzunehmen, sind in der EU-Berglandschaft zurzeit nicht möglich. Vorrang sollten deshalb „kleine“ nationale Schritte der eindeutigen Vernunft sein. Denn im Zweifel ist die Sicherheit der Bevölkerung wichtiger als ein faszinierender Blick auf den Gipfel eines Berges.

 

Maßstab bei der Suche nach richtigen und verantwortbaren Wegen kann weder die Machtfrage sein (Wer setzt sich durch?) noch die Imagefrage (Wer verliert sein Gesicht?) noch die Anerkennungsfrage (Wer bekommt Applaus?) noch die Gefühlsfrage (Wer hat genügend Kraft?); vielmehr geht es um die Primärverantwortung im Sinne des Amtseides, den alle führende Bergsteiger - Kanzlerin und Minister – öffentlich abgelegt haben, ob nun mit oder ohne religiöse Formel:

„Ich schwöre, dass ich meine Kraft dem Wohle des deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden, das Grundgesetz und die Gesetze des Bundes wahren und verteidigen, meine Pflichten gewissenhaft erfüllen und Gerechtigkeit gegen jedermann üben werde. So wahr mir Gott helfe.“

 

Wer sich daran erinnern lässt, hat einen hilfreichen Kompass zur Verfügung, wird im Zweifel eine überzeugende nationale Lösung vorziehen, ohne eine notwendige europäische Gesamtlösung mit einem langen Atem aus dem Auge zu verlieren. Eine Politik jedoch des Machterhalts oder –erwerbes um jeden Preis und auf Kosten der Glaubwürdigkeit kann keine Alternativen zu einer eindeutigen politischen Positionierung in komplexer Landschaft sein, um Schutz, Sicherheit, Wohlstand, Gerechtigkeit, Freiheit und Frieden für alle zu gewährleisten. Und die persönliche Verantwortung auf Zeit, die Politiker im Dienst an der Allgemeinheit für das Gemeinwohl tragen, lässt sich selbst hinter einem Hauskrach nicht verstecken.

 

Burkhard Budde

 

(Der Leserbrief in voller Länge)


Auf ein Wort

 

Anständig bleiben?!

 

„Bleib anständig“, sagte ein Vater zu seinem Sohn, der offensichtlich im Reisefieber war, beim Abschied auf dem Bahnsteig. Was meinte sein alter Herr damit?

 

Sich anständig zu verhalten, ist für (an-)ständig Denkende offensichtlich keine Glückssache oder ein Himmelsgeschenk. „Anstand“ erscheint mehr zu sein als eine Dekoration, die etwas verschönert oder als ein Luxus, der eine wohlige Stimmung verbreitet. Auch sollte man Anstand nicht verwechseln mit einem Privileg von Frommen, weil es zu ihrer Religion dazugehört. Oder mit einem Feigenblatt der Gewieften, die hoch hinaus wollen. Auch die anständig aufgesetzte Maske der Moralisten und Spießgesellen kann jeder durchschauen, der nicht auf die Nase gefallen ist.

Aber was bedeutet Anstand dann konkret(er)?

 

Vielleicht für einen Touristen, dass er die rechtlichen und kulturellen Spielregeln des Gastlandes wie selbstverständlich beachtet und achtet, beispielsweise eine Straßenverkehrsordnung mit dem Linksverkehr.

Für einen anerkannten Flüchtling oder Migranten, dass er seine moralischen und kulturellen Prägungen und Vorstellungen, die er im Gepäck mitgebracht hat, nicht im neuen Land durchzusetzen versucht, beispielsweise eine frauenfeindliche oder antisemitische Gesinnung. Dass er vielmehr die europäischen Werte wie individuelle Freiheit und Selbstbestimmung, Gleichberechtigung von Mann und Frau respektiert und akzeptiert, aber auch die fremde Sprache lernt und sich der neuen Alltagskultur integrierend anpasst. Und keine Parallel- oder Gegengesellschaften mit Feindbildern und eigenem Recht aufbaut.

 

Anstand spielt in allen Lebensbereichen eine wichtige Rolle. Ein Fußballspieler kann mit Anstand gewinnen oder verlieren, indem er die Leistungen des Gegners anerkennt. Eltern und Kinder, Verwandte und Freunde, Arbeitgeber und Mitarbeiter, Politiker und Gesellschaftsführer zeigen Anstand, wenn sie bei Konflikten auf Gewalt im umfassenden Sinn verzichten, den richtigen Ton wählen und Wertschätzung einer Person gegenüber zum Ausdruck zu bringen. Und zwar ohne Gegenleistung und unabhängig von Meinungen und Erfahrungen. Zum Anstand gehört auch, den Mund aufzumachen, wenn andere mundtot gemacht werden sollen, die Würde mit fanatischen Hassparolen oder heuchlerischen Engelsgesängen verletzt wird. Anständig ist es, um Entschuldigung zu bitten. Oder Fehler zu erkennen, aus Fehlern zu lernen, um ein neues vertrauensvolles und partnerschaftliches Miteinander zu ermöglichen.

 

Für einen wahrhaft Anständigen gilt, dass er kein glühender Sittenwächter einer Religion, kein zugeknöpfter Knigge-Anhänger einer Gesellschaftsschicht oder berechnender Kofferträger eines Zeitgeistes ist, der gerne bevormundet und gängelt. Auch kein Chamäleon, das seine Farben mit seiner Umwelt im Stand wechselt, um nur seine eigenen Interessen verfolgen zu können. Wohl aber ist der Anständige selbst ein erstes Empfehlungsschreiben für andere sowie für einen rationalen und menschlichen Dialog.

 

Beim Abschied auf dem Bahnhof flüsterte schmunzelnd der Sohn seinem Vater ins Ohr: „Und bau du keinen Scheiß.“ Er wollte wohl bei seiner Rückkehr kein Durcheinander vorfinden. Sondern den Kitt, den die Gesellschaft braucht, um stabil zu bleiben, nämlich gegenseitigen Respekt und Fairness, Takt und Höflichkeit – eben gelebten Anstand in persönlicher Verantwortung.

 

Burkhard Budde 


Charmante Leichtigkeit und coole Freude

You Silence I Bird (YSIB) beim Summertime Festival in Wolfenbüttel

 

YSIB – das sind die jungen Hoffnungsträger Paul Baumann, Jonas Budde, Hendrik Garbade und Moses Köhler. Keine Romantiker, wohl aber Musiker mit ehrlichen Gefühlen, die gleichzeitig mit beiden Beinen auf dem Boden der Realtäten stehen. Und deshalb die Herzen der Konzertbesucher zum Schlagen bringen, damit sie neugierig in den offenen Raum eines lockenden Vogels eintreten.

 

YSIB – das ist eine sympathische Band mit Empathie, die wegen der Liebe zum feinen Akustik-Indie-Pop 2012 in Braunschweig und Hannover gegründet wurde. Und schon einige Erfolge erzielt hat; in der Region keine unbekannte Größe mehr ist und darüber hinaus immer häufiger Resonanz findet. Am 9. Juni 2018 spielte sie beim Summertime Festival in Wolfenbüttel und konnte zeigen, dass sie gereift ist, neue musikalische Akzente und Perspektiven entwickelt hat.

 

YSIB – das ist ein harmonischer Zauber, der den Augenblick streichelt und – für einen Augenblick – die Herausforderungen des Alltags vergessen lässt. Mit charmanter Leichtigkeit und cooler Freude. Eben wie ein Vogel, der nicht grölt und andere Stimmen einfach übertönt, sondern in der Stille freundlich zwitschert und höflich einlädt, zu sich selbst und zum Nächsten zu finden. Eine Stimme, die nicht überhört werden kann.

 

Burkhard Budde


Schätze aus dem Weserbergland

vermehren eigenen Schatz

 

Im eigenen Haus gibt es besondere Schätze, die in der Routine des Alltags leicht übersehen werden können. Meistens sind es die Mitbewohner, die unverwechselbar und einmalig, aber auch vergänglich sind. In der Ferne, weit weg von der Heimat, befinden sich geheimnisvolle Schätze, die das Fernweh wecken. Meistens sind es unbekannte Kulturen, weshalb lange Wege in Kauf genommen werden. Aber auch vor der eigenen Haustür können viele Schätze geborgen werden, wenn man sich weder in seinen eigenen vier Wänden verbarrikadiert noch allein in der Ferne seine Neugier sowie die Sehnsucht nach Grenzüberschreitung stillen will.

Das Weserbergland ist zwar kein Steinwurf von Braunschweig entfernt, aber mit etwa 135 Kilometern ist diese Schatzkammer der Geschichte, Kultur und Kunst für Braunschweiger leicht erreichbar.

Die Schatzsuche des Braunschweiger Lionsclubs Dankwarderode, die Anfang Juni 2018 von Bernd Assert und Dieter Heinrich organisiert worden war, hatte verschiedene Erfolgs- und Entdeckungserlebnisse.


 

Beispiel Fürstenberg im Herzen des Weserberglandes.

Museumsleiter Dr. Christoph Lechelt, ein in Braunschweig geborener Kunsthistoriker, erläuterte stolz die Neukonzeption des Porzellanmuseums Schloss Fürstenberg. Statt einer Epochenausstellung gibt es seit der Wiedereröffnung des Museums im Jahre 2017 eine thematische Struktur, „ohne enzyklopädischen Anspruch“. Natürlich durfte der Hinweis auf Herzog Heinrich Julius zu Braunschweig-Lüneburg nicht fehlen, der die Burg auf einem Felsen über der Weser um 1600 zu einem Jagdschloss ausbauen ließ. Und vor allem auf den aufgeklärten Herzog Carl I, der seinem Forstmeister Johann Georg von Langen die Gründung einer Porzellanmanufaktur im Jahre 1747 ermöglichte. Bis zum heutigen Tag – bei allem Wandel der Tischkulturen - können Menschen mit einem ästhetischen Porzellan jeden Tag eine intime Beziehung eingehen sowie sich mit Speisen im „weißen Gold“ beim gemeinsamen Essen wohlfühlen oder auch inszenieren.


 

Beispiel Kloster Corvey an den Ufern der Weser nahe der Stadt Höxter.

Aus 1200 Jahren klösterlicher und weltlicher Geschichte sind universelle Schätze gesammelt worden. Georg Moritz, Lehrer und fachkundiger Führer aus Höxter, schaffte es, alte Geschichte mit Geschichten so „westfälisch“ und lebendig miteinander zu verbinden, dass Klostergeschichte spannend wurde – und neugierig machte.

Seit 2014 gehören das Karolingische Westwerk der Abteikirche aus der Zeit Karls des Großen und die Ruinen der 1265 zerstörten Civitas Corvey zum Weltkulturerbe der UNESCO. Angefangen hatte alles im Jahre 822, als Benediktinermönche vom Mutterkloster Corbie an der Somme in Frankreich mit Zustimmung Kaiser Ludwigs des Frommen das Kloster Corvey („Nova Corbeia“) zur Missionierung Sachsens in der Weseraue gründeten, nachdem eine Ordensniederlassung 816 in Hethis (unbekannter Ort im Solling) gescheitert war. Die Klosterschule leitete der Mönch Ansgar, der 831 Erzbischof von Hamburg wurde. Zum bedeutenden Wallfahrtsort wurde Corvey mit der Überführung der Reliquien des Hl. Vitus (Märtyrer um 305 n.Chr. und ein „Nothelfer“) im Jahre 836. Das Kloster wurde im 30jährigen Krieg weitgehend zerstört, bis auf das karolingische Westwerk, das zwischen 873 und 885 erbaut worden war.

Ab 1667 entstand an Stelle des zerstörten Klosters eine barocke Anlage. Aus einem Fürstbistum (seit 1792) wurde 1803 (Säkularisation) ein weltliches Fürstentum, dessen Territorium schließlich 1840 an das Herzogliche Haus Ratibor und Corvey fiel. Zu erwähnen sei noch, dass zur Fürstlichen Bibliothek etwa 74.000 Bände gehören, die vom Dichter Hoffmann von Fallersleben betreut wurde. Der Hochschullehrer für Germanistik, der 1798 in Fallersleben im Kurfürstentum Braunschweig-Lüneburg geboren wurde und 1874 in Höxter starb, schrieb viele Kinderlieder, politische Gedichte, vor allem die deutsche Nationalhymne. Sein Grab befindet sich gleich neben der Kirche.


 

Beispiel Münchhausenstadt Bodenwerder.

Ein Page, in Bodenwerder geboren, zunächst in Bevern, dann in Wolfenbüttel aktiv, wurde 1735 von Herzog Carl I zu dessen Bruder Anton Ulrich nach Rußland geschickt, wo er als Leutnant das russische Kürassierregiment „Braunschweig“ befehligte und schließlich zum Kaiserlichen Russischen Rittmeister befördert wurde. Die Rede ist von Hieronymus Carl Friedrich Freiherr von Münchhausen, der nach seinem militärischen Dienst das elterliche Gut in Bodenwerder übernahm. 1786 erscheint das Buch „Wunderbare Reisen… des Freiherr von Münchhausen“, anonym verfasst. Das heutige Museum umfasst etwa 1100 verschiedene Ausgaben in 47 Sprachen des Weltbestsellers („Ritt auf der Kanonenkugel“), der als „Lügenbaron“ in die Lebensgeschichte vieler eingegangen ist, aber wohl eher, ungelogen, für unerschöpfliche Phantasien und faszinierende Traumwelten steht, die als Schatztruhe in Bewegung bleibt und die Seelen vieler immer wieder neu bewegt.

 

Beispiel Schloss Hämelschenburg am Weserberglandweg.

 

Ein ästhetischer Schatz mit Potential sich zu verlieben ist Schloss Hämelsburg, ein Hauptwerk der Weserrenaissance. Zwischen dem Beginn der Reformation und dem Dreißigjährigen Krieg war nicht nur die Weser ein Verkehrsweg für Waren, sondern auch für Ideen, die bis Osnabrück und Wolfsburg hinaus kunsthistorisch durch ein Wiederaufleben eines früheren Modetrends prägend waren. 1588 ließen Jürgen Klencke und seine Frau Anna von Holle das Wasserschloss als Teil des Rittergutes erbauen, natürlich mit einem sehnsüchtigen Blick auf die Antike bzw. Italien. Durch den klugen Einsatz Frau von Holles gelang es, dass Hämelschenburg unbeschadet den Dreißigjährigen Krieg überstand.

 

Aber man muss nicht nach Italien fahren, um Spuren des kulturgeschichtlichen Schatzes zu entdecken. Die Weserregion kennt viele weitere Zeugnisse aus dem 16. und frühen 17. Jahrhundert.

Und die vermehren den eigenen Schatz des Wissens und der Kultur, um die Gegenwart verstehbar sowie für die Zukunft gestaltbar und verantwortbar zu machen. Im Blick auf das eigene Haus, aber auch im Blick auf die Häuser in der Nähe und Ferne. Denn im Haus des Lebens gibt es immer viele Häuser, die zwar nie fertig sind, aber ein gemeinsames sowie wachsendes Fundament haben und mit vielen alten und neuen Schätzen auch eine dynamische Wohn-, vor allem Lebensqualität erhalten.

Burkhard Budde     


Auf ein Wort

 

Kreuze im öffentlichen Raum?!

 

Gibt es einen Kreuzzug gegen Kreuze? Aber wegen des Kreuzes die Klingen kreuzen? Besser vor dem mächtigen Zeitgeist, der am liebsten alle religiösen Zeichen aus der Öffentlichkeit verbannen will, zu Kreuze kriechen? Und kann man sich für das öffentliche Tragen des Kopftuches und gleichzeitig gegen das Aufhängen von Kreuzen in öffentlichen Gebäuden einsetzen?

 

Einzelne Zeitgenossen schaffen es, Doppelmoral als Toleranz aussehen zu lassen oder die Deutungshoheit über religiöse Symbole für sich zu reklamieren. Wieder andere passen sich ängstlich an, indem sie ihr Amtskreuz als Erkennungszeichen ablegen, um nicht anzuecken. Tragen sie es nur dann, wenn sie Hochachtung erwarten (können). Aber erscheint das „äußere Bekenntnis“, das Inneres und Repräsentatives zeichenhaft widerspiegeln sollte, zum Beispiel im Ausland als „Ärgernis“, das es zu verstecken gilt?

 

Dabei kann das Kreuz in der europäischen Öffentlichkeit an einen Baum erinnern, dessen wichtigste Wurzel die Würde eines jeden Menschen ist. Sie hat sich im christlichen Boden des Glaubens an die Gottesebenbildlichkeit des Menschen entwickelt. In jedem Menschen leuchtet dann das Gesicht des unverfügbaren Gottes auf. Keiner verliert dieses Gesicht, weil keiner – weder der Staat noch eine Religion noch eine Weltanschauung noch die Person selbst – der Schöpfer aller ist, letzte Verantwortungsinstanz. Wer sich deshalb für das Kreuz als Zeichen der Würde aller im öffentlichen Raum engagiert, spaltet nicht die Gesellschaft, sondern stiftet Einheit auf der Grundlage des Grundgesetzes, das selbst viele christliche Bezüge, vor allem den Würdebezug kennt.

 

Damit diese Erinnerung lebendig bleibt und an die nächsten Generationen weitergegeben werden kann, muss der Boden des Verfassungsbaumes gepflegt und gestaltet werden. Er braucht das Wasser der Werte wie Meinungs-, Versammlungs-, Religions-, Kunst- und Wissenschaftsfreiheit, der Gewaltenteilung, der Gleichberechtigung und Verantwortung, der Subsidiarität und Solidarität, aber auch Institutionen wie Bildungs- und Kultureinrichtungen und Religionsgemeinschaften.

 

Das Zeichen des Kreuzes in den öffentlichen Gebäuden muss nicht gleichzeitig und exklusiv als ein christliches Heilssymbol wahrgenommen werden, wenn für den einzelnen – den Andersgläubigen oder Nichtgläubigen - eine „flüchtige Begegnung“ möglich ist. Und kirchliche Kreuz- und Würdenträger müssen nicht mit sich selbst über Kreuz liegen. Der Staat des Grundgesetzes ist weltanschaulich neutral, aber nicht wertneutral. Er darf sich von keiner Religionsgemeinschaft oder Weltanschauung vor den eigenen Karren spannen lassen. Und umgekehrt muss sich eine Religionsgemeinschaft auch nicht vom Staat fesseln lassen, wohl aber ist sie an Recht und Gesetz gebunden. Zur Religionsfreiheit gehört es, dass jeder einzelne seine Religion in der Öffentlichkeit im Rahmen der Gesetze leben oder nicht leben darf. Religionswahl,- wechsel,- abkehr oder –verneinung gehört zum Wesen des liberalen Rechtsstaates. Und dieser Staat ist frei, Kreuze als kulturelle Identitätshinweise öffentlich zu fördern.

 

Wer allerdings an dem Ast der staatlichen Freiheit sägt, sollte nicht vergessen, dass er ausgerechnet auf diesem Ast sitzt. Wer demgegenüber die Wurzeln des Baumes pflegt, gewinnt die Einheit vieler Äste sowie die Frucht vielfältiger Freiheit und gegenseitiger Toleranz zugunsten der Entwicklung des gesamten Baumes. Auch den Mut, sich glaubwürdig – ohne Instrumentalisierung und ohne Selbstaufgabe - in der Öffentlichkeit für das Kreuz als Zeichen christlicher und humaner Werte zu bekennen und damit für die Würde aller „Verantwortung vor Gott“ (Grundgesetz) zu übernehmen.

 

Burkhard Budde

 

Auf ein Wort

 

Nach dem Schlusspfiff Anpfiff

 

Beim Anpfiff wird für viele eine Nebensache zur Hauptsache. Fußball-Muffel können das nur schwer nachvollziehen. „Der Profifußball hat doch schon lange seine Unschuld verloren“, sagte einer von ihnen. Vor einem Spiel werde Fair Play beschworen. Im Spiel sei jedoch entscheidend, bei Fouls nicht erwischt zu werden. Und nach dem Spiel würden sich Fans die Köpfe einschlagen. Überhaupt ginge es in Wahrheit beim Profifußball nur um Geschäftemacherei, um wahnwitzige Geldsummen beim Einkauf von Spielern sowie um scheinheilige Funktionäre. Der sportliche Geist gerate immer häufiger unter die Räder der Geld-, der Erfolgs- und Ruhmsucht. Erfolglose Spieler und Trainer würden wie heiße Kartoffeln fallen gelassen, als Sündenböcke in die Wüste oder auf die Reservebank geschickt.


Aber wie denkt, fühlt, verhält sich möglicherweise ein Fußball-Fan, der sich konsequent von Rowdys distanziert? Einer erzählt, warum er ein Fan ist und regelmäßig gerne in die Welt des Fußballs eintaucht: „Ich kann meinen Alltag für eine bestimmte Zeit vergessen. Das Spannendste bei einem Spiel ist die Unberechenbarkeit seines Ausgangs.“ Im Hexenkessel der Gefühle werde er wie ein Kind; sei vom Torschützen verzückt und werde von Jubelszenen entrückt. Wenn eine Masse von einzelnen Fans beim Anfeuern oder Raunen, bei Gesängen und Rufen wie eine Person reagiere, fühle er sich aufgenommen und unsichtbar getragen, einfach leicht und manchmal auch überschwänglich wohlig. Natürlich gebe es auch Wechselbäder. Und Zitterpartien, Tränen. Aber das gehöre nun einmal zu einem Spiel dazu.


Das scheint immer mehr Fußball-Sympathisanten und – Freunden aus allen Schichten der Bevölkerung einzuleuchten. Fußball ist mehr als ein spaßkulturelles Spiel, das mit sportlichen Illusionen versucht, die Fans und Zuschauer über die wahren Motive wie Geld- und Erfolgsmaximierung im Unklaren zu lassen. Auch der Nebel einer fanatischen Heldenverehrung von Fußballgöttern kann gelichtet werden, wenn man seinen Kopf nicht zu Hause lässt. Und von einem Nationalspieler, der bei der Weltmeisterschaft sein Land und nicht nur sich selbst vertritt, kann erwartet werden, dass er seine Vorbildfunktion wahrnimmt und die Nationalhymne mitsingt, selbst wenn er „nur“ Respekt-, Höflichkeits- und Anstandsgründe kennt.


Als Gemeinschaftserlebnis auf Zeit kann Fußball tatsächlich ein wichtiger Teil eines Spiegels des Lebens sein. Auch im normalen Leben gibt es Sieg und Niederlage, Glück und Pech, Fouls und Entgleisungen, Triumphe und Inszenierungen, kopflose Köpfe und herzlose Herzen. Aber überall sind vor allem notwendige Lern- und Entwicklungsprozesse gefordert, wenn ein gemeinsames Leben in Vielfalt und Freiheit gelingen soll: Mit Anstand verlieren oder gewinnen zu können, mit gegenseitigem Respekt, ohne den Beleidigten oder Hochmütigen zu spielen. Und darüber hinaus – weil es zum Glück im wahren Leben nicht stets um Sieg und Niederlage geht - offen und einfühlsam, kompromissbereit und lösungsorientiert zu sein.

Der Schlusspfiff eines Fußballspiels kann der Anpfiff eines neuen Spiels mitten im Leben bedeuten: Mehr Achtung und Verständnis, Höflichkeit und Fairness, Empathie und Kommunikation zu wagen. Vielleicht sogar mit dem Mut zum ersten Schritt. Oder einer ausgestreckten Hand. Damit die Hauptsache - ein glückliches Leben zu führen, ohne um jeden Preis und mit allen Mitteln immer die Nummer eins sein zu müssen oder Recht zu behalten - Hauptsache bleibt.

 

Burkhard Budde


Neue Heimat

Özil und Gündogan beim Präsidenten

 

In ihrem Kommentar „Osmanische Ohrfeigen“ in DIE WELT vom 22. Mai 2018 nimmt Andrea Seibel Stellung zum Verhalten des Bundespräsidenten gegenüber den Fußballspielern Özil und Gündogan und ruft die liberalen Muslime in Deutschland auf, bei den türkischen Wahlen Konsequenzen zu ziehen.

Dazu ist am 23. Mai 2018 ein Leserbrief in DIE WELT erschienen, der ungekürzt folgenden Wortlaut hat:

 

„Es reicht tatsächlich nicht aus, wenn sich der Bundespräsident wie ein „gütiger Onkel“ verhält, der Verständnis für die Fußballspieler Özil und Gündogan zeigt, wenn er sich nicht auch wie ein „gerechter Onkel“ versteht, der zugleich Wege aus selbstverschuldeten Sackgassen aufzeigt und den Grund dieser Wege wie die Werte der Meinungsfreiheit, der Rechtsstaatlichkeit, der Gewaltenteilung und der Gleichberechtigung vertritt. Und der die Bürger dieses Staates, die sich mit ihrem Staat und ihrer Heimat identifizieren können, nicht im Regen der Beliebigkeit und im Nebel der Fragen stehen lässt. Denn ist der Bundespräsident nicht mehr als ein Allesversteher und Alleserdulder? Vielmehr ein lebendiges Symbol sowie eine personifizierte Identifikationsmöglichkeit liberaler und demokratischer Werte unseres Rechtsstaates? Und kein Instrument zweier Spieler, die „wie Türken ticken“, um die Wogen zu glätten?

 

Man kann als Fußballspieler einer Nationalmannschaft nicht Trittbrettfahrer eines demokratischen Zuges sein, um Vorteile zu genießen, und gleichzeitig im autokratischen Zug Erdogans mitfahren oder ihm sogar helfen, seine politischen Ziele zu erreichen. Die richtige Weichenstellung wäre, sich eindeutig für den freiheitlichen Zug zu entscheiden. Und zwar nicht nur aus Höflichkeit der deutschen Heimat sowie den deutschen Fans gegenüber, sondern auch aus neuer Einsicht und gereifter Überzeugung. Es wäre für die Seele vieler Bürger und Fußballfreunde befreiend, wenn sie bei „Einigkeit und Recht und Freiheit“ mit dem Herzen mitsingen könnten. Dazuzulernen ist nämlich keine Schwäche, sondern eine Stärke.

 

Und es wäre für Erdogan eine Lehrstunde, wenn ihm türkische Wähler in Deutschland bei den nächsten Wahlen in der Türkei einen deutlichen Denkzettel geben würden. Weil sie aus vielen Gründen eine neue Heimat in Deutschland gefunden haben. Und darauf sind liberale Muslime besonders stolz und dankbar.“

 

Burkhard Budde 


Auf ein Wort

 

Flirt oder Liebe?

 

Nur ein harmloser Flirt mit dem Himmel? Superreiche investieren in Superforscher, damit ewiges Leben möglich wird. Es scheinen keine Spinner zu sein, die im Rahmen der digitalen Revolution ein Leben ohne Leiden, Sterben und Tod im Auge bzw. Kopf haben. Angedacht ist offensichtlich, die Daten des Gehirns eines Menschen im Blick auf seine Sprache, sein Wissen, seine Kulturtechniken sowie sein Gedächtnis und seine Erinnerungen hochzuladen und auf eine elektronische Maschine zu übertragen. Das Gehirn könnte dann im Computer bzw. in einem menschenähnlichen Roboter weiterleben. Aber erlebte das neue Wesen, das zuvor durch Genmutationen optimiert und perfektioniert worden ist, wirklich den „Himmel auf Erden“? Und wie sollte mit den armen Schluckern umgegangen werden, mit den noch Fehlerhaften und noch Leistungsunfähigen oder den Unwilligen und Machtlosen? Müssten sie links liegen gelassen oder sogar aussortiert werden? Und wer würde das entscheiden?

 

Alles nur Superwahnvorstellungen von selbsterkorenen Supermenschen?

 

Der normale Mensch, der nicht selbst Gott spielt, quält sich da mit ganz anderen Fragen, wenn es um den Himmel und das ewige Leben geht und er nicht total abgebrüht oder gleichgültig ist.

 

Eine Mutter beispielsweise wusste keine andere Lösung. „Wenn du nicht gehorchst“, sagte sie genervt zu ihrem pubertierenden Kind, „dann kommst du nicht in den Himmel.“ Doch die Tochter wollte gar nicht in den langweiligen Himmel, sondern lieber die Verhältnisse zickig durcheinanderwirbeln. Aber – Hand aufs Herz - ist der Himmel das richtige Instrument, sein Kind zu erziehen?

 

„Im Himmel wartet auf dich eine große Belohnung“, lockte ein religiöser Fanatiker und Rattenfänger einen Jugendlichen, „wenn du dich für unseren Glauben opferst und zum Märtyrer wirst.“ Auch diesen brutalen und menschenverachtenden Missbrauch des „Himmels“ gibt es. Oder der bekannte Missbrauch, wenn mit himmlischen Früchten oder spätere Himmelsgerechtigkeit geworben wird, um im irdischen Jammertal nicht allzu laut zu klagen oder politisch zu rebellieren.

 

Viel menschenfreundlicher sind da andere Himmels- und Glückserfahrungen. Wenn zum Beispiel Liebende sich angenommen und geborgen fühlen. Wenn ihr Himmel die Grenzenlosigkeit und Unendlichkeit ihrer Liebe verspricht - trotz aller grundsätzlichen Vergänglichkeit und Endlichkeit.

 

Der Himmel kann auch eine Folie für Hoffnungen sein. Ein Kind weinte, weil der verstorbene Papa, der lange Zeit im Krankenhaus gelegen hatte, nicht mehr nach Hause zurückkehrte. „Wo ist Papa jetzt?“ „Im Himmel“, antwortete die Mutter verlegen. „Ist der Himmel vielleicht ein Krankenhaus, wo alle Menschen geheilt werden und glücklich sind?!“ schluchzte das Kind und hörte auf zu weinen.

Den Himmel, in dem Menschen zu ihrem Schöpfer zurückkehren, in dem sie unbeschwert und unbegrenzt, aber auch letztlich unbegreiflich weiter existieren, hat Jesus Christus mit seiner Himmelfahrt für Gott- und Christusglaubende geöffnet.

 

Und das Grundvertrauen im Blick auf diesen Ort unbegrenzter Möglichkeiten, letzten Sinnes und Geborgenheit, kann schon hier und jetzt die Kraft geben, das Leiden nach bestem Wissen und Gewissen zu bekämpfen, aber auch in hoffender Liebe anzunehmen, wenn es unabänderlich ist. Damit das Leben nicht zur Hölle wird und der Himmel mit seiner schöpferischen und unendlichen Liebe das letzte Wort behält.

 

Burkhard Budde


Schwert im Stein für Schwertträger

Ein mutiges Zeichen: Ein Schwert steckt in einem Stein. Es ist jetzt auf dem 485 Meter hohen Burgberg zu sehen, dem Hausberg von Bad Harzburg, dem Tor zum Oberharz.


Es erinnert an Otto IV, Sohn Heinrichs des Löwen und seiner Frau Mathilde von England, deutscher Kaiser von 1198 bis 1215, der am 19. Mai 1218 auf der Harzburg starb. Und zwar nicht glorreich mit dem Schwert in der Hand auf einem Schlachtfeld, auch nicht alt und weise im Angesicht seines Schwertes auf einer Burg. Sondern schwach und ohnmächtig an einer Durchfallerkrankung.


Um wieder in den Schoß der Kirche aufgenommen zu werden – der Welfenkaiser war exkommuniziert worden - , hatte Otto zuvor am 15. Mai in einem „Schuldbekenntnis“ seine Verfehlungen gegenüber der römischen Kirche und dem Papst zugegeben und sich entwürdigend auspeitschen lassen. Gestorben war er wohl an einer „grünen Suppe“ oder an einem Sud - vielleicht aus Bärlauch und Maiglöckchen - , die er im Rahmen einer Trinkkur auf der Harlyburg in Vienenburg zu sich genommen hatte, bevor sich der 43-jährige Mann auf die Harzburg jenseits der Öffentlichkeit zurückzog.

Bis heute gibt es deshalb die Redewendung „Einen flotten Otto haben“ bei krampfartigen und dauernden Darmentleerungen.


Das Schwert als Erinnerung an Otto und an einen Teil seiner Reichsinsignien kann auch als ein christliches Symbol verstanden werden. Auf dem Schwertgriff ist die Gravur zu lesen „Christus vincit. Christus reinat“ (übersetzt „Christus siegt. Christus herrscht“). Wenn diese christlichen Worte mehr sein wollen als nur eine schöne Dekoration oder als eine alte Reminiszenz an einen frommen „Otto pius“, dann haben sie eine aktuelle und brisante Bedeutung.


Ein christliches Schwert wird auch heute noch missbraucht, wenn das Reich Gottes mit Gewalt herbeigeführt wird. Es kann jedoch eine befreiende und versöhnende Wirkung haben, wenn mit dem Schwert des Glaubens die Fesseln der Selbstgerechtigkeit, der Bosheiten, der Verstrickungen, der Abhängigkeiten und der Lieblosigkeit gelöst werden. Um persönlich und frei Verantwortung vor Gott und dem Nächsten, der Mit- und Nachwelt wahrzunehmen. Um bewusst Richtiges vom Falschen zu scheiden, um entschlossen Person und Sache zu unterscheiden, um sich tatkräftig in einer konkreten Situation zu entscheiden, d.h. im menschlichen und rationalen Geist der Lösungs- und Kompromisssuche, ohne sich selbst aufzugeben oder zu opfern. Denn von einem solchen Schwertträger hat auch Jesus geredet (vgl. Matthäus 10,34).


Jesus wusste allerdings auch, dass es Zeiten wie Ohnmachtserfahrungen gibt, in denen es weise und klug ist, dass Schwert aus der Hand zu legen. Und vielleicht sogar in einem Felsen stecken zu lassen. Um Gott das letzte Wort zu überlassen. Damit das Leben gesegnet bleibt (siehe auch „Benedictus…“ auf dem Schwert), weil Gott immer noch Möglichkeiten kennt, die sich jenseits der menschlichen Vorstellungskraft, jedoch im Diesseits öffnen können.

 

Anlässlich des 800. Todestages Otto des IV am 19. Mai 2018 enthüllte Dirk Junicke, Vorsitzender des Fördervereins Historischer Burgberg, in Anwesenheit des Bad Harzburgers Bürgermeisters Ralf Abrahms auf dem Burgberg das „Schwert im Stein“. Rückblickend, aber auch weitsichtig.

Burkhard Budde


Auf ein Wort

 

Heimat Kirche?!

 

Ein Mensch, bislang religiös unmusikalisch, sucht eine geistliche Heimat. Er bittet einen Pfarrer um einen Termin. In der Nacht vor dem Treffen hat er einen Traum.

 

In einer Kirche trifft er einen kritischen Geist, der ihn fragt: „Was wollen sie denn hier?“ Er antwortet: „Ich suche eine religiöse Heimat.“ Der kritische Geist schaut ihn ein wenig ungläubig an: „Hier in der Kirche gibt es vor allem Gottesdienste. Und unser Pastor predigt vor leeren Bänken“. Als wenn der suchende Mann bei dem kritischen Geist Schleusen geöffnet hätte, folgt eine Flut von weiteren spitzen Urteilen und gefestigten Vorurteilen, persönlichen Unterstellungen und verdrehten Wahrnehmungen: Das Leben des Pastors, seine religiöse Arroganz und seine soziale Inkompetenz, würden so laut sprechen, dass man die Botschaft des Evangeliums kaum noch höre. Im Gemeindehaus gebe es viele Gruppen und Kreise; aber es sei wie bei einer geistlosen Maschine, selbst wenn sie laufe, bleibe sie totes Material. In der Gemeindearbeit engagierten sich viele Mitarbeiter; aber unter dem frommen Mantel der Geschwisterlichkeit gebe es auch Tritte gegen das Schienbein und Schläge unter die Gürtellinie. Im Kirchenamt, wo er vor Wochen gewesen ist, sei er wie in einer weltlichen Behörde behandelt worden; ihn nerve Geltungssucht und Machtgehabe, Ordnungswut und Verwaltungswahn. Und dann erzählt er noch frustriert von seinem letzten Aufenthalt in einem kirchlichen Krankenhaus. „Ich bin wie eine Nummer behandelt worden. Die Marke war nur Maske“.

 

Am folgenden Tag stellt der suchende Mensch im Gespräch mit dem Pfarrer viele Fragen. Kann es sein, dass Gott in der Kirche nur noch ein Überraschungsgast ist? Dass Jesu Botschaft im Leben der Christen kaum noch eine Rolle spielt? Dass sich der Geist Christi vom Acker gemacht hat?

Der überraschte Pfarrer versucht zu erklären. Christen seien auch nur Menschen, aber sie würden sich zu Gott als den Schöpfer, als den Sohn und als den Heiligen Geist bekennen. Die Lehre von der Dreifaltigkeit Gottes bedeute keine Leere, sondern habe eine lebenspraktische Bedeutung, da sie Menschen erneuere. Denn die „Liebe Gottes“ sei kein Süßholz, weil Gott selbst in der Person Jesu die Not aller Menschen erfahren habe. Und weil der Geist Christi noch heute Herzen entzünden könne.

 

Nachdenklich verlässt der suchende Mensch das Pfarrhaus. In der folgenden Nacht hat er wieder einen Traum. Auf dem Altar, wo sonst die Bibel liegt, befindet sich eine Geige. Ein Spieler, der wie ein Prediger aussieht, ergreift die Geige und fängt an, leidenschaftlich ein einzigartiges Lied von göttlicher Liebe und menschlicher Würde, von verantwortbarer Freiheit und vom Trost in der Ohnmacht zu spielen. Alle Zuhörer, unter ihnen viele kritische Geister, fühlen sich von dieser Melodie berührt, die hilft, die unterschiedlichen Geister durch kritische Reflektion und biblische Deutung zu unterscheiden. Und die sogar Menschen religiös musikalisch macht, indem sie mit seiner Botschaft verschmelzen und für andere „mitsingen“, das heißt Verantwortung wahrnehmen.

 

Am nächsten Morgen ist sich der Mensch gewiss, wo er weiter suchen muss: Wo im Namen des Dreieinigen Gottes versöhnte und zu versöhnende Vielfalt in der Einheit gelebt wird, wo um „weltliche Dinge“ in der göttlichen Bewegung wahrheitsgemäß, sachlich, fair und kompromissbereit gerungen wird, aber die Melodie des göttlichen Zuspruches und Anspruches stets unüberhörbar bleibt – da, als lebendiger Ast eines kirchlichen Baumes mit Wurzeln und Früchten, soll seine geistliche Heimat mitten im pulsierenden Leben sein.

 

Burkhard Budde


„Vatertag“ ohne Köpfchen?

 

Am „Vatertag“ erleben „Väter“ Freude mit Freunden. Unter freiem Himmel über Gott und die Welt ins lockere Gespräch zu kommen, fördert den Zusammenhalt und das Vertrauen im kleinen Kreis.


Aber es gibt auch kopflose Väter. Manche von ihnen ziehen mit Bollerwagen und gut geölten Kehlen gröhlend und aggressiv durch Parks. Sie saufen an ihrem Alkoholtag hemmungs-, maß- und sinnlos und nehmen keine Rücksicht, weder auf die gepflegte Natur, die als Mülldeponie und Pissoir missbraucht wird, noch auf die Parkbesucher, die ängstlich einen großen Bogen um sie machen. Dass die Kopflosen ein schlechtes Beispiel für die nachfolgende Generation sind sowie eine Beleidigung für viele verantwortungsbewusste Väter, geht offenbar nicht in ihren Kopf.


Am Himmelfahrtstag sind jedoch auch Väter, Mütter, überhaupt Personen unterwegs, die ihren Kopf bewegen können. Sie sind in der Lage, unterschiedliche Situationen unterschiedlich zu bedenken, zu beurteilen und zu erleben. Der Himmel ist in ihnen und um sie herum.


Eine Mutter wusste keine andere Lösung. „Wenn du nicht gehorchst“, sagte sie zu ihrem pubertierenden Kind, „dann kommst du nicht in den Himmel.“ Doch die Tochter wollte gar nicht in den langweiligen Himmel, sondern lieber die Verhältnisse durcheinanderwirbeln. Aber – Hand aus Herz - ist der Himmel das richtige Instrument, sein Kind zu erziehen?


„Im Himmel wartet auf dich eine Belohnung“, lockte ein religiöser Fanatiker einen Jugendlichen, „wenn du dich für unseren Glauben opferst.“ Auch diesen Missbrauch des Himmels gibt es. Oder der Missbrauch, wenn mit Himmelslohn oder Himmelsgerechtigkeit geworben wird, um nicht zu klagen oder zu rebellieren.


Viel freundlicher und überzeugender sind da andere Himmels- und Glückserfahrungen. Wenn beispielsweise Liebende sich angenommen und geborgen fühlen. Wenn ihr Himmel die Grenzenlosigkeit und Unendlichkeit ihrer Liebe verspricht - trotz aller grundsätzlichen Vergänglichkeit und Endlichkeit.


Der Himmel kann auch eine Folie für eine Hoffnung sein. Ein Kind weinte, weil der verstorbene Papa, der lange Zeit im Krankenhaus gelegen hatte, nicht mehr nach Hause zurückkehrte. „Wo ist Papa jetzt?“ „Im Himmel“, antwortete die Mutter verlegen. „Ist der Himmel vielleicht ein Krankenhaus, wo alle Menschen geheilt werden und glücklich sind?!“ schluchzte das Kind und hörte auf zu weinen.


Den Himmel, in dem Menschen zu ihrem Schöpfer zurückkehren, in dem sie unbeschwert und unbegrenzt weiter existieren, hat Jesus Christus mit seiner Himmelfahrt geöffnet.


Und der Glaube an diesen Ort unbegrenzter Möglichkeiten und letzten Sinnes, gibt schon jetzt die Kraft zur Freiheit und zur Liebe - hier auf Erden, auch am Vatertag, der mit Köpfchen und Herz zum Himmelfahrtstag werden kann.

 

Burkhard Budde


Auf ein Wort


Keine Platzkarten

weder im Himmel noch auf Erden

 

Die Augen öffnen? Oder schließen? Weil man mit dem inneren Auge besser sehen kann? Da sind zwei Kerzen. Die eine leuchtet still, jedoch froh und frei vor sich hin. Indem sie sich verzehrt, entdeckt sie ihren Sinn, schenkt sie Licht und Wärme. Die andere wirkt erhaben, zugleich selbstsicher und selbstbewusst. Sie ist wunderschön verziert, eine Augenweide. Aber sie brennt nicht, bleibt unbeweglich und stolz.

 

In der Kirche sitzen junge Menschen, die festlich gekleidet sind, wie schöne Kerzen. Sie sollen konfirmiert werden, Ja sagen zu einem Leben mit Gott, dass in ihrer Taufe sichtbar angefangen hat. Es ist ihr großer Tag. Viele wirken ein wenig unsicher, da sie - „so richtig peinlich“ - im Mittelpunkt des Geschehens stehen und viele Augen sie beobachten und mustern. Und sie werden zum ersten Mal Abendmahl feiern.

 

Die Pfarrerin erzählt vom letzten Mahl Jesu mit seinen Freunden vor seiner Kreuzigung. Sie verrät, dass ganz unterschiedliche Typen zu seinem engsten Kreis gehörten. Keine Lichtgestalten, keine Stars oder Superhelden. Wohl aber ein widersprüchlicher „Fels“ mit „großer Klappe, aber nichts dahinter“; ein nerviger „Bedenkenträger“, der nur an das glaubt, was er sieht; zwei eitle „Pfauen“, die um einen Ehrenplatz im Umfeld von Jesus ringen.

 

Jesus umgibt sich ausgerechnet mit solchen Gestalten?! Solche Gestalten braucht er für seine Sache?! Und „schräge Vögel“ sollen ihn gebrauchen?!

 

Auch heute noch? Die Frau in Schwarz hämmert den Konfirmanden und der anwesenden Gemeinde ein: „Keiner wird vom Platz verwiesen. Keiner von Jesus ausgestoßen oder ausgeschlossen.“ Es gebe viel Platz am „Tisch des Herrn“ und vor allem keine Platzkarten nur für Fromme, die „korrekt“ glauben und leben. Jeder könne seine Schuld beim Abendmahl loswerden und Freiheit durch Liebe, d.h. wohl einen persönlichen Neuanfang sowie geistliche Wegzehrung erfahren.

 

Schöne Botschaft für Menschen, die nach göttlichem Licht in ihrer Finsternis suchen! Oder?!

 

Einer aus der Gemeinde reibt sich die Augen. Gilt die Botschaft der bedingungslosen Liebe auch für Christen in konfessionsverschiedenen Ehen? Vor allem - werden Kerzen, die leuchten, nicht gelöscht und können Kerzen, die nicht brennen, entflammt werden, wenn sie zuvor Bedingungen für die Teilnahme an einer Eucharistiefeier erfüllen müssen – zum Beispiel eine „reifliche Prüfung in einem geistlichen Gespräch“, die „Bejahung des Glaubens der katholischen Kirche“ oder eine „schwere geistliche Notlage“ vorliegen muss?

 

Und können schöne alte Kerzen ein glaubwürdiges Licht in die Dunkelheit von Fragen und Zweifeln bringen, wenn sie selbst nicht zu brennen scheinen? Weil sie päpstlicher als Jesus sein wollen? Weil sie sich hinter dem Kirchenrecht, einer Weltkirche und ihrer eigenen Macht verstecken?

 

Da sitzen junge Christen in einer Kirche. Sie sind auf dem Weg, mündig und selbstständig zu werden. Sie versprechen, im Glauben an den liebenden Gott der Freiheit und Verantwortung zu wachsen. Sie hoffen, in der Kirche Jesu Christi einen lebendigen Raum zu finden, in dem sie mit ihrem Herzen die erneuernde und versöhnende Kraft des Evangeliums entdecken. Sie können in ihrem Leben menschliche Lichtträger sein, um göttliches Licht weiterzugeben.

 

Zündet der Lichtfunke des Geistes Jesu Christi, dass selbst eine kleine brennende Kerze eine große Kerze, die noch nicht brennt, entzünden kann, damit es heller und wärmer wird? Und alle ohne Sand in den Augen besser und weiter sehen können.

Burkhard Budde


Auf ein Wort

 

Frauen in den Müttern

 

Am Muttertag die Mütter ehren? Auch die eigene Mutter?


Viele tun das und zeigen Herz, Dankbarkeit und Anerkennung. Sie haben nicht die Erziehungs- und Lebensleistungen ihrer Mutter vergessen. Vor allem schlägt das Kinderherz, wenn es an gemeinsam ausgehaltene existentielle Ängste denkt, wie die Mutter das weinende Herz getröstet und ermutigt hat, dem Kind vergab, es gegen Angriffe verteidigte sowie über Höhnen und Täler begleitete bis es immer selbstständiger und unabhängiger wurde.


Doch es gibt auch Kritiker des Muttertages, die diesen Tag als leeres Getue, als lästige Übung oder als billigen Kommerz betrachten. Er sei nur ein Tag vorgespielter großer Gefühle mit goldenen Worten, an dem Schuldgefühle und ein schlechtes Gewissen geweckt werden, weil es lange Funkstille zur Mutter gegeben hat oder die Erinnerungen an die Kindheit und Jugendzeit sehr ambivalent  und unangenehm sind.


Manche verzichten deshalb lieber auf einen Besuch, ignorieren diesen Tag und beruhigen sich selbst mit dem ständigen Widerkauen einer „ungerechten Mutter“, die Lieblinge gehabt und ihnen selbst zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt habe. Und verteilen gerne einseitig und unfair schlechte Noten im Blick auf die „bevormundende Glucke“ oder der „grauen Maus ohne Rückgrat“.


Der Muttertag kann jedoch auch an Anna Jarvis erinnern, die den ersten Muttertag 1908 aus der Taufe gehoben hat. Die Amerikanerin aus West Virginia, Tochter eines Methodistenpfarrers, eine unverheiratete und kinderlose Lehrerin, hatte nicht nur die eigene Mutter im Blick, die sie weder vergöttlichen noch aus ihrem Leben einfach zu verbannen trachtete. Vielmehr dachte sie beim Muttertag an die „Werke“ aller Mütter. Also auch an die Frauen in den Müttern, die sich zusätzlich zu den menschlichen und sozialen Leistungen auf leisen Sohlen mit persönlichem Verzicht auf frauenpolitische Anliegen bezogen.


Anna Jarvis war nämlich - wie ihre eigene Mutter - in der Frauenbewegung tätig. Auch deshalb hat sie im Jahre 1908, dem dritten Todestag ihrer Mutter und zugleich Geburtsstunde des Muttertages, nach einem Gottesdienst 500 Nelken – die Lieblingsblumen ihrer Mutter – verteilt, rote Nelken als Zeichen der Würdigung aller lebenden, weiße für alle verstorbenen Mütter. Und den jährlichen Gedenktag geschaffen.


Dass es in der Geschichte des Muttertages Trittbrettfahrer und Missbräuche wie den Mutterkult der Nationalsozialisten gab, spricht nicht gegen die Substanz der Botschaft: Die eigene Mutter ehren, aber auch die Frauen für ihren sozialpolitischen Kampf anerkennen. So wie man auch als Kind, als Erwachsener, als Vater, als alleinstehende Person für Menschliches und zugleich Soziales wertgeschätzt werden möchte.  


Dann könnte der Muttertag sogar zu einem Tag eines neuen gemeinsamen Aufbruchs werden. Und warum sollte so ein Tag nicht mit dem schlichten Geschenk einer Nelke oder auch einer Rose beginnen, mit einem Zeichen vorauseilender und dankbarer Liebe?!

 

Burkhard Budde


Wenn Hexen und Teufel lachen könn(t)en

Teuflischer Hexenspaß mit ernster Miene in St. Andreasberg. Ob so der Hexenkessel der inneren Gefühle überkocht und zur Mine (ohne „e“!) der Lust- und Freudlosigkeit wird? Oder ob man mit ernster Miene Freude bereiten kann?

Vielleicht sollten jedoch bei der Walpurgisnacht nicht alle Erscheinungen und Wahrnehmungen sowie alles Spiel und Vergnügen durch den Reflexionswolf der kritischen Vernunft gedreht werden. Um mit welchem Gesicht auch immer spontan fröhlich sein und bleiben zu können. Und die lustvolle Gegenwart zu zelebrieren.

Denn bewusst oder unbewusst werden die zerstörerischen Geister in den Seelen mutiger Spieler bzw. Teufel und Hexen mit Lärm und Unsinn sowie mit schön geschminkter Oberflächlichkeit und unbekannter Unkenntlichkeit entlarvt, gebändigt und sogar vertrieben. Wenigstens scheint das für viele Teilnehmer dieser traditionellen Marketingattraktion des Harzes zuzutreffen. Die anschließend umso kräftiger über sich selbst und die Fratze des Bösen im Spiegel des Guten lachen können.

Burkhard Budde, 30.4.2018


Auf ein Wort

 

Gefährlicher Sumpf

 

Am Rande, aber auch in der Mitte, im Dunkeln, aber auch im Licht, vor allem jedoch in Grauzonen und in den Sümpfen des Lebens wächst die Blüte des Hasses.

Beispielsweise der Judenhass, der im Verborgenen durch Morddrohungen und Hetze gegen jüdische Mitbürger, aber auch in aller Öffentlichkeit sein Unwesen treibt.

 

Totalitäres sowie fanatisches Denken herrscht jedoch auch bei Demonstranten, die im Namen von Toleranz und Vielfalt Gewalt anwenden, Andersdenkende am Reden zu hindern und zum Schweigen zu bringen versuchen. Oder wenn in Beziehungsfragen eine andere Meinung oder der Andersdenkende selbst verteufelt wird.

 

Die Sumpfblüte des Hasses kann in allen Bereichen des Lebens gedeihen, sowohl in der Hitze von Konflikten als auch in eisiger Kälte von Hartherzigkeit. Sie wurzelt tief, manchmal auch tief versteckt in den Köpfen derer, die sie aus dem Sumpf ausreißen wollen.

 

Träumt die Sumpfblüte davon, etwas ganz Besonderes zu sein? Will sie bewundert werden? Ist sie beleidigt, wenn sie „ungerecht“ behandelt wird? Nimmt sie andere als unnahbar wahr? Sind ihre Angst- und Minderwertigkeitsgefühle, ihre Neid- und Ohnmachtsgefühle die Quellen, aus denen sie ihren Vernichtungswunsch nährt? Den anderen zerstören zu wollen, sich über sein Unglück zu freuen, weil sein Glück nicht zu ertragen ist?

 

Weiß die Sumpfblüte, was sie tut? Wenn sie den heimtückischen Spaltpilz sät, die komplexe Welt in Gute und Böse teilt? Lähmendes Gift spritzt, indem sie Feindbilder verbreitet? Zur hemmungslosen Jagd auf Sündenböcke aufruft, um von eigener Bosheit und eigenem Realitätsverlust abzulenken? Das soziale Klima brutal durcheinanderwirbelt und mit ihrer täuschenden Schönheit denkfaule Bürger verführt, sich auf gefährliches Sumpfgelände zu begeben?

 

Man kann als Bürger des liberalen Rechtsstaates vor diesem Sumpf kapitulieren. Man kann die Sumpfpflanze, die sich nicht selbst aus dem Sumpf befreien kann oder gerne im Sumpf badet, auch radikal zu vernichten versuchen. Mehr Erfolg mit nachhaltiger Wirkung verspricht jedoch die Trockenlegung des Sumpfes, der Kampf gegen das feindselige Verhalten aller Hass-Pflanzen. Und das fängt mit Widerspruch und Widerstand an, wenn über einen Mitmenschen oder eine Gruppe gehässig hergezogen oder er bzw. sie herabgesetzt und ausgegrenzt wird.

 

Wer sich zudem bemüht, die vielen Sumpfblühten genauer anzusehen, entdeckt vielleicht auch Bekanntes: Eigene innere Leere und Verletzungen, Verlust-, Überforderungs- und Fremdheitserfahrungen. Dessen Gewissen kann geweckt werden, weil er „Mitwisser“ geworden ist. Und mitverantwortlich, dass aus Sümpfen gepflegte Gärten des Rechts, der Sicherheit, der Freiheit und des Wohlstandes werden, Hassblüten verwelken und blühendes Leben im gegenseitigen Respekt und in gemeinsamer Achtung entsteht. Indem Konflikte sachlich, fair, wahrheitsgemäß und lösungsorientiert ausgetragen werden. Und wenn nötig, auch mit dem (Straf-)Recht als Ultima Ratio und der konsequenten Umsetzung von Rechtsnormen bzw. Sanktionen.

 

Ganz im Sinne Jesu, der wusste, dass Menschen im Sumpf umkommen, wenn sie hassen und die liebende und befreiende Hand Gottes nicht ergreifen. Und glücklich werden, wenn sie in Würde, in Vernunft und Verantwortung Menschlichkeit und Liebe säen.

 

Burkhard Budde


Schöpferisch gärtnern

Beitrag in DIE WELT zum Thema „Altruismus im Garten“

Es gibt sicherlich nicht nur eine Gartenkultur, sondern auch einen verkrampften Gartenkult, der Gartenarbeit ideologisiert, indem der Entwurf auf einem Reißbrett wichtiger als der Garten selbst ist. Jede Pflanze, die nicht geplant gewesen ist, muss dann um jeden Preis weichen. Und jedes welke Blatt wird pedantisch mit der Harke entfernt.

Ärger und Kopfschütteln kann jedoch auch das andere Extrem verursachen, die „ungesteuerte Entwicklung“ angesichts eines provozierenden Gartenchaos, sei es aus ideologischen, sei es aus Gründen der Bequemlichkeit oder Gedankenlosigkeit.

Für mich ist der blühende Garten jenseits von Kult und Chaos eine schöne Visitenkarte eines freien Gärtners in einer heilbaren Welt, die auf eine schöpferische Kultur hinweist, die mit der Natur im Einklang ist sowie eine sinnstiftende Arbeit ermöglicht.

Der Lebensraum Garten kann zugleich ein Hinweis auf den Schöpfer aller menschlichen Gärtner sowie der Schöpfung sein – eine Erinnerung an das verlorene Paradies und damit ein ermutigendes und froh machendes, stärkendes und erneuerndes Zeichen mit Erlebnisqualität und Lebensgewinn.

Burkhard Budde

(Leserbrief in DER WELT vom 26. April 201, der sich auf ein Interview von Andrea Seibel mit Gabriella Pape bezieht, das in DIE WELT am 21. April 2018 veröffentlicht worden war.)


Mehr Wertschätzung für die Pflege

Negativmeldungen über die Pflege gibt es viele. Was sind die Gründe dafür? Und wie kann gute Pflege gelingen? Simon Laufer, Redakteur des Wochenmagazin idea Spektrum, das in ganz Deutschland etwa 90 000 Leser hat, besuchte das Pflegeheim „Haus Berlin“ in Neumünster. In seiner Reportage kommt auch Burkhard Budde, der Stiftungsratsvorsitzender des Wichernhauses in Bad Harzburg ist, zu Wort.

Wie kann in einem System, das auf Kante genäht ist, gute Pflege gelingen? „In kirchlichen Häusern gibt es natürlich auch keine Garantie, aber das christliche Menschenbild als Leitbild hat Auswirkungen auf den Alltag.“…“Wichtig ist, dass man sich um die Mitarbeiter kümmert, dass ein partnerschaftlicher, wertschätzender Umgang existiert.“...Die Würde des Einzelnen müsse im Mittelpunkt stehen.“ Dann kommt man von einer Fließbandpflege zu einer menschlichen Beziehungspflege, die dem christlichen Leitbild entspricht.“…“Die Wertschätzung für die Pflege fehlt, das ist ein gesellschaftliches Problem.“…Menschen dürften nicht nur als „Kosten- und Erlösfaktor“ gesehen werden. Damit Pflege gelingt, müssen zum einen die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen stimmen: „Im Augenblick ist zu wenig Geld da, das ist gar keine Frage.“…Noch entscheidender als das Geld ist für ihn die Aufwertung der Pflege und der Pfleger. „Die Menschlichkeit ist noch wichtiger als die Strukturen. Wenn die Bedingungen stimmen, erfährt man als Pfleger Sinn und bekommt Dank zurück. Das ist wunderschön.“

(aus idea Spektrum 25.April 2018)


Auf ein Wort

 

Teufel als Engel?!

 

Dass es Teufel im Gewand von Engeln gibt, haben viele schon erlebt. Es ist dann wie „verhext“: Freundlich lächelnd wird ein Gutgläubiger von seinem Gesprächspartner über den Tisch gezogen. Da redet einer vor Gericht von Gerechtigkeit, meint aber in Wirklichkeit seine persönliche Rache und hofft nur auf seinen eigenen Vorteil. Ein „großer Redner vor dem Herrn“ fordert von anderen Solidarität und Barmherzigkeit, selbst aber denkt er nur daran, seine eigenen Schäfchen ins Trockene zu bringen. Die Liste der Heucheleien und Verlogenheiten ließe sich beliebig fortführen.

 

Dass es auch Engel im Gewand von Teufeln und Hexen gibt, erleben viele Bürger und Touristen während der Walpurgisfeiern im Harz. Es ist dann wie „angehext“: Auch wenn nur wenige Teilnehmer in der Nacht vom 30. April auf den 1.Mai den Brocken besteigen, wo Hexen auf Besenstielen, Ziegen oder Schweinen herbeigeritten kommen sollen, um mit dem Teufel eine ausschweifende Orgie zu feiern, lassen sich die „Teufel mit Dreizack“ und die „Hexen mit Besen“ den Spaß z. B. in Thale, Braunlage, St. Andreasberg oder Bad Harzburg nicht nehmen. Vielleicht auch deshalb nicht, weil der Rollentausch und das Rollenspiel ein Ventil darstellen, menschliche Verkrampfungen wie Unnahbarkeit und Wichtigtuerei zu ironisieren und wenigstens zeichenhaft und für kurze Zeit zu bändigen.

 

Dass die heutigen Hexenfeiern einen historischen Hintergrund haben, wissen nicht alle Zeitgefährten. Im 16. und 17. Jahrhundert gab es einen grausamen Hexenwahn. Unschuldige Menschen wurden verfolgt, gejagt, gefoltert, bestraft und verbrannt, Protestanten und Katholiken, auch viele Männer, insgesamt wohl 50- bis 60 Tausend Personen. Heute erklären Historiker, dass nicht nur Dämonologie - die Vorstellung, dass „gefallene Engel“ „Gläubige“ täuschen und zerstören wollen und an der Seite des Teufels gegen Gott rebellieren – eine Rolle gespielt hat, sondern auch eine populäre Machtpolitik durch Kirche und Staat, aber auch durch viele Bürger. Man brauchte „Sündenböcke“, um von eigenen Schwächen abzulenken und die eigene Macht zu erhalten oder zu vermehren. Angesichts von individuellen und kollektiven Krisen wie Missernten, Hungersnöte, Epidemien und Kriegen existierte ein Nährboden für menschenverachtende Schuldzuweisungen und die Instrumentalisierung des Hexenwahns.

 

Im Lechlumer Holz vor den Toren der Stadt Wolfenbüttel gab es in der Frühen Neuzeit die Haupthinrichtungsstätte der Braunschweiger Herzöge. Herzog Heinrich Julius (1564 bis 1613), so Prof. Dr. Gerd Biegel vom Institut für Braunschweiger Regionalgeschichte, „habe Hexen und Zauberer dem Worte Gottes gemäß streng bestraft, berichtet seine Leichenpredigt“. Allerdings gab es bereits damals auch Gegner des Hexenwahns wie den Jesuiten Friedrich von Spee, der ihn in seiner „Cautio Criminalis“ von 1631 als „die unselige Folge des frommen Eifers Deutschlands“ bezeichnet hat.

 

Die „neuen Hexen“ im 21. Jahrhundert wollen wohl niemanden „verhexen“ oder richtig „anhexen“. Sie können jedoch nach dem lustigen Spektakel mit neuem Schwung, informiertem Geist und pochendem Herzen, das Böse im Gewand des Guten entzaubern sowie die Hexenjagd auf einzelne Personen oder Gruppen zu bekämpfen helfen. Und mit dem Geist der kritischen Vernunft und der persönlichen Verantwortung vor Gott und dem Nächten die großen und kleinen Teufeleien und Bosheiten zum Teufel schicken. Wo sie auch hingehören. Damit die Engelsbotschaft von der gelebten Würde aller Menschen erlebbar bleibt.

 

Burkhard Budde


Auf ein Wort


Spießer trifft Spießer

 

Ein Spießer trifft einen Spießer. Der eine, ein Sturkopf, läuft gegen die Wand und wundert sich anschließend über seine Kopfschmerzen. Der andere, ein Kleingeist, opfert seine Menschlichkeit auf dem Altar der Engstirnigkeit und beschwert sich dann über sein Alleinsein. Beide haben es schwer, sich von ihren selbstgefälligen Gewohnheiten, ihrem selbstgerechten Ordnungssinn und ihrer selbstgemachten Sucht nach Perfektion und Sparsamkeit zu befreien.

 

Das genervte Publikum hat solchen Spießern verschiedene Etiketten verpasst; zum Beispiel:

„Pfennigfuchser“, weil einer pingelig ist und selbst im privaten Bereich den letzten Cent zurückverlangt. „Erbsenzähler“, weil einer seine Mitmenschen mit seiner Supergenauigkeit tyrannisiert. „Paragraphenreiter“, weil einer in kleinlicher Weise Vorschriften interpretiert. „Korinthenkacker“, weil einer sowohl vollkommen sein will als auch rechthaberisch ist.

 

Es ist peinlich, wenn ein Spießer kein Trinkgeld gibt, sich den Restbetrag von 50 Cent auszahlen lässt, obwohl ihm das Essen im Hotel gemundet hat. Wenn eine reiche Person, die sich gerade eine teure Flasche Champagner geleistet hat, jedoch das „hohe“ Toilettengeld kritisiert. Wenn ein einfaches Gemüt die Stimmung killt, weil es ein Staubkörnchen in seinem Hotelzimmer entdeckt hat. Wenn einer am Buchstaben der Ordnung krampfhaft festhält, für sich selbst jedoch Interpretationsspielräume sieht.

 

Kurz gesagt: Manche Spießer können wie die Made im Speck sein, die über den Speck schimpft. Und kostbare Lebenszeit, Lebensfreude und Lebensenergie vergeuden, auch Lebensgemeinschaften vergiften, lähmen und zerstören; beispielsweise im Blick auf Nachbarschaftskonflikte oder Erbstreitereien, wenn auf- und abgerechnet wird, alte Rechnungen beglichen werden, Schubladendenken und Schwarz-Weiß-Malerei sowie ein Schablonenverhalten und ein übertriebenes Sicherheitsbedürfnis oder falsches Gerechtigkeitsbedürfnis vorherrschen.

 

Sind verbitterte Spießer unbelehrbar? Soll man sie einfach aufspießen, abwerten und dämonisieren? Sie Spießroutenlaufen lassen, sie wegen ihrer Sturheit, Pedanterie, ihres Geizes lächerlich machen?

 

Vielleicht sollte man einmal den Spieß umdrehen, sich selbstkritisch betrachten, weil aus einer vertieften Begegnung mit sich selbst eine neue Bewegung in neue Bedeutungs- und Begegnungsräume ermöglicht wird. Und diese Freiheitsbewegung hilft, auch wieder herzhaft über sich selbst zu lachen, über die eigene bitterernste Miene.

 

Wer es darüber hinaus schafft, den Spieß aus der Hand zu legen, der kann seine Hand sogar seinem Mitmenschen zur Versöhnung reichen. Und gemeinsam die Enge des geistigen Gefängnisses verlassen, um die Weite der Menschlichkeit und des Fingerspitzengefühls, der Vernunft und der Vorstellungskraft, der Urteils-, der Unterscheidungs- und der Kompromissfähigkeit zu erleben.

Der trifft mitten ins Herz befreiten und beglückenden Lebens.

 

Burkhard Budde


Auf ein Wort

 

Ungewöhnliche Freundschaft?!

 

Ein Mensch setzt seine Brille ab und erzählt die Geschichte einer besonderen Freundschaft.

 

Eine Muslimin ist mit einem Christen befreundet. Eines Tages sagt der junge Mann zu seiner Freundin. „Eigentlich dürften wir gar nicht befreundet sein.“ „Warum nicht?“, fragt die junge Frau erstaunt zurück. Der holt den Koran aus seiner Tasche und liest die Sure 5, Vers 51 vor: „O ihr, die ihr glaubt, nehmt euch nicht die Juden und die Christen zu Freunden.“ Die Muslimin schmunzelt: „Allah ist allmächtig, weise und barmherzig. Er hat bestimmt nichts gegen unsere Freundschaft.“ Der junge Mann lässt jedoch nicht locker. Für ihn ist der Koran eine „fremde Welt“ und er hat viele Fragen; zum Beispiel: „Bin ich als Christ ein Ungläubiger, wenn ich glaube, dass Christus Gott ist?“ Und er liest die Sure 5, Vers 17 vor. „Gilt ein generelles Tötungsverbot, weil Gott den Menschen für unantastbar erklärt hat? Oder gibt es auch eine Berechtigung, einen Menschen zu töten?“ Und er liest Sure 17, Vers 33 vor. „Habe ich als Mann Vollmacht und Verantwortung gegenüber den Frauen, weil Gott den Mann bevorzugt hat? Und soll die Frau dem Mann demütig ergeben sein und ihm gehorchen?“ Und er liest die Sure 4, Vers 34 vor.


Die Frau erwidert: „Du hast die Freiheit zu glauben oder nicht zu glauben.“ Und sie liest die Sure 18, Vers 29 vor. Die Muslimin hat keine Angst vor einer kritischen Auseinandersetzung. Sie weist auch nicht reflexartig auf das Alte Testament der Bibel hin, indem wie im Koran „grausame Dinge“ stehen. Sie weiß, dass man zwischen Islam und Islamismus sowie religiösem und politischem Islam unterscheiden muss und dass der Koran  nicht selten auch von anderen Weltanschauungen missbraucht wird. Sie wolle auch nicht mit verschlossenen Augen durch die Stadt laufen und behaupten, dass es keine Häuser, keine Sonder- oder Parallelwelten gebe. Und sich nicht nach dem Motto blenden lassen alles sei nicht so gemeint, alles könne entschuldigt oder relativiert werden.


Aber vor allem, erläutert sie, gelte für sie der Vorrang des weltlichen Rechtes vor dem göttlichen Recht, weil sie sonst ihre Freiheit, sich eine eigene Meinung zu bilden, aufs Spiel setzen würde.


Ihr Freund und sie blicken gemeinsam in den Spiegel religiöser Texte des Koran, aber auch der Bibel und entdecken viele Gesichter, das eigene, verzerrte, aber auch in neue Gesichter, die bei allen Unterschieden Mut zur Freundschaft auf Augenhöhe machen. Mit der historischen und kritischen Brille versuchen sie das eigentliche Anliegen hinter den Worthülsen zu sehen, den Sinn im Zusammenhang, das Echo in der Geschichte, und die Bedeutung für die Gegenwart. Und beide meinen, das Gesicht des leidenden Mannes der Bergpredigt wahrzunehmen, der Friedensstifter selig preist. Und Mohammeds Gesicht als ergebener Kämpfer eines Gottes, der sich als Gesetzgeber über alle Lebensbereiche und den Koran als sein Gesetzbuch versteht.


Beide leben gerne im säkularen Deutschland mit Meinungs-, Religions- und Wissenschaftsfreiheit, Gleichberechtigung und der Gewaltenteilung, weil dieses Land kein Gottesstaat ist, der bevormundet und den Vorrang der Menschenrechte ignoriert, sondern im Rahmen der gemeinsamen Werte- und Rechtsordnung Vielfalt in Einheit, in Sicherheit und Vernunft ermöglicht.

 

Nach diesen Worten setzt der Mensch seine Brille wieder auf. Und als er aufsteht, fügt er noch hinzu: „Kein religiöses Gift, keine moralische Keule, kein fanatisches Schwert, aber auch keine Gute-Laune-Droge vermag die Würde zerstören“.

Und wohl auch nicht eine wahre Freundschaft, die den Geist der Liebe, der Freiheit und Verantwortung bewegt.

 

Burkhard Budde       


Auf ein Wort

 

Weitblick als Durchblick

 

„Wie bekomme ich nur einen Überblick?“ fragt die kleine Sophie ihren Großvater. „Der eine sagt dies, der andere das. Wem soll ich glauben?“ Beide stehen vor einem Haus. „Wenn du erst mal da oben bist“, antwortet Großvater, „siehst du viel weiter und mehr.“ Und dabei zeigt er mit dem Finger auf den Balkon des Hauses. Sophie verzieht ein wenig das Gesicht und schüttelt leicht den Kopf. „Opa versteht mich nicht“, denkt sie. Aber der lässt nicht locker und will den Nebel lichten. „Was muss man tun, um auf den Balkon zu kommen?“ „Die Haustür öffnen, ins Haus und durch Räume gehen.“

Sophie wird neugierig.


„Gut, ich öffne die Tür, betrete den ersten Raum. Und dann?“ „Im ersten Raum leuchtet das Licht der Wahrheit.“ „Und das bedeutet?“

„Dieses Licht befragt dich: Ist derjenige, der dir etwas erzählt hat, glaubwürdig? Ist das, was du gehört hast, überprüfbar? Gibt es noch weitere Quellen, die du befragen kannst? Vor allem ist es möglich und sinnvoll, den Betroffenen, von dem du etwas gehört hast, selbst anzusprechen, damit er dir seine Sicht der Dinge erläutern kann?“ Und dann fügt Großvater noch hinzu: „ Übrigens gibt es auch Missverständnisse, bewusste und unbewusste Täuschungen.“ Sophie versteht: „Ich soll auf keinen Fall jemandem auf den Leim gehen, der die Wahrheit verdreht.“


„Richtig, sonst kannst du auch den zweiten Raum nicht betreten, in dem das Licht des Lebens leuchtet.“ „Puh“, seufzt Sophie, „und das bedeutet?“ „Ist das, was du gehört hast, für das Leben wichtig? Oder ist es nur Phantasterei, Lästerei oder Angstmacherei? Sollen Menschen manipuliert oder informiert, entzweit oder zusammenführt werden? Ist nur kritiklose Gefolgschaft oder kritische Auseinandersetzung möglich? Steckt hinter dem Gehörten vielleicht ein bestimmtes Interesse, dich über den Tisch zu ziehen oder dich vor den Karren zu spannen?“ Und dann fügt er noch hinzu: „Selbstgerechte Fanatiker schaden sich selbst.“

Sophie versteht: „Meine Lebenskraft soll nicht vergiftet, meine Lebenszeit nicht vergeudet werden.“

Großvater nickt.


„Und nun zum dritten Raum, wo das Licht der Liebe leuchtet.“ „Und das bedeutet?“

„Kannst du das, was du gehört hast, verantworten? Welche Folgen kann das Gehörte haben? Können Vernunft und Leidenschaft wie Geschwister sein, die sich leidenschaftlich gern haben und zugleich vernünftig bleiben? Oder wird nur Öl ins Feuer der Gefühle geschüttet? Oder eiskalt intrigiert und schlechtgemacht?“ Und er fügt noch hinzu: „Neuanfänge sind möglich, auch Versöhnung.“

Sophie muss das alles erst verdauen. „Aber was ist mit dem Balkon?“ Nun ist Großvater in seinem Element: „ Vom Balkon aus siehst du die Weite und die Tiefe des Lebens - wie wichtig es ist, Wichtiges vom Unwichtigen zu unterscheiden, Zusammenhänge zu erhellen statt in Schubladen einzusperren, sich zu verantworten statt sich zu verstecken“. Und dann fügt Großvater noch hinzu: „Stell dir auch die Frage, ob das, was du gehört hast, Gottes Wille ist. Und ob es vor Gott verantwortet werden kann, der dich trägt.“ Sophie blickt ihren Großvater an: „Du meinst, dass man von Gott getragen ist, weil kein Mensch sich selber tragen kann?!“

Und Sophie scheint beim Weitblick einen Durchblick gewonnen zu haben, der Mut zum selbstbestimmten und mündigen Leben macht.

 

Burkhard Budde


Zum Sprung bereit

 

Drei Hasen, die sich in einem mit vier Blüten dekorierten Kreis befinden, sind in Aktion.

Der eine Hase richtet sich auf und schaut zurück; zwei seiner Füße haben Halt auf festem Grund.

Der andere Hase ruht sich aus und scheint abzuwarten; seine Vorder- und Hinterfüße finden Grund.

Ein dritter Hase setzt zum Sprung an; er löst sich vom Grund.

Alle drei Hasen sind mit ihren Ohren untereinander verbunden.

Die drei Hasen, wahrscheinlich 1929 von Georg und Ulrich Roediger gestaltet, erinnern an das Dreihasenfenster am Dom in Paderborn, das im 16. Jahrhundert entstanden ist. Diese Hasen springen jedoch alle.

Gemeinsam ist beiden Kunstwerken, dass ihre Ohren jeweils ein Dreieck bilden.

Wollen die Hasen – die „Dreiecke“ – auf die lebendige und untrennbare Einheit von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft hinweisen; auf den Glauben, die Hoffnung und die Liebe; auf „Vater“ („Schöpfer“), „Sohn“ („Erlöser“) und „Heiliger Geist“ („Tröster“) - auf ewiges Leben, das nur Neuanfänge kennt und im Diesseits im persönlichen Glauben an den gekreuzigten Auferstandenen bereits beginnt?

Und dass ein Mensch nur auf dem Grund des Evangeliums beim Sprung vom alten Leben ins neue Leben befreiende sowie sinnstiftende Wahrheiten, vor allem die liebende Gemeinschaft mit Gott, entdecken kann?!

Burkhard Budde

 

Auf ein Wort

 

Wer war Jesus?

 

War er ein Mensch, der Weisheiten und Geheimnisse lehrte? Und später von seinen Anhängern vergottet und angebetet wurde? Oder war er der Gesalbte, den Gott von den Toten auferweckt hat. Und sich dann selbst als der Auferstandene offenbart hat?

 

„Du bist der Christus“, hat Petrus nach dem Markusevangelium über Jesus gesagt. Und nach dem Matthäusevangelium fügte der Apostel noch hinzu: „des lebendigen Gottes Sohn“.

Für Paulus steht fest, dass er der „auferstandene Gekreuzigte“ ist. Für die Predigt und den Glaubenden sei das das Entscheidende, wie er in einem Brief an eine Gemeinde schreibt: „Ist aber Christus nicht auferstanden, so ist unsere Predigt vergeblich, so ist auch euer Glaube vergeblich. Nun aber ist Christus auferstanden von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind.“

Der Koran vertritt da eine ganz andere Auffassung. An Stelle Jesu sei „eine ihm ähnliche Gestalt“ gekreuzigt worden. Und in Sure 5, 17 werden Christusgläubige sogar als „ungläubig“ bezeichnet.

 

Selbst für die ersten Christen war die Nachricht von der leibhaftigen Auferstehung Jesu zunächst unfassbar, ja „Geschwätz“. Die vergebliche Suche nach dem Leichnam Jesu löste Furcht und Entsetzen aus. Erst in der Begegnung mit dem Auferstandenen erlebten die Zugeknöpften wie die Emmausjünger, wie der Geist Jesu Christi ihnen ihre Augen und Ohren öffnete – und sie jetzt seine Worte verstanden und sein Leben mit Sinn deuten konnten. Aus ihrer Frage „Wer war eigentlich dieser Jesu, mit dem wir zusammen waren?“ wurde die Aussage „Jesus Christus bedeutet mir etwas für mein Leben“.

 

Noch heute bezeugen Christen, ohne zu schwärmen oder zu frömmeln: Gottes unsichtbare Hand, die ich im Vertrauen auf Jesus Christus ergreife, befreit mich aus dem Sumpf der Gottesferne. In der schöpferischen Hand Gottes bleibe ich stets geborgen, auch am Ende meines Lebens. Mitten in meinem Leben erfahre und begreife ich neues Leben, indem ich mit meinen Händen gegen den vermeidbaren Tod kämpfe und loszulassen lerne, um den unvermeidbaren Tod vertrauens- und hoffnungsvoll anzunehmen.

 

Diese Beziehungswahrheit, die Gewissheit der Auferstehung Jesu, schenkt die Gewissheit der eigenen Unsterblichkeit. Sie ereignet sich nicht durch historische Protokolle, theologische Ausführungen oder religiöse Wunschprojektionen, auch nicht durch das Fürwahr-Halten frommer Sätze oder durch moralisches Verhalten. Es ist Gott selbst, der den vergänglichen Menschen geschaffen hat, und ihm seinen Geist der Liebe und die Frucht der Ewigkeit schenkt.

 

Alles nur ein geistiger Selbstbetrug, Lug und Trug? Aber gehören zum ganzen Leben nicht auch das Weinen und Lachen, das Sterben und Geborenwerden dazu? Gibt es etwa keine gelebte Liebe, gelebte Freiheit und unverlierbare Würde, weil sie rational letztendlich nicht erklärbar sind? Für die Auferstehung kennen die Quellen keine Beweise. Aber es existieren viele glaubwürdige Hinweise.

 

Und zu Ostern können aus Erinnerungen an den gekreuzigten Jesus persönliche Begegnung mit dem auferstandenen Christus werden, die Menschen froh- und neu machen. Dass sie bekennen: „Er ist wahrhaftig auferstanden“. Und der Glaube an das Leben hat über den Tod gesiegt.

 

Burkhard Budde

 

Der Entwurf des Christuskopfes wurde von Ingema Reuter (gestorben 1998) geschaffen und von ihrem Mann Gerd Winner 2000 ausgeführt.


Auf ein Wort

 

Klopfen im Gefängnis

 

Gibt es Gefängnisse auch ohne sichtbare Mauern? „Ich fühle mich wie eingesperrt“, klagt eine fromme Frau, die plötzlich und ohne Schuld schwer krank geworden ist. „Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll“, seufzt die Pfarrerin. Ihr Verhältnis zu Gott, das so vertraut, so bewährt, so vertrauensvoll gewesen ist, scheint brutal beendet, zerstört, vergiftet.

Immer heftiger klopft sie gegen die Zellenwand. „Wo bist du Gott? Habe ich etwas falsch gemacht? Willst du mich bestrafen? “ Das Grübeln der Seelsorgerin kennt kein Ende. Sie überhört den „guten Ratschlag“ „Reiß dich zusammen! Sei nicht undankbar.“ Auch „fromme Worte“, die gut gemeint sind, sich gut anhören, aber nur geistige Seifenblasen erzeugen, können sie nicht mehr erreichen. Der Adressat ihres Klopfens bleibt jedoch Gott.


Später erzählt die Pfarrerin, dass sie einmal ein leises Klopfzeichen wahrgenommen hatte. Wie ein Klopfzeichen von außen kam ihr das Wort vor „Vater, in deine Hände gebe ich meinen Geist.“


Diesen Satz betete der leidende Jesus vor seinem Sterben. Er hatte sein Leiden nicht zur Schau gestellt, auch nicht in sich hineingefressen. Aber er versuchte, das nicht zu ändernde Leid vertrauensvoll und hoffnungsvoll anzunehmen und sein Leben Gott zu überlassen.


Und – fragte sich die Pfarrerin - warum sollte es im Blick auf diesen Jesus Christus nicht möglich sein, dass Gott aus der menschlichen Unmöglichkeit, aus dem Gefängnis des ohnmächtigen Leidens herauszukommen, seine Möglichkeit macht? Dass Gott nicht auch im Gefängnis mit der Macht seiner schöpferischen Liebe trotz allem anwesend ist?


Wie auch immer: Die Zellenwand, die Gott und Mensch trennt, war durch dieses Klopfzeichen zur Wand geworden, die zugleich verbindet.


Über solche oder ähnliche Gotteserfahrungen kann man spotten oder lächeln. Aber mit Gott können in allen Gefängnissen Erfahrungen gesammelt werden, die dem Leben neue Kraft und Zuversicht schenken.

Und könnte es nicht sein, dass ein Schlüssel zum Gottvertrauen in dem Vertrauenden selbst zu finden ist?!

 

Burkhard Budde


Kennst du Meister Lampe?


 

Der hin und her hoppelt.

 

Der mit seinen langen Löffeln

wachsam und achtsam ist.

 

Der mit seinen großen Augen

klar und deutlich sieht.

 

Der mit seinen Zähnen.

kräftig und mächtig nagt.

 

Der mit seinen Füßen

geschickt und trickreich läuft.

 

Der sich mit seinem Tarnfell

klug und weise verhält.

 

Der mit seinem Schwanz

putzig und possierlich wirkt.

 

Der weiß, wie der Hase läuft,

und wie ein Haken geschlagen wird.

 

Der es faustdick hinter den Ohren hat,

die Richtung im Laufen ändern kann.

 

Der den flüchtigen Zauber sieht

und ins Gebüsch flüchtet.

 

Der neben dir liegt,

wo der Hase im Pfeffer begraben ist.

 

Der wie der Geselle Mensch

das Leben liebt und hoppelt

- hin und her.

 

Burkhard Budde

 


Auf ein Wort

 

Hunger nach Meinung

 

Sich eine eigene Meinung bilden? Auf dem Marktplatz der Meinungen gibt es viele Angebote. Und vor allem die Qual der Wahl.


An einem Stand versuchen glänzende Kostbarkeiten, die Augen zu verführen. An einem anderen Stand sind alte Kamellen neu verpackt. Soll man nur das herauspicken, was man ohnehin kennt und mag? Oder weiter nach billigen Schnäppchen Ausschau halten?


In einer Buchstabensuppe von Besserwissern kann der rührende Löffel nur wenige Buchstaben herausfischen. Und auch Haare in der Suppe finden, die nicht selten durch das Kopfschütteln der Besserwisser in die Suppe gelangt sind.


Der Brei von Alleswissern ist durch selbstgerechte Deutungshoheit und Einseitigkeit ungenießbar geworden, weil Tatsachen und Meinungen, Lüge und Wahrheit nicht mehr unterscheidbar sind. Und dem Hungrigen bleibt der Kloß im Hals stecken, weil er entdeckt hat, dass Alleswisser nur ihr eigenes Süppchen kochen.


Ist es vielleicht doch besser, keine Meinung zu haben oder sie nicht zu äußern und zu verschweigen? Einfach das essen, was durch die Mehrheitsmeinung der Nachbarschaft, des Freundeskreises, des Partners, der Medien auf den Tisch kommt, auch wenn man es nicht bestellt hat oder mag?


Manche irren ahnungslos oder gleichgültig auf dem Marktplatz umher. Wieder andere unterdrücken ihre wahren Hungergefühle und lassen sich mit weltanschaulichen Billigprodukten abspeisen. Oder versuchen, wütend und frustriert Sündenböcke vom Platz der Meinungsbildung zu vertreiben.


Bei einem Lebensmenü der nach den Wahrheiten Suchenden können jedoch verschiedene Gänge unterschieden werden:


Der Gang des Wissens: Es müssen keine hingeworfenen und leicht verdaulichen Wissensbrocken von Rattenfängern sein, wohl aber ermöglicht eine wachsende Wissensgrundlage, Vorurteile und Feindbilder zu überwinden und Licht in eine finstere Gerüchteküche zu bringen.


Der Gang des Gewissens: Es werden keine einfachen oder pauschalen Rezepte angeboten, wohl aber steuert und gestaltet der Kompass der Werte und Normen sowie der Qualitätsmaßstäbe das Wissen und schafft begründete und differenzierte Urteile. Ein Nachtisch kann auf der Zunge zergehen, auch wenn die Vorspeise misslungen war.


Der Gang der Gewissheit: Er ist für alle Gänge wichtig, weil er keine falsche Selbstsicherheit schenkt, wohl aber neues Grundvertrauen. Denn selbst harte Fakten, eine lückenlose Qualitätsprüfung, die Beantwortung aller Fragen durch einen Koch schaffen nicht automatisch Vertrauen in seine Kochkunst. Was an Misstrauen an der Seele klebt, muss zuvor entfernt werden. Damit aus einer fremdbestimmten Marionette ein selbstständig und unabhängig denkenden Partner auf Augenhöhe wird, der einen Mund hat, mündig, fair, tolerant und eigenverantwortlich handeln kann. Und den Hunger nach einer eigenen Meinung immer wieder neu stillt.

 

Burkhard Budde


Kommentar:

Fingerabdruck mit Bedeutung


Zum Reformationstag als gesetzlicher Feiertag


Ein Fingerabdruck ist einzigartig und unverwechselbar. Gehört die Reformation zu dem geerbten Fingerabdruck unserer Gesellschaft, den jeder ignorieren, aber auch als gesetzlichen Feiertag würdigen kann? Am Ende eines Fingers befinden sich Linien in der Haut, die für eine Person im Gesamtbild individuell charakteristisch sind. Hat auch der Reformationstag am 31. Oktober bleibende „Linien“, die nicht nur als kirchliches, sondern zugleich als geschichtliches, soziales, kulturelles und religiöses Ereignis für die Zukunft wichtig sind?

Wer sucht, findet solche „Linien“: Die geschichtliche Linie, die für das Langzeitgedächtnis einer Gesellschaft wichtig ist. Sie erinnert an die Thesen Martin Luthers vom 31. Oktober 1517, insbesondere an seine Kritik an dem Verkauf von Ablassbriefen und die Käuflichkeit kirchlicher Ämter. Wer in diesen historischen Spiegel schaut, kann sensibilisiert und motiviert werden, Heuchelei, Verdummung und Gier zu überwinden.

Die soziale Linie, die für das Zusammenleben einer Gesellschaft wichtig ist. Sie gibt dem Wir-Gefühl und der Menschlichkeit, der Eigenverantwortung, der Hilfe zur Selbsthilfe und der Solidarität eine angemessene Form des Nachdenkens. Wer noch mehr sucht, findet in dieser Linie sogar die Gottesliebe, die einen Menschen bedingungslos annimmt, damit er in der Nächstenliebe seinen Mitmenschen so annehmen kann wie er selbst angenommen werden will.

Die kulturelle Linie, die für den Zusammenhalt einer Gesellschaft wichtig ist. Sie ermöglicht Freiräume, um menschliche Werte und Verhaltensweisen, die sich bewährt haben, weiterzugeben, vorzuleben und neu zu leben. Und gehört nicht auch zu einer christlich geprägten Kultur das Einheitsband der „Freiheit eines Christenmenschen“, die unantastbare und unverlierbare Würde eines jeden Menschen, die Selbstbestimmung und Gleichberechtigung, die Chancen-, Leistungs-, Bedarfs- und Generationengerechtigkeit?!

Die religiöse Linie, die für jeden Einzelnen in der Gesellschaft wichtig sein oder werden kann. Sie eröffnet Räume, die nicht verschlossen bleiben müssen. Wer nach dem eigenen Lebenssinn fragt, dem kann es wie Schuppen von den Augen fallen: Die christliche Botschaft von der schöpferischen Liebe Gottes, dem frohmachenden Geschenk des Heiligen an den Vertrauenden, füllt leere Hände, damit sie ihre Verantwortung vor Gott und dem Menschen neu wahrnehmen lernen.

Der Fingerabdruck ist mehr als die Summe seiner Linien. Eine Gesellschaft, die dem reformatorischen Fingerabdruck an einem gesetzlichen Feiertag konstruktiv kritische Wertschätzung gibt, entdeckt in der Vergangenheit ihre Zukunft.

Burkhard Budde


Last und Lust der Verantwortung


Kann aus Last Lust werden? Während der durchdachten und zugleich leidenschaftlich vorgetragenen Rede der neuen Generalsekretärin der CDU Annegret Kramp-Karrenbauer sprang auch bei den Delegierten des Landesverbandes Braunschweig der Funke der Begeisterung für die Politik der christlichen Volkspartei der Mitte über. Beim Bundesparteitag in Berlin am 26. Februar 2018 sagte die neue Hoffnungsträgerin der CDU mit Witz, Charme und Überzeugungskraft: „Ich bin auch in die Junge Union gegangen, nicht um meinem Landesvorsitzenden zuzujubeln, sondern um ihm Feuer unterm Hintern zu machen.“

Ganz im Geiste der Erneuerung und des Fortschrittes setzte sich auch Braunschweigs Landesvorsitzender Frank Oesterhelweg in seinem Redebeitrag dafür ein, „dass die Menschen mitgenommen und verstanden werden.“ Zum Thema „Bundeswehr“ sagte Oesterhelweg, der auch Vizepräsident des niedersächsischen Landtages ist: „Ich erwarte, dass die Soldaten, die wir in die Welt schicken, um unsere Werte zu verteidigen, unverzüglich vernünftig ausgerüstet werden.“


Parteivorsitzende Angela Merkel warb für den Koalitionsvertrag, „damit aus dem Papier konkrete Politik“ gemacht werden könne. Gleichzeitig bekannte sie sich zum christlichen Menschenbild als Kompass und Verpflichtung der CDU. Auf diesem Fundament könnten die Grundwerte abgeleitet werden, „die bei der Suche nach Antworten in der jeweiligen Zeit leiten“. Diese politische Verantwortung sei kein Spiel, sondern ein Dienst.


Dass dieser angesichts der globalen Herausforderungen und Krisen nicht immer leichte Dienst für das Land Politikern auch Freude bereiten kann und ihnen Sinnerfüllung schenkt, konnten kritische Beobachter des Parteitages nicht nur verspüren, sondern auch erleben.


Auf ein Wort

 

Prahlen mit Zahlen?

 

Ein neuer Geschäftsführer prahlt mit neuen Zahlen. „Endlich schreibt die Firma wieder schwarze Zahlen.“ Was sein Vorgänger nicht geschafft habe, sei ihm gelungen.

 

Ein Feuerwerk guter Zahlen fasziniert und weckt Machtgefühle. Zugleich kann es in der Hitze des Gefechtes wie eine kalte Dusche wirken, Eiferer und Heißsporne abkühlen und eine Diskussion versachlichen. Denn ist das Schöne oder Wünschbare auch machbar, vor allem finanzierbar?

 

Aber eine Flut handfester Zahlen kann Kritiker auch mundtot machen und eine falsche Sicherheit vorgaukeln, so dass notwendige Entscheidungen in Selbstzufriedenheit verschlafen werden.

 

Dennoch: Verstehbare und nachvollziehbare Zahlen sollten nicht einfach ignoriert werden, da sie wie Verkehrsschilder im Straßenverkehr sind, an denen ein Autofahrer sich orientieren kann, um sein Ziel schneller, leichter und sicherer zu erreichen. Die Schilder ersetzen jedoch nicht die Verantwortung des Fahrers, das Ziel und den Weg zu bestimmen, Bremse und Gaspedal zu bedienen.

 

Doch Zahlen müssen interpretiert, der Zusammenhang muss stets erhellt werden: Die gleiche zurückgelegte Kilometerzahl auf zwei Straßen sagt noch nichts über ihre jeweilige Beschaffenheit aus, ob es sich um einen Feldweg oder eine Autobahn handelt. Und natürlich sind zwei Haare auf dem Kopf wenig, zwei Haare in der Suppe jedoch viel.

 

in Zahlenwerk kann wie eine Waffe gebraucht, aber auch missbraucht werden; es kann – je nach Interessenlage - die Wirklichkeit beschönigen, verschleiern oder verschlimmern. Mit Zahlen wird gespielt, wenn eine Sache mit den gleichen Zahlen widerlegt oder bewiesen werden kann. Und generell gilt: Wer gar nicht zählt, wird schnell verschwenderisch, verliert Bodenhaftung. Wer nur zählt, wird schnell geizig, zum Erbsenzähler, zum Sklaven des Zählens.

 

Die Masse an Zahlen sagt noch nichts über ihre Klasse aus: In einem Artikel, der viele Likes oder Follower hat, kann es viele versteckte Gehässigkeiten und Unterstellungen geben. Ein anderer Artikel, der wenig beachtet wird, weil er seinen Lesern nicht nach dem Munde redet, kann sorgfältig, fair und wahrheitsgemäß recherchiert worden sein. Viele Hände, die wegen des Sahnehäubchens auf dem Kuchen applaudieren, sagen noch nichts über seine Qualität aus; viele gute Noten und Umfrageergebnisse noch nichts über den Charakter oder die wahre Kompetenz eines Politikers.

 

Selbst mächtige Zahlen sind ohnmächtig und zahlen nicht die Zeche, wenn Menschen lachen oder weinen, vergeben oder verurteilen, wenn Erfahrung, Geschichte und Kultur nichts mehr zählen. Zahlen sind nur Teil des Spiegels der Wirklichkeit: Sie dienen dem ganzen Leben erst, wenn sie untrennbar eingebunden sind in die Welt der Werte und Normen, der Gesetze und des Rechts, der Fachlichkeit und Menschlichkeit.

 

Eine Firma mag „schwarze Zahlen“ schreiben. Dennoch kann das Betriebsklima eiskalt sein, ein Mitarbeiter nur eine funktionierende Nummer und reiner Kostenfaktor. Und der Erfolg dieser Zahlen kommt auf Stelzen daher, weil eine Kultur des gegenseitigen Respektes, des Vertrauens und der Eigenverantwortung, vor allem Glaubwürdigkeit fehlt. Und dadurch der wirtschaftliche Erfolg auf Dauer gefährdet ist.

 

Aber was zählt wirklich im Leben? Berechnend zu sein, es einem anderen Menschen heimzuzahlen, die Maximierung und Optimierung der Rendite oder der Organisation? Oder der einzelne Mensch mit seiner unverlierbaren Würde, seinem Wissen und Gewissen sowie seinem Streben nach Glück?

Die Zeit des dumpfen Aufzählens von Zahlen mit heißer Luft und Hochmut kann entlarvt werden. Wenn die Zeit des aufrichtigen Erzählens unter Berücksichtigung dienender Zahlen, die Bände sprechen, beginnt. Vor allem wenn Menschen Mut zur Demut gegenüber der Geschichte zeigen sowie zur gemeinsamen – auch ökonomischen - Verantwortung für die Zukunft. Damit der neue Geschäftsführer nicht eines Tages von seinem Nachfolger eine Rechnung mit „prahlenden Zahlen“ präsentiert bekommt.

 

Burkhard Budde


Auf ein Wort

Wahrheit über Lügen

 

Sind aus „kurzen Beinen“ „lange Beine“ geworden? Gibt es überall nur noch lange Gesichter, weil man Sein und Schein nicht mehr unterscheiden kann? Haben es perfekte Shows geschafft, dass sich die Balken biegen und das Haus einer Bluff-Gesellschaft einzustürzen droht? Die Verunsicherung ist groß: Einer schaut einem anderen tief in seine Augen. Aber sieht er die Wahrheit, vor allem sagt der andere die Wahrheit? Einer wirkt unsympathisch und ungepflegt. Aber muss er deshalb lügen, tricksen und betrügen?

 

„Fake News“ (erfundene Nachrichten) und „alternative Fakten“ (falsche Tatsachenbehauptungen) scheinen nur die Spitze eines Eisberges zu sein. Unter der Oberfläche des sozialen Lebens tummeln sich viele Wahrheiten und Lügen, die plötzlich auftauchen und schnell wieder verschwinden können. Manche wirken zerstörerisch, andere sind verzeihbar. Immer jedoch ist das Vertrauen herausgefordert.

 

Höflichkeitslügen („Wie geht`s?“ „Ganz gut“), jemandem spontan nichts über seine Krankheit erzählen zu wollen, um die fröhliche Atmosphäre einer Feier nicht zu beeinträchtigen, ist nachvollziehbar und sogar rücksichtsvoll. Ebenfalls Notlügen in einer Grenz- und Ausnahmesituation, wenn Schweigen und Ablenkung keine Alternativen sind, um eine Person nicht zu verletzen, ihr eine Resthoffnung zu lassen und die Not in den Blick zu nehmen.

 

Aber sind alle (Alltags-) Lügen wirklich immer nötig, notwendig? Wenn zum Beispiel ein Arzt den Patienten nach der regelmäßigen Einnahme von Tabletten fragt. Ein Lehrer den Schüler nach den Quellen seiner Ausführungen in dem Referat. Ein Richter den Zeugen nach seiner Wahrnehmung des Falles. Ein Mann seine Frau – und umgekehrt – nach Wünschen.

 

Vor allem eiskalte und heiße Lügen mit Gewaltpotential sollten entlarvt werden.


Heiße Lügen treiben ihr Unwesen beispielsweise in einer Gerüchteküche, wenn ein Koch mit Misstrauen und Angst, Halbwahrheiten und Unwissenheit, Hass und Bosheit einen diskret indiskreten Lügenbrei herstellt, um einen anderen Menschen zu ruinieren.

 

Eiskalte Lügen im Flurfunk eines Unternehmens, wenn hinter dem Rücken einer Person aus einer Mücke ein Elefant gemacht wird, ein Wahrheitsgehalt im Lauffeuer einer verschworenen Gemeinschaft immer schlimmer und verfälschter wird – zu Lasten und auf Kosten eines Menschen.


Die manchmal heiße, manchmal eiskalte Lüge als Mittel in der Öffentlichkeit, um Erfolg zu haben oder Misserfolg zu vermeiden, lebt von gezielten Übertreibungen oder Untertreibungen, um andere Personen oder Gruppen in ein „dunkles“ Licht und sich selbst ins „helle“ Licht zu stellen. Nicht alle Personen des öffentlichen Lebens sind über einen Kamm zu scheren. Aber auch nicht alles, was sie tun oder unterlassen, ist unter den Teppich zu kehren. Alle jedoch sollten damit anfangen, die Bosheit, den Neid und die Missgunst vor der eigenen Tür zu entfernen. Und in der Öffentlichkeit Hemmschwellen aufbauen, damit Mitmenschen durch falsche Behauptungen und üble Nachrede nicht verächtlich gemacht werden.

 

Wahrheitsfanatikern und Tugendwächtern, aber auch Otto-Normalverbrauchern traut der christliche Glaube zu , die Lebenslüge, ohne Gott oder sogar gegen Gott leben zu können und Sinn zu finden, zu überwinden, und mit und vor Gott sinnvoll leben zu wollen: Nicht einfach zu schweigen oder mit den Wölfen zu heulen, wenn durch Lügen die Würde eines Menschen mit Füßen getreten wird. Und bei der Wahrheitssuche sich dem Geist der Liebe und der Verantwortung zu öffnen. Denn Lügen haben kurze und lange Beine. Aber richtig laufen, richtig glücklich werden, kann ein Mensch nur mit zwei Beinen, mit Wahrheit und Liebe.

 

Burkhard Budde


Pralinen


"Wer soll Minister werden?"


Leserbrief in DIE WELT vom 14.2. 2018


Nicht die Geburtsurkunde, das Geschlecht oder die Herkunft sind das Entscheidende. Auch nicht die Zugehörigkeit zu einem Landesverband oder zu einem Parteiflügel. Die „schöne“, d.h. passende Form ist wichtig, noch wichtiger ist jedoch das persönliche Format, die Leistungsfähigkeit, -bereitschaft und -möglichkeit einer Person, um sie nicht mit einer Regierungsaufgabe zu überfordern und die Ministerialbürokratie nicht als unsichtbare Ersatzregierung zu stärken.

Alter und Jugendlichkeit – auch Titel, Status oder Netzwerke – sind keine Werte an sich, die eine Person für eine Führungsaufgabe qualifizieren. Die Demokratie ist weder ein Versorgungs- oder Bedienungsladen der Mächtigen noch ein Schönheits- oder Theaterwettbewerb für Scheinmächtige. Es geht vielmehr bei einem Regierungsamt letztlich um die Gestaltung des Allgemeinwohls.

Was nützt eine schön verpackte Praline, die „jung, weiblich oder bunt“ ist oder die „alt, erfahren oder mächtig“ wirkt, wenn ihre umfassende Qualität nicht stimmt und deshalb keinem Bürger das Wasser im Mund zusammenläuft bzw. kaum einer der Politik und dem Politiker Vertrauen und Unterstützung schenkt?

Personen sind gefragt, die vor allem dem Land dienen wollen – und können, d.h. Führungswissen und Führungserfahrung, Überzeugungs- und Durchsetzungskraft haben, als selbstständig und kritisch denkende Generalisten mit methodischer Kompetenz und Lernpotenzial über notwendiges Fachwissen verfügen, um sich gegenüber dem Ministerium und anderen Politikern eine eigene Meinung bilden zu können, über einen Werte- und Normenkompass verfügen, um nicht im politischen Alltagsgeschäft ins Schwimmen zu geraten, politische Inhalte offensiv umsetzen und in der Öffentlichkeit vertreten können sowie integer und glaubwürdig sind.

Und damit das Land voranbringen, mit dem Bürger und für den Bürger, vom Bürger beauftragt,

Burkhard Budde

(Leserbrief in ganzer Länge; Zu: „SPD will nicht über Minister reden“ in DW vom 13. Februar 2018)


Auf ein Wort

 

Größe im Machtkampf

Eine heile Welt scheint es nur im Märchen zu geben. Eine Welt ganz ohne Gekränktheit, Eifersucht und Rachsucht gibt es nicht. Aber kann man in einer heillosen Welt Größe zeigen?

Zum Beispiel in Parteien, wenn offene oder heimliche Machtkämpfe toben? Wenn Intriganten mit Pokerface und einem Lächeln auf dem Gesicht ihre Konkurrenten ins Messer laufen lassen, Heckenschützen versteckt im Hintergrund, Maulwürfe im Untergrund agieren? Oder Strippenzieher und Wasserträger auf ihre eigene Chance warten und sich tief verletzt fühlen, wenn sie „Opfer“ geworden oder wie eine heiße Kartoffel fallen gelassen worden sind? Wenn Schlaumeier mit Heiligenschein und Moralkeule in der Hand nur ihren eigenen Vorteil im Auge haben? Wenn selbsternannte Retter dem Zuschauer vorgaukeln, dass es nur um Inhalte gehe (gehen sollte) und sie gleichzeitig Sündenböcke jagen, um von eigenen Fehlern, Schwächen und vor allem von ihrer Verantwortung abzulenken?

 

Zur Wahrheit gehört jedoch auch: Macht-, Konkurrenz- und Verteilungskämpfe jenseits von Gut und Böse finden sich nicht nur in Parteien, auch in Verbänden und Vereinen, Unternehmen und Betrieben, Medienhäusern und Kultureinrichtungen, auch in Kirchen, selbst wenn häufig vieles unter den Teppich gekehrt wird, damit nur nichts an die Öffentlichkeit gelangt, um den „guten Ruf“ nicht zu gefährden. Und in manchen Familie tauchen spätestens bei Erbstreitereien die bekannten Machtfragen auf: Wer setzt sich durch? Wer hat das Sagen? Wer ist für mich, wer gegen mich? Nicht selten ist dann die Angst vor Gesichts-, Liebes- und Anerkennungsverlust umhüllt vom Mantel der Gerechtigkeit, denn es soll ja „gerecht“ zugehen.

 

Stets schmerzt die Wahrheit: Das Tischtuch ist zerschnitten, weil auf der Seele herumgetrampelt, der Geist beleidigt, der Körper gequält, die Beziehung zerstört worden ist. Dennoch erinnern die zerschnittenen Teile daran, wie ein ganzes Tischtuch ausgesehen hat und welchen Zweck es gehabt hat.

 

Wahrheit kann jedoch auch befreien: Wenn aufgehört wird, den Splitter im Auge des anderen zu suchen und den Balken vor dem eigenen Kopf zu ignorieren. Wenn einer freiwillig auf sein „gutes Recht“ verzichtet, ohne am Ende der Dumme zu sein, weil er Wichtiges vom Unwichtigen zu unterscheiden und aus eigenen Fehlern gelernt hat. Wenn die Bitte um Entschuldigung keine leere Floskel bleibt.

 

Und Wahrheit kann erneuern helfen: „Größe“ entsteht, wenn sich alle aufrichtig um die Vision eines neuen gemeinsamen Tisches bemühen. Keiner muss nach dem Motto weiterleben „Wie du mir, so ich dir“. Christen und Nichtchristen können von Jesus lernen, dass der Maßstab des Handelns nicht „das Erlittene“ sein muss, sondern die eigene Verantwortung. Wenn andere mir Unrecht oder Böses angetan haben, muss ich nicht mit gleicher Waffe heimzahlen. Versuche sind möglich, tragfähigere und nachhaltigere, fairere und gerechtere Lösungen im gegenseitigen Respekt und gemeinsamen Interesse zu finden.

 

Ich kann im Kleinen groß sein, Dinge akzeptieren lernen, die ich nicht ändern kann, weil ich es im Alleingang nicht schaffe; neue Chancen jedoch wachsen und reifen lasse, indem sich Schubladen in den Köpfen öffnen, Zeigefinger eingezogen, Masken vom Gesicht genommen werden. Und eine Begegnung auf Augenhöhe möglich wird.

 

Wenn der Geist der schöpferischen Liebe Gottes in die Machtverhältnisse eindringt, dann gibt es zwar keine heile Welt, wohl aber eine heilbare, in der Menschen wieder aufatmen können. Und sich freundlich und menschlich begegnen, weil sie Größe zeigen.

 

Burkhard Budde


Zum Valentinstag

 


Liebende

 

Der bewegte Bauch sagt „Si“,

der kühle Kopf „Wie?!“

 

Der Mund haucht: „Ich liebe dich“.

Das Herz flüstert: „Nur dich“.

 

Liebende sind verzückt,

doch nicht ständig  entrückt.

 

Gefangen auf Wolke sieben

gelten nur noch Triebe.

Befreit durch Kopf und Herz

ist Leidenschaft kein Scherz.

 

Vertrautheit ist ihr Glück

und Vertrauen ihr Kick.

Die Liebe, die nicht nur schlummert,

überwindet manchen Kummer.

 

Kostbar und mächtig,

reift sie würdig und bedächtig.

 

Liebende entdecken den Sinn

im Vollzug ihrer Liebe mit Gewinn

 

und das „Bitte, was?!“

als eine schöne Last.

 

Burkhard Budde

   

P.S. Und Valentin? Er soll im dritten Jahrhundert „gute Taten“ vollbracht haben. Zum Beispiel als Mönch Liebespaaren Blumen aus dem Klostergarten geschenkt, als Bischof heimlich Paare christlich getraut, als Person dem Kaiser widersprochen haben. Und er scheint für seine „Taten der Liebe“ hingerichtet worden zu sein. Und der Valentinstag am 14. Februar? Der erinnert wohl nicht nur an einzelne Vögel, die sich anfangen zu paaren. Sondern vor allem an die „Macht der Liebe“, die Gleichgültigkeit und Ohnmacht, aber auch Hass und Neid überwinden kann. Und an den einzelnen Menschen, in dem ein schlummernder Valentin darauf wartet, geweckt zu werden.


Sorgen ernst nehmen

Erfahrungen im Flüchtlingsmanagement                                                                           

Werden Politiker, insbesondere die Verantwortlichen der neuen Regierung in Berlin, aus seinen Erfahrungen klug? Aus dem Nähkästchen seiner Erfahrungen berichtete Dr. Frank-Jürgen Weise auf dem Jahresempfang der Johanniter am 6. Februar 2018 im Braunschweiger Dom.

Der ehemalige Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur für Arbeit und Präsident des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge sprach in erfrischender Offenheit über das Jahr 2017, was im Flüchtlingsmanagement „gut und nicht gut gelaufen ist“. Und was in Zukunft beachtet werden sollte. Viele Ehrengäste hörten neben der Johanniterfamilie gespannt zu, unter ihnen der Vizepräsident des Niedersächsischen Landtages Frank Oesterhelweg und der Braunschweiger Bundestagsabgeordnete Carsten Müller.


Weise nannte konkret u.a. die Notwendigkeit, die Arbeitsprozesse der Behörden zu organisieren, um die Wartezeiten bei den Asylanträgen zu verkürzen; einen Ausgleich der unterschiedlichen Arbeitsbelastungen innerhalb der Behörden zu schaffen; die Behörden durch „Stresstests“ vorausschauend auf Katastrophen in schwierigen Zeiten vorzubereiten; die Zusammenarbeit der 600 Ausländerbehörden und anderer staatlicher Stellen zu verbessern.


Aber auch die Sorgen der Menschen müssten ernst genommen werden. Die Identität der Flüchtlinge könne und müsse eindeutig geklärt werden. „Wer sich überhaupt nicht an die Spielregeln in Deutschland hält, schadet denen, die unsere Liebe und Fürsorge brauchen“, sagte Weise und sprach sich dafür aus, dass das „Rechtssystem“ die Regeln auch konsequent umsetze und durchsetze.


Auch im Blick auf die Medien nahm Weise kein Blatt vor den Mund: „Kritische Berichterstattung ist gut. Aber ich wünsche mir eine bessere Recherche.“ Ein „Turbo-Asyl“ im Zusammenhang der notwendigen Verkürzung der Wartezeiten beschreibe nicht den Sachverhalt. „Manche Journalisten kommen mit einer festen Meinung zum Pressegespräch und wollten nur bestätigt werden“, schilderte Weise seine Erfahrungen.


Im Blick auf die Zukunft wünschte sich Weise ferner, den „schlimmen Flüchtlingsstatus der Duldung“ politisch zu klären.

Auf dem Jahresempfang Bundestagsabgeordneter Carsten Müller (l.) und Vizepräsident Frank Oesterhelweg (M.).


Als Leitsätze, die seine Erfahrungen widerspiegeln, nannte er: „Unterschiedliche Blicke auf ein Thema schaffen eine bessere Sichtweise. Leitungsteams sollten deshalb mit Personen, die unterschiedliche beruflichen Erfahrungen mitbringen, zusammengesetzt werden.“ „Die Politik, die die Sorgen der Menschen ernst nehmen muss, verantwortet, was gemacht wird. Die Behördenchefs, die die Abläufe, Strukturen und Zusammenarbeit ständig verbessern sowie die technischen Möglichkeiten nutzen können müssen, wie es gemacht wird.“ „Die Behörden müssen in ruhigen Zeiten angespannt sein und üben, damit sie in schwierigen Zeiten nicht den Kopf verlieren.“ „Die Politik ist gut beraten, die Kombination von Haupt- und Ehrenamt zu stärken. Ohne das Ehrenamt und das bürgerschaftliche Engagement bekommt man Krisen nicht in den Griff.“


Erfahrungen, die zum Nachdenken und Weiterdenken anregen, aber auch in die zukünftige politische Gestaltung einfließen sollten.

Burkhard Budde

 

Ritter mit Kopf und Herz

Zwischen „Effektivitätswahn“ und „Moralin“

 

Leserbrief zum Artikel „Tue Gutes und rechne genau nach“ in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (F.A.Z.)

Ein Zweck, ein „gutes Ergebnis zu erzielen“, rechtfertigt nicht automatisch jedes Mittel, „Effektivitätswahn um jeden Preis“. „Effektiven Altruismus“ und „spontanes Helfen“ muss man auch nicht gegeneinander ausspielen. Eine Vernunft ohne Leidenschaft wird antriebslos und kann schnell erkalten. Eine Leidenschaft ohne Vernunft wird unvernünftig und kann schnell schwärmerisch werden. Vernunft und Leidenschaft zusammen können jedoch in der jeweiligen Situation die Not wenden.

Der Ritter der Nächstenliebe, der seinen Mantel mit einem frierenden Bettler, teilt, ist dafür ein gutes Beispiel. Anders als ein Raubritter mit Scheuklappen, der nur an seinen eigenen Vorteil denkt. Oder als ein Schönritter mit Heiligenschein, der gern Mäntel verteilt, die ihm nicht gehören. Martin hat nicht seinen ganzen Mantel abgegeben oder dem Bettler sein Pferd zur Verfügung gestellt. Seine Vernunft blieb vernünftig; er wusste offenbar, dass schrankenlose oder selbstlose Hilfe heimtückisch sein kann. Der Heilige Martin blieb als Mensch menschlich und zugleich vernünftig: Auch ein Ritter kann eines Tages zu Boden gehen und Hilfe gebrauchen. Und dann ist es gut, wenn es Mitritter gibt, die zuvor vielleicht Bettler waren, aber nicht am Tropf der Hilfe hängen geblieben sind, sondern mitgeholfen haben, „Mantelfabriken“ im Rahmen von Kosten-Nutzen-Abwägungen zu bauen. Und strukturelle Weichen für aktivierende Hilfen zur Selbsthilfe zu stellen.

 

Das nachhaltig Vorbildliche an dem Beispiel der liebenden Vernunft ist jedoch ihre Universalität: Jeder Mensch braucht irgendwann einmal ein gnädiges Hören, damit sein leiser Ruf nach Liebe gehört wird. Ein gnädiges Sehen, damit der Mitmensch sich in ihm wiederentdecken kann. Ein gnädiges Reden, damit man gemeinsame Lösungen findet.

 

Keine Lichtgestalt und keinen Supermenschen, wohl aber einen Mitmenschen, der vernünftig und zugleich gnädig bleibt, „Lebensmäntel“, Lebenszeit und Lebensmöglichkeiten, teilt. Und solche liebenden Ritterschläge können Neuritter in der Politik bewegen, nicht nur im Blick auf die Entwicklungs- und Flüchtlingshilfe, auf soziale Hilfen vor Ort, sondern auch im Blick auf andere Politikfelder sowie mitten im eigenen Politikalltag  – bis heute für morgen.

 

Burkhard Budde

(F.A.Z. 5. 2. 2018; der Artikel, auf den sich der Leserbrief bezieht, erschien am 19.1.2018)


Auf ein Wort

 

Liebe kann schön sein

 

Sophie nimmt das Buch, blättert in ihm und liest: „Wie eine Lilie unter den Dornen, so ist meine Freundin unter den Mädchen. Wie ein Apfelbaum unter den wilden Bäumen, so ist mein Freund unter den Jünglingen. Unter seinem Schatten zu sitzen begehre ich, und seine Frucht ist meinem Gaumen süß. Er führt mich in den Weinkeller, und die Liebe ist ein Zeichen über mir. Er erquickt mich mit Traubenkuchen und labt mich mit Äpfeln; denn ich bin krank vor Liebe. Seine Linke liegt unter meinem Haupte, und seine Rechte herzt mich.“

 

Zwei Liebende vergleichen offensichtlich das Geheimnis ihrer Sehnsüchte mit einer attraktiven „Lilie“, die süß duftet, Liebenswürdigkeit und Reinheit widerspiegelt, sowie mit einem schönen „Apfelbaum“, der Frucht, Geborgenheit und gemeinsames Leben bietet.

 

Sophie ist ergriffen und hingerissen: „So schön kann Liebe sein.“ Sie erinnert sich daran, als sie mit ihrem Freund in der Nacht die Sterne bewunderte und sie gemeinsam in die Welt des Universums eintauchten. Wie das Sichtbare entschwand und das Unsichtbare sichtbar wurde. Wie die Sehnsucht nach dem Grenzenlosen und Bedingungslosen wuchs. Und ihre kleine Liebe ganz groß wurde, weil in ihr Sinn aufleuchtete.

 

Einem Macho mit Männlichkeitsvorstellungen, die Bevormundungen, vielleicht sogar Gewalt gegenüber einer Frau legitimieren, hätte sie sofort einen Laufpass gegeben. Aber auch einem Schachspieler, der ihr Verhältnis auf dem Schachbrett der Beziehung mit eiskalten rechtlichen Zügen hätte gestalten wollen. Und mit einem Langweiler, der im Gestrüpp des Alltags hängenbleibt und kein elektrisierendes Hin und Her mehr kennt, möchte sie auf Dauer auch nicht zusammenleben.

 

Ihr Freund und sie kennen vielmehr ein angenehmes Zittern: Dass Liebende wie Seiltänzer sein können, die auf dem Weg zum gemeinsamen Erleben zwischen Enttäuschung und Blindheit schwanken. Auch ein wohliges Kribbeln: Dass Liebende wie Zauberer etwas aus dem Hut ziehen, das sie selbst noch nicht kennen. Auch ein wachsendes Vertrauen: Dass Liebende mit heißem Herzen und zugleich kühlem Kopf durch Zärtlichkeit und zugleich Vernünftigkeit reifen. Kurz: Dass bedingungslose Hingabe und kritischer Zweifel so oszillieren können, dass ein zartes Glück im freien und freiwilligen Spiel der Liebe entsteht. Ein persönliches Glück, dass durch Ungeduld, Gier und Angst zerstört wird, aber dass sich auch durch Achtsamkeit und Zärtlichkeit, Besonnenheit und Verantwortung entwickeln kann,

 

Beim Lesen des Textes hat Sophie erlebt, wie dessen Botschaft mit ihren eigenen Erfahrungen verschmelzen. „Und in welchem Buch hast du das gelesen?“, fragt Sophies Freund, als er von dem Liebes-Text hört. „In der Bibel, im Hohelied Salomos.“

 

Später entdecken beide in dem „Buch der Bücher“ noch etwas von der göttlichen Liebe, die sich in der menschlichen Liebe widerspiegeln kann, die sogar grenzenlose schöpferische Möglichkeiten kennt, die nicht kaufbar, erzwingbar, machbar oder einklagbar ist, dessen „Glut“ jedoch „feurig ist und eine Flamme des Herrn.“ Ein unvergängliches und kostenloses Geschenk Gottes, dem Liebhaber neuen Lebens.

Burkhard Budde


Auf ein Wort

„Teufel“ vertreiben

 

Ein Braunschweiger, kein Miesepeter oder Spaßverderber, war zur Karnevalszeit in Köln. In seinem Hotel wartete er im Foyer auf den Aufzug, um zu seinem Zimmer zu gelangen. Als sich die Tür des Aufzuges öffnete, standen drei bunt gekleidete Obernarren mit eindrucksvoller Kopfbedeckung vor ihm. Blitzschnell gingen dem Braunschweiger, der beim Thema Karneval zu den Erstsemestern zählte, „spitze“ Gedanken durch den Kopf. Ist das etwa das Kölner Dreigestirn, „Seine Tollität“ (Prinz Karneval), „Seine Deftigkeit“ (Kölner Bauer), „Ihre Lieblichkeit“ (Kölner Jungfrau)? „Sei`s drum“, dachte er, „denen huldigst du.“ Er erhob eine Hand und rief mit leuchtenden Augen und lauter Stimme „Helau“. Aber die Ernüchterung folgte auf dem Fuß. Wenn Blicke hätten töten können, wäre der Braunschweiger schon im Himmel der Glückseligen. Was er in diesem Augenblick nicht wusste, dass der Narrenruf „Helau“, der vielleicht von „Halleluja“ („Lobt Gott“) oder „Hölle auf“ stammt, um sich über den Winter und die bösen Geister lustig machen zu können, besonders in Düsseldorf verbreitet ist, aber eben nicht in Köln.

In dieser Karnevalshochburg und Vielvölkerstadt begrüßen sich die Jecken mit dem Schlachtruf „Alaaf“. Und der könnte seine Wurzeln aus dem Spanischen haben – „alabar“, loben, preisen – oder aus dem Englischen „aloft“, hoch. Wie auch immer: Der Braunschweiger war aus dem Häuschen, was ein Ruf, der Herzen erweichen sollte, am falschen Ort anrichten kann.

Aber gibt es beim närrischen Dreigestirn nur ein Funktionieren nach Protokoll und korrekter Sprache, nur einen knallharten Dienst organisierter Fröhlichkeit, nur ein per du auf Zeit?

Der Braunschweiger entdeckte jedoch im Karneval auch Narrenfreiheit, spontane Lebensfreude und großzügige Menschlichkeit. Er ist kein überheblicher Kritiker des Karnevals geworden, der auf geistigen Stelzen geht und schnell auf die Nase fallen kann. Er nimmt jetzt sogar aktiv am Karnevalsgeschehen teil, allerdings ohne tierischen Ernst und böse Blicke. Nicht als armes Schwein, das die Sau rauslässt und über die Stränge schlägt. Auch nicht als Musiker, der Musikstücke lustlos herunterleiert. Nicht als Redner, der vom Beifall auf Kommando lebt.

Er freut sich vielmehr auf und über das Ventil beim Karneval: Dampf wie alltäglicher Unmut, der sich aufgestaut hat, abzulassen. Auf und über die Karnevalsmaske: Die Alltagsmaske auf Zeit abzulegen; im Rollenspiel so tun als ob, ohne sein Gesicht zu verlieren. Auf und über den Spiegel des Karnevals: Dass alle Menschen geschaffen, vergänglich und unvollkommen sind. Aber auch frei, ihre Grenzen sowie Möglichkeiten zu erkennen und anzuerkennen. Und dass es ein Gewinn ist, Macht-, Status- und Erziehungsgehabe zu entlarven und den Narren in sich selbst zu entdecken. Damit der Verstand zu Verstand kommt.

Besonders gern besucht der Braunschweiger Karnevalsveranstaltungen, auch in Wolfenbüttel, aber in der Stadt Heinrichs des Löwen vor allem den „Schoduvel“. Er kennt die Bedeutung des Wortes: „duvel“ steht für Teufel und „Scho“ für scheuchen. Unbedingt kennt er natürlich auch den Schlachtruf „Brunswiek Helau.“ Vor allem behält er seinen Humor, kann über die eigene und fremde Wichtigtuerei lachen und bleibt frei gegenüber dem Ernst des Lebens, dem die Schärfe genommen wird und im Gefolge die Teufel im Engelsgewand verscheucht werden. Und der nach einem (geistigen?) Bützchen („Küsschen“) ein Lächeln in sein Gesicht zaubert.

 

Burkhard Budde


Klonen von Affen – und Menschen?


Das erfolgreiche Klonen von Affen durch chinesische Forscher könnte die Tür zum Klonen von Menschen öffnen. Die überregionale Tageszeitung DIE WELT (DW) veröffentlichte einen Kommentar von Norbert Lossau am 24. Januar 2018 mit der Überschrift „Copy and Paste“. Dazu erschien ein Leserbrief von mir am 27. Januar 2018 in DW mit der Überschrift „Klonmenschen“.

 

Der Kommentar ist ein „Weckruf“, einen offenen und öffentlichen Dialog über Sinn und Folgen des Fortschritts zu führen, da alle Menschen grundsätzlich betroffen sind. Ist es ein Fortschritt für die Menschheit, wenn Klonmenschen erzeugt werden können? Wenn es eines Tages Menschen von der Stange wie am Fließband gibt? Wer bestimmt dann, welche Qualitätskriterien, welche Ziele und Mittel gelten sollen? Und wozu? Um für den fehlenden Nachwuchs zu sorgen? Um für den kranken Nachwuchs und für andere ein Ersatzteillager für Organe zu haben? Um „geeignete“, leistungsfähige, leistungsbereite und leistungswillige Kopien für die Arbeits- und Freizeitwelt– oder für das Militär? – zur Verfügung stellen zu können?

 

Zu unserem Kulturkreis gehört ein humaner und christlicher Kompass: Die unantastbare und unverfügbare Würde eines jeden Menschen, seine Einzigartigkeit und Einmaligkeit, seine Ebenbildlichkeit und die Verantwortung des Geschöpfes gegenüber seinem göttlichen Schöpfer. Welchen Preis muss die Menschheit bezahlen, wenn ein grenzenloser und hemmungsloser Fortschritt um des Erfolges willen auf beiden Auge blind ist? Und nicht weiß oder wissen will, wohin die Reise geht? Ihm blind zu folgen oder nachzueifern, weil der „Ferne Osten“ die Nase beim „Genetischen“ vorn hat, würde bedeuten, politisch und vor allem menschlich auf die Nase zu fallen.

 

Der wissenschaftliche und technische Fortschritt wäre dann ein humaner und gesellschaftlicher Rückschritt, wenn er keinen ethischen Boden unter die Füße bekommt. Und den Kompass der Würde verliert.

 

Besser rechtzeitig über dieses Thema diskutieren als plötzlich eines Tages einen Klonmenschen ohne Augen zu sehen. Und was andere „erfolgreich“ tun, muss nicht auch automatisch und unüberlegt zum Gesetz des eigenen Handelns werden.

 

Burkhard Budde

 

(DW 27.1.2018; etwas gekürzt)


Auf ein Wort

 

Grüßen (k)eine Glückssache?!

 

Sind Türöffner unwichtig geworden? Wird Grüßen immer mehr zum Ladenhüter oder Luxusartikel der Kommunikation?

Eine alte Dame freut sich über den Sohn des Nachbarn: „So ein freundlicher junger Mann. Sobald er mich sieht, grüßt er mich.“ Ihr Gesicht hellt auf, ihre Augen strahlen und sie lächelt, als sie von dem 16jährigen spricht.

Ganz anders ein Lehrer, der sich über seinen Schüler empört. Grußlos war dieser an ihm vorübergegangen, als sie sich zufällig in der Stadt begegneten. „Das ist doch wohl meine Sache, wie ich mich nach der Schule verhalte“, erläutert der Pennäler sein Verhalten und wundert sich über seinen „uncoolen“ Lehrer.


Ist das Grüßen vielleicht auch Zeitverschwendung?

Ein scheinbar gestresster „weißer Kittel“ tritt in das Patientenzimmer, ohne an die Tür zu klopfen und ohne zu grüßen. Er kommt gleich zur „Sache“: „Wie geht es uns denn?“ Der überraschte Patient legt in Windeseile seine Zeitung beiseite, antwortet jedoch überlegt: „Guten Tag Herr Doktor. Ich hoffe, dass es Ihnen gut geht.“

Oder eine Richterin und zwei Schöffen treffen sich zum ersten Mal zur Vorbesprechung. Ohne Gruß und ohne sich vorzustellen, sprudelt die Richterin los: „Der Fall, den wir gleich verhandeln, ist eigentlich ganz klar…“ Da unterbricht sie ein Schöffe: „Guten Morgen. Mein Name ist…Darf ich auch Ihren Namen erfahren?“ Zunächst verdutzt, dann folgt eine etwas giftige Reaktion „Haben sie nicht meinen Namen an der Tür gelesen?“


Wird das Nichtgrüßen salonfähig?

In einer Bäckerei stehen die Kunden Schlange. Ein weiterer Kunde kommt dazu und grüßt vernehmbar. Aber das Echo ist mager. Einer murmelt etwas in seinen Bart. Eine fremde Frau kneift irritiert und bissig die Augen zusammen, als wenn er ihr einen Heiratsantrag gemacht hätte. Wieder andere blicken unbeeindruckt auf ihre Smartphones. Nur einer schenkt ihm nach einer kurzen Pause ein „Moin“, weil er wohl Mitleid mit ihm hatte.


Ist beim Grüßen alles erlaubt, sinnvoll und schön?

Auf einem Empfang gibt es einen bunten Strauß unterschiedlichster Grüße. Manche wirken mit ihren allzu stürmischen Umarmungen und vielen Küsschen übertrieben. Manche mit ihrer erkalteten Routine gedankenlos. Manche mit der nichtssagenden Frage „Wie geht`s?“ plump und heuchlerisch. Manche mit den Grußformeln „Hallo, He oder Hi“ inhaltlos und geistlos, die sogar eine Begegnung verhindern können. Und Nichtbeachtung gelingt natürlich noch besser, wenn eine Person absichtlich in eine andere Richtung blickt oder jemanden links liegen lässt. Oder einfach nicht zurückgrüßt.

 

Dennoch gehört zum guten Benehmen, das keine Glückssache, kein Karnevalskostüm, kein Himmelsgeschenk ist, das erlernbare Grüßen, in unserem Kulturkreis möglichst mit freundlichem Blickkontakt und kurzem, kräftigen Händedruck. Der Jüngere grüßt zuerst den Älteren, der Rangniedrigere den Ranghöheren. Unabhängig von Moral und Recht ist Grüßen ein elementares Zeichen des Anstandes, ohne Gegenleistung, ohne Bedingungen und ohne Gewalt einem Mitmenschen Respekt zu schenken.

Ein Flegel, der nicht (zurück-)grüßt, jemanden anmachen will oder andere herunterputzt, kann nicht zwischen „Inhalt“ und „Form“ unterscheiden. Ein Taktvoller jedoch, der die „Form“ einhält, kann leichter „Format“ zeigen, innerlich frei, souverän und stark sein, Rücksicht auf die Gefühle anderer nehmen sowie das Positive und Menschliche in den Vordergrund stellen.

Und dieses Grüßen als Türöffner für ein Gespräch kann auch zum Treibstoff werden, eigene Herzenskälte zu überwinden und sich auf eine neue Begegnung einzulassen.

 

Burkhard Budde


Augenklimpern in St.Andreasberg

Schönheit kann im Auge des Betrachters entstehen. Aber Naturschönheiten klimpern mit den Augen, um auf ihre Reize aufmerksam zu machen. Und um dem Betrachter tief in die Augen zu sehen.


Burkhard Budde


Auf ein Wort

 

Lob dem Lob

 

Wann habe ich das letzte Mal gelobt? Und wann bin ich das letzte Mal gelobt worden?

Oder ist es besser, einen großen Bogen um das Lob zu machen, weil es als Schwäche missverstanden werden kann oder schwer zu ertragen ist? Lieber das aufmüpfige Kind wie ein wildes Tier zu zähmen versuchen. Dem unbequemen Kollegen klar machen, wer das Sagen hat. Dem zänkischen Nachbarn die Zähne zeigen, indem ihm ein Lächeln geschenkt wird. Den schwierigen Partner in Watte packen, damit er nicht ausflippt.

 

Zugegeben, es gibt ein faules Lob, das einen faden Beigeschmack hat und äußerst peinlich sein kann. Wenn beispielsweise ein Koch in einem Restaurant über den grünen Klee gelobt wird, obwohl das Gericht nach nichts schmeckte, weil eine Pfeffer- und Salzdusche den Eigengeschmack zerstört hatte. Wenn ein Geschäftsführer einen Mitarbeiter weglobt und einen anderen in seinen Vorstand hineinlobt, um seine Seilschaften und Macht zu erhalten und auszubauen. Wenn eine Person des öffentlichen Lebens sich dauernd selbst lobt, weil sie unter Minderwertigkeitsgefühlen leidet und größenwahnsinnig geworden ist. Wenn ein Herzensbrecher oder Karrierist versucht, sich mit Lobhudelei oder Komplimenten einzuschmeicheln, die Eitelkeit streichelt und dabei ertappt wird. Oder wenn einer einen anderen lobt, um selbst gelobt zu werden oder gleichzeitig einen anderen klein zu machen.

 

Aber ohne Lob entsteht ein Vakuum, in dem sich Angst, Gleichgültigkeit und Lustlosigkeit breit machen. Wer nur kritisiert, rüffelt, jammert, nörgelt, schleimt oder verherrlicht, vielleicht nur Zuckerbrot und Peitsche kennt, verunsichert seinen Mitmenschen, lässt sie abstumpfen, unrealistisch werden, so dass sie am Ende halbwegs nur noch funktionieren oder flüchten.

 

Deshalb ist in allen Bereichen des Lebens eine Lobkultur wichtig. Ein begründetes und aufrichtiges Lob zur rechten Zeit am rechten Ort ist wie frische Sauerstoffzufuhr in müder, stickiger oder muffiger Umgebung: Lebensgeister und Lebenskräfte werden geweckt, neues Zutrauen zur Eigenverantwortung wächst; Freude über das Lob schenkt sogar neue Sinnerfahrungen.

 

Wer eine Person oder ihre Leistung so lobt, worauf sie zu Recht stolz sein kann, verbessert das menschliche und soziale Klima, in dem nicht Neid oder Missgunst wachsen, sondern Mitfreude und Ansporn, sich selbst weiterzuentwickeln. Ein solches Lob kostet nichts, taucht in keiner Kosten-Nutzen-Rechnung auf, kann auch nicht einfach produziert werden, ist auch nicht einklagbar. Aber es begeistert und bewegt, eröffnet Zukunft.

 

Manche loben auch den Schöpfer alles Lebens, weil sie für das Geschenk des Lebens dankbar sind; für die Freiheit zur persönlichen Verantwortung im Geist liebender Vernunft, zur konstruktiven Kritik, aber auch zum bewegenden Lob.

Und dieser Gott verleiht dem Menschen eine Würde, die er auch dann nicht verliert, wenn er von anderen Menschen (noch) nicht gelobt wird oder selbst (noch) nicht loben kann.

 

Burkhard Budde

 

Auf ein Wort

 

Wertschätzen statt vergessen

 

Aus den Augen, aus dem Sinn?!

Augen bewusst verschließen, Geschichte ignorieren, sich in die Gegenwart verlieben und behaupten: „Ich sehe doch alles!“

Augen mit beiden Händen zuhalten, die Bedingungen und Entwicklungen missachten, durch den Wald laufen und anschließend stolz berichten: „Wichtig ist nur der Wald. Bäume habe ich nicht gesehen.“

Augen mit Scheuklappen versehen, nur Kennzahlen und Statistiken kennen, klug und mächtig daherreden: „Kulturen und Traditionen sind zweitrangig; höchstens Dekos oder Marketinggags.“

Mit den Augen ständig in den Spiegel schauen, nur eigene Vorteile und Interessen im Blick haben, und selbstverliebt heimlich meinen: „Was bin ich doch für ein toller Typ. Die Spuren der Vergangenheit können verschwinden.“

 

Also gehört alles, was man vielleicht nicht sieht, zum Beispiel das Andenken eines Menschen, ins Museum der Geschichte? Oder soll das Andenken sogar getilgt, totgeschwiegen werden, um selbst besser im Lichte zu stehen und als „Retter“ dazustehen? Oder soll es mit dunkler Bedeutung aufgeladen werden, um mit Hilfe von „Sündenböcken der Vergangenheit“ von eigenen Schwächen in der Gegenwart abzulenken?

 

Sophie, Studentin der Betriebswirtschaftslehre, kann davon ein Lied singen. Einmal hat sie ihren Großvater gefragt: „Hast du eigentlich noch Kontakt zu deiner alten Firma?“ Die Augen des alten Herrn haben geflackert: „Seit meinem Ausscheiden herrscht absolute Funkstille. Die neue Geschäftsführung hat alte Zöpfe abgeschnitten.“ Sophie ist überrascht gewesen: „Du hast dich doch um die Firma verdient gemacht und sogar einen Orden dafür erhalten.“ Und als wenn sie Schleusen geöffnet hätte, sprudelte es: „Alles ist anders geworden. Es gibt keinen Gruß mehr zum Geburtstag oder zu Fest- und Feiertagen; keine Einladung zu Jubiläen oder Festversammlungen; keine Infos über Kollegen, die gestorben sind oder überhaupt über den Betrieb…“ Sophie dämmerte es; versuchte jedoch ihren Großvater zu beruhigen: „Vielleicht kann man sich bei wirtschaftlichen Herausforderungen die alte Kultur nicht mehr leisten?!“ Großvater nickte zunächst, dann öffnete er seine Augen und sah sein Enkelkind an: „Geschichte, Traditionen und Kultur gehören zum Fingerabdruck einer Firma. Sie sind mehr als ein schönes Beiwerk. Sie können helfen, einen Menschen zu wertschätzen und anzuerkennen.“ Und dann folgte noch ein Satz, über den Sophie noch länger nachdachte: „Wenn die Kultur stimmt, stimmt häufig auch die Leidenschaft der Mitarbeiter, die Erneuerungsbereitschaft, der gute Ruf und der wirtschaftliche Erfolg auf Dauer.“

 

Sophie nahm sich jedenfalls vor, wenn sie eines Tages in einem Betrieb Verantwortung tragen würde, die Vergangenheit mit Erinnerungskultur zu achten, auch die Wertschätzung ausgeschiedener Mitarbeiter, weil das Einst und Jetzt für das Morgen zusammengehören. Denn sie steht ja sozusagen auf den Schultern ihres Großvaters. Und von seinen Schultern aus kann sie weiter sehen, leichter Orientierung und Merkmale finden, vor allem einen eigenen Kompass, der für einen eigenverantwortlichen Weg in die Zukunft hinein wichtig ist.

 

Und - davon ist Sophie überzeugt - dass mit liebenden, verstehenden und verständnisvollen sowie selbstkritischen Augen sogar ein bleibender roter Faden entdeckt wird, der zwar zerrissen, an dem aber auch gemeinsam weitergeknüpft werden kann. Denn in offenen und vorurteilsfreien Augen steckt viel Sinn.

 

Burkhard Budde

 


Auf ein Wort


Mehr als Seifenblasen

 

Sind sie denn wirklich alle schon verschwunden? Obgleich sie hoch und heilig sowie in den schönsten Farben beschworen worden sind? Weil die Trampelpfade des Gewohnten, die Tretmühle des Alltags, das Hamsterrad des Lebens mächtiger waren? Sind „gute Vorsätze“ nur „schöne Traumsätze“  - wie Seifenblasen mit schillernder Oberfläche, die nur kurze Zeit Freude bereiten, dann aber bei der geringsten Berührung mit „den Realitäten“ platzen?

 

„Gute Vorsätze“ müssen kein geistiger Selbstbetrug sein; sie sind auf jeden Fall besser als „schlechte Vorsätze“, zum Beispiel seinem Mitmenschen eins auswischen, ihn austricksen, ausgrenzen oder gar ausbeuten zu wollen. Die Klassiker der „guten Vorsätze“ sind vielmehr „Klasse“ - wie sparsamer, aber nicht geizig oder verschwenderisch oder gesünder, aber nicht gierig oder genusslos zu leben. Oder sich vorzunehmen, freundlicher ohne Maskenspiel, höflicher ohne Heuchelei, hilfsbereiter ohne Kalkül zu sein. Denn ohne den „Drive“ der „guten Vorsätze“ wäre das Leben langweilig und monoton, ohne Schwung und Elan, vor allem ohne die Möglichkeit, dazuzulernen und dabei einiges über sich selbst zu erfahren.

 

Aber vielleicht sollte der Einzelne aus „guten Vorsätzen“ Ziele entwickeln – situationsgerechte, messbare, attraktive, realistische und terminierte - , damit das Leben wirklich neu gestaltet wird.

 

Auch können aus „guten Vorsätzen“ „charmante Hauptsätze“ werden:  Einfach mal mit den Gedanken und Gefühlen spazieren gehen, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben, ohne im Gepäck die quälenden Fragen „Was hab ich davon? Was bekomme ich dafür?“ mit zu schleppen, ohne alles Richtige und Falsche erst durch die Reflexionsmühle mahlen zu müssen. Sich vom Zauber der Zwecklosigkeit verführen zu lassen bedeutet vielmehr, sich entkrampft und entspannt auf das Abenteuer eines Augenblicks einzulassen.  Das Veto-Recht der Vernunft wird noch früh genug dafür sorgen, nicht zum Traumtänzer zu werden oder seinen Kopf zu verlieren.

 

Vielleicht findet der Einzelne sogar Sinn im Zeitlosen, indem er die Fesseln seiner Vergangenheit sprengt, die Bevormundung durch die Gegenwart überwindet und die Täuschung vieler leerer Versprechungen entlarvt. Wirklich zeitlos erscheint dann kein Schönheitsideal, keine Leistung, keine Macht, kein Ruhm, kein Geld. Vielmehr leuchtet in der Zeit der Zeitlosigkeit das Geheimnis der wahren Liebe auf, die selbst am Ende noch Neuanfänge kennt, weil mit Gottes Möglichkeiten im Unmöglichen gerechnet wird.

Und wenn dieser menschliche Satz mit göttlicher Liebe beseelt ist, entsteht keine Seifenblase, auch kein Vor-, Neben- oder Hauptsatz, sondern ein frohmachender Schlüsselsatz neuen beglückenden Lebens.

 

Burkhard Budde


Auf ein Wort


Glücksbringer und Glückskiller

 

„Ich wünsche dir viel Glück“, flüstert ein Mann seiner Freundin ins Ohr und überreicht ihr dabei ein vierblättriges Kleeblatt, ein Zeichen für seine geheimen Hoffnungen. Die revanchiert sich mit einem Glücksschwein, ein Zeichen für den Wunsch nach Wohlstand und Reichtum. Beide nehmen an einer feucht fröhlichen Silvesterfeier teil, auf der „Guten Rutsch“ und „Hals und Beinbruch“ häufig zu hören sind. Die Gastgeber haben die Tische mit Hufeisen („Schutz des Hauses“) und Schornsteinfeger („Schutz vor Unglücksfällen“) liebevoll dekoriert. Alle freuen sich auf das Feuerwerk gegen Mitternacht, das nicht nur die „bösen Geister“ vertreiben, sondern auch das Neue Jahr mit vielen guten Wünschen und Vorsätzen begrüßen soll.


Während des Abends wagen einige gut gelaunte Gäste einen Blick in eine Kristallkugel, obwohl sie ein wenig unheimlich wirkt. Sie wollen es wissen: Gibt es im Neuen Jahr ein persönliches Glück allein ohne alle Pein?! Vor ihrem inneren Auge erscheinen Glücksbringer, auch Glückskiller.

Beispielsweise „die große Liebe“, „der große Erfolg“, aber auch Hans-Guck-in-die-Luft, der wohl sein Glück im oder am Himmel sucht, dabei jedoch die Realitäten auf dem Boden übersieht. Oder Hans-Dampf-in-allen-Gassen, der überaktiv und nervig zu jedem Thema seine feste Meinung abfeuert. Auch Hans-im-Glück taucht auf, der trotz Verluste ein unerschütterliches Vertrauen zeigt und schließlich Glück im Unglück erfährt.


Wer genau hinsieht, entdeckt noch mehr: Einen Eigenbrödler, der sein Leben wie ein abgehobener Fürst führt. Einen Politiker, der Bürger glücklich machen, ja zum Glück zwingen will. Einen Wähler, der in die Grube fällt, die er sich selbst geschaufelt hat. Einen verbitterten Spießer, der lustlos sowie trostfrei durch das Reich seiner versteckten Wünsche marschiert. Ein Schnäppchenjäger, der nach der Brille des Glücks vergeblich sucht, weil er sie auf der Stirn trägt.


Die Zukunft aller Glücksucher bleibt offen, mehrdeutig, nicht vorhersehbar oder planbar, auch nicht einfach machbar oder steuerbar. Denn „et kütt, wie et kütt“. Gewiss ist die Ungewissheit, denkbar das Undenkbare, möglich das Unmögliche. Die Zukunft ist anders als die Gegenwart; sonst wäre sie nur eine Kopie der Gegenwart.


Aber der Pechvogel im letzten Jahr kann auch die Glücksfee im neuen Jahr sein. Alles ist auch ganz anders denkbar und wahr. Und kann zudem mit der Zeit überraschend reifen. Überhaupt: Wer offen und neugierig auf das Kommende bleibt, bewegt sich hin und her zwischen dem starken Wunsch nach Gewissheit und Sicherheit, dem notwendigen Einfühlungsvermögen sowie der eigenen Verantwortung in der jeweiligen (neuen) Situation.

Man muss also die Hände nicht in den Schoß legen. Sondern kann zudem ein Stück seines Glückes Schmied sein, die Zukunft mitgestalten und mitverantworten. Aber alles Glück liegt eben nicht in der Hand eines Menschen. Deshalb wünschen sich jüdische Gläubige ein „Gut Rosch“, was Christen im Mittelalter als „guten Rutsch“ miss- oder falsch verstanden haben. Gemeint war ein „guter Anfang“, eine gute Zukunft vor, mit und durch Gott. Und ist diese Botschaft nicht bis heute der Wunsch der Wünsche im Reich der Wünsche?!


Wer seinem Mitmenschen nicht nur Glück wünscht, sondern auch Gottes Segen, der wünscht ihm Gutes und Freundliches, das Gott ohne Bedingungen und Gegenleistungen schenkt. Dieser Gott erscheint in keiner Kristallkugel, wohl aber ist er in einem Menschen durch seinen beglückenden Geist gegenwärtig. Und dieser Gott grüßt immer – auch diejenigen, die (noch) nicht zurückgrüßen. Denn er will, dass alle Menschen glücklich sind. Und sein können.

 

Burkhard Budde


Das Wunder der Heiligen Nacht

 

Das Ohr hört die Nachricht.

Und ist überrascht.

 

Der Fuß macht sich auf den Weg.

Und sucht das Geheimnis.

 

Das Auge findet einen Ort.

Und beginnt sich zu wundern.

 

Die Nase verspürt das Besondere.

Und wird erquickt.

 

Das Herz öffnet sich.

Und wird verzückt.

 

Die Hand greift nach dem Unfassbaren.

Und wird beglückt.

 

Der Mund schweigt und staunt.

Und betet die Liebe an.

 

Weil das Heilige spricht:

Christ, der Retter ist da.

 

Burkhard Budde

 

Auf ein Wort

 

Weder süßer Traum noch Alptraum

 


Nur ein süßer Traum, der unter die Haut geht? Oder ein Alptraum, der aus der Haut fahren lässt?

Sophie dachte zunächst an einen Allerweltstraum, den sie in der Nacht erlebt hatte. Doch dann erlebte sie ihr Wunder.

Aber der Reihe nach. Unter dem Weihnachtsbaum lagen mehrere Pakete. Alle waren  bunt und edel verpackt. Pompöse Schleifen waren so verführerisch, dass Sophie sich sofort daran machte, die verhüllten Geheimnisse zu enthüllen. Neugierig und gespannt öffnete sie ein Paket nach dem anderen.


Das erste Paket war eine Enttäuschung, sozusagen ein Lustkiller. Gähnende Leere starrte sie an. Ein schlechter Scherz? Und jetzt bemerkte sie auch, dass ein Absender an dem Paket fehlte.


Etwas beunruhigt, aber zunehmend hektischer öffnete sie das zweite Paket. Sollte es auch leer sein? Wunderschöne Artikel kamen jedoch zum Vorschein. Aber dann stutzte sie. Beim genauen Betrachten sah sie Preisschilder. Und vor allem Dinge, die sie gar nicht gebrauchen konnte. Der Absender sprach Bände. Und sie wunderte sich nicht mehr.


Was war wohl im dritten Paket? Ruck zuck, fast lieblos, öffnete sie das Paket und befreite die Geschenke von ihrer lustvollen Verpackung. Ihr Gesicht hellte auf, als sie die Geschenke sah, die haargenau ihren Geschmack trafen, die sie sich selbst nicht gekauft oder geleistet hätte. Sie lachte, freute sich. Eine Träne ging sogar auf Reisen. Dem Absender, so dachte sie ganz spontan, musst du so schnell wie möglich danken. Und sie wusste auch schon, worüber der sich freut.


Der Inhalt des vierten Pakets ließ sie ein wenig ins Grübeln kommen. Warum schenkt mir jemand ein Fotoalbum mit Bildern aus meiner Kindheit und Jugendzeit, von Freunden und Verwandten, von Urlauben, auch Aufnahmen von ihrem Arbeitsplatz? Und dann noch das alte Bild vom Krippenspiel in der Kirche? Als sie den Absender suchte, wurde sie wach, rieb sich den Sand aus den Augen und notierte nachdenklich in ihr Tagebuch:


Ist ein Paket ohne Inhalt wie ein Fest ohne tieferen Sinn, eine Party ohne Gastgeber?

Ist ein Paket mit Berechnung wie ein Fest mit vielen Geschenken, aber ohne Einfühlungsvermögen und ohne Zuwendung?

Ist ein Paket mit passenden Geschenken wie ein Fest mit echten Freunden, die einen wirklich mögen und die man selbst mag?


Vor allem: Was könnte ein Paket mit Fotos aus dem Leben bedeuten? Erinnert es an das Fest des Lebens, damit Lebenssinn und Lebensglück beachtet und geachtet werden? Damit das eigene Leben, das man geschenkt bekommen hat und das begrenzt ist, etwas freiwillig geben, abgeben und weitergeben kann? Weil das Leben nur in beglückenden Beziehungen gelingen kann, was nie einklagbar oder kaufbar ist und auf Wechselseitigkeit beruht?!


Sophie dachte weiter: Wenn in der Gabe sogar der Geber präsent ist, dann könnte das Kind in der Krippe, das sie auf dem Foto betrachtete, ein einzigartiges Geschenk Gottes sein, indem es die Sehnsucht nach wahrer Menschlichkeit weckt. Und könnte in materiellen Geschenken ohne egoistische Hintergedanken nicht auch so etwas wie der befreiende Hauptgedanke der göttlichen Liebe aufleuchten?!


Während dieser Überlegungen verspürte Sophie, dass so etwas wie letzte Geborgenheit  - die Liebe Gottes?! - in ihr geboren wurde, die sich in ihrem ganzen Körper verbreitete. Es war kein neuer Traum, keine schwärmerische Träumerei, wohl aber ein geistliches Kribbeln auf sowie unter ihrer Haut, „ihr“ Wunder:  Etwas Göttliches - der Geist Christi?! – hatte sie sanft berührt. Und bewegte sie, den neuen Tag nicht verträumter, wohl aber menschlicher und vernünftiger zu gestalten, auch dankbarer und froher. Denn ihr Erlebnis war kein giftiger Zankapfel, sondern ein Geschenk bedingungsloser Liebe mit Sinn, das immer wieder neu erfahrbar ist. Und überrascht.

 

Burkhard Budde


Fröhliches Spiel


Ein faszinierender Blick, der den Einzelnen beglückt und das Wir-Gefühl bewegt: Die Dunkelheit in einem Menschen, mag sie noch so unheimlich sein, wird durch das fröhliche Spiel der vielen Lichter und Farben erhellt und erwärmt. Ein buntes Bild entsteht, das keinen wirklichen Rahmen kennt, weil es stets in Bewegung ist. Die Atmosphäre oszilliert durch den vielfältigen Trubel, den undurchlässigen Lärm, aber auch durch die Musik der Posaunen „da unten“ und der überraschenden Ruhe, der räumlichen Enge und der großen Distanz „hier oben“.

Der Blick vom fünfspitzigen Rathausturm auf den Braunschweiger Weihnachtsmarkt ist mehr als ein flüchtiger Blick; er ist ein Ereignis. Das Gefühl der Freiheit wird zur Triebfeder des Denkens im Blick auf Wichtiges und Unwichtiges im Leben sowie zur Triebfeder des Weiterdenkens im Blick auf das Geheimnis im anonymen Trubel: Könnte es die Menschlichkeit sein, die jeden Menschen erst zum Menschen macht und die jenseits von Verzwergung und Größenwahn, dem Leben dient? Und könnte in dieser Menschlichkeit nicht auch Göttlichkeit aufleuchten, die dem Menschen eine unverlierbare Würde schenkt?!

Burkhard Budde


Kommentar

Verzicht auf Weihnachtsfeier?

 

Man reibt sich die Augen und wundert sich. In einer Schule in Deutschland – nicht in Saudi - Arabien oder einem anderen muslimischen Land – werden im Musikunterricht keine christlichen Lieder mehr gesungen. Und – die Rede ist vom Johanneum in Lüneburg – es wird in diesem Jahr auch auf eine christliche Weihnachtsfeier während der Unterrichtszeit verzichtet. Warum? Eine muslimische Schülerin hatte im letzten Jahr kritisiert, dass die im Gottesdienst gesungenen christlichen Lieder nicht mit ihrem Glauben zu vereinbaren seien. Die Schulleitung will nun „Rücksicht“ auf die Empfindungen „Andersgläubiger“ nehmen.

 

In Wirklichkeit wird jedoch Sand in die Augen gestreut. Wie kann eine „tolerante“ Schule Toleranz und Bildung vermitteln, wenn sie sich nicht mit christlichen Inhalten und Formen, Traditionen und Ritualen auseinandersetzt, auch wenn dies als „Störung“ oder „Zumutung“ einzelner empfunden wird? Und in einem christlich geprägten Land sollte die gelebte geistige Auseinandersetzung mit dem christlichen Gehalt des Weihnachtsfestes zur eigenen kritischen Meinungsbildung – im Interesse der Schüler und der Entwicklung der Gesellschaft – eine Selbstverständlichkeit sein.

 

Denn es geht bei der modernen Bildung, auch im Religionsunterricht oder im (Weihnachts-) Gottesdienst, nicht um eifernde Missionierung, Manipulation oder Indoktrination, aber auch nicht um falsch verstandene Toleranz als Türöffner von Gesichts- und Geschichtslosigkeit, von Geist- und Profillosigkeit.

 

Wer es allen Religionen und Weltanschauungen, allen Schülern. Eltern und Lehrern recht machen wollte, würde als Bildungsstaat schnell im Meer der Bedeutungslosigkeit versinken. Wer kuscht, weil es grundsätzlich Andersdenkende, Andersgläubige, Anderslebende gibt, wirft den bewährten Kompass der allgemein anerkannten  und historisch gewachsenen Werte und Normen über Bord, wird beliebig, angreifbar und kann der nachfolgenden Generation keinen (Orientierung-) Proviant mit auf den Lebensweg geben.

 

Wer jedoch das Leitbild gelebter Toleranz im Auge hat, wird nicht alle Segel streichen, sondern das Segel setzen, von dem er überzeugt ist, zum Beispiel das Segel der Gleichberechtigung und Gleichstellung von Mann und Frau oder das Singen christlicher Lieder. Und er wird auf den Wind demokratischer und humaner Werte vertrauen, ja sie nutzen, um das Boot in die richtige Fahrrinne - Vorrang des Rechtsstaates vor einem Kirchen- oder Gottesstaat, auch vor der Gefühlswelt einzelner -  lenken zu können.

 

Wer zudem Brücken schlagen will, darf nicht ins Schwimmen geraten. Gerade im Bildungsbereich, aber auch in der Politik, in der Wirtschaft und Kultur sind die Pfeiler Zugewinn an (Ge-)Wissen und Erfahrung, Aufklärung und Kompetenz, Entwicklung und Profil, Zivilcourage und Selbstbewusstsein wichtig und sollten nicht durch schöne Scheuklappen oder ängstliches Zähneklappern ersetzt werden.

 

Burkhard Budde


Ein Wunder erleben

Manche sagen: „Wenn ich den Gottesdienst sonst nicht besuche, ist mein Fernbleiben am Heiligabend nur konsequent.“ Aber ist nicht „einmal“ besser als „keinmal“? Man besucht doch auch sonst viele liebe Menschen nur einmal im Jahr - zum Beispiel zum Geburtstag. Um sich nicht vollkommen voneinander zu entfremden. Auch wenn man eigentlich etwas anderes um die Ohren hat. Auch wenn einem immer die gleichen Geschichten um die Ohren geschlagen werden. Oder wenn einem das ewige Gejammer von einer ungerechten Welt ständig in die Ohren geflüstert wird. Dennoch scheint es Sinn zu machen, an einem jährlichen Treffen teilzunehmen. Und immer wieder neu ganz Ohr zu sein.


Im Blick auf den Gottesdienst gibt es natürlich auch eine Fülle an Bedenken. „Was bringt mir so ein Kirchgang?“, wird zum Beispiel gefragt. Etwas Süßholz für meine Seele? Moralin, das mir ein schlechtes Gewissen beschert? Allerweltsweisheiten, die mich einschläfern? Eine religiöse Sprache, die mich ratlos im Regen des Lebens stehen lässt?

Aber was, wenn  - zu meiner Überraschung - mein Weihnachtsfest durch einen Gottesdienst Tiefgang und zugleich Weite, Neues und Bewegendes erfährt?


Zündet man nicht auch eine Kerze hinter einem Transparent an, damit seine Motive zu leuchten beginnen und zu sehen sind?


Wer wirklich Wichtiges nicht verpassen will, sollte der nicht scheinbar Unwichtiges „passend“ machen?


Wer noch fragt und sucht, nicht alles schon (besser) weiß oder vielleicht sogar in seine Vorurteile verknallt ist, der sollte sich einen geistigen Ruck geben: „Heiligabend triffst du mich zur Geburtstagsfeier Jesu in der Kirche!“ Vielleicht werde ich ja mein „Wunder“ erleben?!


Weil die Botschaft, dass Gott Mensch geworden ist, es faustdick hinter den Ohren hat?! Und lieben Menschen mit einer liebenden Botschaft leihe ich, ohne meinen Kopf zu verlieren, gerne mein Ohr.

Burkhard Budde


Auf ein Wort

 

Fingerspitzen statt Ellenbogen

 

Sophie steuert mit ihrem Auto einen freien Stellplatz auf dem Parkplatz an. Doch der Platz wird ihr der Platz vor der Nase weggeschnappt. Der forsche Fahrer steigt aus seinem Wagen, wirft der erstaunten Sophie einen überheblichen Blick zu, bevor er verschwindet. Sophie muss noch eine Runde fahren, bis sie ihren Wagen parken kann.


Zu Fuß geht es dann in Richtung Innenstadt. An einer Ampel steht eine alte Dame, die sehr unsicher und orientierungslos wirkt. Keiner scheint Notiz von ihr zu nehmen. Ein Schüler spielt unbeirrt mit seinem Handy. Ein Mann blickt stur nach vorne, eine Frau schielt nervös auf ihre Uhr. Als die alte Dame bei Rot losgehen will, springt ein alter Mann  an ihre Seite, berührt sie leicht und sagt: „Haben sie noch etwas Geduld. Es wird gleich Grün.“  Sophies Gewissen schlägt: „Warum hast du nicht reagiert?!“


Kurze Zeit später sitzt Sophie in der Bahnhofgaststätte und trinkt eine Tasse Kaffee. Ein Gast, der es wohl sehr eilig hat, isst seine Pommes mit den Fingern. Ein anderer schlürft sein Getränk und schmatzt genüsslich beim Kauen seiner Wurst. Wieder ein anderer gähnt alle Nase lang, ohne seine Hand vor den Mund zu halten. Für Sophie sind das Anblicke, die sie nicht lustig findet. „Denken die Herrschaften nur an sich und keiner an mich?“ Sie wird wie Luft behandelt, steht auf und begibt sich mit ihrer großen Tasche auf den Bahnsteig, um mit dem Zug in die nächste Stadt zu fahren.


Im Zugabteil geht es im Takt der Taktlosen weiter: Hemmungsloses Niesen. Und vor allem unüberhörbares Telefonieren. Sophie muss mit anhören, wie zwei Gesprächspartner sich offensichtlich über ein „dummes Würstchen“ lustig machen und es „in die Pfanne hauen“ wollen. Bei nächster Gelegenheit werde man ihn „vorführen“.

Sophie ist nicht nur hübsch und charmant, sondern auch ein kritischer Geist. Sie denkt über ihre unfreiwilligen Eindrücke nach. Sie ärgert sich, dass sie bei der letzten Party in ihrer Wohnung, die lautstark gefeiert wurde, vergessen hatte, ihre Nachbarn zu informieren bzw. einzuladen.


Ihre Kinderstube hat sie geprägt. Sie versucht, stets höflich zu sein, den anderen in seiner Rolle und in seinem Status zu achten, zu grüßen oder „danke“ und „bitte“ zu sagen. Aber sie weiß auch, dass Höflichkeit kein Wert an sich ist, da man auch höflich taktlos – verletzend, beschämend - sein kann.

Sophies Motto lautet, Rücksicht zu nehmen– und das nicht nur, wenn es sich lohnt. Weil sie erlebt hat, dass man davon profitieren kann; dass der Takt so etwas ist wie eine Eintrittskarte zum Mitmenschen – ein Mitfühlen, Mitdenken, Mitgestalten, Mitverantworten.


Und wenn etwas aus dem Takt geraten ist, dann kann man neues Taktgefühl lernen – nicht nur in der gestressten Advents- und Weihnachtszeit, sondern besonders in flüchtigen, oberflächlichen und ichbezogenen Zeiten. Statt Ellenbogen sind dann Fingerspitzen gefragt. Statt Gedankenlosigkeit (Selbst-) Bewusstsein. Statt Eiseskälte Herzensbildung. Der Takt der Taktvollen.

Burkhard Budde


Segen an der Kasse

Die Schlange an der Kasse des Supermarktes wird immer länger. Manche Kunden wirken geduldig bis apathisch, andere gestresst bis aggressiv. Einzelne  starren dumpf auf ihr Handy oder tippen etwas eilig aufs Display, als würden sie getrieben oder hätten Angst etwas zu verpassen. Ein quengelndes Kind stellt seine Mutter durch ständiges Bitten auf eine harte Probe. Der Vater greift durch: „Wenn du nicht Ruhe gibst, bestelle ich den Weihnachtsmann ab“.

 

Eine junge Frau, die nur wenige Artikel in den Händen hält, kommt dazu. Als sie sich gerade ans Ende der Schlange stellen will, fragt eine ältere Dame aus dem vorderen Bereich: „Haben sie nur die drei Teile?! Dann lasse ich sie vor.“ Gerne nimmt die junge Frau das Angebot an. Allerdings zum Preis einiger böser Blicke, die auch die ältere Dame treffen, vielleicht auch strafen wollen.

Aber nicht genug: Eine weitere Frau, die mit ihrem Mann jetzt vor der jungen Frau mit ihren „drei Teilen“ steht, scheint von dem Großmut der Dame angesteckt worden zu sein: „Auch wir lassen sie vor.“ Ihr Mann brummt zwar in seinen Bart: „Mich fragt ja keiner.“ Aber er hat keine Chance zum Widerspruch.

 

Als die „Vorgelassene“ ihre Artikel bezahlt hat, wünscht ihr die Kassiererin pflichtgemäß und routiniert „noch eine schöne Adventszeit“. Die junge Frau, die sich immer beschwingter und fröhlicher bewegt, lässt ihre leuchtenden Augen schweifen, sucht offensichtlich auch den Augenkontakt zu der älteren Dame und der Frau mit ihrem „Brummbären“. Und dann sagt sie mit klarer Stimme, überzeugend freundlich: „Gott segne sie alle. Ein gesegnetes Weihnachtsfest.“

 

Ein unverständliches  Staunen geht durch einen Teil der Schlange. Manche werfen der jungen Frau einen ungläubigen, fast mitleidigen Blick hinterher. Die Kassiererin reagiert spontan und raunt: „Eine von der Kirche?! Oder von den Zeugen Jehovas?!“ Aber sie bekommt kein Echo. Warum auch? (Fast) alle in der Schlange stehen unter Zeitdruck. Und wen interessiert der „exotische Spruch“ - wirklich? Schnell geht die Kassiererin zu ihrer Tagesordnung über und kassiert weiter ab. Und wünscht allen Kunden einen „schönen Advent“.

Bis ein Mann an die Reihe kommt, der im ganzen Trubel mit den vielen Rubeln auf den ersten Blick etwas traurig und melancholisch wirkt. Als er von der Kassiererin wie üblich verabschiedet wird, sagt er mit leiser, aber unüberhörbarer Stimme: „Auch ich wünsche ihnen ein gesegnetes Weihnachtsfest.“ Und in seinen Augen flackert etwas auf, als wenn er in seinem Herzen etwas ganz besonders Helles (und Wärmendes, Heilsames?!) entdeckt hätte.

 

Aber kann denn ein Segenswunsch ein Licht im Dunkeln entzünden, die Augen für neue Lebensmöglichkeiten und neuen Sinn öffnen sowie Menschlichkeit bewirken, an die man zuvor nicht gedacht hat? Weil all diese Erfahrungen als „undenkbar“ und „unmöglich“ angesehen worden sind? Weil jedoch unerwartet der segnende Gott, sein freier und befreiender Geist der schöpferischen Liebe, mit im Spiel ist?!

 

Burkhard Budde


Auf ein Wort

 

Suche loyalen Menschen

 

Auf der Suche nach einem Menschen.

„Ich suche einen gut aussehenden und toleranten Mann, dem ich vertrauen und mit dem ich reden kann“,  gestand eine junge Frau in einem Diskussionskreis. „Und ich“, sagte ein junger Mann, „keine Trophäe, aber eine attraktive und gebildete Frau, die offen und ehrlich ist.“ Ein Arbeitgeber sprach davon, dass er  sich einen kompetenten und engagierten  Mitarbeiter wünsche, der nicht nur teamfähig und belastbar sei, sondern sich auch mit seiner Firma identifizieren könne. Ein Angestellter, der aufmerksam zuhörte, ergänzte: „Dazu gehört auch ein Chef, der dem Mitarbeiter den Rücken stärkt.“ Schließlich meldete sich ein Politiker: „Ich brauche einen Mitstreiter, auf den ich mich voll und ganz verlassen kann.“

 

Alle wünschen sich loyale Menschen. Aber was ist „Loyalität“?

Wie ein treuer Hund zu sein, der weiß, wo sein Platz ist, wo er sich wohl fühlen, spielen und schmusen kann? Der immer zu einem steht, in der Gefahr zur Stelle ist, geduldig zuhört, zu verstehen scheint, auch nicht widerspricht? Den man allerdings auch an die kurze oder lange Leine nimmt, je nach Situation. Und der eindeutige Ansagen braucht, um mit Blickkontakt und positiver Bestärkung zu gehorchen.

 

Loyalität bedeutet wohl eher wie ein Mensch zu sein, der sich freiwillig, mit Kopf und Herz, bindet, aber sich nicht fesseln, einsperren oder bevormunden lässt. Der von gemeinsamen Zielen und Werten sowie von der wert geschätzten Person überzeugt ist. Der solidarisch und zuverlässig ist, aber nicht einfach wie ein dressierter Hund brav und gehorsam. Zum Beispiel mit seinem Freund offen und ehrlich umgeht. Und ihm respektvoll und begründet widerspricht, wenn er selbst eine andere Überzeugung vertritt. Der vor allem seinen Freund in Konflikten in dessen Abwesenheit verteidigt, wenn ihm offensichtlich Unrecht geschieht. 

 

Menschen, die loyal sind, sind nicht hörig, sondern bleiben mündig. Sie müssen nicht auf Kosten der Glaubwürdigkeit mit einem anderen durch „dick und dünn“ gehen. Aber sie sind in der Lage, Angriffe von außen nicht zickig und giftig, nicht bissig und verlogen, sondern mit den Waffen der Vernunft und der Eigenverantwortung, Wahrhaftigkeit und der Fairness  zu wehren.

 

Wechselseitige Loyalität und gegenseitiges Vertrauen stärken das Gefühl der Zusammengehörigkeit und der Sicherheit. Wenn Loyalität jedoch

missbraucht wird, ein Mensch durch den Filz – eine Hand wäscht die andere – oder durch Netzwerke – Abhängigkeiten und Erpressungen – auf den Hund gekommen ist. Dann sollte die stärkste Loyalität das Sagen haben, die zum eigenen Gewissen, das wachrüttelt und zur persönlichen Verantwortung befreit.

 

Die Suche nach einem loyalen Menschen beginnt dann von neuem. Weil hinter, vor und neben einem Menschen  eine loyale Kraft Menschen in Bewegung setzt: Die Liebe mit schöpferischen Neuanfängen und die unantastbare Würde, die Gott schenkt, der in seiner Menschlichkeit dem Menschen gegenüber stets loyal bleibt.

 

Burkhard Budde


Beliebte Renner zum lieben Mitmenschen

Eine dreifache Freude bereitet der UNICEF-Weihnachtskartenverkauf: Der Erlös ist für UNICEF-Hilfsprojekte bestimmt, zum Beispiel für Kinder in Ostafrika. - Die Käufer dieser hochwertigen und schönen Grußkarten mit Weihnachtsmotiven können die Adressaten verzaubern. - Und für die ehrenamtlichen Verkäufer können die Gespräche untereinander, aber auch mit den Käufern einen großen Zugewinn an spontanen Infos und Detailerfahrungen sowie an Vertiefung von Freundschaften darstellen.


Auch in diesem Jahr beteiligen sich Mitglieder des Lionscubs Braunschweig Dankwarderode an dem ehrenamtlichen Verkauf der „Weihnachtsbotschaften“ auf dem Braunschweiger Weihnachtsmarkt. Die Verkaufshütte befindet sich direkt neben dem Eingang des Rathauses.


Und es zeigte sich, dass trotz Internet und E-Mails persönlich geschriebene Karten mit faszinierenden Motiven und Botschaften eine Zukunft behalten; manche sind sogar beliebte Renner auf dem Weg zum Nächsten oder lieben Mitmenschen.


Strahlen der Liebe



Ein Licht erhellt die Finsternis,

damit die Vernunft vernünftig bleibt.

 

Ein Licht erwärmt die Finsternis,

damit der Mensch menschlich bleibt.

 

Ein Licht erneuert die Finsternis,

damit das Mögliche möglich bleibt.

 

Ein Licht bekämpft die Finsternis,

damit das Nötige notwendig bleibt.

 

Ein Licht befreit die Finsternis,

damit die Freiheit frei bleibt.

 

Wo findet man dieses Licht,

das der Macht der Finsternis widersteht,

das sich nicht vom Glanz der Finsternis verführen lässt,

das das Licht der Finsternis als Blendwerk entlarvt?

 

Das Licht selbst ist Ursprung und Ziel allen Lebens,

seine schöpferischen Strahlen der Liebe sind

in der Vergänglichkeit unvergänglich,

ein nachhaltiges, weil göttliches Leuchten.

 

Aus Erleuchtung wird ein selbstbestimmtes Leben.

Und individuelles Glück.

 

Burkhard Budde


Auf ein Wort

 

Eine Kerze, die (noch) nicht brennt

 Geht uns ein Licht auf?

„Ich fühle mich manchmal wie eine Kerze, die nicht brennt“, seufzte eine junge Frau mit Tränen in den Augen, „um mich herum können viele Kerzen brennen, kann es hell sein, aber in mir ist es dunkel.“  Sie berichtet von ihrer verletzten Seele, weil sie bloßgestellt und wie Luft behandelt wurde. Von ihrem beleidigten Geist, weil sie mit schönen, aber leeren Versprechungen getäuscht werden sollte. Von ihrem gequälten Körper, weil sie kein Verständnis für Zärtlichkeit fand und sich nur benutzt fühlte. Von ihrer kaputten Beziehung, weil sie und ihr Partner sich auseinander gelebt hätten.

 

Man kann diese „traurige Kerze“, die nicht brennt, weil sie durch Zugluft der Lieblosigkeit oder durch einen überhitzten Raum der Schwärmerei gelöscht worden ist, verstehen. Die Kerze mag eine schlichte oder verzierte Gestalt haben. Zu ihrem Wesen, zum Glücklichsein,  gehört jedoch, dass sie mit ihren Lichtstrahlen selbst Licht erfährt und anderen spendet.

 

Aber die Finsternis in einem Menschen und um einen Menschen herum ist stark. Sie kämpft gegen das Licht, weil sie andere hinters Licht führen will oder verhindern will, dass Düsteres ans Licht kommt. Die Finsternis will selbst „Licht“ sein und nicht gestört werden. Da sind beispielsweise die Alphatiere, die sich als Lichtgestalten gerne im Rampenlicht aufhalten, die grunzen und andere blenden. Die Lästermäuler, die sich im Zwielicht aufhalten, um Frechheiten und Halbwahrheiten zu verbreiten. Oder die Hohepriester, die ihre absoluten Wahrheiten verkünden und vom Publikum angebetet werden wollen, aber ihre bösen Gedanken im Schatten zu verstecken versuchen. Alle Lichter dieser Welt haben vergessen, dass sie wie brennende Wachskerzen sind, vergänglich und endlich.

 

Aber allen – auch der jungen Frau – kann vielleicht eine neue Erfahrung helfen, die Sehnsucht nach wahrem Glück im persönlichen Jammertal oder auch im eigenen „Lichtermeer“ zu stillen. Die Flamme einer Kerze, Symbol für das Geistige und Überirdische, kann den Weg zeigen.

 

Um eine „ menschliche Kerze“ zu entzünden, reicht manchmal ein Wort aus – ein richtiges Wort zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Und zwar von einem, der selbst Licht in der Finsternis erlebt hat: „Ich verstehe dich gut. Auch in mir war es finster. Doch durch ein neues Grundvertrauen habe ich neue Geborgenheit erfahren.“  Und hat Christus, an den seine Freunde als Lichtträger Gottes für andere glauben, diesen Grund nicht im Urgrund und Urziel 

des Lebens, im bedingungslos liebenden Gott, gefunden? Und hat Gott selbst ihm nicht einen schöpferischen Neuanfang geschenkt, auf den Gottglaubende auch heute noch hoffen können?

 

Und dann noch etwas: wenn vielen ein Licht aufgeht, wird eine heillose Welt zwar auch nicht heil, aber heilbar, auf jeden Fall heller und wärmer. Wer dieses unsichtbare Licht sucht, hat es schon gefunden und kann es nicht mehr verstecken.

 

Burkhard Budde


Auf ein Wort

 

Die Lebensuhr tickt

Die Uhr tickt. Mal schneller, mal langsamer. Mal leiser, mal lauter. Sie tickt in jedem Menschen anders.

Alle können wie bei einem Gongschlag einer Uhr geweckt werden und feststellen „Wie doch die Zeit vergeht!“ und dass man in der Zeit und durch die Zeit älter geworden ist.

 

Wer das Altwerden einfach schön redet oder schlecht redet, macht es sich zu einfach. Den Würgegriff neuer Krankheiten kann jeder verspüren, wenn sich die Arztbesuche und Krankenhausaufenthalte häufen. Die Trauer um verstorbene Menschen wird noch intensiver, wenn man dabei an das eigene Alter denkt.

 

Aber deshalb muss sich keiner auf das Abstellgleis stellen lassen, um dort nur noch als Zuschauer oder Statist des Lebens auf seine eigene Totenmesse zu warten. Das Altwerden im Alter kann auch ein Neuwerden im Alter bedeuten.

 

Die Trägheit, das Totschlagen der Zeit, die verkrampfte Verweigerung mitzufühlen, mitzudenken und mitzumachen muss allerdings überwunden werden. Auch eine panische Überaktivität, eine Besserwisserei und Überheblichkeit, zu jedem Thema seinen scharfen Senf dazugeben zu müssen, sollte selbstkritisch hinterfragt werden.

 

Aber eine zweite Blüte entwickelt sich, wenn man die erste Blüte nicht verkümmern, sondern reifen lässt. Dann wird die Schatzkiste eigener Erfahrungen und Kenntnisse nicht nur gehoben, sondern erneuert und mit Neuem gefüllt. Man kann sich unbeeindruckt vom Wettbewerb tobender Gefühle und bitterer Gedanken zeigen. Unabhängig von der unsichtbaren Jury anderer sein und dazulernen. Souverän ein selbstbestimmtes und sinnerfülltes Leben zu führen versuchen, weil geschenkte Lebenszeit immer wichtiger geworden ist.

 

Die Lebensuhr selbst kann man nicht anhalten. Aber die unsichtbar gespannte Feder, die das Leben bewegt, wird einmal für die Ewigkeit entspannt. Wer weise tickt, weiß um diese Ewigkeit in der Zeit. Und lebt gelassener und besonnener, menschlicher und vernünftiger, ob er sich nur alt oder jung fühlt. Die Uhr tickt weiter.

 

Burkhard Budde

 


Auf ein Wort

 

Trost, keine Vertröstung

Wie findet die traurige Seele Trost? Wie gelähmt, aber auch sprachlos und fassungslos sowie hilflos sitzt sie auf einem Stuhl mit vier Beinen. An einem Stuhlbein sägt der Zweifel, an einem anderen die Angst, am dritten die Ohnmacht, am vierten die Wut. Der Stuhl verliert langsam sein Gleichgewicht.

 

Gibt es denn keine reale Hoffnung angesichts des Todes eines geliebten Menschen?

 

Der Stuhl, auf dem die traurige Seele sitzt, fängt an zu wackeln, wird immer unsicherer. Weisheiten wie „Die Zeit heilt Wunden“ oder ein Schulterklopfen, selbst Umarmungen geben ihr kaum noch Halt. Existentieller Schwindel und inneres Kopfschütteln erzeugen Sätze wie „Die verstorbene Seele ist in die Welt der Seligen eingetreten“, „Sie hat sich in einen anderen Körper verwandelt“ oder „Sie ist in den Kreislauf der Natur zurückgekehrt“. Denn der Tod hat ihr Leben brutal durcheinander- und auseinandergebracht. Er war für sie kein siegreicher Befreier von unsäglichem Leid und ohnmächtiger Hilflosigkeit. Kein weiser Lehrer der Vergänglichkeit und Gleichheit aller. Kein geschickter Zauberer, der eine schöne Vertröstung aus dem Hut zaubert, aber gefühllos bleibt.

 

Deshalb sitzt die traurige Seele immer noch auf dem Stuhl. Sie hört viele Stimmen um sich herum. Einmal schenkt sie einer leisen und feinen Stimme, die sie neugierig gemacht hat, ihr Ohr. Diese flüstert: „Hab Vertrauen zu mir und ergreife meine Hand.“ „Aber wo ist denn diese unsichtbare Hand“? fragt die Seele. „Und wenn ich ins Leere greife“? Wieder ein Strohhalm, der nicht lange hält, was er verspricht? denkt sie. Und findet es seltsam, dass sie auf ihre Fragen keine Antworten erhält, aber eben auch keine Erklärungen und Belehrungen, die sie nur noch schweigsamer machen würden.

 

Ohne Bedingungen Vertrauen wagen? Loslassen, was man sonst so alles von dieser Stimme weiß und gehört hat? Um mit leerer Hand eine unsichtbare Hand ergreifen zu können, um besser begreifen, verstehen zu können?

 

Die traurige Seele, die offensichtlich mit dem geliebten Verstorbenen „alles“ verloren und selbst „nichts mehr“ zu verlieren hat, gibt sich einen Ruck, erhebt sich langsam vom Stuhl und erlebt wie ihr Vertrauen wächst. Noch ist sie sich nicht sicher, aber sie wird gewisser, dass sie einen Finger des Vertrauens an den mitleidenden und selbstleidenden Gott berührt. Und verspürt - als wenn Schuppen von ihren Augen fallen - eine unsichtbare durchbohrte Hand.

 

Diese Hand des Gestorbenen und Auferstandenen kann der traurigen Seele erfahrbaren Trost schenken. Weil diese liebende Hand ihr und den geliebten Verstorbenen die Gewissheit eines schöpferischen Neuanfangs am Ende des Lebens sowie eine letzte Geborgenheit selbst auf dem Platz eines aus dem Lot geratenen Stuhles verspricht.

 

Hass, Gewalt und Tod mögen vergängliche und unvollkommene Stühle und Throne zerstören. Aber die unantastbare Würde eines Menschen und die unvergängliche Kraft Gottes bleiben.

Und die Seele atmet tief durch.

 

Burkhard Budde

 

Auf ein Wort

 

Riese oder Zwerg

Die Augenbraunen zucken. Ein leichtes Flackern erhellt und beschattet zugleich die Nah- und Fernsicht. Wer ist ein Riese, der wegen seiner Bedeutung gesehen wird, auch wenn er sich am liebsten versteckt? Und wer ein Zwerg, der wegen seiner Einflusslosigkeit übersehen wird, auch wenn er auf etwas Wichtiges hinweist?


Die Augen taumeln hin und her, als wären sie mal betrunken, mal siegestrunken, wenn sie die Wege der Riesen und Zwerge verfolgen. Sie wandern zu den bunten Jahrmärkten des Lebens, auf denen es viel Genuss und Lust, Konsum und Kommerz gibt, aber auf denen auch Eitelkeiten verletzt werden, Eifersüchteleien toben, sich gähnende Langeweile und oberflächliche Gleichgültigkeit eingenistet haben.


Die Augen werden abgelenkt vom Laufrad des Zeitgeistes, an dem viele drehen, um ja nichts, vor allem eigene Vorteile nicht zu verpassen. Sie werden hingelenkt zur Mühle der Reflexionen, die Verantwortung mit Spießigkeit verwechselt, indem sie schöne Gefühle kleinhält, wahre Leidenschaft kleinmacht und neugieriges Entdecken kaputtmacht. Sie begegnen Netzwerken der Beziehungen, die fleißig geknüpft werden, um sich gegenseitig fördern, aber auch beaufsichtigen zu können. Sie verlaufen sich manchmal im Dschungel der Ängste, der Macht- und Ohnmachtsgefühle, der Allmachts- und Verschwörungsphantasien. Und in den Augen blitzt und donnert es angesichts des Sumpfes aus Intrigen und Verdächtigungen, aus Begünstigungen und Seilschaften, alles sichtbar hinter dem glitzernden Vorhang des guten Scheins.


Die Augen verdrehen und wegsehen – macht das Sinn?


Vielleicht sollte man einmal die Augen schließen, um zur Ruhe zu kommen und die Reise ins Innere anzutreten. Denn im Gegenlicht der Innerlichkeit kann zum Beispiel ein mutiger Zwerg in einer Behörde, der Betrug aufdeckt, selbst wenn er persönliche Nachteile hat, wie ein Riese erscheinen. Und ein Riese in der Leitung, der den Zwerg bei seiner Aufklärung hindert und sogar entlässt, verwandelt sich zum hässlichen Giftzwerg.


Warum also nicht mit geschlossenen Augen ohne Reizüberflutung und Zuckungen nachdenken – auch um- und weiterdenken?!


Wie wäre es, wenn ein Riese seinen Fehler einsieht, um Entschuldigung bittet und dem Zwerg einen neuen Anfang schenkt, weil der die Details „ganz unten“ besser kennt und erkennt, auch die Irrungen und Wirrungen. Und ein Zwerg bereit ist, loyal auf den Schultern des Riesen zu stehen, weil der den besseren Überblick hat, um dann selbst die Zusammenhänge und Wirkungen leichter wahrnehmen zu können. Wenn Zwerg und Riese entdecken, dass sie sich gegenseitig brauchen und dass sie beide auf Wertschätzung und Vergebung, auf Neuanfänge angewiesen sind.


Und wenn man dann die Augen wieder öffnet, kann vieles im neuen Licht gesehen werden, ohne überblendet zu werden. Die Bedingungen und Verhältnisse der Zwerge und Riesen, ihre Fesseln und Zwänge, ihre Überheblichkeit und Verlogenheit, ihre Engstirnigkeit und Kleinkariertheit, ihre Schaumschlägerei und Traumtänzerei. Aber auch – im Licht des christlichen Glaubens - ihre von Gott geschenkte Würde, ihre Liebenswürdigkeit und Vertrauenswürdigkeit, ihre Lern- und Entwicklungsfähigkeit, ihre Verantwortung sowie ihre Freiheit, im Zwerg den Riesen und den Riesen im Zwerg (neu) zu sehen. Und sich selbst im jeweils anderen.


Immer mit klaren und menschlichen Augen, die die betriebsblinde Dunkelheit des allzu Menschlichen erhellen, weil sie heller strahlen als das Licht der Scheinwerfer.

 

Burkhard Budde


Martin aktuell

 

Kann Liebe Politik sein?

 

Ein Ritter der Nächstenliebe teilt seinen Mantel mit einem frierenden Bettler. Anders als ein Raubritter mit Scheuklappen, der nur an seinen eigenen Vorteil denkt. Oder als ein Schönritter mit Heileigenschein, der gern Mäntel verteilt, die ihm nicht gehören. Aber auch ein Bettler kann täuschen und enttäuschen. Ob Martin von Tours im 4. Jahrhundert getäuscht worden ist? Auf jeden Fall hat er nicht seinen ganzen Mantel abgegeben oder dem Bettler sein Pferd zur Verfügung gestellt. Er wusste wohl, dass schrankenlose oder selbstlose Hilfe heimtückisch sein kann.

 

Aber der Heilige Martin blieb als Mensch menschlich. Und zugleich vernünftig: Auch ein Ritter kann eines Tages zu Boden gehen und Hilfe gebrauchen. Und dann ist es gut, wenn es Mitritter gibt, die zuvor vielleicht Bettler waren, aber nicht am Tropf der Hilfe hängen geblieben sind, sondern mitgeholfen haben, „Mantelfabriken“ zu bauen.

 

Jeder Mensch braucht irgendwann einmal ein gnädiges Hören, damit sein leiser Ruf nach Liebe gehört wird. Ein gnädiges Sehen, damit der Mitmensch sich in ihm wiederentdecken kann. Ein gnädiges Reden, damit man gemeinsame Lösungen findet.

Keine Lichtgestalt und keinen Supermenschen, wohl aber einen Mitmenschen, der vernünftig und zugleich gnädig bleibt, „Lebensmäntel“, Lebenszeit und Lebensmöglichkeiten, teilt. Und solche liebenden Ritterschläge können Neuritter im Alltag der Politik bewegen – bis heute für morgen.

 

Burkhard Budde

  

Das Foto zeigt die Szene der Mantelteilung.

Nicht nur ein Bettler ist zu sehen, sondern zwei Bettler sind dargestellt; ferner einer mit einem Holzbein sowie ein offensichtlich blinder Mensch. Alle vier Bettler erwarten etwas vom Ritter; sie weisen auf verschiedene Gesichter der Not hin. Im Hintergrund erscheint darüber ein zweiter Ritter, der betet. Offensichtlich ein Hinweis auf die Tat der Nächstenliebe, die im Horizont der Gottesliebe geschieht.

Der Martinsaltar aus dem 15. Jahrhundert befindet sich in der Martinskirche in Spenge.

Auf ein Wort

 

Ritterschlag im Alltag

Ist die Maschine wichtiger als der Mensch, das Formular wichtiger als die Zuwendung, der Erfolg wichtiger als Fairness, das Ansehen wichtiger als Glaubwürdigkeit, das Geld wichtiger als Liebe?

„Kohle“, Status, Job, Bürokratie, Technik sind natürlich nicht unwichtig. Aber ist die konkrete Tat der Menschlichkeit nicht noch wichtiger?

 

An eine Gesellschaft mit einem menschlichen Gesicht erinnert der Heilige Martin, der im 4. Jahrhundert seinen Mantel mit einem frierenden Bettler geteilt hat. Damit setzte der reitende Ritter vor den Toren der französischen Stadt Amiens ein wichtiges Zeichen: Großes kann im Kleinen geschehen. Und wer teilt, muss nicht zu den Verlierern, sondern kann auch zu den Gewinnern gehören, wenn sich seine gute Tat vermehrt.

 

Doch das ist leichter geschrieben und gesagt als getan. In der Wirklichkeit tummeln sich Raubritter mit Scheuklappen, die nur an ihren eigenen Vorteil denken. Oder Scheinritter mit Heiligenschein, die andere auffordern ihren Mantel zu teilen, aber selbst nicht daran denken. Oder Schönritter im politischen oder religiösen Gewand, die gerne Mäntel teilen, die ihnen gar nicht gehören.

Und natürlich können auch „Bettler“ täuschen und enttäuschen. Und was die Hilfe anbelangt: Schon damals hat der heilige Martin, der spätere Bischof von Tours, nicht den ganzen Mantel an den Bettler abgegeben oder gar einfach sein Pferd zur Verfügung gestellt. Offensichtlich wusste er, dass schrankenlose oder selbstlose Hilfe heimtückisch sein kann.

 

Die wahren Ritter der Nächstenliebe – und das ist mehr als allgemeine Menschlichkeit  oder ein politisches Programm - sitzen heute nicht hoch zu Ross , sondern sind häufig zu Fuß, auf Augenhöhe, mit brennendem Herzen, aber auch mit kühlem Kopf im Stillen unterwegs: Zum Beispiel der Arzt, der nicht nur an dem kranken Organ seines Patienten interessiert ist. Der Lehrer, der nicht nur an die Zensur seines Schülers denkt. Der Politiker, dem es nicht nur um die Stimme seines Wählers geht. Die Eltern, denen nicht nur die Karriere ihres Kindes wichtig ist...

 

Sie und viele andere, darunter auch zahlreiche Freiwillige - teilen ihren Lebensmantel, indem sie ihre Lebenszeit und ihre Lebensmöglichkeiten teilen. Nicht nur aus spontanem Mitleid, sondern weil sie wissen, dass aus „Bettlern“ „Ritter“ werden können. Und dass auch „Ritter“ eines Tages zu Boden gehen (können) und Hilfe gebrauchen. Jeder Mensch braucht irgendwann einmal ein gnädiges Hören, damit sein leiser Ruf nach Liebe gehört wird. Ein gnädiges Sehen, damit der Mitmensch sich in ihm wiederentdecken kann. Ein gnädiges Reden, damit man gemeinsame Lösungen findet. Natürlich immer im Rahmen des Nötigen im Möglichen. Vielleicht auch durch den Aufbau von „Mantelfabriken“,. Und Hilfe zur Selbsthilfe ist menschenwürdiger als der Tropf der Hilfe.

 

Der Heilige Martin hatte in der Nacht nach der Mantelteilung einen Traum. In ihm soll der Bettler als Christus erschienen sein. Und der Sinn des biblischen Wortes ging ihm wohl unter die Haut: „Was du

dem geringsten meiner Brüder tust, hast du mir getan.“

Ob in der Nächstenliebe Gottesliebe aufleuchtet, die allen Rittern und Bettlern eine unantastbare Würde schenkt?

 

Am 11. November jedenfalls, dem Beerdigungstag des Heiligen Martin, kann das Martinsfest ein Licht in die Dunkelheit einer gnadenlosen Welt bringen. Nicht unbedingt durch Lichtgestalten und Supermenschen, wohl aber durch Mitmenschen, die menschlich und gnädig bleiben. Und dafür den ständigen Ritterschlag mitten im Alltag erleben.

 

Burkhard Budde

 

Auf ein Wort

Kritik im Porzellanladen

Kritik einfach am Nervenkostüm abperlen lassen? Oder jede Kritik wild von sich weisen?

 

Ein Mitarbeiter sollte ehrlich seine Meinung sagen. „Als ich meine Kritikpunkte genannt hatte“, berichtete er sichtbar eingeschüchtert, „putzte mich mein Chef wie ein dummer Junge herunter.“ Zukünftig werde er lieber schweigen.

Ist Kritik immer eine Alibifloskel und eine Majestätsbeleidigung?

 

Ein Vorgesetzter sprach mit einem Mitarbeiter über seine fehlende Teamleistung. „Wie ein begossener Pudel hat er mein Zimmer verlassen“, erzählte er später seiner Frau.

Hat sich der „Chef“ falsch verhalten, die Persönlichkeit seines Mitarbeiters verletzt?

 

Ein Politiker wehrte sich gegen einen Journalisten, der aggressiv und mit spitzer Feder schrieb, selbst aber keine Kritik vertragen konnte. Der Politiker wurde fortan in seiner Zeitung totgeschwiegen oder nur noch in negativen Zusammenhängen erwähnt.

Ist Kritik am Kritiker unerwünscht, nur Applaus erwünscht?

 

Im Porzellanladen der Gefühle sollte man sich nicht wie ein brüllender Löwe, eine abgehobene Giraffe, eine graue Maus oder eine heuchlerische Schlange verhalten.

Um nicht zu viel Porzellan zu zerschlagen, sollte unterschieden werden:

 

Einen Mitmenschen nur in Watte zu packen und zu lobhudeln, was er doch für ein toller Typ sei, bremst seine Entwicklung. Ein offenes und ehrliches sowie faires Gespräch über Unvollkommenes und Kritikwürdiges ist deshalb besser als Harmoniesucht.

 

Das ständige Suchen jedoch nach dem Haar in der Suppe verdirbt die Freude am gemeinsamen Essen, am Zusammensein und Zusammenbleiben. Eine gemeinsame Kultur des Vertrauens und der Verantwortung ist deshalb besser als Kritiksucht.

 

Lieblose Kritik ist unsachlich und unangemessen, verallgemeinernd und vereinfachend, flott und bloßstellend. Sie erzeugt nachhaltige Misstöne. Heilsame Kritik jedoch, die zwischen der Wertschätzung der Person und seiner Leistung unterscheidet, versucht sachlich und angemessen, konkret und empathisch zu sein; kann zuhören und hineinhören, hineindenken und hineinfühlen. Sie bedenkt zudem den richtigen Ort und den richtigen Zeitpunkt der Kritik, vor allem bietet sie mit dem richtigen Ton Hilfe bei der Suche nach neuer Musik an.

 

Kritik ist dann annehmbar, weil sie keine Abrechnung, aber auch keine Schuldzuweisung darstellt, sondern ein Lernprozess ist, ein Sprungbrett bei der Frage nach neuen und gemeinsamen Wegen.

 

Als heilsame Selbstkritik übersieht sie nicht den Balken im eigenen Auge. Und der Splitter im fremden Auge wird nicht überbewertet. Die Kritikpunkte, aber auch die Nerven werden ins rechte Lot gebracht.

Burkhard Budde


Erbe als Schrittmacher

Senioren Union diskutierte über notwendige Erneuerung

Ilse Nickel, Vorsitzende der Senioren-Union

 

Wer das reformatorische Erbe achte, gehöre zu den Schrittmachern gesellschaftlicher und kirchlicher Erneuerung. Die Braunschweiger könnten auf „ihren Schatz“, die erste Verfassungsurkunde des Luthertums weltweit, stolz sein. Diese Meinung vertrat Burkhard Budde  auf einer Veranstaltung der Senioren Union der CDU am Reformationstag in der „Löwenkrone“ der Stadthalle.

 

Zum Erbe auch der Braunschweiger Reformation, die der Pfarrer Johannes Bugenhagen aus Wittenberg 1528 im Auftrag des Stadtrates einführte, zähle, sich nicht bevormunden und entmündigen zu lassen, sondern sich eine eigene Meinung bilden zu können. „Wir brauchen auch heute keinen kirchlichen, politischen oder journalistischen Vormund, sondern Anwälte der Erneuerung“, sagte Burkhard Budde. Und zwar der Freiheit und der Vielfalt – damals die Neugestaltung des Gemeinwesens – der Solidarität und Verantwortung – damals insbesondere  „Armenfürsorge“ – sowie der Bildung und Gerechtigkeit – damals insbesondere „Schulwesen“.

 

Die Gesellschaft, die sich immer mehr in Gruppen, Kulturen und Stile differenziere und zerlege, brauche neben der Vielfalt auch ein Einheitsband wie das Grundgesetz, die Gesetze und die Rechtsordnung, aber auch eine Alltagskultur zum Beispiel mit den Werten Ehrlichkeit, Vertrauen, Fairness, Toleranz, Gleichberechtigung und Hilfsbereitschaft.

 

Darüber hinaus gehöre die Feiertagskultur, die geschichtlich gewachsen und in der Alltagskultur der gesamten Gesellschaft verankert sei, zum Einheitsband. Christliche Feiertage, so führte der Referent aus, seien nicht nur religiöse Angebote für gläubige Menschen, sondern regelmäßig wiederkehrende soziale Brücken und kulturelles Geländer für alle. Zu Weihnachten gebe es deshalb auch „Familienbesuche“ und „Familienfeiern“ ohne Kirchenbesuche.

 

Die Forderung nach mehr gruppenbezogenen Feiertagen wie islamische Feiertage verkenne, dass ohne Verankerung in der Alltagskultur der Mehrheitsgesellschaft die Einheit gefährdet sei. „Wer jedoch die Einheit in der Vielfalt stärken will, muss sich um das Einheitsband kümmern, vor allem es im Alltag vorleben“, meinte Budde, der um weitere Mitstreiter bei einer kirchlichen und gesellschaftlichen Erneuerungsbewegung warb.


Christliche Kirchen brauchen ständig Erneuerung

10 Thesen zum Reformationsjubiläum am 31. 10.2017

Zukunftsperspektiven gewinnen christliche Kirchen

durch die gelebte Botschaft des Evangeliums:

1.)    als Gestalter, nicht nur als Verwalter des Erbes.

Hierarchie und Organisation gehören ständig auf den Prüfstand des Evangeliums.

Sie haben der Freiheit und Verantwortung aller Gläubigen zu dienen.

2.)    als Erneuerer, nicht nur als Bewahrer der Tradition.

Rituale und  Überliefertes gehören ständig auf den Prüfstand der Menschlichkeit.

Sie müssen Menschen bei der Sinnsuche helfen und Vertrauen stärken.

3.)    als Verkündiger, nicht nur als Funktionär einer Institution.

Würden- und Amtsträger gehören ständig auf den Prüfstand der Verantwortung.

Sie haben eine friedensstiftende und dienende Aufgabe.

4.)    als Zeuge, nicht nur als Manager von Religion.

Dienstleistungen und Angebote gehören ständig auf den Prüfstand der Christlichkeit.

Sie müssen soziale Weite durch geistliche Tiefe und gelebte Glaubwürdigkeit gewinnen.

5.)    als Partner, nicht als Handlanger oder Bevormunder der Öffentlichkeit.

Öffentliche Stellungnahmen gehören ständig auf den Prüfstand der Notwendigkeit.

Sie müssen im Lichte des Evangeliums begründbar und nachvollziehbar sein.

 

Der Auftrag der Verkündigung des Evangeliums in Wort und Tat muss im Zentrum aller kirchlichen Tätigkeiten stehen; Schrittmacher und zugleich Maßstab sind:

6.)    die Bibel als geistliche Quelle, ethischer Kompass und normative Instanz christlicher und kirchlicher Existenz.

7.)    Jesus Christus als Mitte der biblischen Botschaft sowie als Dreh- und Angelpunkt aller Tradition und Erneuerung.

8.)    der Glaube an Jesus Christus als der persönliche Generalschlüssel zum christlichen Leben, das in dem mitleidenden und selbstleidenden Gott geborgen, vor dem freien und freimachenden Gott zu verantworten ist und durch den gnädigen Gott vollendet wird.

9.)    der Geist Christi als geschenkte Gewissheit der bedingungslosen und universellen Liebe Gottes, die ein Leben in Liebe und Vernunft, in Freiheit und Verantwortung, in Weisheit und Vertrauen bewirkt.

 

Eine Allerweltskirche produziert Langeweile und Stillstand.

Eine Hauskirche kümmert sich am liebsten um sich selbst.

Eine Nischenkirche macht es sich in der Bedeutungslosigkeit bequem.

Eine Amtskirche mit Gremienwirtschaft und Behördenstruktur, die nur sozial tätig ist oder nur gesellschaftliche Zensuren verteilt, ist wie ein Baum ohne Wurzeln und Früchte.

10.) Die Kirche Jesu Christi, die sich ständig erneuert, ist nicht gleichgültig den Gleichgültigen, hochmutig den Hochmütigen, ängstlich den Ängstlichen, lieblos den Lieblosen gegenüber. Die vom Geist Christi bewegte Institution ist vielmehr eine menschliche und gemischte Bewegung des biblischen Geistes der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit - Teil der Welt, aber nicht von der Welt, in der Welt, aber vor allem für die Welt mit einem eigenen menschlichen Gesicht, einem eigenen gläubigen Herzen, einem eigenen Kopf der Vernunft sowie mit eigenen Händen der Versöhnung und des Friedens. 

 

Burkhard Budde


Auf ein Wort

 

Gott kommt nicht aus der Mode

 

Geht der alten Dame die Puste aus, weil ihr die Kraft zur Rundumerneuerung fehlt?

Im Jahre 1517 jedenfalls wurde sie von Martin Luther scharf angegriffen. Im Feuer der Kritik standen ihr vermeintlich heuchlerisches Getue, ihre Verdummungsversuche und ihr Geschäftsgebaren; äußerlich der Verkauf von Ablassbriefen und die Käuflichkeit kirchlicher Ämter. Für Luther redete die alte Dame zwar von Gott, aber nicht mit Gott. Und der „glühende Backofen voller Liebe“, so der Reformator über Gott in einer Predigt aus dem Jahre 1522, lasse sich auch nicht kaufen.

Dem streitbaren und provozierenden Kämpfer gegen kirchliche Würdenträger waren insbesondere  die Bibel wichtig - kein Rezeptbuch für das Verhalten, wohl aber geistliche Quelle und ethischer Kompass - ; die Gnade - kein leeres Versprechen, wohl aber die Gewissheit der bedingungslosen Annahme durch Gott - ; der Glaube - kein blindes Gefühl, wohl aber der Schlüssel des Menschen zum Evangelium - ;  Jesus Christus - kein Religionsstifter, wohl aber menschlicher und zugleich göttlicher Spiegel der universellen Liebe Gottes.

    

Lebt heute in der „alten Dame“, die alle Konfessionen als Kirche Jesu Christi verkörpert, das Anliegen Luthers und der Reformation fort?

Oder ist sie vor allem mit der Verwaltung des Erbes beschäftigt, mit Gremienwirtschaft, Behördenstruktur, Machthierarchien, mit sich selbst?

Passt sie sich ängstlich jeder neuen Mode an und holt das Kleid der Verkündigung nur selten aus dem Schrank ursprünglicher Aufgaben?

Wird sie als Moraltante wahrgenommen, die Zensuren erteilt, deren Stimme in der Öffentlichkeit höchstens geduldet, jedoch nicht ernstgenommen wird?

Plustert sie sich als kirchliche Managerin eines sozialen Marktriesen auf, weil sie meint, noch effizienter agieren zu können, und Nächstenliebe nur übt, wenn sie sich rechnet?

 

Die alte Dame ist aber noch nicht am Ende ihres Lateins, wenn sie ihre geistlichen Wurzeln neu- oder wiederentdeckt. Ihre größten Feinde sind Verwaltungsmentalität und Selbstverweltlichung, Selbstgerechtigkeit und Gleichgültigkeit, Mittelmäßigkeit und Realitätsverlust, vor allem jedoch Unglaube und Kleinglaube, nicht mit Gottes Handeln zu rechnen.

 

Aber wie  kommt ein neuer moderner Geist in die alte schwerfällig gewordene Dame?   Indem man in ihr Gesicht mit den Falten der Erinnerung, aber auch den klaren Augen blickt - und sich darin selber entdeckt. Denn Kirche hat man nicht, sondern man ist Kirche. Die Erneuerung der Kirche fängt beim einzelnen an, der mit Gott und den Menschen durch den Glauben, die Bibel, die Gnade und den Geist Jesu Christi in Verbindung bleibt.

 

Die alte und zugleich junge Dame bleibt dann keine langweilige Amtskirche ohne Fußvolk, keine Haus- oder Nischenkirche, sondern wird eine begeisterte Kirche Jesu Christi, die Schritt halten kann und andere suchende und dienende Christen begeistert. Sie braucht keine äußere Gesichtsstraffung, wohl aber ein neues und gelebtes Grundvertrauen in Gott, der an ihr und durch sie in der Welt und für die Welt handelt und deshalb als ewiger Erneuerer nie aus der Mode kommt.

 

Burkhard Budde


Ein Artist.

 

Nur ein Artist?

Eine exotische Ausnahmeerscheinung ohne Alltagsberührung?

Mit perfekten Leistungen ohne Nachahmungsmöglichkeiten?

 

Ein außerordentlicher Zauberer?

Ein Spiegel unwirklicher Illusionen?

Mit phantasievoller Schaffenskraft und gezähmter Leidenschaft?

 

Ein Mensch und zugleich Künstler?

Der viel Schweiß und Nerven, Fleiß und Zeit investiert hat?

Mit ständigen Wiederholungen und immer neuen Anfängen?

 

Der als Paar ein faszinierendes und fesselndes Spiel vorführt.

Das zusammen gewachsen ist und jetzt mit Grenzen spielt.

Mit Selbstvertrauen und bedingungslosem Fremdvertrauen.

 

Funkelnde Akrobatik und akrobatische Geschmeidigkeit,

die unerreichbar, aber unbeschreiblich schön ist.

Den Atem anhaltend bis der Applaus alle erlöst.

 

Burkhard Budde

(Inspiriert durch den Besuch „Trust me“ im Lessingtheater in Wolfenbüttel am 25. Oktober 2017)


Nicht Asche verwalten, sondern Feuer entzünden

In Braunschweig wurde Kirchengeschichte geschrieben

Der Reformator Martin Luther hat nie die alte Hansestadt Braunschweig besucht. Dafür aber war sein Freund Johannes Bugenhagen in der Stadt Heinrichs des Löwen und führte 1528 die Reformation auf Bitte des Braunschweiger Rates ein. Bugenhagen, der aus dem pommerschen Treptow stammte und seit 1523 Stadtpfarrer in Wittenberg war, setzte auch in Braunschweig um, was Luther dachte.

 

Die Neuregelung der Braunschweiger Stadt- und Kirchenordnung, die der Theologe Bugenhagen erarbeitete und die vom Rat am 6. September 1528 beschlossen wurde, war wegweisend für die folgende Reformation in Norddeutschland und ganz Europa, zum Beispiel für Hamburg, Lübeck, Pommern und Dänemark (Norwegen).

 

Auf diesen historischen Schatz in Braunschweig, auf die erste Verfassungsurkunde des Luthertums weltweit, wiesen Pfarrer Dieter Rammler, Direktor des Theologischen Zentrums Braunschweig, und Dr. Henning Steinführer, Leiter des Braunschweiger Stadtarchivs, während Veranstaltung des Lions Clubs Braunschweig Dankwarderode  am 26. Oktober 2017 in der luth. Pfarrkirche St. Ulrici- Brüdern hin.

 

In der Kirchenordnung, dem „Braunschweiger Modell“ (Rammler), von Bugenhagen, dem „Glücksfall für Braunschweig“ (Steinführer) erarbeitet, ging es vor allem um die die Gestaltung des christlichen Gemeinwesens, um den Gottesdienst (z.B. Predigt und Abendmahl im Mittelpunkt, keine Seitenaltäre, gute Prediger, die bibelorientiert waren), um die Armenfürsorge (z.B. Finanzierung der Hebammen, Einsatz von Diakonen) und um das Schulwesen (für alle, auch für Mädchen, Finanzierung).

 

Braunschweig war - wie Städte überhaupt - Vorreiter der Reformation, weil sich ein humanistisch gebildetes Bürgertum nicht länger bevormunden lassen wollte. Die Botschaften „Alle sind gleich“ und „Jeder kann sich eine eigene Meinung bilden“ zündeten – und bleiben bis in die Gegenwart relevant. Luthers geistig-geistliche Flamme brauchte Freunde wie Bugenhagen, um nicht im Keim erstickt zu werden. Die Erneuerungsbewegung braucht auch heute keine Verwalter der Asche, sondern Mitstreiter, die das Feuer der Freiheit und Verantwortung, der Solidarität und Bildung immer wieder neu entfachen.

 

Burkhard Budde


Kommentar

 

Muslimischen Feiertag einführen?

 

Überlegungen, einen muslimischen Feiertag in Deutschland einzuführen, mögen gut gemeint sein. Aber sind sie weitsichtig und klug, Motor oder Bremse der Integration?

Warum gleichsam rechtlich Gas geben und - „typisch deutsch“ - wieder Regelungen schaffen?

 

Schon heute können muslimische Arbeitnehmer oder muslimische Schüler religiöse Feste wie Ramadan oder das Opferfest feiern, wenn keine Sachgründe wie der notwendige Betriebs- und Schulablauf  oder -Frieden dagegen sprechen.

 

Wer sich für die Einführung eines muslimischen Feiertages mit dem Hinweis auf Pluralität, Meinungs- und Religionsfreiheit einsetzt, öffnet die Tür für weitere Forderungen. Zum Beispiel die Einführung eines Feiertages für Konfessionslose und Nichtgläubige oder einen Feiertag der religiösen Vielfalt?! Und könnte es nicht auch gute Gründe für die Einführung eines jüdischen Feiertages geben, um die Erinnerung an Gewaltherrschaft und Diktatur wachzuhalten und damit die gemeinsame Verantwortung im Blick auf den Schutz der Menschenwürde zu stärken?

 

Und wenn schon generell „Bilanz“ gezogen wird, weil die christlich geprägte Feiertagskultur nicht selten inhaltlich ausgehöhlt worden ist oder eine Abstimmung mit den Füßen erfährt,     warum nicht gleich im Gegenzug oder als Kompensation für einen Islam-Feiertag den 2.Weihnachtstag, den 2.Ostertag oder den 2. Pfingsttag als staatlich anerkannte religiöse Feiertage abschaffen?

 

Es geht kein Weg an der gewachsenen Identität eines Landes vorbei, den kulturellen und religiösen, geprägten und (immer noch) prägenden Fingerabdruck wahrzunehmen. Zur identitätsstiftenden Einheit gehören Sprache und Geschichte, Traditionen und Rituale, aber auch die christlichen Wurzeln, Werte und Normen, die gerade ein tolerantes und friedvolles Miteinander und Füreinander ermöglichen.

 

Wichtiger als ein neuer religiöser Feiertag sind ein gesellschaftliches Klima und ein politischer Werterahmen, zu dem individuelle Freiheit und persönliche Verantwortung, Heimatorientierung und Weltoffenheit gehören, der nicht verschwiegen, sondern genannt, erklärt, gelebt und vorgelebt, gefördert, aber auch eingefordert werden muss. Damit unsere Gesellschaft auf dieser Grundlage offen und zukunftsfähig bleibt und nicht in ein Vielerlei und Allerlei auseinanderdriftet.

 

Wichtiger als Feiertage sind  gelebte Inhalte der Integration in den Moscheen, Synagogen und Kirchen, aber auch in den Parlamenten und Schulen, Unternehmen und Häusern. Und manche Bürger können auch im stillen Kämmerlein in geistig-geistlicher Tiefe viel für eine wehrhafte Gesellschaft mit menschlichem Antlitz viel bewegen, integrieren.

 

Burkhard Budde


Auf ein Wort

 

Mehr als Süßholzgeraspel

Die Sahne, die stolz den Kuchen dekoriert, greift plötzlich den Zucker an: „Du löst dich doch nur im Tee auf und verschwindest“. Verärgert reagiert der Zucker und geht in die Offensive: „Ohne dich schmeckt der Kuchen immer noch und keiner würde dich vermissen“. Ein Mehrkornbrötchen, das auf einem Teller in der Nähe liegt, mischt sich ein und sagt: „Alles gehört irgendwie zusammen. Ohne meine Körner wäre ich kein Mehrkornbrötchen“. Nur ein Eis am Stiel, an dem ein Kind schleckt, schweigt, verdreht aber die Augen und denkt nach. Ist nicht alles vergänglich, vielleicht sogar vergebliche Liebesmüh? Auch oder gerade, wenn man selbstlos ist, weil man dann sein Selbst los wird? Aber wo bleibt der Sinn allen Lebens?

 

Nur einfach auf die Sahne hauen, täuschen und blenden, übertreiben und aufbauschen macht den Kuchen auch nicht genießbarer oder attraktiver. Aber „Sahne mit Begründung“ kann dem Auge schmeicheln und die Zunge verzücken; ihr „schöner Schein“ zum gemeinsamen Sein mit dem Kuchen dazugehören.

 

Nur einfach den Zucker verteufeln, unterstellen, dass Werte wie Verantwortung und Fairness Süßholzgeraspel seien, aber im Tee der alltäglichen Auseinandersetzungen keine Rolle spielten, muss nicht richtig sein. Keinem wird die Pistole auf die Brust gesetzt, seine Überzeugungen aus pragmatischen Gründen aufzulösen oder moralisch zu überzuckern. Jeder kann (!) sein Gesicht zeigen.

 

Wie beim Mehrkornbrötchen ist auch ein Leben im Einklang mit sich selbst und anderen möglich. Ohne dabei abzuheben oder sich aufzugeben. Vielmehr sollte man neugierig bleiben sowie gelassen bei der Suche nach Wahrheiten, Lösungen – nach Sinn.

 

Denn immer steckt im einmaligen und vielfäligen Leben, das vergänglich und endlich ist (kein Sonderwissen des Eises am Stil!), ein individueller Sinn mit vielen Überraschungen,  entdeckbar und wahrnehmbar im Lebensvollzug. Und der macht Geschmack – bei allen Unterschieden - auf gegenseitigen Respekt und begründetes Vertrauen, auf ein beglückendes Miteinander und solidarisches Füreinander.

 

Bei vielen Menschen läuft das Wasser im Munde zusammen - nicht nur, wenn sie an ein leckeres Stück Kuchen mit Sahne, an Tee mit Zucker (und Zitronensaft) oder an ein deftiges Brötchen mit gesunden Körnern denken. Sondern auch an ein bisschen Liebe, an bedingungslose Annahme, persönliche Wertschätzung, faszinierende Leidenschaft und an ein sinnvolles sowie sinnstiftendes Leben in Gemeinschaft.

 

In der wahren Liebe liegt der eigentliche Sinn des Lebens. Und in einer Sinnerfahrung kann sich beglückende Liebe ereignen.

 

Burkhard Budde

 

(Veröffentlicht auch in Wolfenbütteler Schaufenster am 22.10.2017)


Auf ein Wort

 

Zwischen Allmacht und Ohnmacht

 

Wer etwas (nicht) macht, hat (auch) Macht. Und diese ist weder die Krönung der Gottlosen noch der Ritterschlag der Frommen.

 

Machterwerb, Machterhalt und Machtverlust gehören zum Leben dazu wie die Luft zum Atmen. Einen machtfreien Lebensraum  gibt es nicht, auch wenn einzelne davon träumen, reale Machtspiele und Machtphantasien bewusst unter der Decke halten oder die eigenen Wechselbäder der Gefühle zwischen Allmacht und Ohnmacht verleugnen. 

 

Jede Macht ist ein Gestaltungsinstrument, das einem Menschen die Möglichkeit gibt, in das eigene oder fremde Leben positiv oder negativ auch gegen innere oder äußere Widerstände einzugreifen.

 

Aber Vorsicht! Politische Macht beispielsweise  kann wie eine Droge wirken, zum Kontrollverlust führen und abhängig machen. Oder wie Leim, der Atemwege der Menschlichkeit und des Anstandes verklebt. Oder wie Eis in der Sonne an einem Wahltag und schnell dahinschmelzen.

 

Macht darf nicht intriganten Strippenziehern, feigen Heckenschützen oder boshaften Gestalten überlassen bleiben. Ein dunkler Dschungel mit dem Gesetz des Stärkeren oder ein fieses  Theaterspiel mit heuchlerischen Akteuren  muss vielmehr

 

 transparent gemacht sowie machtvoll bekämpft werden. Und demokratisch legitimierte Macht auf Zeit muss stets an Recht und Gesetz gebunden und öffentlich kontrollierbar bleiben, damit sie nicht missbraucht wird. Macht und Verantwortung sind zwei Seiten einer Medaille, der freiheitlichen Demokratie, die Machtteilung durch Gewaltenteilung kennt. 

 

Die politisch Mächtigen muss man nicht verteufeln oder verachten, auch nicht anhimmeln oder hofieren. Wohl aber kann man ihre legale und legitimierte Macht erkennen und anerkennen, wertschätzen und unterstützen. Besonders wenn sie sich für die Wahrung der Würde aller einsetzen und sich um die nachhaltige Gestaltung der Lebensbedingungen kümmern, die für alle wichtig sind. Nicht als Privilegierte mit Beharrungsvermögen, sondern als Macher im Auftrag von Bürgern für Bürger mit Entwicklungspotenzial.

 

Denn wer sich mit vertrauenswürdiger Vollmacht  für die Allgemeinheit oder auch für die Machtlosen einsetzt, braucht Macht.

 

Burkhard Budde

 

(Veröffentlich auch in Wolfenbütteler Schaufenster vom 15.!0.2017) 


Wendet ein neuer Vertrag die gemeinsame Not?

Botschaft eines St. Andreasberger an die Verantwortlichen

Der Blick eines stattlich wirkenden sowie farbenfroh und leger gekleideten Mannes in schwarzen Stiefeln ist ernst und sorgenvoll. In seiner rechten Hand hält er mit festem Griff ein gerolltes Stück Papier. Er richtet seine Augen zu einem jungen Mann, der ihm den Rücken zuwendet, weil er dabei ist, mit einer Lupe die Flosse eines Urreptils zu untersuchen.

Eine schlanke Frau in seiner Nähe blickt scheinbar sprachlos und fragend zum Himmel, an dem sich dunkle Wolken zusammenbrauen. Ein kleiner Waschbär (?, links im Bild) ist im Begriff, sich aus dem weiten und leblosen Tal, aus dem auch der ältere Mann in der Mitte gekommen ist, auf eine nächst höhere Ebene, gleichsam aus dem Bild hinaus zu bewegen.

 

Das Ölgemälde von Peter Peinzger, das zurzeit in der Kunstausstellung „Natur-Mensch-2017“ in St. Andreasberg im Oberharz zu sehen ist, trägt den Titel „Der Naturvertrag“. Der freischaffende Künstler, 1952 in Weimar geboren, seit 1973 in St. Andreasberg, Berlin und Schweden wirkend, provoziert allein mit dieser Überschrift.

 

Ist es nicht schon zu spät, einen Vertrag zwischen Natur und Mensch „auf Augenhöhe“ und „nachhaltig“ abzuschließen. Oder gibt es bereits seit langer Zeit einen Vertrag, der dem Menschen die alleinige Herrschaft über die Natur ermöglicht? Wo ist die Vielzahl der Lebewesen (geblieben)? Wo der gemeinsame Lebensraum für Mensch und Tier? Wo das bunte und faire Spiel der Lebenskräfte? Und wer trägt die Verantwortung?   

 

Oder gibt es trotz aller Monotonie und Herrschaft sowie aller Monopole und Bevormundung noch Hoffnung auf ein neues und gemeinsames  Leben in und mit der Natur?

 

Oder wird sich die zerstörte und gleichgemachte Naturlandschaft mit ihren rohen und unberechenbaren Urgewalten eines Tages rächen, sich gegen den Menschen aufbäumen, ihm den Vertrag aus der Hand reißen, ihn selbst an den Rand drängen, wie einen bösen Traum vertreiben oder zum ohnmächtigen Zuschauer degradieren?

 

Ist der rote Horizont ein Weckruf zur Umkehr? Der helle Himmel (mit einem versteckten Gottesauge?) ein Ruf in die persönliche und politische Verantwortung? Sind die hellen Gesichter der  Akteure ein Hoffnungsschimmer?

 

Vor allem geht dem Betrachter des Bildes ein Licht auf - das Licht der Vernunft, damit ein neuer Vertrag mit der Natur im beiderseitigen Interesse abgeschlossen wird?!

 

Damit die schöpferische Kraft der Versöhnung das letzte Wort behält?!

 

Burkhard Budde


Faszination wirkt bis in das Reich der Mitte

Besondere Reize im Harz

 

Faszination Harz: „Die Sehnsucht nach den Bergen und Tälern war so groß, dass ich nach 10 Jahren zurückgekehrt bin“, berichtet mir eine junge Kassiererin im Supermarkt einer kleinen Stadt im „Bergwald“, so die Bezeichnung des Harzes im Mittelalter. Zuvor habe sie an der Küste gearbeitet, wo es auch sehr „cool“ war, aber die Liebe zur Heimat war dann doch wohl intensiver.

 

Das Mittelgebirge mit seinen drei Naturparkes am Schnittpunkt von Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen sowie mit dem Brocken (1142 Meter hoch) hat ganz besondere Reize, die viele Menschen zum Beispiel aus Braunschweig und Hannover, aus Hamburg und Bremen, aber auch aus Berlin sowie aus den Niederlanden und Dänemark regelmäßig anziehen.

 

Das faszinierende Zusammenspiel sowie einzigartige Wechselspiel von urwüchsiger Natur und gewachsener Kultur, von beispielhafter Technik und sozialer Geschichte lässt die Seele des Besuchers nicht unberührt, öffnet und bewegt sie, lässt sie eins werden mit dem Erlebten, das ihr schöpferische Ruhe und neue Kraft schenkt.

 

Ich komme in der Bergstadt St. Andreasberg im Naturpark Harz mit einem älteren Ehepaar aus Leipzig ins Gespräch. Seit der Wiedervereinigung machen sie regelmäßig Urlaub am Rande des Nationalparks Harz und erkunden die Region. „Es gibt Städte, die langsam aufblühen. Aber auch Orte, die sich immer noch im Dornröschenschlaf befinden.“ „Aber ist das nicht auch ein besonderer Reiz?“ frage ich. Das Paar lacht spontan. Dann antwortet die Frau: „So habe ich das noch nicht gesehen“. Wir sprechen über diese Orte, die behutsam „wachgeküsst“ werden können, ohne den Charme ihrer natürlichen Ausstrahlungskraft zu verlieren.

 

Wir verstehen uns: Der geheimnisvolle Mantel, der sich über einen solchen Ort wärmend und beruhigend legt, wird im hektischen und gestressten Alltag einer Großstadt (mit anderer Luft und mehr Lärm) immer seltener erfahrbar. Und diesen Mantel, der aus Natur und Kultur zusammengesetzt ist, wenn nötig zu flicken oder zu erneuern, ohne ihn einfach zu zerstören, kann eine spannende politische und zivilbürgerliche Aufgabe sein, die Zukunft eröffnet.


 

Wenig später kommt es zu einer Begegnung mit den Bandmitgliedern der Indi-Popgruppe „You Silence I Bird“ aus Hannover und Braunschweig. Sie machen am Rande der Universitätsstadt Clausthal-Zellerfeld einen Band-Urlaub. Denn die Natur ist ihnen eine wichtige Inspirationsquelle.

 

Übrigens scheinen auch die etwa 600 chinesischen Studenten an der Harzer Hochschule von dieser Quelle, die sich untrennbar mit dem Studienort verbindet, fasziniert zu sein. Denn nicht ohne Gründe (Plural!) wirkt die Harzer Faszinationskraft bis in das Reich der Mitte.

 

Burkhard Budde


Auf ein Wort

 

Farbe bekennen

 

Immer nur zur harmonischen Musik in Reih und Glied marschieren? Es möglichst allen recht machen? Für alles offen sein?

Ok?! Aber sich dann nicht wundern, wenn man auf Dauer von niemandem mehr so richtig wahr- und ernstgenommen wird. Dass gähnende Langeweile herrscht. Oder dass man plötzlich zwischen allen Stühlen sitzt, wegen vieler Angriffsflächen.

 

Wer überleben will, muss sich auch anpassen können – aber möglichst nicht um jeden Preis, zum Beispiel um den Preis persönlicher Rückgratverkrümmung und der  Selbstaufgabe oder der Zementierung der Verhältnisse.

 

Es gibt eine Alternative: Man kann versuchen, Brücken zum Andersdenkenden zu schlagen, ohne ins Schwimmen der Beliebigkeit zu geraten; Segel zu setzen, die Argumente anderer bedenken, ohne das Ruder der Verantwortung  aus der Hand zu geben; mit dem Florett zu fechten, seine Überzeugungen vertreten, ohne zum Holzhammer der Selbstgerechtigkeit  greifen zu müssen.

 

Wohl wissend, dass niemand die Wahrheit gepachtet hat, weil es nur Wahrheiten gibt. Dass es nichts gibt, was allen gefällt. Dass einfach Abtauchen in den angeblichen Geschmack der meisten Menschen gefährlich ist, wegen Luftmangel bzw. Perspektivlosigkeit.  

 

Erst die Suche nach tragfähigen und nachhaltigen Lösungen zum gegenseitigen Nutzen und zum Wohle aller  eröffnet neue Möglichkeiten - immer gebunden an gemeinsame Werte wie Fairness und Wahrhaftigkeit, Toleranz und Kompromissbereitschaft, Empathie und Wehrhaftigkeit.

 

Um Ziele zu erreichen, müssen Werte gelebt werden. Muss der einzelne auch mal aus der Reihe tanzen, um in Würde und Freiheit Farbe zu bekennen. Damit aus verschiedenen Farben ein hoffnungsvolles Bild wird, das im gegenseitigen Vertrauen selbst bei schräger Marsch- und Begleitmusik alle Verantwortlichen bewegt. Damit die Wirklichkeit „fit“ für die Zukunft wird. Und die Vernunft das letzte Wort behält.

 

Burkhard Budde 

 

(Veröffentlicht auch in Wolfenbütteler Schaufenster vom 8.10.2017 sowie in Die Welt vom 2. 10.2017)


„Verrückte Brötchen des Humors“

Komiker Johann König in Wolfenbüttel

 

Spaßverderber oder Miesepeter konnte man nicht erleben. Wohl aber Spaßvögel, die über einen Komiker und seine Späße spontan und herzhaft lachen konnten.

Das gelang Johann König mit seinem Spaßprogramm „Milchbrötchenrechnung“ am 6. Oktober 2017 in der Lindenhalle in Wolfenbüttel, zeitweise wie am Fließband einer Bäckerei. König, der „irre Vogel“,  hielt etwa 1000 Teilnehmern den Spiegel mit Alltagserfahrungen im Haushalt, aber auch auf der Straße und im Zoo vor, indem sich vielen wiederentdecken konnten – mit spitzer Zunge, süßem Gift und Überraschungseiern.

 

Dem freundlichen Komiker konnte man selbst Zerrspiegel mit „boshaften“ und „grenzwertigen“ Anspielungen sowie irritierenden und verrückten Wahrheiten nicht übel nehmen. Er täuschte mit Bekanntem, verführte mit immer neuen Bildern in den Kopfkinos seiner Zuhörer, um schließlich in überraschender Weise „seine“ Wahrheit ans Licht zu bringen sowie ins „rechte“ Licht der Wirklichkeit zu rücken.

 

Wer auch über seine musikalischen Einlagen und witzigen O-Töne nicht lachen konnte, wollte (oder konnte?) offensichtlich keinen Spaß verstehen. Und musste wohl die Rechnung der Milchbrötchen mit einfacher Bespaßung bezahlen.

 

Wer aber seine schmackhaften und zugleich verrückten Brötchen des Humors mit ironisierenden Rosinen verdaute, konnte in (fast) allen Spiegeln irgendetwas Komisches wiederentdecken. Und irgendwie und irgendwo sogar sich selbst. Der kam auf seine Kosten, lachte über sich selbst und wurde zum Spaßmacher seiner eigenen Seele.

 

Burkhard Budde  


„Rebellischer Geist mit gutem Gewissen“


Woher stammt der „rebellische Geist“, woher das „schlechte Gewissen“ eines Müßiggängers? Wer hat den „Schwarzen Peter“? Der Reformator Martin Luther (1483 bis 1546)? Oder begann beides mit dem Thesenanschlag am 31. Oktober 1517 an das Tor der Schlosskirche in Wittenberg?



Für den Historiker Prof. Dr. Peter Burschel (Wolfenbüttel), der auf dem Rittertag des Johanniterordens am 30.September 2017 in Braunschweig den Festvortrag hielt, sind die Nähe des Protestantismus zur Demokratie und zum Kapitalismus Narrative (sinnstiftende Erzählungen), die immer noch wirkten. Der Protestantismus sei jedoch nur ein Weg (gewesen), um den Reformstau zu überwinden. Er stehe in einem komplexen Kulturzusammenhang und habe Spuren im Ausland im Kontext anderer Religionen und säkularer Lebensentwürfen hinterlassen. Und sich dabei selbst verändert.


Die „Musik“ des Protestantismus spiele heute in Afrika und Asien, nicht in Europa. Burschel weiter: „Und er kehrt in neuer Weise zurück, nicht immer ganz ohne.“


Aber was ist heute unter einem „rebellische Geist“ zu verstehen? Widerspruch und Widerstand zu leisten, wenn Würde und Menschenrechte verletzt werden? Oder wenn arrogante Gleichgültigkeit und ignorante Boshaftigkeit im Alltag herrschen?


Und was bedeutet heute „Müßiggang“? Entschleunigung, Pausenzeit, Auszeit, Selbstbefreiung aus dem Alltagstrott, (verantwortungs-) bewusstes Leben?


Vielleicht kann der Glaube an den gnädigen Gott bei der Suche nach persönlichen Antworten (doch) helfen, jenseits eines rebellischen Aktivismus, einer selbstgerechten Besserwisserei und einer müßigen Langeweile einen neuen Durchblick zu gewinnen.


Wie Luther können „Glaubensrebellen mit ethischem Kompass“ und „Müßigänger ohne schlechtes Gewissen“ erkennen, dass sie mit leeren Händen vor Gott stehen, damit sie die unsichtbare Hand Gottes (besser) ergreifen können, um persönlich zu begreifen: Ich bin bereits beschenkt, zum Beispiel mit Zuversicht und Kraft, vor allem mit (unendlich) viel Liebe. Und gebe diese Lebensgeschenke dankbar und gern, in Liebe und Vernunft weiter…

Burkhard Budde


Auf ein Wort

 

Lohn der Dankbarkeit

 

„Undank ist doch der Welt Lohn!“ denken die einen. Einen kühlen Kopf behalten, rechnen und analysieren, deuten und urteilen; darauf komme es an! 

 

Aber „nur“ denken? „Nein danke!“ antworten andere. Lieber jammern und nörgeln sie, kritisieren und schimpfen, zeigen scheinbar Betroffenheit und erzeugen miese Stimmung; das sei jetzt dran!

 

Aber einmal Hand aufs Herz: Wer hat sich selbst gezeugt, geschaffen oder geboren? Wer lebt ewig? Hat auch nur ein Mensch das Entscheidende im Leben in seiner Hand? Kann er vielleicht  Gesundheit, Liebe und Vertrauen einfordern oder gar einklagen? Sind diese Werte etwa käuflich und erwerbbar, einfach leistbar und herstellbar?

 

Und doch sollten wahre Lebensgeschenke bewusst bedacht und verantwortungsvoll durchdacht werden, gerade weil sie nicht selbstverständlich sind. Und damit man sie nicht holterdiepolter verliert.

 

Eine dankbare Hand kann leichter und bewusster abgeben, sogar vergeben, zum Beispiel Neid, Rache, Gier und Selbstsucht loslassen, um Sinnstiftendes und Lebensdienliches  sowie Versöhntes und Zukunftsorientiertes neu zu empfangen.

 

Der dankbar Denkende muss nicht mit seinen Händen auf seine eigenen Schultern klopfen, weil er ja immer alles richtig macht, sondern kann anerkennen, wenn andere tolle Leistungen erbringen; oder auch anderen, die gestürzt sind, auf die Beine helfen, damit sie wieder selbstständig laufen lernen.

 

Wenn einer weit und tief genug denkt, kann es sogar zu einer Begegnung mit der unsichtbaren, aber persönlich erfahrbaren Hand kommen, die alles Leben geschaffen hat, trägt und erhält, erneuert und vollendet. Die im Vertrauen auf die Botschaft Jesu Christi niemanden im Stich lässt. Und der man sich anvertrauen kann.

 

Doch der aktuelle Lohn jenseits von Undankbarkeit und Gedankenlosigkeit ist die innere Freiheit, im Leben und für das Leben Verantwortung zu übernehmen – in freier sowie froh- und reichmachender Dankbarkeit.

 

Burkhard Budde

 

(Das Foto zeigt ein Werk der Künstlerin Marie-Luise Schulz aus Braunschweig; der Artikel ist auch im Wolfenbütteler Schaufenster am 1. Oktober 2017 erschienen.)

 

Auf ein Wort

 

Steckt im Menschen ein Politiker?

 

Nach einer Weinprobe, an dem auch Politiker teilgenommen hatten, verkündete ein Bürger stolz: „Politiker sind auch nur Menschen.“ Eine neue Erkenntnis?

 

Klar, demokratische Politiker sind keine Übermenschen, die eine neue Welt aus ihrem Hut zaubern können. Keine Super-Schlaumeier, die in der Lage sind, Flaschen zu öffnen und über deren Inhalt zu sprechen, aber selbst den Inhalt nie „verkostet“ haben. Keine Super-Pokerspieler, die mit allen Wassern gewaschen sind, und mit einem freundlichen Pokerface ihre Mitspieler über den Tisch ziehen.

 

Als Menschen, die in der Politik und von der Politik verdienen, kennen auch sie Wechselbäder der Gefühle, Ängste und Hoffnungen, Verletzungen und Ungerechtigkeiten. Auch sie sehnen sich nach Wertschätzung und Anerkennung, Sinnerfüllung und Erfolg. Und auch sie haben Neigungen und Vorlieben, Ecken und Kanten, eine individuelle Geschichte mit Prägungen und Erfahrungen.

 

Aber ihre Wähler erwarten zugleich, dass sie sich nicht wie Klein- oder Großfürsten in demokratischen Gewändern aufführen, sondern vertrauenswürdig sind und keinen Etikettenschwindel betreiben: Nicht Wasser predigen und selbst Wein trinken.

Dass sie die Sorgen der Wähler kennen, sie wahr- und ernstnehmen sowie sich mit ihnen ehrlich und sachliche auseinandersetzen, ohne es allen recht machen zu wollen.

 

Politiker, die um Vertrauen bitten, haben eine Vorbildfunktion: Ohne Gesetzestreue und Rechtstreue können sie ihren Dienst vom Bürger legitimiert und für den Bürger nicht wahrnehmen. Sie müssen frei genug sein, sich eine eigene Meinung zu leisten, sie aber auch immer wieder kritisch zu hinterfragen und vor allem die Freiheit des politischen Gegners zu respektieren, anders zu denken.

 

Demokratische Politiker sind dem ganzen Volk verpflichtet, nicht in jeder Beziehung  einer Fraktion, Partei, Gruppe oder Organisation. Anerkennen wir diesen Dienst für das Gemeinwohl. Verstehen wir ihn, können wir aufstehen und zur Wahl gehen. Wohl wissend, dass Politiker Menschen wie wir alle sind.

 

Im Wein soll Wahrheit stecken. Aber steckt nicht auch in jedem Menschen ein Politiker?

 

Burkhard Budde

 

(veröffentlicht auch am 24.9.2017 im WOLFENBÜTTELER SCHAUFENSTER und am 15.9.2017 in DIE WELT)


Auf ein Wort

 

Ein Schlüssel für Schubfächer

 

Wo ist der Schlüssel für das Schubfach?

 

In einem fast leeren Schubfach befinden sich nur wenige Wissensbrocken und Meinungsfetzen; in einem überfüllten nur alberner Krimskrams sowie Trophäen der Geschmacklosigkeit.

 

Unsichtbare, aber liebgewonnene Schubfächer dienen dazu, Menschen zu bewerten, einzusortieren und wegzuschließen. „Das ist typisch“, heißt es dann. Und leicht entsteht daraus ein festes Vorurteil oder sogar ein Feindbild.

 

Schubfächer bieten zwar grundsätzlich Ordnung und Orientierung, um Dinge und Meinungen schneller wiederfinden zu können.

 

Aber sie bilden nicht die ganze Vielfalt der Wirklichkeit ab. Von Zeit zu Zeit sollten deshalb die Inhalte kritisch gesichtet werden, um kein unübersichtliches Chaos entstehen zu lassen, damit keine Inhalte verstauben oder ungenießbar werden, um vor allem Platz für Neues und neue Entdeckungen zu schaffen.

 

Denn könnte es nicht sein, dass ein Mensch sich weiterentwickelt hat? Oder dass er auch aus dem Schubfach herausmöchte?

 

Der Schlüssel zum Verschließen (Gehässigkeiten gehören in das unterste Schubfach) und Aufschließen (weil es nur faire Chancen außerhalb eines Schubfaches gibt) ist die (selbst-) kritische Liebe, auf der kein Etikett und kein Preisschild kleben.

Als Würde in Vernunft und Menschlichkeit, die der Schöpfer allen seinen Geschöpfen ohne Leistungen geschenkt hat, kann sie nicht eingeschlossen werden. Sie hilft, schubfachfertige Antworten zu überwinden. Und ermöglicht eine befreite Beweglichkeit im Kopf sowie offene und freie Begegnungen mit Überraschungen.

 

Wer diesen Schlüssel sucht, hat ihn schon gefunden.

 

Burkhard Budde


 

( Das Foto zeigt ein Werk der Künstlerin Marie-Luise Schulz aus Braunschweig; der Text ist auch veröffentlicht im Wolfenbütteler Schaufenster vom 17. 9. 2017.)


Auf ein Wort






Im Laufrad des Lebens

 


Auch ein Hamster im Laufrad leistet etwas.

Gleichzeitig sein Smartphone zu benutzen, eine Zigarette zu rauchen und einen Kinderwagen zu schieben, bedarf einer flinken Akrobatik. Sich im Alltags- und Berufsleben abzustrampeln und immer besser sowie erfolgreicher zu werden, geht nicht im Schneckentempo.

 

Aber kommt ein Hamster, auch wenn das Rad sich immer schneller und sich alles nur noch um ihn bewegt, wirklich von der Stelle?

 

Um den (existentiellen) Schwindel zu überwinden und um neue Orientierung, Halt und Kraft, vor allem Selbstbestimmung zu gewinnen, sind Ruhephasen wichtig. Nicht nur um das Leben wirklich zu genießen und echte Freude zu haben, sondern auch um mit der Zeit souverän und in freier Vernunft umzugehen; zum Beispiel: Kann ich mir eine eigene Meinung bilden und das Wesentliche vom Unwichtigen (noch) unterscheiden? Welche (neuen) Schwerpunkte muss ich setzen? Wie kann ich lernen, “Nein“ oder „Ja“ zu sagen? Unangenehme Dinge als Erstes zu tun? Mich selbst kritisch zu sehen? Mich begründet zu entschuldigen? Verantwortung zu übernehmen? Widerspruch mutig zu leisten, wenn die Würde mit Füßen getreten wird?

 

Manche entdecken in dieser Zeit des bewussten und vertieften Nach- und Vordenkens noch mehr. Die Lebenszeit, die einmalig und begrenzt ist, bleibt ein göttliches Geschenk des Gebers aller Zeiten. Zu wertvoll, sie nur im Hamsterrad des Lebens zu verbringen.

 

Burkhard Budde

 

(Veröffentlicht auch im Wolfenbütteler Schaufenster am 10.September 2017)


Kein Platz für Hass

Klavier und Geige in einer Brust


 

Die beiden verstehen sich prächtig. Ihr Zusammenspiel verzaubert viele. Doch dann brodelt es in der Brust. Bei jedem Atemzug gibt es ein Stechen. Neid nagt am Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen. Eifersucht verstärkt Verlustängste und sät ständig Misstrauen. Ruhmsucht lässt Eitelkeit und Verachtung anderer erblühen. Herrschsucht lässt keine anderen Meinungen gelten und duldet keinen Widerspruch. Selbstsucht breitet sich explosionsartig aus und vernichtet alle menschlichen Spuren.

 

„Du bist selbstverliebt“, verurteilt die Geige das Klavier, das kontert: „Und du selbstgerecht“. Das Klavier glaubt tatsächlich, stets den Takt vorgeben zu müssen, weil es etwas „ganz Besonderes“ sei. Und die Geige lebt im Bewusstsein, immer „bestens gestimmt“ zu sein. Es kommt zur Machtfrage: Wer hat das Sagen im Konzert des Lebens? Wer setzt sich trotz der Widerstände beim Spiel durch? Und wer bekommt den meisten Applaus?

 

Beide kochen vor Wut, versuchen von eigenen Misstönen abzulenken und eigene Schwächen mit aggressiven Tönen unhörbar zu machen. Die Geige behauptet, dass das Klavierspiel „eigentlich“ überflüssig sei. Und das Klavier wird taub für die wichtigen Einsätze des „bedeutungslosen“ Geigenspiels. Humorlos sowie immer kraftloser und einsamer, ideenloser und stereotyper, hemmungsloser und brutaler blubbern sie voller Selbstmitleid das immer gleich Lied von Ungerechtigkeit und Lieblosigkeit.

 

Bis der ganze Körper und ihr Leben vergiftet sind und der Dirigent das respektlose Spiel beendet, weil in der Brust kein Platz für Hass ist, der alles zerstört - wahllos, ausnahmslos, rücksichtslos.

 

Dabei will der Dirigent, der zugleich Komponist ist, das Lied von Freiheit und Liebe, Verantwortung und Vernunft, Recht und Gesetz, Geschichte und Kultur sowie von dienender und geteilter Macht auf Zeit einüben.

 

Und dafür braucht er auch ein Klavier und eine Geige, die sich respektieren, die mehrstimmige Partitur achten und die gemeinsamen Spielregeln beachten, um im Orchester des Lebens Freude zu verbreiten, vor allem im Vorspiel und Zusammenspiel eine gemeinsame Zukunft für alle zu stiften.

 

Denn wenn die Seele anderer durch das Lied vom neuen Leben, das nur Neuanfänge kennt, verzaubert wird, kann die Ideologie des Hasses entzaubert, die Vernunft (wieder)

vernünftig und der Mensch (wieder) menschlich werden, kritische Mündigkeit und unabhängige Unterscheidungskraft (wieder) wachsen.

 

Burkhard Budde


Kommentar

Mehr als ein religiöses Tortenstück

Warum lassen sich junge Paare kirchlich trauen?

 


Kirchliche Trauung? Ja, bitte!

Warum möchten junge Paare in einer Kirche getraut werden?

Weil das Ja-Wort vor dem Traualtar wie eine hübsche Blume im bunten Strauß kultureller Angebote ist? Weil ein religiöses Tortenstück der bunten Hochzeitstorte traditionell dazugehört? Weil etwas Außergewöhnliches  gesucht wird und zwar in der zeremoniellen Inszenierung von standesamtlicher Eheschließung und anschließender Hochzeitsfeier mit gutem Essen und Trinken, Reden und Showelementen, mit Glanz und Tanz?

 

Viele mögliche Gründe gibt es; aber offensichtlich soll bei allen Brautpaaren, ob sie nun religiös oder religiös „unmusikalisch“ sind, das Versprechen eines wichtigen persönlichen Moments an einem spirituell sprechenden Ort gemeinsam mit Weggefährten eingebettet werden.

 

Der kirchliche Raum atmet den Geist der Kontinuität und Freiheit. Die Brautleute sagen (noch einmal) freiwillig „Ja“ zu einem gemeinsamen Lebensweg vor Verwandten und Freunden, vor der kirchlichen Öffentlichkeit. Nicht aus Spaß oder nur für einen flüchtigen Augenblick, sondern verbindlich und auf Dauer - und in der Kirche vor einer übergeordneten und umfassenden Verantwortungsinstanz, vor dem liebenden Gott sowie vor seiner Gemeinde. Die Zeitgeister der Schnelligkeit und der Schnelllebigkeit, der Gleichzeitigkeit und der Oberflächlichkeit, der Technikhörigkeit und des Lebensdrucks werden so zur Ruhe gebracht, gebändigt und neutralisiert, wenigstens zeichenhaft und zeitweise. Und die freie Entscheidung der Brautleute vor dem Standesbeamten wird an einem Ort bekräftigt, vertieft und in einen erweiterten Horizont gestellt, der über sich selbst hinausweist, alle miteinander verbinden will und allen Lebensmöglichkeiten auf allen Wegen verspricht.

 

Der kirchliche Raum atmet zudem den Geist der Liebe und der Verantwortung. Brautleute und die Verkündigung der christlichen Botschaft von der Gottes- und Nächstenliebe gehen ein untrennbares Bündnis ein, weil die Brautleute im Mittelpunkt der Trauung stehen, indem ihnen persönlich die bedingungslose Liebe Gottes zugesprochen wird, die ihnen eine unverlierbare Würde schenkt und befähigt, selbst Verantwortung füreinander und miteinander sowie für die Mit- und Nachwelt zu tragen. Der Geist der Liebe Christi, der nur Neuanfänge kennt, die Vernunft erhellt und vernünftig macht, Maßstab aller Dinge ist, Kraft und Mut zur Erneuerung schenkt und Strukturen prägen kann, wird auch durch den Raum sprach- und erlebnisfähig. Die Brautleute verspüren, dass sie nicht allein auf dem Wege sind, sondern dass es eine begleitende Gemeinschaft der Gläubigen und Liebenden gibt, die nicht bevormunden, sondern zur Freiheit in Liebe und Verantwortung befähigen wollen.

 

Der kirchliche Raum ist wichtig für die suchenden Seelen nach dem Geist der letzten Geborgenheit und des letzten Sinns, auch und gerade weil der Geist Jesu Christi sich nicht einsperren oder wegsperren, sich nicht gleichgültig ignorieren oder schwärmerisch instrumentalisieren lässt. Doch auch er braucht manchmal ein „menschliches Gefäß“, einen würdigen Ort des neuen Nachdenkens mit neuen Energien und des gemeinsamen Feierns ohne Unterschiede. Das Gefäß im weitesten Sinn bleibt zwar unvollkommen und brüchig, aber mit ihm kann man – und sei es nur ein Tropfen - sinnstiftendes Außergewöhnliches für das „Gewöhnliche“ im Alltag schöpfen.

 

Und könnte dann nach einer Hochzeitsfeier im Ehealltag nicht die Erinnerung an den ein oder anderen geistig-geistlichen Tropfen ein Versuch wert sein, mit dem liebenden Gott selbst froh- und neumachende Erfahrungen zu sammeln?!

 

Burkhard Budde

 

Beim Hausbau von Liebenden



Im Ruheraum kann der Körper durchatmen, die Seele beruhigt werden und der Geist neue Orientierung finden.

Im Innenraum wird das Wissen vermehrt; im Vorraum, der zum Innenraum führt, das Gewissen geschärft, Sinn gestiftet und Herzensbildung gestärkt.

Die Fenster und Türen können geöffnet werden, damit die frische Luft des geistigen Austausches hereinkommt; geschlossen werden, damit die Individualität in der Zweisamkeit vor Zugwind geschützt ist.

Bausteine und Material sind wertschätzende Kommunikation, Fingerspitzengefühl und Empathie, Vergebungsbereitschaft und Solidarität sowie gegenseitige Entwicklungshilfe.

Das Fundament ist unsichtbar, aber im gegenseitigen Grund-Vertrauen erfahrbar, so dass Toleranz und Akzeptanz, Kompromissbereitschaft und versöhnliches Streiten möglich werden.

Der Baugrund ist das Vertrauen in Gottes letzte Geborgenheit und in seine bedingungslose Liebe, die seit Jesus Christus nur Neuanfänge und die persönliche Verantwortung vor dem liebenden Gott und dem Nächsten kennt.

 

 

 

 

Das Haus wird nie perfekt sein, aber in Liebe, in Freiheit und Barmherzigkeit um-, weiter- und neugebaut, kann es im Häusermeer des Lebens nicht übersehen werden.

Denn es lädt stets zu neuem Leben ein.

 

Burkhard Budde


„Jeder Mensch kann schön sein,

ein ästhetisches Ereignis“

„Hairspray“ auf dem Braunschweiger Burgplatz

Träume können Schäume sein oder zu Alpträumen werden. Aber manchmal ist das Kopfkino auch eine vorweggenommene Wirklichkeit, die lustvoll Freude bereitet. Der Traum von Erfolg, Berühmtheit, Gerechtigkeit und Liebe kann dennoch wahr werden – trotz schlechter Voraussetzungen, auch wenn man nicht in ein passendes Klischee passt und „schlechte Karten“ hat.

 

Diese Erfahrung sammelt die junge Tracy Turnblad in „Hairspray“, einem Broadway Musical, das zurzeit  auf dem Burgplatz in Braunschweig aufgeführt wird. Sie ist zwar ehrgeizig und begabt, aber für eine Tanzkarriere offensichtlich für die Idealvorstellung ihrer Zeit viel zu dick und ohne entsprechende Förderer und Netzwerke.

 

Nichtdestotrotz – gegen Widerstände - gelingt es ihr, an einer TV-Show teilzunehmen und die „Miss Teenage Hairspray“- Wahl zu gewinnen. Dass sie es (zugleich) schafft, Herzen zu erobern – besonders das Herz des Teenie-Schwarms Link Larkin - sowie sich erfolgreich für schwarze Jugendliche einzusetzen, damit diese in Zukunft an der Tanz-Show gleichberechtigt teilnehmen können, krönt die Geschichte aus Baltimore der frühen 1960er Jahre.

 

Auch ein anderer Star überzeugte: Deborah Woodson (Motormouth Maybelle) war ein schillernder Blickfang für die Augen, ein eindringliches Erlebnis für die Ohren sowie ein bewegender Resonanzboden verzauberter Gefühle.

Die Hairspray-Songs gingen unter die Haut und verführten, den eigenen „Body“ unabhängig von fremden und unsichtbaren Jurys mit allen Sinnen anzunehmen und neu zu deuten. Annahme anderer kann durch Selbstannahme beflügelt werden. Und ist nicht jedes geliebte Geschöpf Gottes nicht nur lebenswert, sondern auch liebenswert?

 

Im Wechsel- und Zusammenspielspiel von Herz und Kopf kann zudem jeder Mensch auch schön sein, vor allem ein ästhetisches Ereignis, ob nun der Daumen anderer nach unten oder nach oben zeigt.

Kein „schöner Traum“ von morgen , sondern bereits eine „wahre Wirklichkeit“ von heute.

 

Burkhard Budde


Auf ein Wort

 

Eine Hütte im Gespräch mit einer Villa

Wie gelingt ein erfolgreiches Leben?

Eine unzufriedene und einsame Wohnhütte fragte eine vornehme und feine Villa mit gehobener Ausstattung nach einem erfolgreichen Leben. „Das ist anstrengend. Ehrgeizige Ziele, konsequente Disziplin und ein langer Atem gehören dazu. Viele innere und äußere Widerstände, auch Neid und Eifersucht, musst du überwinden, bist du es geschafft hast. Und du brauchst stets ein wenig Glück, Türöffner und Rückenwind“.

 

Die Hütte verdrehte ein wenig die Augen. Sie meinte bereits alles versucht zu haben – aber ohne Erfolg. Ein anderes Wohnhaus, das zufällig und immer neugieriger das Gespräch verfolgt hatte, mischte sich ein und sprudelte voller Ideen und eigener Erfahrungen.

 

Man dürfe beim Haus des Lebens den Ruheraum nicht vergessen, der helfe Fremdbestimmung zu überwinden. Den inneren Raum des Wissens, zu dem man durch den Vorraum des Gewissens gelange. Die Fenster und Türen, die zu öffnen seien, aber auch verschließbar, um eine konkrete Verantwortung in der jeweiligen Situation wahrnehmen zu können. Die richtigen Bausteine und das entsprechende Material, um ein Miteinander und Füreinander, Empathie und Erneuerung zu ermöglichen.

Und vor allem müsse an ein stabiles und wachsendes Fundament des Selbst- und Fremdvertrauens gedacht werden, damit die Stürme des Lebens gemeistert werden können.

 

„Puh“, sagte die Hütte, schüttelte genervt den Kopf und blickte stur vor sich hin. „Das ist mir alles zu viel“. Und sie schimpfte noch über das Häusermeer, die Ungerechtigkeit und die verkommenen Paläste.

 

Die Villa mit ihrem individuellem Gesicht jedoch fühlte sich inspiriert und dachte fröhlich über einen Umbau und Erweiterungsbau nach – und wenig später auch an einen Neubau.

 

Burkhard Budde


Verzückt, verzaubert, verliebt

Lichtspiele faszinieren und reflektieren

 

Ohne Licht gibt es kein Leben. Und ohne Lichterspiele und Lichterglanz, ohne ein faszinierendes Feuerwerk, auch das der bewegten und bewegenden Gefühle in bunter und gemischter Gemeinschaft, gäbe es kein gelungenes Salz- und Lichterfest der Stadt Bad Harzburg.

Am 19. August 2017 kämpften vielen Lichter im Lichtermeer des Parks erfolgreich gegen einen Regenguss. Und Hunderte von Besuchern ließen sich vom Regen nicht beeindrucken, sondern verfolgten nach dem „Segen von oben“ das spielerische Lichtspektakel am Himmel und am Boden aufmerksam und mit viel Gefühl. Es hatte sich wieder gelohnt, in Bad Harburg lichterfülltes Leben in der Dunkelheit lichtvoll und auch ein wenig liebend zu erleben.

 

Burkhard Budde


Sehnsucht nach Menschlichkeit

„Justfour“ aus Braunschweig in Bad Harzburg

Kann Musik die Sehnsucht nach Menschlichkeit wecken? Ohne Musik jedenfalls würde ein Fest Menschen nicht so leicht bewegen können, sich auf den Weg zu machen, um neue Gefühle zu entdecken.

 

Das Salz- und Lichterfest in Bad Harzburg bot am 19. August 2917  an verschiedenen Stellen Orte mit Musikgruppen, die die Sehnsucht nach einem Leben beflügelten, das eigene Leben mit Menschlichkeit, mit einer musikalischen Prise Salz schmackhaft zu machen und mit einem Licht positiven Denkens zu erhellen, um eigene Freud- und Humorlosigkeit zu überwinden.

Zum Beispiel gelang es der Gruppe „Justfour“ aus Braunschweig Besucher des Festes nicht nur mit „edlen Tropfen & neuen Klassikern“ zu unterhalten, sondern auch zum rhythmischem Mitmachen spontan zu „verführen“. Claudine Finke (Leadgesang),Hamu Frenk (Leadgesang und Gitarren), Andreas Döring (Gesang und Schlagwerk),

Fridbert Schwartz (Gesang und Gitarren), Tobias Lampe (Kontrabass und Gesang) waren mehr als „alte Haudegen“, die nur ihre „Pflicht“ tun; sie begeisterten vielmehr viele, weil sie offensichtlich selbst von ihrer Musikinterpretation begeistert waren. Und dabei als Musiker der „guten alten Schule“ engagiert und vor allem menschlich blieben.

 

Burkhard Budde


Augenweide ohne getönte Brille

Festumzug in Bad Harzburg

 

Eine Augenweide war wieder Krodo, früher wohl ein germanischer Gott der Sachsen, heute Maskottchen des Heilbades Bad Harzburg – und des beliebten Festumzuges anlässlich des traditionellen Salz- und Lichterfestes am 19. August 2017.

Die Stadt mit acht Ortsteilen und insgesamt etwa 21 000 Einwohnern präsentierte ein pulsierendes und buntes Leben, das lebendige Traditionen, engagiertes Vereinsleben, aber auch attraktive städtische Institutionen wie Kindergärten und Feuerwehr den vielen Gästen aus der ganzen Region fröhlich vor Augen führte.

 

Dass das „Tor zum Oberharz“ eine Zukunft hat, daran glauben auch die auffallend vielen Kinder und Jugendlichen, die beim Umzug mit von der Partie waren, aber auch die örtliche Politik (an der Spitze des Zuges konnte man Bürgermeister Ralf Abrahms sehen), die gemeinsam mit den Bürgern die Verantwortung für die liebenswerte und lebenswerte Stadt am Nordrand des Harzes tragen.

 

 

 

 

Wer mit offenen Augen durch Bad Harzburg mit seinen Parks und Wohnanlagen geht, erlebt und entdeckt mit dem inneren Auge immer wieder neu eine Stadt mit vielfältigem Charme und authentischer Eleganz, blühendem Geist und schöpferischer Natur, von dem manche Großstädte mit ihrem Lärm, ihrer Luft und ihrer Hektik, ihrer unübersichtlichen Vielfalt nur träumen können.

Eben eine Augenweide ohne Scheuklappen und ohne getönte Brille; nicht nur bei einem Umzug eine Entdeckung für Krodo, sondern für alle Liebhaber natürlicher Details im kulturellen Geschehen des Alltags.

Burkhard Budde


Neuanfang bei VW mit Bernd Althusmann

Mit Bernd Althusmann, wenn er denn Ministerpräsident von Niedersachsen werden sollte, könnte endlich ein umfassender Neuanfang bei VW auf den Weg gebracht werden, der für das Unternehmen, aber auch für das Land wichtig ist.

Ein notwendiger Kultur- und Strukturwandel ist nur mit einer neuen Führung möglich. Der „Kopf“ des Aufsichtsrates muss unabhängig und frei sein bzw werden. Es darf in der Öffentlichkeit nicht der Eindruck aufkommen, dass nach einer ideologischen Pfeife getanzt wird oder viele unter einer machtpolitischen Decke stecken.

Die zu Kontrollierenden können sich nicht selbst kontrollieren. Mitglieder des Aufsichtsrates dürfen nicht vom Vorstand, den sie kontrollieren sollen, abhängig sein. Die Gesichter an der Spitze müssen mit gutem Beispiel vorangehen, vor allem die neue Kultur vorleben. Eine Kultur der Angst und des Versteckspieles sind durch begründetes Vertrauen und Offenheit, Kritik und Fairness, Weiterentwicklung und Verantwortung schrittweise und gezielt zu überwinden, damit der fachliche und ökonomische Erfolg im Wettbewerb durch mehr Glaubwürdigkeit nachhaltig möglich wird.

Ein Ministerpräsident im VW-Aufsichtsrat kann als unabhängiger Kontrolleur und fachkundiger Ratgeber des Vorstandes sowohl die Interessen des Unternehmens als auch die des Landes wahrnehmen, wenn er über methodische Kompetenz und fachliche Expertise verfügt und diese einbringt, vor allem wenn er kein Feigenblatt, kein Aushängeschild oder auch kein Instrument ist, sondern eine selbstbestimmte und unabhängige Persönlichkeit.

Bernd Althusmann ist auf dem richtigen Weg - zugunsten der VW-Mitarbeiter und ihrer Familien, der Zulieferer und Kunden sowie der Bürger des Landes.

 

Burkhard Budde


Neues Buch „Abenteuer Ehe“


 

Ein Rechtsanwalt blätterte in dem neuen Buch „Abenteuer Ehe“, dachte einen Augenblick nach und bestellte dann zehn Exemplare. „Die kann ich gut an Klienten mit Ehefragen oder an Freunde verschenken, die heiraten wollen“, begründete er seine Entscheidung.

 

Das Buch ist eine historische und theologische Fundgrube; es gibt aber auch lebensdienliche Denkanstöße und geistige Perspektiven für alle, die an einer gelingenden Ehe von Mann und Frau interessiert sind und sich eine eigene Meinung zum Thema „Ehe“ bilden wollen. Der Autor, Burkhard Budde aus Bad Harzburg, Theologe und freier Journalist, formuliert das in seinem Vorwort so: „Das Glück zweier Menschen mag flüchtig sein, aber es sehnt sich danach, auch in der Institution Ehe jeden Tag wachgeküsst zu werden“.

 

In den fünf Kapiteln des Buches geht es vor allem um die Ehe als Stiftung Gottes in ihrer patriarchalischen Struktur („Quelle des Alten Testaments“), um die Ehe im Geist der Liebe, der Freiheit und Verantwortung („Quelle des Neuen Testamentes“), um die Ehe als „weltlich Ding“, „Sakrament“ und „Zivilehe“ sowie unterschiedliche Verständnisse von Ehe („Quelle der Geschichte“), um die Ehe von Mann und Frau als „Leitwährung“ im Sinne des Grundgesetzes sowie auf der Grundlage des christlichen Menschenbildes („Quelle der Gegenwart“) und um die Ehe als Institution der Liebe („Quelle der Zukunft“), die ein Wachsen in der Leidenschaft, im Vertrauen, in der Verantwortung und in der Vernunft ermögliche.


Das Buch (DIN A5, 88-seitig) kann beim Autor bestellt werden; um einen Druck- und Versandkostenzuschuss in Höhe von sieben Euro pro Exemplar wird gebeten.

E-Mail: burkhard-budde@t-online.de


Schmetterlingsgefühle

Können Schmetterlinge lachen?

Mit lachenden und offenen Augen strahlen?

Strahlend rastlos hin und her flattern?

Flatternd scheinbar wahllos genießen?

Genießend im Lebenskampf zur Ruhe kommen?

Ruhend sich verzaubern lassen?

Nach dem Zauber des Regens

von der Sonne geschenkte und einmalige Zeit erleben?

Die zu kurz und zu schön ist,

um nicht ungeahnte Gefühle

mit einem lachenden und einem weinenden Auge

in den Wunderwerken der Natur

und im eigenen Bauch zu verspüren.

 

Burkhard Budde


Im Schnellgalopp

 

Auf dem Rücken eines Pferdes.

 

Das Gefühl der Freiheit weitet den Blick.

Das Gefühl der Stärke beflügelt das Selbstwertgefühl.

Das Gefühl der Schnelligkeit gibt sich dem Augenblick hin.

 

Der Reiter steigert sich im Rausch einer Beziehung.

Im Eins werden beherrscht er das Tier.

Und das Pferd trägt ihn mit seinen Gefühlen fort.

 

Aber nach dem Rennen

macht jeder wieder seinen Ritt

durch die Achterbahn eigener Gefühle.

 

Burkhard Budde


Kommentar

 

Tor zum Oberharz war geschlossen

Nächtliche Regenfälle brachten Hochwasser

Das Tor zum Oberharz wurde geschlossen. Über Nacht schüttete es wie aus Kübeln. Und am Morgen des 26. Juli 2017 gab es in Bad Harzburg eine böse Überraschung. Aus kleinen Rinnsalen waren Sturzbäche geworden. Und aus Bächen reißende Flüsse, die ihre neuen Wege über Parkanlagen, Straßen und Grundstücke suchten. Was gerade im Weg stand, wurde gnadenlos und unterschiedslos heimgesucht. Manche Keller liefen voller Wasser; manche Häuser und Geschäfte konnten selbst mit Sandsäcken oder anderen Materialien nicht vor der braunen Brühe mit ihrem Gestein, Geröll, Schutt und Schmutz geschützt werden. Der Fluss Radau war nicht wiederzuerkennen und spielte laut mit seinen neuen Muskeln. Naturwege zum Beispiel zur Rabenklippe und zum Molkenhaus waren unterspült, verschwunden?!

 

 

 

 

Die Menschen in der Stadt, die sich zeitweise wie eine Insel vorkam, weil die Zufahrtswege versperrt waren, blieben überraschend sorgenvoll gelassen. Feuerwehr, Polizei und andere Helfer taten, was sie tun konnten, meistens ging es um Schadensbegrenzung.

Stunden später war der katastrophale Spuk für viele wie aus heiterem Himmel zu Ende. Die Sonne lachte wieder. Aber viele Menschen hatten nichts mehr zu lachen, als sie sich die Schäden für die Stadt, die Natur und Kultur  ansahen sowie die ersten Aufräumarbeiten mit nassen Füßen beobachteten oder selbst mit der Arbeit vor der eigenen Haustür begannen.

Und die Moral dieser Katastrophe? Individuelle Vorsorge? Sandsäcke und Gummistiefel griffbereit im Keller parat halten? Kommunale Vorsorge? Katastrophenschutz kritisch überdenken, dazulernen, von anderen lernen, flexibel und maßgeschneidert erneuern?

Auf jeden Fall darf nicht alles beim Alten bleiben. Auch wenn neue Maßnahmen nicht automatisch immer besser sind und keine Allmacht haben. Weil ihre Bewährungsprobe immer bevorsteht. Aber damit nicht das Gefühl der Ohnmacht gegenüber menschenverschuldeten (?) Naturgewalten die Oberhand gewinnt, sondern die Verantwortung des Staates für die Sicherheit seiner Bürger. Und damit das Tor zum Oberharz offen bleibt.

 

Burkhard Budde


Auf ein Wort


 Warme Dusche


Sie ist kein Luxusartikel für Reiche, die sich etwas Besonderes leisten können.

Auch kein Sonderangebot für Schnäppchenjäger, die zur rechten Zeit ihre Vorteile nutzen.

Kein Ladenhüter für Ewiggestrige, die ihre Botschaften nicht mehr loswerden.

Kein Lockangebot für Naivlinge, die sich über den Tisch ziehen lassen.

 

Menschlichkeit ist wie eine warme Dusche.

 

Wer sich keiner Dusche aussetzt, dem fehlen sachliche und konstruktive Kritik, der Atem stockt und vergeht.

Wer eine heiße Dusche erlebt, der hält die Luft an, wenn ihn stürmische, aber heuchlerische Umarmungen fast erdrücken und den Atem nehmen.

Wenn unerwartet eine kalte Dusche droht, weil man wie Luft behandelt wird,  wird es ungemütlich, verletzend und der Atem stockt.

 

Die warme Dusche der Menschlichkeit jedoch ermöglicht ein ruhiges Ein- und Ausatmen und in den Wechselbändern der Konflikte einen langen Atem.

 

Angenommene können anschließend sich selbst und andere leichter annehmen, Befreite zu Befreiern werden. Erlebte Barmherzigkeit kann sich zur gelebten Barmherzigkeit wandeln.

Das Nötige im Möglichen wird klarer denkbar, analysierbar und deutbar, abwägbar und vorstellbar. Für das Richtige im Konkreten können menschliche Menschen brennender lieben sowie in Freiheit persönliche Verantwortung übernehmen.

 

Und in dieser Menschlichkeit atmet sogar Göttlichkeit, wenn die warme Dusche jedem Menschen seine Würde in Würde lässt.

 

Burkhard Budde


Liebesglück

 Das Herz pocht im Zufallsglück,

schlägt im Glücklichsein

und verwandelt das Leben

leidenschaftlich und vertrauensvoll,

verantwortungsbewusst und klug

in Liebe.

 

Burkhard Budde 


Genuss

 


Der Wein ist rein.

Keine Täuschung, kein Schwindel.

Das Sein bestimmt den Schein.

 

Der Wein ist reif.

Kein Alter, keine Herkunft.

Der Charakter überzeugt allein.

 

Der Wein ist fein.

Kein Muss, kein Sollen.

Das Glück ist dein.

 

Das wünsch ich dir,

auch mir und uns

durch des Weines Gunst.

 

Die Sehnsucht nach Freiheit und Liebe

macht ohne Verdruss

den Augenblick zum Genuss.

 

Burkhard Budde


Steilvorlage für eine gefeierte Band

„You Silence I Bird“ eröffnete das Wolters Hoffest

mit „Silent Radio“

Mit harmonisches Sounds streichelten und bewegten Paul Baumann (Gitarre), Jonas Budde (Piano), Hendrik Garbade (Bass) und Moses Köhler (Schlagzeug) die musikalischen Gefühle der Teilnehmer des Konzertes am 7. Juli 2017 beim traditionellen Wolters Hoffest.

Die jungen Sänger der Indie-Band „You Silence I Bird“, die alle auch singen und mit ihren individuellen Stimmen sich ergänzen und eine wohlklingende  Gesamtstimme erzeugen, hatten den begehrten Slot als Supportact vor „Silent Radio“ im Rahmen eines Wettbewerbes gewonnen, den „Silent Radio“ gemeinsam mit der KOSATEC Computer GmbH (Geschäftsführer Andreas Sander) durchgeführt hatte.

 

Der besondere Stil von „You Silence I Bird“ war eine emotionale Steilvorlage für die anschließend spielende und gefeierte Band „Silent Radio“.

 

 

 

 

Zuvor hatten die Musiker von YSIB stolz auf ihr Debütalbum „Tilia“ hingewiesen, das vom Tonmeister Peter Schmidt abgemischt wurde, der bereits mit Peter Fox und AnnenMayKantereit zusammenarbeitete.


Die Quellen des Flusses

Den Fluss der islamistischen Ideologisierung trockenlegen

 

In der überregionalen Tageszeitung F.A.Z. erschien am 3.Juli 2017 folgender Beitrag:

 

Die „offene Flanke des Antiterrorkampfes“ ist ein zentrales Schlüsselthema: Es gibt keinen Islamismus ohne Islam, da sich die islamistischen Mörder offen auf den Koran berufen.

 

Wie können und sollen jedoch aufgeklärte Menschen unabhängig von der Religionszugehörigkeit oder auch „unreligiöse“ Mitbürger damit umgehen? 

 

Wer einen Fluss erfolgreich gestalten, säubern und erneuern, trockenlegen oder sein Flussbett verändern will, muss sich zugleich mit seinen sichtbaren oder versteckten Quellen kritisch auseinandersetzen. Dem Fluss der islamistischen Ideologisierung und Instrumentalisierung, der Radikalisierung und Brutalisierung kann man nicht allein mit effektiverer Polizei- und Justizarbeit, mit neuen Gesetzen und Regelungen, mit mehr Geld für Integrationsarbeit oder besserer nationaler und internationaler Zusammenarbeit begegnen. Wichtig ist darüber hinaus die Quellen des Flusses wahr- und ernst zu nehmen, sie offen und kritisch zu hinterfragen. Im Rahmen einer Bildungs- und Kulturoffensive von Muslimen, Christen, Nichtchristen und Nichtgläubigen müssen die liberalen Werte des Grundgesetzes verteidigt, vor allem (vor-)gelebt und vermittelt werden.

 

Kein Leser, der aus der Quelle des Korans schöpft, soll nur das „herausfischen“, was gerade zu seinem „ideologischen Denken“ passt. Aber jeder sollte sich fragen, wie man den „vollständigen Text“ auch - zum Beispiel historisch - verstehen und für die heutige Zeit auslegen kann, damit er nicht missverstanden oder missbraucht wird oder blutige Spuren hinterlässt. Und vor allem sollte er zu der Einsicht kommen, dass - auch im Zweifel - ein weltliches Gesetz in Deutschland  stets Vorrang vor einer religiösen Auffassung hat.

 

Im Fluss islamischer Parallelgesellschaften, in denen die religiösen Quellen wortwörtlich verstanden werden, nicht jeder eine individuelle Meinungs- und Deutungshoheit hat und von denen eine schleichende Islamisierung mit patriarchalischem Denken und archaischer Kultur ausgehen, müssen liberale Quellen wie Gleichberechtigung von Mann und Frau und individuelle Freiheit (aber auch Wissenschaftsfreiheit) bekanntgemacht, verteidigt und zu einem neuen Miteinander im Fluss gemeinsamen Lebens beitragen. Niemand kann gezwungen werden, in Freiheit und Selbstbestimmung zu leben. Aber jeder muss die Möglichkeit haben, frei und unabhängig sein eigenes Leben zu führen.

 

Burkhard Budde       

 

(Leserbrief in der F.A.Z. vom 3. Juli 2017 zum Kommentar „In der Goethe-Moschee“ in der F.A.Z. vom 17. Juni 2017)  


Kommentar

 

Keine Unterschiede, keine Freiheit

Argumente für eine Ehe von Mann und Frau im Sinne des Grundgesetzes

 

Wer stellt in der Politik eigentlich die wichtigsten Weichen?

Stammtische sollen keine Zugführer sein, da sonst der Sturm der Gefühle die Vernunft verdrängt. Experten scheiden auch aus, weil sie nicht selten die unkontrollierbaren Gefühle vergessen. Meinungsforscher würden die politische Arbeit von Volksvertretern überflüssig machen. Netzwerke innerhalb und außerhalb der Parteien sowie jenseits der Öffentlichkeit versuchen dennoch, den Zug des Zeitgeistes „Alles ist auch anders möglich“ zu führen.

 

Gibt es mit dem Thema „Ehe für alle“  Weichensteller, die die  öffentliche Diskussion sowie argumentative Überzeugungsarbeit scheuen und lieber konservative Werte im Zug des Zeitgeistes durch ein neues Gesetz  in einer „Nacht und Nebelaktion“ opfern? Wagen es nur wenige, sich öffentlich für die klassische Ehe von Mann und Frau als Leitwährung in unserer Gesellschaft einzusetzen? Gibt es die Angst, vom Zeitgeist aufs Abstellgleis manövriert zu werden?

 

Und dabei existieren viele Argumente, die für den Sonderschutz und die Begünstigung der Ehe von Mann und Frau im Sinne des Grundgesetzes Artikel 6 sprechen: Diese Gemeinschaftsform erhebt keinen Absolutheitsanspruch, da sie keine anderen Gemeinschaftsformen diskriminiert. Nur sie kann auf natürliche Weise Kinder hervorbringen und stellt damit eine natürliche Lebensgrundlage für ein Kind dar sowie eine schöpferische und nachhaltige Keimzelle der Gesellschaft. Umgekehrt müssten Andersdenkende („Ehe für alle“) eine „Pflicht zur Gleichheit“ von Ungleichheiten („Ehe als Institution“ und „Lebenspartnerschaft“) begründen.

 

Ausgerechnet in der Tageszeitung FAZ vom 30.Juni 2017 schreibt Johannes Gabriel in seinem Artikel „Wir verraten alles, was wir sind“: „Schwule und Lesben aller Länder: Besinnt euch! – Was wollt ihr eigentlich mit der „Homo-Ehe“ – und wozu? …. Wir wollen so sein wie alle, Kinder haben, Familie gründen…wie sehr wird dadurch alles verraten, was wir sind?...“

 

Wenn es keine Unterschiede mehr gibt, dann braucht man auch keine Vielfalt mehr. Dann hat man allerdings auch keine Wahlfreiheit mehr. Im Zug der Zeit braucht man jedoch einen zuverlässigen sowie differenzierten Fahrplan, um nicht den Anschluss an den notwendigen Fortschritt für das Wohl von Kindern sowie der Gesellschaft zu verpassen. Das klassische Modell der Ehe von Mann und Frau sowie das der Familie mit Vater, Mutter und Kind führen nicht in die Vergangenheit, sondern in die Zukunft, die Vielfalt, aber auch eine bewährte institutionalisierte Verbindung kennt.

Man kann nur hoffen, dass das Bundesverfassungsgericht die Weichen im Sinne des Grundgesetzes ändert, damit der Fahrplan nicht durcheinander gerät.

 

Burkhard Budde


Begegnung in der Zigarrenstadt

Auch Gunter Gabriel lebte in Bünde

 

In der Nähe von Bielefeld liegt die Stadt Bünde mit etwa 47 000 Einwohner. Die „Elsestadt“ in Ostwestfalen, einst Zentrum der europäischen Zigarrenindustrie, nennt man auch heute noch die „Zigarrenstadt“.

 

Als der Sänger Gunter Gabriel („Hey Boss ich brauch mehr Geld“) am 22. Juni 2017 starb, erinnerten sich alte Schulfreunde gerne an den „Mann mit Ecken und Kanten“ aus Bünde.

Im Mittelpunkt eines Gedankenaustauschusses am 25. Juni 2017  mit Bündes Bürgermeister Wolfgang Koch (CDU) stand jedoch die Kommunalpolitik. Burkhard Budde, der auch die Junge Union Bünde mit aufgebaut hatte,  war von 1975 bis 1979 als jüngstes Ratsmitglied in der Stadt aktiv, auch als Vorsitzender des Jugendausschusses.

 

Beim nächsten Besuch in Bünde wird der Gedankenaustausch sicherlich fortgesetzt werden


Mist

 

Mist – wie wird man ihn los?

 

Viele Jahre sonnte er sich in seinem Ruhm,

blickte verliebt in den Spiegel seiner Eitelkeiten.

Da baute der Hase Mist.

 

Igel kamen aus ihren Verstecken, hielten ihm den Spiegel vor:

„Du hast Mist gebaut. Wir tun nur unsere Pflicht.“

Der Hase lief und lief. Aber immer waren Igel schon da.

 

Andere Hasen erschraken, taten sich zusammen.

Manche hatten noch eine Rechnung mit ihm zu begleichen.

Alle sagten „Wir tun nur unsere Pflicht.“

 

Da kam ein Sturm auf und wirbelte alles durcheinander.

Die Hasen schlugen Haken, die Igel verschwanden im Gebüsch.

Der Spiegel zerbrach in 1000 Stücke.

 

In jedem Splitter war zu lesen: „Mach etwas aus dem Mist - Dünger.“

 

Burkhard Budde


Kampf für Freiheit und weniger Maulkörbe

Erinnerung an den Volksaufstand für Freiheit und Einheit

 

In einer freien Ordnung mutig seine Überzeugungen zu vertreten, ist schon nicht selbstverständlich. Wenn ein Klima der Angst herrscht, das „Falsche“ zu sagen und von der angeblichen Mehrheit stigmatisiert oder gar ausgeschlossen zu werden, ist schnell die berühmte Schere im Kopf aktiv, das Maskenspiel triumphiert und es wird „freiwillig“ ein Maulkorb aufgesetzt – man hält den Mund, schweigt, um nicht anzuecken.

 

 

 

 

In einer unfreien Ordnung, die mit Gewalt, Zwang und Unrecht herrscht, sich einzusetzen für die Freiheit des Denkens, des Redens, des Versammelns, des Reisens, ja der Überwindung der Unfreiheit zugunsten einer befreiten und freien Ordnung, bedeutet nicht selten ein Kampf auf Leben und Tod.

 

Der Volksaufstand für Freiheit und Einheit, der am 17. Juni 1953 in der ehemaligen DDR stattfand und von sowjetischen Panzern brutal unterdrückt wurde, ist ein historisches Beispiel für mutige Freiheitskämpfer. Sie erinnern noch heute daran, wie wichtig der Geist der Freiheit ist, damit es weniger Dominanzgehabe und Besserwisserei, vor allem weniger Scheren, weniger Maskenspiel und weniger Maulkörbe gibt. Und mehr Unabhängigkeit und Verantwortung, mehr persönlichen Mut und lebendige Einheit in Vielfalt.

 

Burkhard Budde


Kameradschaft in Würde


Die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG (F.A.Z.), eine überregionale Tageszeitung, hat heute einen Leserbrief von mir veröffentlicht, in dem ich mich auf einen Kommentar von Dr. Reinhard Müller zum Thema „Armee mit Tradition“ (F.A.Z. vom 24. Mai 2017) beziehe.

 

Danke für diese differenzierte und kritische Stimme.

 

Ich musste beim Lesen an die lateinische Regel „Abusus non tollit usum“ denken. Wer die Sonderfälle einer falsch verstandenen Kameradschaft zu Recht bekämpft, muss aufpassen, dass er nicht die Regelfälle einer notwendigen und recht verstandenen Kameradschaft zu Unrecht schwächt. Und wer dem Zeitgeist der einfachen und „klaren“ Antworten huldigt, sich mit der Brechstange durchsetzen will, darf sich nicht wundern, dass er selbst als Spielball im politischen und organisatorischen Machtspiel keine echte Kameradschaft erfährt, instrumentalisiert, ignoriert oder eines Tages selbst geopfert wird.

 

Traditionen an sich sind weder gut noch schlecht. Die historische und politische Bildung mit Unterscheidungs- und Urteilsfähigkeit ist auch für die Bundeswehr der Weg, nicht das Kind mit dem Bade auszuschütten, auch nicht das Wasser zu vergiften, was man eines Tages selbst trinken muss, wohl aber sprach- , argumentations- und handlungsfähig zu werden, um aus der Geschichte mit begründeten Traditionen wirksam zu lernen und eine persönliche sowie gemeinsame Verantwortung in der Gegenwart für die Zukunft zu ermöglichen.

 

Dazu gehört auch eine Kultur der individuellen Verantwortung, die Kameradschaft in Würde und mit Hilfsbereitschaft nicht ausschließt, sondern bedingt und ermöglicht. Für diese Kultur jenseits eines autoritären Machtgewitters, einer angstmachenden Drohkulisse, einer angepassten Laissez-faire- Haltung und einer Kopf-in-den-Sand-Politik trägt die Führung eine gelebte Gesamtverantwortung, indem sie differenziert und je nach Situation und Person sowie „Struktur“, die schlimme Sonderfall zuließ, konsequent und nach vernünftigen sowie rechtsstaatlichen Regeln handelt.

 

Burkhard Budde

(in: F.A.Z. 6.Juni 2017)


Geheimnisvolle Musik nicht nur für Musikliebhaber

Bundespreisträger in Goslar zu Pfingsten

 

Ein eleganter Klangteppich mit verschiedenen einfühlsamen Mustern lud nicht nur zum Träumen ein. Das Duo „quniju“ – Gero Schlender (Percusssion und Synthesizer) und Gero Schlender (Panflöte) – entführte seine Zuhörer in geheimnisvolle Welten.

Mit afrikanischen Rhythmen gelang es den Musikern im Rahmen der Aktion „Churchwalk“ am 3. Juni 2017 in der Neuwerkkirche in Goslar einen Musikteppich zu weben, der einen emotionalen Zugang zum Pfingstfest eröffnete. Denn kann die Musik nicht den Himmel auf die Erde holen, wenn der Musikliebhaber sich vom Geheimnis des Glaubens bewegen und erfüllen lässt?!

 

Das Reich Gottes kennt eben verschiedene Zugänge, weil der Geist Gottes weht, wann, wo und wie er will. Auch wenn man genau hinhören muss: Die versteckte göttliche Stimme in der frohmachenden Atmosphäre eines Konzertes ist tatsächlich hörbar und erlebbar, die göttliche Botschaft von der Wahrheit und Liebe Gottes, die entgrenzt und eint, befreit und heilt – vor allem in Bewegung versetzt, um neues Leben zu wagen.

 

Burkhard Budde

 

P.S. Wer es nicht weiß: Thorsten und Gero Schlender sind bereits 38 X Bundespreisträger des Deutschen Rock & Popmusikerverbandes (DRMV).



Zum Pfingstfest

Der größte Fan der Menschen?

 

Ein Fußballfan bekennt sich zu seiner „wahren Liebe“. Er ist begeistert von seinem Verein, begleitet seine Mannschaft in guten und in schlechten Tagen. Er feuert seine Spieler an, applaudiert, singt, pfeift, gröhlt, zittert, dann kullern Tränen und er kann seinen Ärger nicht zähmen, manchmal schlägt er auch über die Stränge. Ein echter Fan handelt gewaltlos, kritisiert in konstruktiver Solidarität, aus Liebe.

Kennt ein „Fan Gottes“ eine ähnliche Begeisterung? Oder gleichen Christen mehr einem Ritter von der traurigen Gestalt, der ohne Leidenschaft, langweilig und humorlos auf einem Schaukelpferd sitzt und Allerweltweisheiten verkündet? Oder der lieber hoch zu Ross auf seine Mitmenschen herabsieht, weil er sich wie ein eigener Boss in seiner abgeschotteten Welt fühlt? Oder der den Ritter guter Taten spielt, aber sich in Wirklichkeit bequem in seinem Trojanischen Pferd eigener Vorteile eingerichtet hat, nicht entdeckt werden will, sondern auf seine große Chance wartet.

 

Häufig scheint bei diesen Fans Windstille zu herrschen. Auch Funkstille. Aber manchmal, auch überraschenderweise, weht eine frische Brise, die man nicht einfangen und einsperren oder sehen, aber spüren kann. Manche stecken den Kopf in den Sand, verstecken sich, mauern sich ein oder gehen einfach in Deckung. Andere behaupten, dass es den Wind gar nicht gibt oder dass er keine Bedeutung hat. Dennoch weht dieser Wind, wann, wie und wo er will. 

 

Man kann sich jedoch auch dem frischen Wind des Geistes Gottes aussetzen, ihm vertrauen, Zutrauen schenken. Und ganz neue Erfahrungen sammeln. Der Staub in den Händen mit überheblicher  Selbstgerechtigkeit und kleinkarierter Moral wird weggeblasen. Der Mief in den Köpfen mit seinen lähmenden und (selbst-)zerstörerischen Neid-, Hass- und Rachegefühlen wird  entsorgt. Die Steine in den Herzen mit den wurmenden Verletzungen und alten Rechnungen werden in eine neue Richtung bewegt.

Ein „Fan Gottes“ kann befreit werden, um Neues, Schöpferisches, Einheitsstiftendes, Versöhnendes zu ergreifen und zu begreifen: „Trotz allem“ – auch gegen Widerstände - wirkt der Geist der Liebe Gottes, der Geist Jesu Christi, in mir, vertreibt andere Geister oder hält sie in Schach. Und dieser Geist kann durch mich,  grundsätzlich auch ohne mich, für andere mitten im Leben Spuren neuen Lebens hinterlassen.

 

Christen müssen keine Fußballfans sein. Aber wie wahre Fußballfans können sie mit ihrem Leben die Wahrheit bezeugen, das es den froh- und neumachenden Geist der Liebe gibt, so dass andere hellhörig und neugierig auf die kirchliche Gemeinschaft werden. Und dann entdecken: Der größte Fan der Menschen ist Gott selbst, der ihnen eine unverlierbare Würde und den Geist Jesu Christi geschenkt hat, weil er nicht nur seine Mannschaft, sondern alle Menschen bedingungslos liebt, damit sie seinen Geist einatmen. Um ihn dann als Begeisterte, die sich nicht auf das Spielfeld der Schwärmerei und des Fanatismus begeben, weiterzugeben – andere mit Kopf und Herz zu be-geistern.

 

Burkhard Budde



Mit Leuchttürmen Kurs halten

Kanzlerin Merkel, Kirchenführer Bedford-Strohm, Huber und Aus der Au beim EAK

 

Ein Leuchtturm. Er steht etwas einsam am Ufer eines großen Sees. In Schönwetterzeiten wird er wenig beachtet. Aber bei stürmischer See kann er für viele Schiffe eine wichtige Orientierung sein, die Fahrrinne zu finden.

 

Kann der christliche Glaube mit einem Leuchtturm verglichen werden?

Oder sollte man die Religion ins „stille Kämmerlein“ verbannen, weil sie in der Zeit der radikalen Pluralisierung ihre Leuchtturmfunktion verloren hat?

 

Für Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel darf man die Religion nicht ins Private verdrängen. „Die Religion gehört in den öffentlichen Raum“, sagte sie beim Kirchentagsempfang des Evangelischen Arbeitskreises der CDU/CSU  (EAK) am 24. Mai 2017 im Konrad-Adenauer-Haus in Berlin. Dialog sei wichtig, von der Oberfläche in die Tiefe zu gehen, auch Streit auszuhalten sowie sich des eigenen Glaubens zu vergewissern.

 

Angela Merkel wies auf Martin Luther hin, „ein Mann der klaren Worte und Prinzipien“, der ermutige, nach den Wurzeln zu fragen und sich auf das Wesentliche zu besinnen, „um dann mit Zuversicht in die Zukunft zu blicken sowie die Herausforderungen mit Gottvertrauen anzupacken“. Am Beginn der christlichen Botschaft stehe die Freiheit und Verantwortung, die durch Bildung und soziale Gerechtigkeit konkret werde.

 

 EAK-Bundesvorsitzender und Staatssekretär Thomas Rachel kritisierte die „Tugendwächter“ in der Berliner Politik“, die christliche Symbole aus der Öffentlichkeit entfernen wollten. Kreuze seien Teil unserer Kultur.

 

Der Ratsvorsitzende Dr. Heinrich Bedford-Strohm sprach in seinem Grußwort von der aktuellen Botschaft Luthers. „Buße“ bedeute in „Selbstdistanz zu gehen und auch die dunklen Seiten zu sehen“; „Sünde“ bedeute „Selbstverkrümmung des Menschen sowie die der Gemeinschaft“, die jedoch durch Glaube und Liebe überwunden werde.   

 

Die Kirchentagspräsidentin Dr. Christina Aus der Au erinnerte darüber hinaus an den Begriff „Gnade“. Weil Gott zuerst sage „Ich sehe dich“, könnten sich Menschen auf Augenhöhe und mit Respekt wahrnehmen. 


Vor dem Empfang hatte EKD-Ratsvorsitzender a. D. Prof. Dr. Wolfgang Huber auf der 51. Bundestagung des EAK über die Perspektiven der Reformation gesprochen. Im Kern sei die Reformation eine Bildungsbewegung gewesen, die die religiöse Bildung eingeschlossen habe. Angesichts „hemmungsloser Individualisierung“ sei eine „kritische Solidarität“ mit dem Gemeinwohl notwendig. Religionslosigkeit sei kein Garant für den Zusammenhalt der Gesellschaft. Religiöse Bindung ohne Selbstgerechtigkeit könne vielmehr angesichts der Vielfalt der Interessen und Überzeugungen die Bereitschaft stärken, Gemeinsames zu suchen.

 

Gerade in stürmischen Zeiten, aber auch in Schönwetterperioden bleiben geistig-geistliche Leuchttürme – „wie Luthers Freiheits-, Bildungs- und Emanzipations-Bewegung“ (Thomas Rachel) - wichtig, um nicht (eines Tages) Schiffbruch zu erleiden, sondern um zu jeder Zeit einen menschenwürdigen Kurs in der Politik und im Leben halten zu können.

Burkhard Budde



Wenn die Seele in den Himmel getragen wird

Großes Echo für You Silence I Bird

im Staatstheater Braunschweig

Musik überwindet Grenzen, schlägt Brücken, stärkt das Zusammengehörigkeitsgefühl und kann sogar die Seele in den Himmel tragen.

Viele finden sich in den jungen Musikern wieder: Sie denken, fühlen, (er-)leben wie viele in ihrem Alter. Und doch schaffen es Paul Baumann, Jonas Budde, Hendrik Garbade und Moses Köhler, die aus Braunschweig und Hannover stammen, mit kreativer Energie Akustik Indie-Pop-Musik in einzigartiger Weise zu gestalten.

Gleich zwei Konzerte am 19. und 20. Mai 2017 im Haus Drei des Staatstheaters Braunschweig, die ausgebucht waren, begeisterten junge und ältere Teilnehmer, von denen einzelne es sich nehmen ließen, spontan zur bewegenden Musik trotz begrenzter Fläche zu tanzen. Den anhaltenden Applaus hatte die Band verdient, die den Seelenhaushalt vieler schon seit längerer Zeit immer mehr bereichert und vertieft.

Musik kann eben auch umgekehrt den Himmel auf die Erde holen.

Burkhard Budde

 

Echt unecht

oder unecht echt?!

 

Wer ist authentisch?

 

Der nicht auffallen will?

Oder auf sich aufmerksam macht?

 

Der aus der Reihe tanzt?

Oder sich unkritisch anpasst?

 

Der Theater spielt?

Oder so ist wie er ist?

 

Wer echt nervig ist,

sollte lieber den Coolen spielen.

 

Wer den Echten spielt,

hat aufgehört echt zu sein.

 

Wer zu sich selbst gefunden hat,

kann es sich sogar leisten,

mit Köpfchen menschlich zu bleiben.

 

Burkhard Budde


Zum Muttertag

 

Gleichberechtigt und auf leisen Sohlen

 

Viele Mütter sind häufig die wahren Leistungsträgerinnen im Alltag einer Familie. Wer als Mutter berufstätig ist, hat gute Gründe. Wer nicht berufstätig sein kann oder will, kann ebenfalls gleichberechtigt und auf Augenhöhe über seine Beweggründe sprechen. Meine Mutter ist für mich ein Beispiel, wie man auf leisen Sohlen über viele Jahre ein sinnvolles und glückliches Leben führen kann.

 

Ein Jahr nach der Goldenen Hochzeit meiner Eltern starb mein Vater im Alter von 75 Jahren.  Meine heute 87jährige Mutter hat sechs Kinder, drei Jungen und drei Mädchen. Ich bin der Zweitälteste und frage sie neugierig: „Du warst so lange mit Vater verheiratet und hast viele Erfahrungen gesammelt. Hast du Tipps für andere, die auch glücklich sein wollen?“

Meine Mutter sitzt in ihrem Lieblingssessel im Wohnzimmer ihres Hauses. Über dem gegenüberliegenden Sofa, auf dem ich sitze und mir während des Gespräches Notizen mache, hängt ein Ölgemälde, das einen Tannenwald mit einem steinigen Weg sowie im Hintergrund Berge zeigt. Mit ihren grünen Augen schaut sie mich erstaunt an, blickt in meine braunen Augen (die Augenfarbe meines Vaters) und lächelt: „Jeder sammelt seine eigenen Erfahrungen. Das ist das Spannende im Leben. Aber natürlich gibt es Steine auf dem Weg, die zu jeder Zeit ein Problem darstellen können.“

 

Und sie berichtet von ihrem Lehrer, der während ihrer Schulzeit die Weisheit zu vermitteln versuchte „Trau! schau! wem?“ Für Mutter bedeutet dies: „Schenk jedem einen begründeten Vertrauensvorschuss, aber bleib stets kritisch.“ Und damit meint sie auch „selbstkritisch“, denn kein Mensch ist perfekt und jeder kann sich in unterschiedliche Richtungen entwickeln. Natürlich schließt ein „kritisches Vertrauen“ auch Neuanfänge ein. Denn „wie soll sich ein Mensch sonst entwickeln können?!“ Was Mutter und ich bei diesem Gespräch (noch) nicht wissen, erfahre ich später bei meinen Recherchen: „Trau! Schau! wem?“ ist der Titel eines Flugblattes gewesen, das sich gegen die Verleumdung der Sozialdemokratie gewendet hat und von Gustav Kittler, Schreiner und Politiker, 1878 verfasst worden ist. Auch hat der deutsche Hochschullehrer August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798 bis 1874), der vor allem durch das „Lied der Deutschen“ bekannt wurde, ein Gedicht „Traue! schaue wem?“ mit folgender Strophe verfasst:

„Die Winde sprach zur Fliege:

O komm zu mir ins Haus!

Es ist bei mir gut wohnen,

Komm, schlaf und ruh dich aus.“

Man sollte wohl niemandem auf den Leim gehen. Denn sonst folgt nach süßen Verlockungen die böse Überraschung  auf dem Fuße. Und man wundert sich nicht, dass Menschen, auch wenn sie keine Fliegen sind, dennoch am nächsten Morgen das unbekannte Haus nur mit Schwierigkeiten, einem schweren Kopf oder einem schlechten Gewissen und überflüssigem Ärger verlassen können.

 

Mutter hat noch eine weitere Botschaft, die ihr selbst wichtig ist. Am Tag des „Interviews“, am 6. Mai 2017, sagt sie, lautet der Lehrtext in den „Losungen der Herrnhuter Brüdergemeine. Gottes Wort für jeden Tag“:

„Alle eure Sorge werft auf ihn;

Denn er sorgt für euch.“ (1. Petrus 5,7)

Was meint sie damit? Die Sorgen einfach entsorgen? Wie man einen Mantel ausziehen, an eine Gardrobe hängen, in die Ecke oder in den Altkleidercontainer werfen kann? Das wäre zu einfach, meint Mutter. „Es funktioniert auch nicht, über den Sorgenmantel nur zu sprechen und zu denken „Gott wird es schon richten.“ Zu Gott beten, darauf kommt es an. Nicht nur über ihn, sondern mit ihm sprechen.“ Und dann erzählt sie vom Abendgebet, das sie und mein Vater mit uns Kindern gesprochen haben. Von den Tischgebeten, um vor allem Gott für das nicht Selbstverständliche zu danken. Von den gemeinsamen Gebeten in den sonntäglichen Gottesdiensten, zu denen Vater mit seinen nicht immer ausgeschlafenen Kindern ging, während Mutter das Sonntagsessen vorbereitete, „um Gott, nicht dem Pastor oder der Kirche, die Ehre zu geben“. Denn ein Gebet im stillen Kämmerlein, aber auch in der Gemeinschaft könne ruhiger machen und den Sorgen die Schärfe nehmen. Denn wer mit Gottes Hilfe rechne, sei nie allein unterwegs. Der werde gelassener und froher.

 

Und gab es besondere Erfahrungen in der Familie?

Ihre Augen leuchten, als sie nicht von der „guten alten Zeit“, wohl aber von den Anfängen der Familiengeschichte in der damaligen Zeit berichtet. Denn sie weiß:

„Ein jegliches hat seine Zeit,

und alles Vornehmen unter dem Himmel hat seine Stunde.“ (Prediger 8.6)

Sie gerät nicht ins Schwärmen, was auch nicht zu ihrem realistischen Scharfsinn gepasst hätte, als sie nüchtern von der besonderen Familientradition, die von meinen Eltern, Kinder der Minden-Ravensberger Frömmigkeit, geprägt wurde,  berichtet:

Von der Sonntagskultur mit dem Sonntagsgottesdienst („Vertiefung des Glaubens in Gemeinschaft“), dem Sonntagsausflug („Kennenlernen der Heimat und Festigung der Familienbande“), den Sonntagsbesuchen („Austausch in der Gemeinschaft mit den Großeltern, der Tante und dem Onkel“), aber mit der Sonntagskleidung („in Anzügen mit weißem Hemden“) und dem Sonntagsessen („Das Frühstücksei, der Sonntagsbraten, vor allem die westfälische Suppe.“),

Von der familiären Förder- und Forderungskultur mit der Schulbildung („jedes Kind lernte durch Diktate, durch Abfragen der Vokabeln, die ich gleich mitlernte“), der Musikförderung („vor allem Vater, der selbst gerne klassische Musik hörte, wollte, dass jedes Kind ein Instrument lernt; ihr wurdet dadurch auch freier“), der Gesprächskultur („selbst bei Tisch wurde lebhaft diskutiert, Bedürfnisse, Erlebnisse und Konflikte wurden nicht einfach totgeschwiegen“), der Entlastung von der Hausarbeit („ihr Kinder solltet euch auf die Schule konzentrieren können“), und der religiösen Erziehung („wichtig war deinem Vater und mir, dass ihr Geschwister euch auch vergeben könnt, keine Rechthaber werdet, kompromissbereit seid, euch gegenseitig unterstützt, auch geben und abgeben könnt, weil wir alle von Gottes Barmherzigkeit leben“).

 

Aber was bleibt für die heutige Zeit?

 „Vielleicht“, und sie macht eine kurze Pause, denkt nach und sagt dann, „bleibt es in einer Ehe und dann auch in einer Familie wichtig, miteinander zu sprechen, Interesse am Leben des anderen zu haben und an seinem Leben Anteil zu nehmen.“ Reden – und ihre Stimme wird bewegter – ist kein „Gerede“ und auch keine „Zeitverschwendung“, sondern die Grundlage des gegenseitigen Vertrauens.

 

Und dann wird ihre Stimme etwas schneller, als wenn sie Sorge hätte, noch ein Herzensanliegen zu vergessen.

 

„Die Kinder sollten auch in Zukunft ihre Herkunftsfamilien nicht vergessen“. Nicht

unbedingt aus Dankbarkeit oder aus moralischen Überlegungen, wohl aber wegen „der Freude des Wiedersehens und der Gemeinschaft.“ Denn wer seine Wurzeln nicht abschneide, sondern sie pflege, bleibe verwurzelt und könne sich und andere besser annehmen, auch die Stürme im Leben leichter ertragen. Und vor allem besser entwickeln.

„Die Kinder müssten ja nicht alles als toll empfunden haben, aber nur wenn man seine Augenfarbe akzeptiert, kann man mit den Augen besser verstehen und sehen lernen“.

 

Mutter wäre nicht Mutter, wenn daneben nicht auch ihre liebenswürdige und souveräne Persönlichkeit aufleuchten würde, die es sich leisten kann, unabhängig vom Urteil anderer ihre Erfahrungen und Wünsche diplomatisch-direkt ins Gespräch zu bringen.

 

Ein gelebtes Vorbild, das - wie ihr Mann und mein Vater – aus uns Kindern nie Kopien von ihnen selbst machen wollten, sondern selbstständige und unabhängige Originale mit der Verwurzelung in Familie und Glauben, die ihren eigenen, aber bewussten und verantwortbaren Weg suchen und finden sollen. Und vielleicht gehört auch das zum Geheimnis des Glücks von Menschen, die Vergangenheit zu achten, damit sie den Weg in die Zukunft „glücklicher“ gehen können.

 

Burkhard Budde


Neue Räume aufsuchen

Luthers Sprüche für die heutige Zeit

 

„Auf´s Maul schauen“, um in einen neuen Raum eintreten zu können? Manche hüpfen lieber von einem Bett in das andere der Spaßgesellschaft. Oder vertrauen blind auf die gemachten Betten einer Wissensgesellschaft und schlafen den Traum, eines Tages alles erklären und wissen zu können. Viele bleiben bequem in dem Bett ihrer liebgewonnener Vorstellungen und Gewissheiten liegen. Aber neue Räume aufsuchen? Und wie kann das gelingen?


 

Künstler aus Braunschweig und der Region haben sich mit dem „neuen“ Raum des „alten“ Glaubens, der Botschaft der Reformation und Martin Luthers auseinandergesetzt. Und zwar mit Hilfe des Schlüssels der Kalligraphie, der Kunst des „Schönschreibens“ mit eigener Hand und persönlicher Handschrift.

 

Die Ergebnisse ihrer künstlerischen Interpretation des Raumes der reformatorischen Botschaft für die heutige Zeit sind jetzt in der Gruppenausstellung  im Torhaus am Botanischen Garten, Humboldtstraße 1, 38106 Braunschweig zu sehen (bis 21. Mai ; Öffnungszeiten Montag bis Freitag 15 bis 18 Uhr, Sonntag 11 bis 16 Uhr). Zur Kalligraphie- Werkstatt gehören Jochen Schellbach, Ulrike Busch-Hecke, Marie-Luise Schulz, Lilli Bosse, Astrid Schlüting, Gudrun Schwarz, Jochen Zerbst, Lucia Montiel, Kornelia Baier, Ingrid Brenner, Annette Ratayczak; die Leitung hat Torsten Kolle.

Marie- Luise Schulz (l.), bekannte Künstlerin und Kalligrafin aus Braunschweig, zeigt ihre Werke „Luther Sprüche“, „Spruchbilder“ und „Am Anfang war das Wort“. Sie machen deutlich, dass der Schlüssel der Kalligrafie Menschen den historischen Raum des Glaubens erschließen kann, der im ganzen heutigen Haus des Lebens mit seinen Licht- und Schattenseiten und verschiedenen Räumen eine (er-)leuchtende Kraft anbietet.

 

Burkhard Budde  

 


Der alte Mann und seine große Liebe

 

Bei so viel Sehnsucht, kann sie sich nur freuen. Lächelnd streichelt die Sonne die Seele vieler Menschen. Ihre Strahlen scheinen selbst bei sonst verkopften und zugeknöpften Mitmenschen Frühlingsgefühle zu wecken. Viele verlassen die eigenen vier Wände und machen sich auf den Weg in ihren verdienten Frühling.

Frische Frühlingsluft kann auch neue Schmetterlingsgefühle bewirken. Händchenhaltend und irgendwie glücklich wirkend bummeln Paare im fortgeschrittenen Alter durch die Bummelallee in Bad Harzburg, dem Tor zum Oberharz. Jugendliche schnattern liebevoll um die Wette und tauschen Geiles und Kleines, aber Feines aus. Ein junges Pärchen verspürt wohl ein Kribbeln im Bauch so sehr, dass die Leidenschaft keinen Aufschub duldet und ein stürmischer Kuss die süße Folge ist. Auch der Mann mit Hut und seinem Rollator wirkt wie aufgetaut und genießt offenbar das Treiben ohne große Hektik und ohne großen Stress; er ist mittendrin, und schiebt seinen treuen Weggefährten vor sich her, ein wenig tänzelnd Schritt für Schritt. Eine Frau mittleren Alters mit ihrer vollen Einkaufstüte verschnauft bei Gregor, einem Straßenmusikanten, der mit seiner Gitarre Lieder spielt, die an vergangene Zeiten, aber auch an die Freiheit und Menschlichkeit erinnern. Eine Person – ein „Smombie“, eine Mischung aus Smartphone und Zombie? -  blickt mit überglücklicher und geheimnisvoll bedeutsamer Mine auf seinen besten Freund und Lebensbegleiter, den er so anhimmelt, dass er weder nach rechts noch nach links blickt, sondern sich in dem bunten Strom der Passanten einfach treiben lässt.

 

Da taucht einer auf, der mir besonders auffällt. Ein vornehm gekleideter älterer Herr, vielleicht 75 bis 80 Jahre alt, der ein gerahmtes Bild unter dem Arm trägt, etwa 30 X 30 cm groß. Er scheint etwas zu suchen, blickt blitzschnell hin und her. Als sich unsere Augen zufällig begegnen, frage ich mich, ob wir uns kennen, und bleibe stehen. Vielleicht ist er ja ein Bekannter?! Ohne zu zögern geht er auf mich zu, begrüßt mich herzlich, als wenn wir uns schon lange kennen und er auf diese Begegnung insgeheim gewartet hätte. Und dann erzählt er mit funkelnden Augen seine Geschichte. Er macht mit seiner Frau an ihrem Geburtstag einen Ausflug von Hannover, wo er wohnt, nach Bad Harzburg, wo früher Verwandte lebten. Er zeigt seiner Frau die alten Spuren aus der Vergangenheit und spricht mit ihr darüber. Erstaunt suche ich vergeblich eine Begleitperson. Der alte Herr mit seinem weichen und gütigen Gesicht versteht mich nicht. Und dann versteht er mich doch. Er zeigt mir zurückhaltend, aber mit vollem Ernst das gerahmte Bild, das er vorsichtig, ja liebevoll mit sich trägt: Eine Aufnahme seiner Frau, die mich auf dem Bild anschaut, als wenn sie gegenwärtig wär. Und für den Mann gibt es da keine Zweifel. Sie antwortet ihm auch, so sagt er sicher, auch wenn sie gestorben ist, kurz nachdem beide eine neue Wohnung in Hannover bezogen haben. Und diese Wohnung könne er nicht verlassen, auch wenn sein Sohn gerne möchte, dass er zu ihm ziehe. Er möchte bei seiner Frau bleiben. Und heute mit ihr an ihrem Ehrentag diesen schönen Frühlingstag genießen.

 

Ich höre ihm weiter zu. Plötzlich greift er in seine Tasche nach seiner Geldbörse. „Was haben Sie denn jetzt vor“, frage ich verunsichert. „Also geben Sie mir nur kein Geld“, füge ich noch hilflos hinzu.  „Natürlich nicht“, antwortet er wieder gütig, „Sie bekommen aber meine Visitenkarte, damit Sie mich und meine Frau nicht vergessen.“

 

Und das kann ich wirklich nicht, diesen Mann und seine große Liebe vergessen.

Ich spüre Dankbarkeit für diese Begegnung als eine Träne über meine Wange läuft. Und als ein Sonnenstrahl sie trocknet.